20. Was wir brauchen
„Das Gute siegt, aber das Böse belegt alle Plätze dahinter." - Klages' Tages-Spruch Kalender 2008
Nach einiger Zeit der schier endlosen Spannung, während der die Stimmen ausgezählt wurden (Sirius hatte sich ja erhofft, dass die Wahl schnell und offen stattfinden würde, und jeder einfach laut „Aye" rufen würde, wenn die Version des Vorstandes, die er oder sie bevorzugte, genannt wurde, doch natürlich musste alles bürokratisch und genau vor sich gehen, auf eine Art und Weise, auf die keine Stimme verloren gehen konnte, also gab es Wahlurnen und Stimmzettel. Und ja vermutlich wären sie wirklich zu viele gewesen um auf die von ihm bevorzugte Art zu wählen), war es dann endlich soweit -, sie erfuhren das Endergebnis.
„Und hiermit verkünden wir das Wahlergebnis", erklärte eine dieser Jenseitigen Bürokratinnen – es hatten sich erstaunlich schnell freiwillige Kandidaten für die Organisation dieser Wahl gefunden - und räusperte sich. Alle Jenseitigen hatten sich im Jenseitigen Garten um eine Art Tribüne herum versammelt, die aufgebaut worden war, und auf der die Bürokratin nun stand. Regulus stand neben Sirius und warf seinem Bruder einen schnellen Blick zu. Sirius nickte ihn aufmunternd zu, auch wenn seine Gefühle in Wahrheit ganz anders aussahen. Was, wenn wir wirklich verloren haben? Oder was, wenn wir gewonnen haben, aber Jack und seine Kohorten diesen Sieg nicht anerkennen? Jeder war solange für Demokratie, solange dadurch die Chance bestand, zu bekommen, was man wollte. Aber wenn man stattdessen etwas anderes bekam, nun dann waren die Flitterwochen schnell vorbei.
„Mit einer klaren Mehrheit von 68% Prozent - abzüglich der ungültigen Stimmen, die Schimpfworte oder unsinnige Forderungen nach Gotte, Buddha, oder dem Teufel auf ihre Stimmzettel geschrieben haben - haben sich die Jenseitigen dafür entschieden, dass sie von nun an von dem neuen Vorstand angeleitet werden wollen und nicht mehr vom aktuellen Vorstand", verkündete die Bürokratien, „Ich wiederhole der Morgan Star/Damien Abrams-Vorstand hat den Sieg bei dieser Wahl davon getragen!"
Sirius konnte spüren wie ihm ein Stein vom Herzen fiel. Sie hatten tatsächlich gewonnen! Zumindest was diese Wahl anging.
Jack bahnte sich den Weg durch die Massen der Schutzengel hindurch, und die Bürokratin visierte ihn an. „Erkennt der gegenwärtige Vorstand das Ergebnis dieser Abstimmung an?", wollte sie von ihm wissen.
Alle sahen gespannt in Jacks Richtung. Bitte sag ja, und komm nicht auf die Idee eine Neuauszählung oder etwas Derartiges zu verlangen, dachte Sirius beschwörend.
Jack blickte sich einen Moment lang in der Runde um. Und las die Stimmung in dieser Ecke des Jenseits, wie es schien, denn er verkündete: „Ja, das tun wir. Natürlich tun wir das. Warum sollten wir das auch nicht tun? Ich meine, wir haben schon einmal tausende von Jahren gewartet bis alle sehen, was wir sehen, und das können wir wieder. Wir können warten, wir können auf den Tag warten, an dem euch klar wird, dass unser Weg der einzig Richtige ist. Egal wie lange es auch dauern mag."
Sirius konnte hören wie Regulus erleichtet aufatmete. Nora kämpfte sich zu ihnen durch. „Das war's! Wir haben wirklich gewonnen!", verkündete sie begeistert, „Und das beinahe vollkommen ohne Gewalt! Von jetzt an wird alles anders werden! Es wird besser werden, weil wir jetzt an der Macht sind, es wird so werden, wie es immer hätte sein sollen! Und das alles haben wir tatsächlich dir zu verdanken, Sirius. Du hast das Angesicht der Jenseitigen Dienste für immer verändert, Sirius Black, ist das zu fassen?!"
