17. Ankündigungen


Verrat trennt alle Bande." – Friedrich von Schiller, „Wallensteins Tod"


Severus begann misstrauisch zu werden, als ihm klar wurde, dass der Dunkle Lord seine auserwählten Anhänger wieder einmal irgendwo im Nirgendwo versammelte. Das musste etwas zu bedeuten haben, das wusste er, und wie er Lord Voldemort kannte nichts Gutes.

Wieder waren nur diejenigen Todesesser anwesend, die einen Schutzengel besaßen. Severus entdeckte Greyback unter den Versammelten, der ihm zunickte als wären sie mehr als nur flüchtige Bekannte, doch zum Glück achtete niemand darauf. Stattdessen schenkten alle ihrem Meister ihre Aufmerksamkeit, der sich von einem kleinen Hügel aus an sie alle wandte. Seine Schlange Nagini hatte sich hinter ihm aufgebaut, und ihre bösen Augen schienen alle Anwesenden genau zu durchleuchten. Severus war noch nie ein besonders großer Freund dieser speziellen Schlange gewesen, doch seit Dumbledores Tod wurde sie ihm zunehmend unheimlicher, und es wäre ihm lieber gewesen, wenn er sie nicht sehen müsste.

Doch Nagini war offensichtlich nicht der Grund dafür, dass sie hier versammelt worden waren. „Meine Brüder und Schwestern, es ist soweit", erklärte ihnen Lord Voldemort, „Ich habe euch alle hier versammelt, damit wir endlich den Zauber durchführen können, der unseren neusten Verbündeten, den Schutzengeln, ermöglichen wird ihr altes Leben hinter zu lassen und ein neues zu beginnen. Es hat viel Vorbereitung gebraucht, doch nun weiß ich, dass ich durch eure Hilfe dazu in der Lage bin, endlich den Zauber zu sprechen, der alles verändern wird…."

Severus sah sich nach Schutzengeln um, doch er konnte keine erkennen, die er erkennen würde. Alles in allem genommen war er ein wenig verwirrt. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Dunkle Lord die Schutzengel tatsächlich freisetzen würde, und das auch noch vor dem Ende des Krieges. Widersprach es nicht all seinen Zielen seinen Verbündeten den Hauptgrund dafür ihm zu helfen wegzunehmen?

Er konnte sehen, dass auch Greyback misstrauisch wirkte. Ihn schien diese Ankündigung des Dunklen Lords genauso zu überraschen wie Severus. Es sei denn natürlich, hier geht es um ganz etwas anderes. Warum zum Beispiel brauchte Lord Voldemort alle Todesesser, die einen persönlichen Schutzengel besaßen, für seinen Zauber? Wegen ihrer Verbindung zu diesen Schutzengeln vermutlich. Aber das bedeutete, dass was auch immer sein Zauber bewirken würde, es nur die Schutzengel betreffen würde, deren Schützlinge hier waren, und nicht alle Schutzengel. Ich verstehe. Das hier ist also eine Kostprobe seines Könnens, er beweist, dass er dazu in der Lage ist zu tun, was er versprochen hat. Doch anstatt alle zu befreien, befreit er nur ausgewählte Individuen und zwingt die anderen so dazu weiterhin für ihn zu arbeiten, wenn sie ebenfalls befreit werden wollen. Das war schlau, würde seinen neuen Verbündeten allerdings gar nicht gefallen.

„Haltet nun eure Zauberstäbe bereit", befahl der Dunkle Lord, „Und…."

„Einen Moment, bitte!" Jemand war aus dem Nichts neben Lord Voldemort erschienen. Severus nahm an, dass es sich um einen Schutzengel handelte, und er sah, dass Greybacks Schutzengel plötzlich ebenfalls neben diesem zu stehen schien. Was wird das jetzt? Was immer sich der Dunklen Lord von dem hier erhofft hatte, es würde in eine andere Richtung gehen als er erwartet hatte.

