A/N: Danke ;)
Coming Out - Part 8
Überraschungen - Abschnitt 1
Freiheit.
Nachdem Jenny und ich aus dem Haus geflohen waren, ich frische Luft atmete und wir uns zu Fuß auf den knapp fünfzehn minütigen Weg zu Hottes Haus machten, fühlte ich mich schon wieder ein Stück freier und sorgloser. Wir quatschten, lachten und gönnten uns einen Milchshake - ich Schoko, sie Vanille - auf dem Weg.
Ich zeigte ihr den Wald, die „Schlucht", die eigentlich gar keine Schlucht war, sondern nur aus zwei kleinen gegenüberliegenden Hügeln bestand, den kleinen Bach an dem man super Staudämme bauen konnte und die Stelle an der früher unsere Bude stand, wo jedoch jetzt nur noch ein paar Zaunbalken von übrig geblieben waren. Jenny lachte über meine Geschichten von Kriegen, Erforschungen, Bauunternehmen, Archäologischen Funden und mehr und erzählte selber von Privat-, Sing-, Tanz- und Klavierunterricht.
Hotte würde total ausrasten, wenn er hören würde, dass genau an der Stelle, an der wir uns früher die Zukunft ausmalten über Freunde, Partner und Beruf, ich mit „seiner" Jenny gestanden hatte und für eine gute Ewigkeit dort gegen unseren Baum gelehnt mit ihr herumgeknutscht hatte. Bei angenehm warmen Wetter und Vogelgezwitscher. Aber davon hören würde er natürlich nicht. Weil das ein Moment nur zwischen Jenny und mir war.
Eventuell hatten wir uns wieder voneinander gelöst und dabei festgestellt, dass die Zeit wie im Flug vergangen war und wir uns so langsam wieder auf den Rückweg machen mussten, um nicht das Essen zu verpassen. Und Niklas, hatte ich meiner Mutter gesagt, würden wir ja auch noch abholen müssen, was sich auch manchmal etwas ziehen konnte.
Also machten wir uns auf den Weg aus dem Wald raus und kamen schon bald an dem weißen Doppelhaus an, in dem Hottes Familie wohnte, und wo auch schon Hottes Mutter auf der nussbraunen Holzbank im Vorgarten saß, auf welche Abends immer die letzten Sonnenstrahlen trafen.
„Oh, Abend Emma!" sagte sie, als ich mit Jenny im Schlepptau den kopfsteingepflasterten Weg zur Haustür hoch ging. Sie ließ das Messer so wie die Kohlrabi, die sie in ihrem Schoß in einen Topf schälte, langsam sinken und schaute mich offen an.
„Hallo Ulrike," lächelte ich und schritt, Jennys Hand letztendlich loslassend, auf sie zu. „Wie geht es dir?"
„Gut, gut, danke," sagte sie und schaute durch ihre eckige Brille neugierig um mich herum. „Wen hast du denn da mitgebracht?"
„Oh, das ist..." Ich schaute zu Jenny, die einen Schritt zur Seite hinter mir stand, und mich nun recht gespannt und erwartungsvoll anblickte. Ich sah kurz zu Boden, bevor ich mir ein Herz fasste, mich zurück zu Ulrike wandte, und sagte, „Meine Freundin, Jenny. Und Jenny, das ist Hottes Mutter."
„Oh, schön," sagte Ulrike und ich glaubte nicht, dass sie wirklich verstanden hatte, was ich eigentlich gemeint hatte, aber das war mir dann auch egal. Dafür waren wir ja nicht hergekommen. Obwohl es mich schon überraschte, dass Hotte es ihr anscheinend noch nicht gesagt hatte und demnach nur im Sinne seiner Rolle als mein bester Freund gehandelt hatte, anstatt des Plappermauls an Sohn, der er sonst war.
„Hallo, Jenny," begrüßte Hottes Mutter Jenny mit einem freundlichen Lächeln. „Tut mir leid, ich würde dir eine Hand geben, aber meine Hände sind gerade etwas dreckig."
„Oh, das ist schon in Ordnung," versicherte Jenny und sagte ganz charmant, „Freut mich auf jeden Fall Sie kennen zu lernen, Frau Horstfeld."
„Oh, höflich. Gefällt mir," schmunzelte Hottes Mutter und blickte mich dann mit ihren grau-blauen Augen genau so an, als ob sie doch ganz gut Bescheid wusste.
Ich merkte wie mein Mund trocken wurde, als die Frau, die schon fast als meine Zweitmutter durchgehen konnte, mich so wissend ansah. Wobei ich mir wiederum in Erinnerung rufen musste, dass sie mit ihren wissbegierigen Augen eigentlich immer so aussah, als wüsste sie mehr als du dachtest, und dies hatte uns schon als Kinder das ein oder andere Mal etwas beichten lassen, wovon sie eigentlich noch keine Ahnung gehabt hatte.
Bevor ich mir aber noch weiter Gedanken machen konnte, ob sie denn nun über Jenny und mich Bescheid wusste oder nicht, sagte Ulrike, „Nagut, ich denke, ich weiß warum ihr hier seid und will euch nicht lange aufhalten, sonst kriegt ihr noch Ärger, dass ihr zu spät seid."