„Und dann wurde beschlossen, dass wir alle so weitermachen sollen wie vor der Machtübernahme von Jack, weil dieses System ja Jahre lang funktioniert hat und es keinen Grund dafür gibt es zu ändern. Wir sind also alle wieder die unsichtbaren Begleiter unserer Schützlinge, zumindest offiziell unsichtbar, weil man ja das Rad der Zeit nicht zurückdrehen kann, aber die aktiven Schutzengel der diversen Todesesser wurden teilweise anderen Schützlingen zugeteilt, zumindest die neueren Zuteilungen, die Jack selbst vorgenommen hat. Greybacks Schutzengel wurde beauftragt diesen schonend beizubringen, dass es keinen Pakt mehr mit niemanden gibt, aber er sich auch nicht mehr sorgen muss, dass wir diese Welt übernehmen und Voldemort dafür versklaven wollen. Und was den Dunklen Lord selbst angeht, von dem halten wir uns alle erst einmal so fern es geht. Unterdessen arbeiten die Oberen Etagen daran diese ganzen Anti-Schutzengel-Zauber von der Machart Aberforth zu neutralisieren, aber das kann noch eine Weile dauern, und solange sind wir alle angehalten worden uns nach Möglichkeit von Todesessern, Werwölfen, und Aberforth und Miss Cheswick fernzuhalten. Ja, das ist im Grunde die Quintessenz von allem." Sirius legte eine Kunstpause ein und blickte sich in Snapes Büro um. „Da du hier bist, nehme ich an, dass es keine große Schutzengel-Jagd oder derartiges gibt?"
Severus schnaubte. „Es gab eine. Und ein paar arme Seelen wurden dazu angehalten immer noch nach ihnen zu suchen", meinte er, „Wie Leland zum Beispiel. Irgendwie scheint der Dunkle Lord ihm die Schuld daran zu geben, dass seine Allianz mit den Schutzengeln derartig schief gegangen ist."
„Was dir natürlich gar nicht recht kommt", spottete Sirius.
„Ich beschwere mich nicht darüber, nein", räumte Severus ein, „Wie auch immer, die Suche nach Potter einerseits und das Fortschreiten der Eroberung der Welt andererseits haben immer noch Priorität, deswegen wurden die Ressourcen aufgeteilt, und Individuen wie ich, die einen wichtigen Job haben, wurden wieder dazu angehalten sich auf diesen zu konzentrieren. Also ist die Jagd nach Schutzengeln, Merlin sei Dank, nicht meine Aufgabe. Deswegen sehe ich auch keinen Grund dafür deine Anwesenheit hier zu melden."
„Sehr witzig. Ich hoffe, du siehst nicht nur deswegen keinen Grund dafür", erwiderte Sirius leicht eingeschnappt, „Auf jeden Fall liegt diese Episode endlich hinter uns. Zumindest scheint es so. Regie meinte, dass es Remus gut geht. Er ist … bei Tonks." Er suchte einen Moment nach den richtigen Worten. „Du hast ihn also wirklich gerettet."
Severus nickte nur und musterte Sirius einen Moment lang nachdenklich.
„Ein Baby mag Dinge verändern, aber Lupin hat auf mich nicht den Eindruck gemacht als hätte sich dadurch für ihn alles verändert, wenn du verstehst, was ich meine. Du bist immer noch der bestimmende Faktor in seinem Gefühlsleben", meinte der Zauberer dann unvermittelt.
Sirius blinzelte. „Hast du gerade … versucht mich aufzuheitern?", wunderte er sich dann überrascht.
„Nein", behauptete Severus sofort, „Ich hab nur … ich meine … Ich wollte nur verhindern, dass du nutzlos wirst, weil du dich deinem Liebeskummer hingibst und mich damit nervst, dass deine bessere Hälfte dich nicht mehr lieb hat. Das ist alles!"
Sirius konnte nicht anders, er musste einfach grinsen. „Ich verstehe", behauptete er, „Keine Sorge, ich werde niemanden verraten, dass du weich geworden bist. Aber nur um dich zu beruhigen: Ich sehe in dir ebenfalls einen Freund."
„Was heißt hier ebenfalls?!", empörte sich Severus sofort, doch Sirius fiel nicht darauf herein. Er lächelte nur. „Und als Freund würde ich, da du das Thema selbst angesprochen hast, dir gerne mitteilen, dass ich weiß, dass das Leben kurz ist, und man deswegen die Zeit, mit denen, die einem wichtig sind, voll ausschöpfen sollte, da man nie weiß wann sie vorbei ist. Und deswegen finde ich, dass du Miss Cheswick wirklich noch eine Chance geben solltest, Kidnapping hin oder her. Immerhin steht ihr letztlich auf derselben Seite, und sie mag dich, und du magst sie, und wie oft kommt das schon vor? Du solltest noch einmal mit ihr ausgehen", erklärte er.
Er erwartete die üblichen Proteste, doch stattdessen meinte Severus nur: „Wenn der Krieg vorbei ist."