Tatsächlich wandte sich Lord Voldemort erstaunt an den Mann, der neben ihm aufgetaucht war. „Was kann ich für euch tun? Ich dachte, wir waren uns einig, dass das hier das ist, was ihr wollt?", wollte er scheinbar arglos wissen.

Der Mann neben ihm schnaubte abfällig. „Wir sind nicht so dumm, wie Ihr vielleicht denkt, Mylord Voldermort", behauptete er, „Unsere Abmachung hat besagt, dass Ihr einen Zauber sprecht, der uns alle befreien soll. Und das ist nicht der Zauber, den ihr jetzt vorhabt zu wirken. Nein, eindeutig nicht."

Der Dunkle Lord mimte nach wie vor den Unschuldigen. „Wir waren uns einig, dass es keinen derartigen Zauber gibt und ich erst einen finden muss. Aber mit dem hier kann ich zumindest einen Teil von euch …."

„Versklaven!", unterbrach ihn der Mann neben sich, „Ihr wollt uns betrügen, das wissen wir genau! Anstatt uns zu befreien, soll dieser Zauber uns erst recht versklaven! Wir verstehen auch ein wenig von Magie und haben durchschaut, was Ihr plant! Bisher war es unsere freie Entscheidung Euch zu folgen, doch nun wollt Ihr magisch sicher stellen, dass wir Euch auf jeden Fall folgen!"

Ein Raunen ging durch die Menge. Severus war ebenfalls überrascht. Nicht, dass er dem Dunklen Lord eine derartige Tat nicht zutrauen würde, aber damit hätte er nun trotzdem nicht gerechnet. Natürlich wäre das auch eine erfolgsversprechende Methode der Erpressung. Dadurch, dass er einen Teil ihres Volkes versklavte, würde er den Rest zur Kooperation zwingen, entweder dadurch, dass er ihnen damit ein ähnliches Schicksal androhte oder damit, dass er ihnen versprach die Versklavten wieder freizulassen, wenn sie das taten, was er von ihnen verlangte. Trotzdem wäre es aber auch ein wagemutiger Zug, da der gewünschte Effekt natürlich auch nach Hinten losgehen könnte, und die nicht-versklavten Schutzengel gegen ihn aufbringen könnte. Aber selbst dann hätte er immer noch die Versklavten auf seiner Seite.

„Wie kommt ihr auf diese Idee?", wollte der Dunkle Lord wissen, „Warum sollte ich euch in den Rücken fallen? Das klingt für mich mehr nach einer paranoiden Wahnvorstellung als nach irgendetwas anderen."

„Und doch ist es wahr", behauptete der Mann neben Lord Voldemort, „Wir haben Beweise. Unsere wahren Verbündeten haben uns über Eure Absichten informiert."

Auf diese Aussage hin schienen alle anwesenden Todesesser den Atem anzuhalten. Gerade war enthüllt worden, dass irgendjemand hier den Dunklen Lord an die Schutzengel verraten hatte, und das würde diesen Personen nicht gut bekommen.

Severus warf einen kurzen Blick in Greybacks Richtung. Der ließ sich zwar nichts anmerken, aber da Severus wusste, dass er einen eigenen Deal mit den Schutzengeln hatte, musste diese Information einfach von ihm stammen. Aber woher sollte ausgerechnet Greyback wissen an welchem Zauber der Dunkle Lord gearbeitet hatte? Hat er das alles nur erfunden um einen Konflikt heraufzubeschwören? Um zu verhindern, dass ein Teil der Schutzengel jetzt schon freigesetzt wird?

Oder hatten die Schutzengel noch andere Pakte geschlossen? Hatten die noch mehr Verbündete hier? Oder war alles wahr, und Greybacks Schutzengel hatte irgendwie den entsprechenden Zauber gesehen und Lupin hatte seine Wirkung richtig als das Gegenteil von dem, was Lord Voldemort versprochen hatte, identifiziert? Immerhin sollte man ein Informationsnetzwerk, das aus unsichtbaren Wesen, die durch Wände gehen konnten,bestand, nicht unterschätzen.