Mit ihrem Messer zeigte sie Richtung dem Haus hinter ihr und fuhr fort, „Die beiden sind oben und spielen Hexenmeister mit ein paar Sachen, die Dennis geschickt hat. Niklas sieht echt knuffig aus mit diesem Umhang. Ich habe deiner Mutter schon gesagt, dass er auch hier essen und schlafen kann, aber sie sagte ihr habt heute irgendwie so ein Familien Ding? Christoph meinte, dass Katrin wieder aus dem Urlaub zurück ist? Die waren doch für die Uni da, oder nicht? Hat es ihr gefallen?"
Ich schmunzelte über Ulrikes Neugier und die Tatsache, dass sie trotz dass sie gesagt hatte uns nicht aufhalten zu wollen, nicht umhin konnte ein wenig zu quatschen und sich auf den neusten Stand zu bringen.
„Ich weiß nicht. Ich habe noch nicht mit ihr geredet," antwortete ich ihr wahrheitsgetreu.
„Achso, naja, das muss ich dann wohl deinen Vater am Montag fragen," lächelte sie und hielt eine der Kohlraben hoch. „Die sind übrigens von uns, gibt es bestimmt heute Abend auch bei euch."
Ich lachte, als sie mir zuzwinkerte.
„Ah, gut zu wissen," sagte ich, denn seit dem Hottes Mutter im Laden meines Vaters arbeitete, was jetzt sicher schon fast zehn Jahre so war, hatten wir festgestellt, dass des Öfteren Mittags das Selbe auf dem Tisch stand, und es nichts mehr nützte zu dem anderen auszuweichen, wenn es etwas gab, was wir nicht mochten.
„Na gut, wir gehen dann einfach rein," sagte ich und zupfte kurz an Jennys Ärmel, als ich mich aufmachte.
„Jaja, geht mal," sagte Ulrike und winkte uns Richtung Tür. „Und Emma?"
Ich blieb kurz vor der Tür stehen und wandte mich nochmal zu ihr um, Jenny dicht hinter mir.
„Du siehst schon wieder viel besser aus als letztens."
„Oh, äh, ja, danke," antwortete ich, rieb mein linkes Ohr und schob Jenny dann schnell vor mir ins Haus. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel und wir im recht kühlen, weiß gekachelten Flur der Horstfelds standen, schaute Jenny sich verwundert um und fragte schließlich, „Wir holen deinen Bruder bei Hotte ab?"
„Ja," sagte ich selbstverständlich und ging voran in Richtung der Treppe. „Seine kleine Schwester und er sind ganz dicke."
„Nein," hörte ich Jenny hinter mir ungläubig sagen, als ich die erste Stufe der Treppe betrat. Ich drehte mich zu ihr um und sah, dass sie im Flur stehen geblieben war und mich nun erstaunt anblickte.
„Doch," erwiderte ich und runzelte meine Stirn. „Komm schon."
Jenny setzte sich schließlich in Bewegung und folgte mir. Sie legte ihre Hand auf das dunkelgrüne Holzgeländer der Treppe und sah überrascht zu mir auf. „Ich wusste gar nicht, dass Hotte eine kleine Schwester hat."
„Nicht?" fragte ich verwundert und lachte dann über ihr immer noch fassungsloses Gesicht. „Tja, jetzt weißt du's."
Ich nahm sie zurück an meine Hand und zog sie die Treppe rauf, während ich erzählte, „Papa sagt immer, Niklas ist nur passiert, weil Mama so eifersüchtig auf Ulrikes Bauch war. Und dann musste sie eben auch noch eins haben."
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Niklas war normalerweise alles andere als eins, schüchtern. Doch als er Jenny das erste Mal im Zimmer von Tinchen, Hottes kleiner Schwester, gesehen hatte, war er auf einmal ganz ruhig gewesen.
Hatte er noch zuvor wild auf Tinchens Bett herumgehüpft, einen blauen Umhang mit gelben Sternen um seine Schulter geschwungen und einen schwarzen, glatten Zauberstab hoch in der Luft geschwenkt, während Hottes Schwester lachte und irgend eine Art Tanz um eine Box auf dem Boden vollführte, so war er, nachdem er noch „Emma, pass auf ich lass gerade ein Kaninchen verschwinden," gerufen hatte, mit einem mal, mit dem Eintritt von Jenny, verstummt und auch nicht mehr dazu zu bewegen gewesen seinen Zaubertrick auszuführen.
Währenddessen hatte Tinchen neugierig gefragt, wer das denn neues war, und als ich meinem Bruder dann schließlich die Nachricht verkündete, dass es Zeit war nach Hause zu gehen und wir gekommen waren um ihn abzuholen, war er tatsächlich ohne großes Trara mitgekommen. Kein „Noch fünf Minuten", „Lass mich dir nur noch das zeigen", nichts. Vielleicht sollte Jenny ab sofort öfters mitkommen.
Auf dem Heimweg war er mit Jenny dann aber schließlich doch noch warm geworden. Allerdings erst nachdem ich ihr zugeflüstert hatte, sie solle ihn doch mal fragen was er denn so macht, Sport, oder so. Und in null Komma nichts war er für den größten Teil des Weges damit beschäftigt ihr über seine Fußballmannschaft und sich zu erzählen.
Jenny sagte an den richtigen Stellen „Aha" und „Wow" und schürzte nicht nur Interesse vor, sondern schien für diese Momente wirklich zu versuchen in seine Welt einzutauchen. Er redete und redete, über seine Position als Stürmer, wo sie das letzte Wochenende gespielt hatten, erklärte Jenny Abseits, alle Arten von Fouls und die Unterschiede von den Bällen der letzten WM und EM, von denen er einen auf jeden Fall zu seinem Geburtstag haben wollte.