„Wirklich?" Sirius war über diese Antwort nun doch mehr als nur ein wenig überrascht. Normalerweise ließ sich Severus Snape nicht so einfach überzeugen. „Moment mal, du sagst das aber nicht nur, weil du sowieso davon ausgehst, dass du diesen Krieg nicht überlebst, und mich deswegen damit einfach ruhigstellen kannst, oder?", wollte er misstrauisch wissen.
„Nein", behauptete sein Schützling, „Ich weiß nicht was noch passieren wird, und ob ich, wenn das alles vorbei ist, noch da sein werde. Aber wenn ich es bin, und Miss Cheswick es ebenfalls ist, dann würde ich gerne mit ihr ausgehen und sehen wo das hinführt. Ich … ich habe die einen Großteils meines Erwachsenenleben damit verbracht für andere zu leben, und jetzt finde ich, dass ich, wenn das alles endlich vorbei ist, vielleicht endlich einmal für mich selbst leben sollte."
„Das ist … gut. Ich meine, wirklich gut. Ich hätte nicht erwartet, dass du dich jemals zu dieser Erkenntnis durchringst", erwiderte Sirius immer noch überrascht, „Aber das heißt auch, dass du überleben willst, oder? Dass du nach dem Ende vom Krieg noch da sein möchtest um mit Miss Cheswick auszugehen und … weiterhin der Direktor von Hogwarts sein willst und dergleichen?"
„Ich will nachher noch da sein, ja", gab Severus zu, „Aber die Schule möchte ich nicht mehr leiten. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich weiterhin unterrichten möchte. Ich habe immer gerne mein Wissen weitergegeben, doch die meisten meiner Schüler haben das niemals zu schätzen gewusst. Und ich denke, dass ich meine Fähigkeiten vielleicht anders sinnvoll einsetzen könnte."
„So? Weißt du … damals als du Katie Bell untersucht hast, da ist mir aufgefallen wie sehr du in deinem Element warst. Wenn du eine alternative Karriere anstrebst, wie wäre es dann mit Fluchbrecher? Du könntest für St. Mungos arbeiten, oder als eigenständiger Berater arbeiten, oder beides auf einmal! Denk darüber nach, sobald dieser Krieg vorbei ist, wird es Massen an verfluchten Menschen und Objekten geben, daraus kannst du dir mit Sicherheit eine Karriere aufbauen", meinte Sirius eifrig, „Sag nicht gleich nein, sondern denk darüber nach, das würde zugleich Menschen helfen und dir eine Menge Geld einbringen."
Severus musterte ihn einen Moment lang. „Vielleicht ist es ja nur Einbildung, aber ich glaube eine Ratschlägen werden langsam aber sicher besser", merkte er dann an.
„Wirklich?" Sirius strahlte. Dann fügte er hinzu: „Nun, das hoffe ich, immerhin will ich besser in dieser Schutzengel-Sache werden. Ich will helfen, das will ich wirklich, und zuerst war das alles ja nicht so mein Fall, aber nach allem, was passiert ist, nach Jack und seinen Leuten, nach Voldemort … sehe ich ein, dass es eine ganz gute Sache sein kann das Leben von anderen nicht für sie zu führen, sondern ihnen stattdessen dabei zu helfen das Beste aus ihrem eigenen zu machen."
Severus nickte. „Vielleicht kannst du ja eine Karriere daraus machen", schlug er vor.
Sirius starrte ihn an. „Ich glaub's nicht! Severus Snape hat einen echten Witz gemacht, der mehr war als nur boshafte Ironie", stellte er fest, „Entweder es liegt an meinem guten Einfluss, oder es geschehen doch noch Wunder. Wenn ich mich richtig reinhänge, dann gelingt es mir vielleicht doch noch einen Rumtreiber aus dir zu machen!"
Severus schauderte. „Das wird niemals passieren", behauptete er fest.
Sirius' Augen blitzten auf. „Sei dir da mal nicht so sicher, ich habe mich noch vor keiner Herausforderung gedrückt, und die meisten von ihnen habe ich auch gemeistert…."
Vielleicht, so dachte er, war der Schutzengel von Severus Snape zu werden letztlich ja doch genau das gewesen, was er gebraucht hatte - was sie beide gebraucht hatten.
A/N: Und hiermit hätten wir den natürlichen Endpunkt dieser Fic erreicht. Es wird allerdings noch einen Epilog geben, der diese Fic beschließt.
Ich wollte immer, dass diese Fic so endet, vom ersten Moment an, als ich die Idee dafür hatte. Doch dann ist Band 7 erschienen, der mich vor ein Problem gestellt hat, vor dem ich immer noch stehe: Dem bösen Canon-Ende.
Mehr zu dieser Thematik in den letzten Anmerkungen nach dem Epilog.
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