Was auch immer der Fall war, der Schaden war angerichtet. Die Worte waren ausgesprochen worden. Das vermutlich sowieso nie besonders starke Band zwischen dem Dunklen Lord und den Schutzengeln war zerbrochen.

„Eure wahren Verbündeten, ja?", wiederholte der Dunkle Lord in seinem gefährlichsten Tonfall, „Mir war immer klar, dass man euch nicht trauen kann. Jemand, der keine Loyalität kennt, ist nicht vertrauenswürdig."

„Oh, wir kennen Loyalität. Nur gilt sie unser eigenen Art", betonte der Schutzengel neben ihm, „Und um die zu beschützen sind wir bereit alles zu tun, was notwendig ist." Und dann schien er den Dunklen Lord irgendwie anzugreifen.

Es war schwer zu sehen was geschah, doch irgendetwas geschah - ein helles Licht schien sich von seiner Hand zu lösen und auf den Dunklen Lord zuzuströmen. Nagini schoss vor und wollte den Angreifer beißen, doch sie fiel direkt durch diesen hindurch, und ihr Kopf landete unsanft am Boden. Einige andere Todesesser, inklusive Leland, schossen Zauber auf den Schutzengel los, doch diese machten ihm natürlich auch nichts aus.

Damit brach endgültig Chaos aus. Zauber schossen durch die Luft ohne viel zu bringen. Todesesser schrien auf, manche davon, weil sich neben ihnen auf einmal ihre Schutzengel materialisierten. Und Greyback, Greyback lachte nur noch amüsiert.

Severus war sich nicht sicher was er tun sollte, auf welche Seite er sich schlagen sollte. Im Grunde waren die Schutzengel seine Verbündeten, nicht wahr? Doch er war sich nicht sicher, ob ihnen zu trauen war. Sie hatten sich mit Lord Voldemort verbündet, nur um zu bekommen, was sie wollten, und sich dann hinter seinem Rücken mit Greyback und den Seinen verbündet, und Severus war sich ziemlich sicher, dass sie die Werwölfe genauso schnell verraten würden wie den Dunklen Lord, sobald ihnen das gelegen kommen würde. Aber trotzdem stellten sie das kleinere Übel dar, oder nicht?

Ich wünschte Sirius wäre jetzt hier….

Im nächsten Moment tauchte der Erbe der Blacks neben ihm auf. „Was?", wunderte sich dieser und blickte sich dann verwirrt um. „Was treibt Jack denn da?!", rief er dann aus und deutete auf den Schutzengel dessen Energieschlangen irgendwie auf Lord Voldemort überzugehen schienen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber … rette Voldemort! Was immer er da mit ihm tut, es kann nichts Gutes sein!"

Severus hätte es wirklich vorgezogen einfach nur weiterhin zuzusehen, aber er nahm an, dass Sirius in Sachen Schutzengel der Experte hier war. „Accio!"

Keiner der anderen Todesesser war auf diese Idee gekommen, was ihr Pech war, weil es funktionierte. Der Dunkle Lord wurde von den Beinen gezogen und schwebte ziemlich schnell, über die anderen Todesesser hinweg, direkt auf Severus zu und entkam so der Energie, die ihn umschlungen gehabt hatte. Er wirkte verwirrt und betäubt, war aber ansonsten scheinbar unverletzt.

Der Schutzengel, der ihn angegriffen hatte, funkelte sie alle wütend an. „Das hätte ich mir ja gleich denken können!", schimpfte er, „Wieso mischt du dich schon wieder ein, Sirius Black? Ist das nicht das, was du wolltest?!"

„Was hast du mit ihm gemacht, und wie bist du überhaupt dazu in der Lage Sterbliche anzugreifen?!", schleuderte Sirius zurück, „Wir sind Beobachter der Welt der Sterblichen, kein Teil mehr von ihr! Das habt ihr immer gepredigt! Und das da … das hat mir verdächtig nach einem Teil davon zu sein ausgesehen!"