Ich beobachte die beiden neugierig bei ihrem Gespräch und wie Jenny ganz leicht seine Begeisterung adaptieren konnte und ihn an den richtigen Stellen so unterstützte und herausstellte als sei er ein wirklicher Held. Zwischenzeitlich sah sie jedoch immer wieder über seinen Kopf hinweg zu mir hinüber und wir grinsten zusammen über seine kindliche Leidenschaft und seinen nicht zu stoppenden Elan.
Als wir schließlich an einer Ampel stehen blieben, sah ich wie Jenny mich mit leicht geneigtem Kopf von der Seite her verträumt anschaute. Und als sich unsere Blicke trafen, blitzte das Blau ihrer Augen hell auf. So wie reflektierte Sonne auf azurblauen Meer. Glücklich erwischt.
Es sah so aus, als ob da etwas wäre, was sie sagen wollte, doch mein Bruder fragte in dem Moment, „Hast du denn auch schon mal Fußball gespielt?"
Er zupfte ein wenig am Ärmel von Jennys dunklen Blazer, als sie nicht sofort zu ihm hinunter blickte, sondern ihre Augen noch einen Moment auf mir verweilten.
„Nicht wirklich," beantwortete sie ihm seine Frage langsam sprechend und blickte schließlich hinab. Ihn anlächelnd fügte sie dann noch hinzu, „Aber ich spiele Volleyball."
„Oh. Das ist das wo man den Ball so über ein Netz schlägt, richtig?"
Mein Bruder tat so als würde er einen ankommenden Ball mit seiner Faust wegschlagen.
„Ja, genau," sagte Jenny und streckte hinter seinem Rücken ihre Hand zu mir aus.
Ich spürte ihre Finger an meiner Seite den Stoff meiner dünnen, beigen Jacke greifen. Die Berührung kitzelte angenehm und sie zog mich an meiner Jacke ein Stück näher zu sich, so dass ich hinter meinen Bruder, anstatt auf der anderen Seite neben ihm, stand.
„Ah," machte mein Bruder währenddessen und drehte sich um, seine Augen meinen Positionswechsel verwundert folgend, bevor er zurück zu Jenny sah. „Und wie geht das? Darf man den auch schießen?"
„Ja, du kannst ihn mit jedem Körperteil spielen," erklärte Jenny ihm ungestört. Ihre Hände schon lange wieder bei sich. Ihre vorige Handlung unentdeckt von neugierigen Augen. „Aber unsere Trainerin hat immer gesagt, wo man mit dem Fuß hinkommt, kommt man auch mit den Händen hin. Das ist eine Frage von Stil."
„Also ich würde den auf jeden Fall immer mit dem Fuß spielen," sagte mein Bruder überzeugt von sich selbst.
„Natürlich," grinste Jenny.
Als mein Bruder sich umdrehte, um nach der Ampel zu schauen, blickte Jenny wieder zurück zu mir und formte lautlos mit ihren Lippen, „Danke."
Ihre Augen hielten eine von mir noch nicht gesehene, neue Art von Wärme und es machte mich wirklich glücklich, dass es ihr anscheinend ehrlich gefiel sich mit meinem Bruder zu unterhalten. Besonders nachdem sich das Gespräch zwischen uns dreien am Anfang so unangenehm stockend verhalten hatte. Dabei hatte es nur diesen kleinen Anstupser von mir benötigt.
Lächelnd lehnte ich mich ein wenig näher zu ihr und flüsterte zwinkernd, „Auch wenn er nie wieder aufhört zu reden?" Sie lachte und lehnte sich an meine Seite. Ich spürte ihre Finger sanft an der Rückseite meines Oberarms entlang fahren, während sie ihren Kopf neigte und leise in mein Ohr hauchte, „Wieso? Willst du etwa alleine sein?"
Mein ganzer Körper kribbelte bei Jennys hauchzarter Berührung und ihrem warmen, kitzelnden Atem entlang meines Nacken. Und als unsere Blicke sich trafen, während sie sich zurückzog, und ihr wissendes, zufriedenes Lächeln auf ihren Lippen spielte, wusste ich zwar, dass wir uns auf einer Kreuzung mit vielen Menschen und Autos befanden, doch eigentlich existierten nur sie und ich und dieses Gefühl zwischen uns - eine lodernde Flamme, die mit jeder Berührung, jedem Blick geschürt wurde. Alleine zu sein wäre jetzt wahrlich ein Traum. Denn dann könnte sie brennen, ich sie küssen und an mich ziehen, wie im Wald zuvor, und...
„Ihr seid komisch," sagte auf einmal der kleine, quasselnde Wasserfall neben uns, den ich für den Moment ganz vergessen hatte. Er schaute mit gerunzelter Stirn zu uns auf, als seien wir ein kompliziertes, mathematisches Problem, das er scheiterte zu lösen.
„Was?" fragte ich perplex und realisierte, dass mein Mund ein wenig trocken geworden war in den letzten Sekunden und mein Arm kurz davor war nach Jenny zu greifen.
„Ihr kichert die ganze Zeit," beschwerte er sich und zeigte dann mit seinem Finger auf uns, als wir uns ein wenig erwischt und amüsiert anschauten und somit nicht anders konnten als gerade dies zu tun. „Da schon wieder."
„Wir sind nur glücklich. Das kennst du doch," sagte ich vergnügt und tätschelte seine strohblonden Haare für einen Moment, bevor ich zurück zu Jenny aufsah, um genau dieses Glück in ihren blauen Augen glitzern zu sehen. Und dann war da noch etwas anderes, tieferes, das da hinter dem Glitzern lag.
