16. Konflikte


Mit Rechtfertigungen machen sich die Konfliktpartner erst recht fertig." – Michael Marie Jung


In seinem sterblichen Leben war Sirius natürlich schon in die eine oder andere Schlägerei geraten (okay, das war eine Untertreibung, er war durchaus öfter in Schlägereien geraten), doch seit er gestorben war, hatte es ihm an den Gelegenheit dazu gefehlt. Als sie ihn eingesperrt hatten, war ihm sofort klar gewesen, dass es sinnlos wäre sich gegen diese übergroßen Gorillas zu wehren, und bei seiner wenig erfolgreichen Geiselnahme hatte er sein Opfer überrascht und überwältig gehabt, bevor sich dieses hatte verteidigen können. Und diese Alterationen hatte sich im Jenseits abgespielt, er hatte also keine Ahnung, ob er überhaupt dazu in der Lage wäre einen anderen Schutzengel hier auf der Erde zu verprügeln. Was ihn aber nicht davon abgehalten hatte es zu versuchen.

Das Erste, was er feststellte, war, dass er nicht hoch genug springen konnte um den schwebenden Schutzengel zu erreichen, dafür aber konnte er offenbar auf der Luft gehen, was nützlich war, da es ihm ermöglichte seinen Gegner mit ein paar schnellen Schritten zu erreichen und ihm ins Gesicht zu schlagen.

Sein unvermittelter Angriff überraschte den anderen Schutzengel offenbar, da dieser zurück zu wanken schien und wieder aus dem Raum der Wünsche flutschte. Er fiel durch die Wand, aus der er gerade gekommen war. Allerdings nur ein paar Sekunden lang, denn kurz darauf tauchte er wieder auf, kam durch die Wand wieder zurück hinein, befand sich immer noch genauso weit über den Boden wie zuvor, und brüllte Sirius wütend an: „Ja, spinnst du denn?! Was soll das werden?!"

Sirius ließ sich nicht dazu herab zu antworten, sondern packte den anderen Schutzengel und versuchte sich mit ihm in den Jenseitigen Garten zu wuschen. Nur, dass das natürlich nicht funktionierte - was auch immer notwendig war um jemand anderen gegen seinen Willen von der Erde wegzutransportieren, er war dazu nicht in der Lage, und war von Damien Abrams und Morgan Star nicht darüber aufgeklärt worden welchen geheimen Knopf auf ihren Schreibtischen man dazu drücken musste (nicht, dass ihm dieses Wissen im Moment geholfen hätte, immerhin saß er nicht an ihren Schreibtischen, sondern war hier auf der Erde!). Also schlug er den anderen Schutzengel noch einmal durch die Wand und folgte ihm dann nach draußen, und sprang ihn an und rang ihn zu Boden. Na ja, sozusagen - sie kämpften immer noch einen halben Meter über den Boden miteinander, aber es gelang ihn den anderen Schutzengel aufs Kreuz zu legen, nur dass dieser auf der Luft liegen blieb anstatt am Boden.

„Was soll das?!", beschwerte sich der andere Schutzengel.

Sirius hatte keine Lust ihn diese Frage zu beantworten. Stattdessen probierte er mit seinen linken Fuß aus, ob er den Raum der Wünsche immer noch betreten konnte. Er streckte seinen Fuß der Wand entgegen und durch diese hindurch … und stellte dankbar fest, dass sein Fuß auf ein Hindernis zu treffen schien, er konnte die Wand nicht mehr durchdringen!

Na endlich! Offenbar hatte der Longbottom-Junge endlich den Zauber, der Schutzengel davon abhielt einen Ort zu betreten, auf den Raum der Wünsche gelegt. Soweit so gut. Doch Sirius hatte immer noch das schutzengelgroße Problem unter sich liegen, das wissen wollte was eigentlich los war.

„Ein bedauerliches Missverständnis, mehr nicht", meinte Sirius, ließ von seinem Gegner ab, und wuschte sich dann davon, zurück in den Jenseitigen Garten.

Um zu verhindern, dass sein Leben in Freiheit damit schon wieder vorbei war, hielt er sich dort gar nicht erst lange auf, sondern rannte so schnell er konnte auf den Schleier zur Erde zu, stieß dabei ein paar andere verwirrte Schutzengel zur Seite, und stürmte dann durch den Schleier, bevor ihn irgendjemand aufhalten konnte, und materialisierte sich dann wieder neben seinem Schützling in Hogwarts.

Severus war wie immer in seinem Büro. „Und?", wollte er sofort wissen, kaum, dass Sirius angekommen war.