Der Schutzengel, der scheinbar Jack hieß, lachte höhnisch. „Das war die fehlgeleitete Politik der Weichlinge, die unsereins zur Grunde gerichtet haben. Niemals meine Politik! Wir sind mächtiger als die Sterblichen es jemals sein werden. Und trotzdem dürfen sie leben, während wir nur dabei zusehen sollen? Oh nein, wir sind diejenigen, die genau die Art von Leben geführt haben, das uns eine zweite Chance eingebracht hat. Eine zweite Chance, aber was haben die daraus gemacht? Dienst für Andere! Damit es jetzt Schluss!" Er deutete auf Lord Voldemort. „Seine Aufgabe ist es uns zu befreien, und wenn er das nicht freiwillig tut, dann müssen wir ihn eben dazu zwingen! Er wollte uns versklaven und kontrollieren, es ist nur gerecht, dass wir ihm das Gleiche antun! Sein Körper, aber unser Wille!"

„Das ist … mit Sicherheit der Weg, der direkt an den Anderen Ort führt!", gab Sirius zurück.

„Nicht, wenn wir frei sind. Denn dann können wir dort nicht mehr hingeschickt werden", lautete die Antwort, „Lass ihn einmal in seinem Leben etwas tun, das nicht nur ihm selbst dient, lass ihn einmal im Leben etwas Gutes tun! Wenn er uns befreit, dann…"

„… dann können du und deine Freunde endlich die Sterblichen unterwerfen und die Welt der Lebenden zurückerobern?", vermutete Sirius, „Ich meine, genau darum geht es dir doch, oder? Du willst nicht nur, dass wir frei sind, du willst, dass wir die Welt für uns erobern."

„Wir wurden dazu ausgebildet, Sirius, Darauf vorbereitet. Haben es geplant, bis ins kleinste Detail. Und dann wurde von einem Tag auf den anderen die Führungsspitze ausgetauscht und der Plan wurde fallengelassen! Statt die Welt zu retten, wurden wir dazu verdammt die Seelen von Sterblichen zu retten! Was bringt es Seelen zu retten, wenn man die dazugehörigen Leben nicht retten kann?!", entgegnete Jack, „Sie haben gedacht, dass sich die Sterblichen endlich ändern würden, dass sie endlich damit aufhören würden ihr Leben zu verschwenden, indem sie nur an sich selbst denken. Aber was ist dabei heraus gekommen? Mehr Kriege, mehr Hass, mehr Leid. Das zwanzigste Jahrhundert war das brutalste der Menschheitsgeschichte. Anstatt nach Wegen zu suchen Leben zu retten, haben sie unzählige grausame Wege gefunden Leben zu nehmen. Giftgas, Atombomben! Sie kennen ihre Vergangenheit, aber sie weigern sich daraus zu lernen! Deswegen haben sie diese Welt nicht verdient. Wir aber haben sie verdient. Also werden wir sie uns holen, und die Sterblichen auf den richtigen Pfad führen. Dafür sorgen, dass Leute wie er" Er deutete auf Lord Voldemort. „endlich damit aufhören Schaden anzurichten."

„Das ist genau das, was Grindelwald über die Muggel gesagt hat", erwiderte Sirius, „Und trotzdem sitzt er jetzt in lebenslänglicher Haft, weil es niemanden zusteht das Leben anderer für sie zu führen. Uns schon gar nicht uns. Wir hatten unsere Chance, Jack. Das Leben der Sterblichen gehört nur ihnen, nicht uns."

Jacks Augen blitzten auf. „Ach, denkst du das, ja?", spottete er. Und dann waren sie auf einmal von lauter aus dem Nichts auftauchenden Schutzengeln umringt. „Wir werden ja sehen…"


A/N: Nun, das ist schnell schief gegangen, nicht wahr?

Reviews?