Währenddessen unsere Blicke sich erneut gefangen genommen hatten, sah mein Bruder neugierig und verwirrt zwischen uns hin und her und fragte dann entnervt, "Jetzt mal echt. Was guckt ihr euch denn immer so an?"
"Weißt du," sagte Jenny lächelnd und schaute mich und nicht ihn bei ihren Worten an. „Deine Schwester und ich, wir mögen uns einfach nur sehr gerne."
Sie zwinkerte mir zu, was mich verlegen, aber lächelnd, zu Boden sehen ließ.
„Ihr mögt euch sehr gerne?" wiederholte mein Bruder misstrauisch. Er schaute uns mit zusammengekniffenen Augen an, lehnte seinen Kopf dann fragend zur Seite und deutete schließlich erneut auf uns als sei ihm gerade einiges klar geworden. „Heißt das, ihr küsst euch?"
Mein Unterkiefer fiel praktisch zu Boden und ich wandte mich schlagartig zu ihm um.
„Was?" fragte ich geschockt, zu Gott betend, dass ich ihn gerade missverstanden hatte.
„Na, das sagen Erwachsene doch nur, wenn die miteinander rummachen und so, und sie denken man ist total blöde," erklärte mir mein achtjähriger Bruder ganz selbstverständlich mit einem Schulterzucken.
Ich glaube in diesem Moment waren meine Augen nur Millimeter davon entfernt aus ihren Höhlen zu fallen. Die Sprache hatte er mir auf jeden Fall verschlagen. Ich konnte nichts anderes tun als ihn ungläubig anzusehen. Hatte er gerade tatsächlich Jenny und mich enttarnt? Und wie aufgeklärt war er eigentlich schon wirklich? Weil das wollte ich sicher nicht mit ihm durchgehen!
„Also?" fragte er und faltete seine Arme vor seinem Körper, in einer Art, in der es eigentlich nur unsere Mutter konnte, wenn sie Antworten verlangte.
Ich spürte wie Jenny unsicher, doch ruhig, zwischen uns hin und her blickte, die Situation von außen begutachtend. Anscheinend letztendlich wahrnehmend, dass meine Schockstarre sich wohl nicht so schnell wieder lösen würde, trat sie näher an meine Seite, legte eine ihrer Hände an meinen Ellenbogen und antwortete meinem Bruder mit einem simplen, bejahenden und ganz selbstverständlichen, "Mhm-hm."
"Iih, das ist ja ekelig!" sagte dieser bei ihrer Antwort und verzog sein Gesicht.
"Ist es gar nicht!" platzte es aus mir heraus.
"Doch, bäh!" Er rümpfte seine Nase und gestikuliert aufgeregt mit seinen Händen. „Mit Zunge und so?"
Ich stand erneut mit offenen Mund und ungläubig vor ihm und wusste nicht, ob ich lachen, weinen oder ihn für sein Verhalten maßregeln sollte.
„Ähmja," machte Jenny unaussagend, als ich erneut verstummte und mein Bruder mich herausfordernd ansah. Sie umging die Frage geschickt damit, dass sie die Situation auflöste, indem sie Niklas vor sich her auf die Straße schob und beiläufig anmerkte, „Ist grün."
Ich stand noch einen Moment am Boden angefroren an der Ampel, bevor ich mich aus meinen Schock schütteln konnte und feststellte, dass die beiden zusammen schon halb über die Straße waren.
Ich eilte ihnen schnell hinterher, doch verlangsamte meine Schritte wieder, als ich meinen Bruder Jenny neugierig fragen hörte, „Also geht ihr so echt miteinander?"
„Ja," sagte Jenny ganz klar und ließ ihre Hände lässig in die Taschen ihres weißen Sommerkleids gleiten.
„Ihr seid zwei Mädchen," merkte mein Bruder an, so als wäre es vielleicht ein Detail, das Jenny entgangen sein könnte.
Jenny lachte und als sie zu ihm sah, erblickte sie mich hinter ihnen gehend, so dass sie sich umdrehte und die nächsten Schritte rückwärts ging, während sie sagte, „Das ändert ja nichts daran, dass wir uns mögen."
„Hm," machte mein Bruder nachdenklich, während sie mich mit funkelnden Augen anstrahlte.
Als er aufsah, folgte er Jennys Blick zu mir und fragte dann schließlich an mich gewandt, „Und ihr küsst euch echt?"
Ich schluckte, warum musste er denn so doofe, unangenehme Fragen stellen?
„Emma," sagte Jenny mit leichtem Nachdruck auf meine paralysierte Stille hin und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich gefälligst die Frage meines Bruders beantworten sollte.
Ich sah meinen kleinen Bruder an, der von Jenny wieder zurück zu mir blickte. Sein fragendes Gesicht und dieser Blick, dass das was ich als nächstes sagen würde für ihn pure Wahrheit sein würde. Schließlich war ich ja seine Schwester, der er vertraute, und Jenny nur jemand fremdes. Also würde alles was ich jetzt sagen würde zählen.
Mich vorbereitend atmete ich tief ein und als Reaktion streckte Jenny ihre Hand zu mir aus. Ich nahm die letzten paar Schritte zu ihnen und legte meine Hand in ihre, während ich meinem Bruder letztendlich antwortete, „Ja, echt."