„Es ist erledigt", erklärte Sirius, „Der Raum ist jetzt schutzengelsicher, und der Spion wurde von mir davon abgehalten zu viel von dem, was sich darin befindet, zu sehen."

Severus nickte zufrieden. „Gut", meinte er nur.

„Gut? Könntest du noch weniger enthusiastisch sein? Ich habe gerade heldenhaft den Tag gerettet, dabei riskiert geschnappt zu werden, und bin trotzdem irgendwie wieder sicher bei dir angekommen!", betonte Sirius eingeschnappt, „Das ist nicht nur gut, es war eine beeindruckende Leistung!"

Severus verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich habe dieses krankhafte Bedürfnis für seine eigenen Leistungen gelobt zu werden noch nie verstanden", behauptete er, „Hauptsache man hat erledigt, was man erledigen wollte. Nur darauf kommt es an."

Sirius schnaubte frustriert. „Wie auch immer, die werden jetzt wissen, dass ich wieder hier Unten bin und Ärger mache", meinte er, „Wir müssen sehr vorsichtig sein. Sie sollten mich wegen der ausgetauschten Signatur nicht von Oben zurück dorthin wuschen können, aber wenn ich auf andere Schutzengel hier Unten treffen, dann sind sie vielleicht dazu in der Lage mich zu erwischen. Wir müssen also gut aufpassen."

Severus nickte nur wieder. Er schien in Gedanken versunken zu sein. „Als du weg warst, war ich gezwungen einen Pakt mit Fenrir Greyback zu schließen", sagte er dann plötzlich.

„Wie bitte?!" Sirius dachte schon sich verhört zu haben.

„Er hat eine eigene … Abmachung mit den Schutzengeln, die den Dunklen Lord ausschließt. Wenn wir deine Leute darauf hinweisen, dass wir mit ihm arbeiten, dann schützt dich das vielleicht vor Verfolgungen", fuhr der Zauberer fort.

Sirius traute seinen Ohren nicht. „Ich bin fünf Minuten weg, und du schließt einen Pakt mit Greyback?! Wie konntest du das tun nach allem, was er Remus angetan hat?! Und so vielen anderen Kindern?!", empörte er sich.

„Genau wegen deinem Werwolf musste ich das doch tun. Es war der einzige Weg ihn zu retten. Neben mir war Greyback der Einzige, der Interesse daran hatte sein Leben zu retten. Und ich habe ihn gebraucht, da Leland und die Carrows jeden meiner Schritte überwacht haben, seine aber nicht", informierte ihn Severus kühl.

„Er hat dir dabei geholfen Remus zu retten? Das heißt Remus ist am Leben und frei? Geht es ihm gut?" Mit einem Schlag war alles andere unwichtig.

Bisher hatte es vermieden an Remus zu denken. Er hatte sich darauf konzentriert auszubrechen und einen Weg zurück zur Erde zu finden, und es sich daher nicht leisten können an Remus' Schicksal zu denken. Und als er wieder zur Erde zurückgekehrt war, hatte er angenommen, dass Severus es ihm gleich gesagt hätte, wenn Remus tot wäre, aber tief in seinem Inneren befürchtet, dass er vielleicht immer noch irgendwo gefangen gehalten wurde und Severus ihn während seiner Abwesenheit nicht befreien hatte können. Und da er gleich nach seiner Ankunft für eine wichtige Mission eingespannt worden war, hatte er es sich wieder nicht leisten können über das Schicksal seines Liebhabers nachzugrübeln. Doch nun kam alles, was damit zusammenhing, wieder hoch und brach aus ihm heraus. Remus, den die Todesesser hatten foltern wollen. Offenbar war er nicht mehr hier in Hogwarts.

Severus zögerte einen Moment lang, bevor er antwortete. „Wir haben ihn befreit, und er wurde an einen sicheren Ort geschafft. Mehr weiß ich auch nicht", gab er zu.

„Aber du hast ihn gerettet", stellte Sirius fest. Greyback hin oder her, nur darauf kam es an. „Ich danke dir."

Severus warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ich wusste, dass er dir wichtig war – und dass du von mir erwartest ihn zu befreien, immerhin hast du das klar gemacht, bevor du verschwunden bist - also habe ich versucht zu tun, was ich kann", murmelte er.

„Das ist …" Sirius suchte nach den richtigen Worten.

„Immerhin war ich dir was schuldig", fügte Severus hinzu, „Du hast mich aus meinen Alpträumen gerettet."

Sirius musterte ihn nachdenklich. „Oh ja, klar, du hast es nur getan, weil du mir was schuldig warst, und nicht etwa weil du mich vor Leid bewahren wollest, oder jemand anderen, den du kennst, retten wolltest, oder einfach weil es das Richtige war", meinte er dann voller Sarkasmus.