„Oh," sagte er ein wenig erstaunt und sein Blick huschte interessiert zu unseren Händen.
Da ich nun seine vollkommenen Aufmerksamkeit zu haben schien, fügte ich mit der Hoffnung, dass er es aufnehmen würde, gut gemeint, hinzu, „Und sich zu küssen ist gar nicht ekelig. Es ist eigentlich wunderschön."
Ich wusste meine Stimme war zum Ende hin sanfter geworden und meine Ohren waren sicherlich rot am leuchten, doch ich dachte, es war etwas, dass er wissen musste. Eine Art schwesterliche Weisheit, die es weiterzugeben hieß. So wie Becka eines Nachts draußen auf den Treppen vor unserem Haus einmal mit feuchten Augen zu mir sagte, „Ich bereue nichts, aber überlege dir gut wem du dich gibst. Es kann schön sein. Doch er hat es leicht dein Herz zu brechen."
Mein Bruder schaute mich auf meine Aussage hin zweifelnd an, doch bevor er etwas sagen konnte und mit seinem Unverständnis eventuell ein kleines Stück meines Herzens brechen würde, fragte Jenny schnell, „Gibt es denn niemanden den du gerne küssen würdest?"
„Nein," sagte mein Bruder und verkündete lautstark, „Mädchen sind doch ekelhaft."
Ich wollte ihm schon einen Schlag auf seinen Hinterkopf verpassen, schließlich hatte er drei Schwestern und eine beste Freundin. Doch ich war abgelenkt als Jenny neben mir nachdenklich summte und schließlich nachhakte, „Und was ist mit Jungs?"
„Die sind cool," antwortete Niklas selbstverständlich.
„Ah, klar," nickte Jenny geduldig und erkundigte sich dann interessiert, „Und würdest du einen küssen?"
Mit einem reflexartigen Zucken meiner Hand schlug ich Jenny's Arm, die sich daraufhin zu mir umdrehte und ihre Hände defensiv hochnahm, ein unschuldiges, verwirrtes „Was?" auf ihr Gesicht geschrieben.
Ich sah sie nur ungläubig an. Wie konnte sie so etwas fragen?
Meinem Bruder war währenddessen der kurze Konflikt entgangen und er schaute überrascht und nachdenklich zu Jenny auf. „Einen Jungen?" fragte er.
„Ja," nickte Jenny selbstverständlich und interessiert, während sie beiläufig ihre Seite blockte und nach meiner Hand griff, falls diese nochmals zuschlagen würde.
Mein Bruder runzelte seine Stirn und blieb schließlich stehen. „Du bist ja echt komisch."
Ich schüttelte Jenny's Hände ab, welche meine rebellierenden Arme immer noch von ihr weghielten, und drehte mich scheltend zu meinem Bruder. „Niklas, sei nett!" sagte ich empört, doch mein Bruder schüttelte nur seinen Kopf und lachte belustigt. Ich sah ihn böse an und als er schließlich bemerkte, dass er in relativer Gefahr war, eilte er lachend, schnell voraus.
Ich wandte mich wieder zu Jenny neben mir um, um ihr zu beteuern, dass er das nicht so meinte und er sie nach meiner Einschätzung eher ganz toll fand. Jedoch als ich sie ansah war sie auch belustigt am lächeln. „Süß. Hat ihm zum nachdenken gebracht. Hast du gesehen?"
Ich schaute sie ein wenig fassungslos an, doch sie linkte einfach nur ihren Arm durch meinen und zog mich weiter die Straße runter. Mein Blick ging von ihr zu meinem Bruder, der ein paar Häuser voraus interessiert in ein Schaufenster sah.
„Wenn du ihn jetzt schwul gemach hast, dann mag dich meine Mutter aber ganz sicher nicht mehr," murmelte ich besorgt und lehnte mich an Jennys Seite.
"Ach quatsch," lachte Jenny. „Man macht doch niemanden schwul!" Als ich aus Zweifel nicht reagierte, stieß sie mit ihrer Schulter sanft und neckisch gegen meine und fragte, wohl um ihren Punkt nach Hause zu bringen, „Oder hab ich dich etwa lesbisch gemacht?"
Ich biss auf meine Unterlippe. "Naja … schon."
Zögernd sah ich zu Jenny rüber und nickte, „Ein bisschen?"
„Ach, so ist das also!" lachte Jenny ungehalten. Sie nickte und grübelte laut, „Das heißt, du willst mir sagen, dass ohne mich du vielleicht … hmm … jetzt mit Hotte zusammen wärst? Oder Timo? Marcel?" Erwartungsvoll hob sie eine ihrer Augenbrauen.
Ich verzog mein Gesicht angewidert bei der Vorstellung … mit Marcel. Igitt.
Aber auch die anderen beiden Jungs, auch wenn nett, gefallen tat mir das nicht wirklich.
„Siehst du," sagte sie mit einem Finger in mein verzogenes Gesicht deutend. Eingebildet legte sie sich ihre Hände auf ihre Brust und fuhr fort, „Ich würde ja gerne mir alleine den Verdienst anrechnen. Schließlich bin ich unwiderstehlich, aber..."
Ich pikste Jenny für ihre blöde Show in ihre Seite, was sie auflachen und ihren Satz abbrechen ließ. Erneut griff sie nach meinen, sie angreifenden, Händen und als sie ihr Lachen unter Kontrolle gebracht hatte, zog sie mich an diesen langsam näher an sich heran.
„Emma?" sagte sie dann ernst und mit ruhiger, nachdenklicher Stimme. „Ich denke, du bist ziemlich lesbisch. Auch ohne mich." Sie streichelte meine Hände mit ihren und sah mich offen an. „Vielleicht weißt du es nur noch nicht."
Mein Herz fing an zu pochen bei ihrer Definition von mir. Das hatte sie zuvor noch nie getan. Sie hatte mich immer gelassen und mich sogar darin bekräftigt es nicht definieren zu müssen. Also hatte ich es auch nicht mehr getan.
Ich dachte zurück an die Frage, die mir mein Vater gestellt hatte, und die ich nicht zu beantworten gewusst hatte. War ich schon immer so gewesen? Wusste ich es schon immer? Spielte es eine Rolle? Jenny sagte, es wäre egal was ich war, ich wäre Emma. Aber war es nicht vielleicht wichtig zu wissen wer diese Emma war? Was wäre Emma ohne Jenny jetzt? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.
Mein nachdenkliches Gesicht am betrachten, sagte Jenny dann plötzlich, „Hey, was aber nicht heißt, dass wir das jetzt ausprobieren, ja? Ganz so schnell wirst du mich nicht wieder los."
Ich lächelte, als mich bei ihren Worten ein kleiner Schwarm an Schmetterlingen durchflog und ich feststellte, eigentlich wollte ich darüber auch gar nicht nachdenken. Schließlich war eine Welt ohne Jenny nur grau und trüb. Was zählte war, die Emma jetzt liebte Jenny. Und „was wäre wenn" Spiele, wusste ich nur zu gut aus Erfahrung, brachten mir nichts weiter als unnötige Sorge und Angst.
„Nicht?" fragte ich Jenny daher schmunzelnd und drückte ihre Hände in meinen.
„Nein," schüttelte Jenny ihren Kopf, was ihre braunen Locken um ihr hübsches Gesicht hüpfen ließ.
„Wie schade aber auch," proklamierte ich und grinste provozierend. „Ausprobieren klang gerade so interessant."
„Hey, du!" Diesmal war sie es, die mich in meine Seite stach und gleichzeitig ihren anderen Arm um mich schlang, um mich nicht entkommen zu lassen. Ich lachte, während sie unsere Körper aneinander zog, so dass ihr Atem meine Wange kitzelte, als sie scherzhaft raunte, „Komm mir nicht auf falsche Gedanken, ja?"
Ich lachte, doch verstummte, als ich in ihre offenen, nur wenige Zentimeter von mir entfernten, kristallklaren, blauen Augen blickte. Sie funkelten und lächelten im Scherz. Doch schauten mich gleichzeitig unterschwellig so durchdringend ernst an, dass mir die Spucke wegblieb.
„Nein," hauchte ich leise und sprach das einzige Wort, das in dem Moment meinem Kopf füllte, „Niemals." Niemals würde ich auf den Gedanken kommen, das hier loszulassen. Es war nur sie. Sie, die mir den Atem raubte. Kein anderer und auch keine andere. Nur sie konnte das so und das brauchte ich nicht auszuprobieren, das wusste ich auch so. Wenn ich sie küsste, dann machte mein Herz Überschläge und mein Bauch und mein Nacken wurden immer so warm, und wenn es das war, was man fühlen sollte, wenn man verliebt war, dann war doch alles klar.
Jenny sah überrascht aus über die Wendung von Spaß zu Ernst und das Gewicht in meinen Worten, obwohl sie es doch gewesen war, die diese Wendung initiiert hatte, auch wenn anscheinend unbewusst. Doch es dauerte nicht lange bis sie zufrieden lächelte und mir mit ihren Fingern zart über meine Wange streichelte, während sie sagte, „Na, dann ist ja gut."
Ich lächelte und liebte es, wie sie mich mit ihrem anderen Arm um meine Hüfte näher an sich zog und sie ihren Kopf neigte, um nun mit ihren Lippen über meine Wange zu streichen, bis sie sie in einem seichten Kuss kurz vor meinem Ohr feste auf meine Haut drückte und tief einatmete.
Es prickelte angenehm meinen Hals hinunter und das Gefühl, das sie in mir verursachte in dem sie mich mit ihrem Atem tief in sich aufnahm war unbeschreiblich. Ich war ihrs. Und ihr zu gehören fühlte sich einfach nur toll an.
„Emma, machen wir ein Wettrennen?" Die Stimme meines Bruders schlug mich erneut aus meiner kleinen Jenny Welt. Es war komisch diese zwei nun überlappen zu haben und es war etwas, woran ich mich sicher noch gewöhnen musste.
Ich drehte meinen Kopf zu seiner Stimme um, um festzustellen, dass es zu spät war, um von Jenny wegzuspringen, denn er schaute uns bereits neugierig an. „Nachdem ihr da fertig seid. Knutscht ihr gerade?"
Ich räusperte mich und schob Jenny von mir weg.
„Nein, tun wir nicht," sagte ich und wies Jennys Hand ab, welche versuchte sich um meine Hüfte zu legen, um mich unwahrscheinlich nah bei ihr zu halten, während wir die paar Meter zu meinem Bruder aufholten. „Sei nicht immer so neugierig."
„Neugier ist was gesundes," merkte Jenny leise schmunzelnd an, als sie nachgab mich bei ihr zu behalten und stattdessen ihre Hände in die Taschen ihres Kleides gleiten ließ.
„Machen wir jetzt ein Wettrennen oder nicht?" fragte mein Bruder entnervt über die Fortsetzung unseres für ihn wohl albernen Verhaltens. „Mir ist langweilig."