Severus verweigerte ihm eine Antwort auf diese Aussage.

„Hör mal, es ist okay, ich bin es nur. Du musst nicht den harten gefühllosen Oberspion spielen. Ich kenne dich, schon vergessen? Und moralische Entwicklung geschieht nicht über Nacht - keiner verlangt von dir das Richtige aus den einzig richtigen Gründen zu tun. Erstens gibt es keine einzig richtigen Gründe, und zweitens ist es vor allem wichtig, dass das du das Richtige überhaupt getan hast. Ich bin stolz auf dich. Fragwürdige Allianzen hin oder her", fuhr Sirius fort. Und am Rest arbeiten wir noch.

Genau in diesem Moment kam Leland Lermark in Severus' Büro herein geschritten. Sirius erstarrte erschrocken, doch Lermark schien nicht nach ihm Ausschau zu halten. Sein Blick verirrte sich nicht in seine Richtung, und wenn doch, dann sah er ihn nicht.

Severus wirkte ebenfalls angespannt, doch Sirius nahm an, dass Lermark sich angesichts der jüngsten Vorkommnisse nicht sonderlich darüber wundern würde. „Der verborgene Raum ist schutzengelsicher, wie es scheint", knurrte Lermark, „Aber wir müssen uns mit den Problem unter deiner Schulleitung ein anderes Mal auseinandersetzten. Der Dunkle Lord verlangt uns zu sehen. Nur diejenigen von uns, die eingeweiht sind, meine ich." Er wirkte über diese Ankündigung nicht gerade glücklich.

Severus erhob sich. „Dann sollten wir aufbrechen", meinte er, vielleicht ein wenig zu schnell, „Und während wir unterwegs sind, kannst du mir ja berichten, was genau mit deinem Schutzengel vorgefallen ist."

„Es war nicht mein Schutzengel. Es war ein Schutzengel, den sie entbehren konnten. Und ich sagte es dir doch schon: Er konnte nicht in den Raum gelangen", erwiderte Lermark etwas irritiert. Offenbar hielt er das Thema nicht für besonders wichtig. Das wiederum deutete darauf hin, dass er nicht über Sirius' Einmischung informiert worden war. Interessant. Ich frage mich warum.

Severus warf Sirius einen kurzen vielsagenden Blick zu und folgte Lermark dann hinaus aus seinem Büro um sich davon zu apparieren. Sirius ließ ihnen einen gewissen Vorsprung. Wenn er sie wieder einholen wollte, dann müsste er wieder durch den Jenseitigen Garten gehen, und vielleicht würde er dieses Mal nicht so viel Glück dabei haben ihn zu durchqueren. Aber wie sonst soll ich zu diesem Treffen kommen? Das Treffen, auf dem ihn Jack und seine Kohorten erwarten würden. Verdammt, heißt das, ich soll es einfach aussitzen?

Selbst wenn er wüsste wo es stattfinden würde … würde er so oder so zu lange brauchen um hinzugelangen, wenn er nicht das Risiko, den Weg Oben herum zu nehmen, eingehen wollte. Ohne entsprechenden Portschlüssel, der für ihn als Schutzengel sowieso nicht in Frage käme, würd er ewig brauchen.. Es sei denn, das Treffen würde im Ministerium stattfinden, aber selbst wenn dem so wäre ….

Sirius' Blick fiel auf den Kamin. Aber ich habe keine Magie mehr, oder? Flohpulver fällt für mich genauso aus. Oder? Und es würde schon Gründe dafür geben, dass Severus und Lermark eben nicht den Kamin genommen hatten. Und selbst wenn, wie gesagt Jack und die anderen wären dort. Vermutlich zumindest. Aber was wenn sie es nicht wären? Sie rechnen sicherlich nicht damit, dass ich auch dorthin komme. Aber das Risiko, dass sie ihn sehen würden, war leider einfach viel zu groß.

Verdammt, ich wünschte wirklich ich könnte zu dieser Versammlung…

Zumindest ging es Remus gut; er war frei und am Leben. Das war ihm jetzt endlich bestätigt worden. Damit war seine dringendste Sorge erledigt. Und Severus schien in keiner direkten Gefahr zu schweben und hatte Remus für ihn gerettet. Auch das war gut. Ja, da war diese Sache mit der Allianz mit Greyback, aber er musste erst einmal abwarten wozu das noch führen würde. Und ansonsten…

… nun ansonsten könnten die Dinge schlimmer stehen. Es war nur eine einzige Versammlung, die er nicht besuchen konnte. Auf dieser würde schon nichts Weltbewegendes passieren.


A/N: Damit irrt er sich natürlich.

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