„Ja, okay," sagte ich, um ihn ruhig zu kriegen, als wir an seiner Seite angekommen waren. Und außerdem könnte es doch auch ganz lustig sein.
„Ja?" Seine Augen leuchteten auf und er drehte sich zu Jenny. „Ich bin nämlich hundertundtausend mal schneller als Emma," informierte er sie prahlend und schob ein wenig seine Brust heraus.
„Ach wirklich?" grinste Jenny.
„Ja, die ist voll die lahme Schnecke."
„Oah, na warte!" Ich streckte meinen Arm nach ihm aus, doch es schien als hätte er mein Manöver bereits erwartet, und wich mir mit einem Hoppser geschickt aus. Auf der Stelle springend fragte er, „Von der Ecke bis nach Hause?"
„Okay," sagte ich seine Herausforderung annehmend. Doch bevor ich das Wort noch vollkommen ausgesprochen hatte oder wir die Ecke überhaupt erreicht hatten, rief er „Los!" und war mit einem Satz davon geflitzt.
„Du bist so ein Schummler, Niki!" rief ich ihm hinterher und spurtete schnell los, um ihn einzuholen. Ich schmunzelte als ich ihm drohte, „Wart nur bis ich dich kriege!"
Mein Bruder lachte laut, während er vor mir davon lief, und sicherte sich mit schnellen Blicken immer wieder nach hinten ab. Beim dritten Mal rief er dann, „Komm schon, Jenny!" So dass ich hinter mich blickte und feststellte, dass Jenny nur langsam hinter uns her ging und auf Zuruf von meinem Bruder in einen leichten, gemächlichen Trab verfiel, so dass es wenigstens so aussah als würde sie am Rennen teilnehmen, während es für mich eher so schien, als wäre sie viel mehr damit beschäftigt uns zuzugucken.
„Emma, die Schnecke, verliert haushoch!" hörte ich Niklas irgendwo vor mir singen. Und als ich mich zurück nach vorne wandte, sah ich dass mein Bruder einen wirklichen Vorsprung herausgeholt hatte und bei seinem nächsten Blick nach hinten mir seine Zunge herausstreckte.
„Oh, du!" Ich beschleunigte schnell und hatte ihn bald wieder ein, blieb aber soweit hinter ihm, dass wenn ich nach ihm griff meine Finger seinen dunkelblauen Parka nur streiften.
Er lachte, als er mir immer wieder entwischte und sprang schließlich hoch in die Luft, als er den letzten Laternenpfahl vor unserem Haus – die seit Jahren ernannte Ziellinie, als erster passierte.
„Gewonnen!" rief er, sprang auf und ab und schrie dann laut auf, als ich meine Arme um ihn warf und ihn für einen Moment hochhob und im Kreis drehte. „Du schnelle Maus von Mexiko!" lachte ich und drückte ihn feste an mich. Lange konnte ich das sicher nicht mehr, ihn so hoch heben, und gewinnen lassen konnte ich ihn sicher auch nicht mehr ewig. Bald würde er mich auch so schlagen.
„Emma, du musst einfach mehr trainieren," sagte er altklug, als ich ihn langsam wieder zurück auf den Boden setzte. „Und nicht so viel … herumknutschen." Er grinste spitzbübisch und in seinen hellbraunen Augen flackerte das Wissen, dass er etwas sagte, das mich provozieren würde.
Doch diesmal lies ich es nicht zu und lachte einfach mit ihm, während ich ihn packte und anfing zu kitzeln. Mein Bruder wandte sich hin und her in meinen Armen und es schien so, als ob er nie mehr aufhören würde zu lachen.
„Hey, pass lieber auf, dass du und Tinchen nicht auf einmal rumknutscht," ärgerte ich ihn zurück, während ich ihm in seine Seiten stach und jetzt fing er erst an sich richtig zu wehren. „Oah, Emma, das ist gar nicht lustig."
Ich lachte und ließ schließlich von ihm ab, denn es wurde anstrengend ihn ruhig und uns beide auf den Beinen zu halten. Als wir uns beruhigten und beide langsam wieder zu Atem kamen, sah ich zögernd zu ihm hinüber und fragte schließlich unsicher, „Das ist okay?"
„Was?" fragte mein Bruder verwirrt.
„Na, mit Jenny," sagte ich. Es sah so aus, als ob ihm das gar nichts ausmachte, aber es musste doch trotzdem komisch oder zumindest neu für ihn sein, dass seine Schwester jetzt mit einem Mädchen zusammen war.
„Sie ist doch ganz nett," sagte mein Bruder und zuckte seine Schultern, als ob er gar nicht so richtig verstehen würde, was ich jetzt von ihm wollte. „Auch wenn sie komisch ist. Guck, da kommt sie erst."
Ich folgte seinem ausgestreckten Finger und wandte mich um, so dass ich gerade noch beobachten konnte wie Jenny langsam ins Ziel schlänzelte. „Tja, sieht so aus als sei ich die lahmste Schnecke," kommentierte sie ihr Eintreffen schulterzuckend.
„Vielleicht hattest du einfach nur einen schlechten Tag," munterte sie mein kleiner Bruder auf. „Das ist manchmal so. Ist beim Fußball auch so."
„Hm, kann sein," lächelte Jenny zurückhaltend. Ihr Blick ging zögernd über Niklas und mich, wohl die geschwisterliche Situation am betrachten und ich merkte schließlich wie sie zum größten Teil ausgeschlossen davon geblieben war.
Ich richtete mich auf und griff in meine Hosentasche, um meinen Schlüssel herauszukramen.
Jetzt da wir Zuhause angekommen waren, war wohl der Zeitpunkt gekommen wo es ernst wurde und für einen Moment wollte ich noch mit Jenny alleine sein. Also hielt ich den Schlüssel ausgestreckt vor Niklas Nase. „Hier Herr Sieger, dein Preis. Darfst die Tür aufmachen."
„Na super, lieber wäre mir ein Eis," sagte mein Bruder augenrollend.
Ich drückte ihm die Schlüssel an seine Brust und raunte, „Mach schon."
Er nahm die Schlüssel schließlich an und ging ein, zwei Schritte Richtung unserem Haus, bevor er sich zurückdrehte und neugierig fragte, „Küsst ihr euch jetzt zum Abschied?"
„Nein, Jenny bleibt zum Essen," sagte ich und er nickte überrascht. „Oh, okay. Dann sag ich, dass du eine Freundin mitbringst. Oder deine Freundin?" Er neigte seinen Kopf fragend zur Seite und es hörte sich an, als ob er das Wort ausprobieren und noch einmal bestätigt haben wollte.
Ich ging den Schritt, den er von uns weg getan hatte, hinterher, um sicher zu gehen, „Nik? Sag Mama nicht, dass wir es dir schon gesagt haben."
Niklas lehnte seinen Kopf zur Seite und runzelte seine Stirn. „Warum?"
Ich glaubte nicht, dass meine Mutter sonderlich begeistert sein würde darüber, dass ich es dem kleinen, ach so unschuldigen Kind ohne ihre Superversion gesagt hatte und sagte deshalb, „Dass du es schon weißt ist unser kleines Geheimnis, okay?"
Ich hockte mich vor ihm hin und streckte meinen kleinen Finger zu ihm aus. „Nur du und ich?"
„Oh," machte er verstehend und kreuzte seinen kleinen Finger mit meinem ohne weitere Fragen zu stellen. „Na klar."
Ich lächelte bei unserem kleinen Ritual und konnte mich noch zu gut an das erste Mal erinnern. Er hatte Angst gehabt, ein schlechtes Gewissen und peinlich war es ihm auch gewesen. „Emma, erzähl es nicht den anderen?" hatte er gebeten und ich mit „Quatsch. Nur du und ich. Abgemacht?" geantwortet. Ich reichte ihm meinen kleinen Finger um den Deal zu besiegeln und seit dem hüteten wir so manches Geheimnis voneinander. Die einen mehr, die anderen weniger wichtig.
„Na, jetzt geh schon." Ich strubelte ihm durch seinen kurzen, dunkelblonden Haare und gab ihm einen kleinen Schubser. „Wir kommen gleich."
Als Niklas schon zum Haus lief, richtete ich mich wieder auf und atmete einmal tief durch. Es fühlte sich an, als seien ein, zwei wundervolle Tage vergangen, seitdem ich nervös in meinem Zimmer gehockt und auf Jenny gewartet hatte. Doch tatsächlich waren es vielleicht maximal drei Stunden gewesen. Aber genau diese drei Stunden machten den heftigsten Unterschied. Es war wie Energie tanken gewesen, noch einmal fühlen, wofür das ganze gut war.
In dem Moment schaffte ich sogar ein Lächeln, als ich an die ganzen kleinen Moment zurück dachte, die wir in den letzten Stunden zusammen gesammelt hatten. Kleine, wertvolle Perlen voll mit Küssen und Zärtlichkeiten, die es jetzt galt nach Hause zu bringen und sie dort in genau diese positive Energie umzusetzen. Es war eine Herausforderung, aber das musste doch schaffbar sein, oder?
Ich sprach mir innerlich noch einmal Mut zu und sagte dann zu Jenny, während ich meinem Zuhause, unserem Ziel, gegenübertrat, „Bereit?"
Als ich keine Antwort von Jenny bekam, die, wie ich spürte, ein paar Schritte hinter mir stand, wandte ich mich zu ihr um und fragte auf ihre Stille hin verwirrt, „Jenny?"
Sie stand ein wenig ausdruckslos da und ich folgte ihren Augen, die auf der angelehnten Haustür von meinem Haus lagen, hinter der mein Bruder eben verschwunden war. Hatte sie Angst? Das war doch gar nicht ihre Art. Ihre Augen sprachen auf jeden Fall von Besorgnis.
„Komm, wir gehen da jetzt einfach rein," sagte ich und trat zu ihr, um ihre Hand zu nehmen und sie zum Haus zu ziehen. Als meine Hand allerdings kurz davor war ihre zu berühren, sah sie mich verletzbar an. „Emma?" Sie wich meinem Griff sachte aus. „Du, wenn du dir nicht sicher bist, weißt du? Also ich meine..."
Jenny schaute nachdenklich zu Boden, ihre Worte anscheinend überdenkend, während ich erst gar nicht verstand wovon sie redete und woher das kam. „Ich meine, ich will nicht, dass das hier wegen mir auf der Kippe steht," sagte sie schließlich und fügte bei meinem immer noch etwas verwirrten Blick hinzu, „Wettrennen, pinky-swears, Omas, eine Mutter, die zum Essen ruft..."
„Ach quatsch," ich schüttelte meinen Kopf abweisend. Was auch immer sie damit meinte, ich wollte das jetzt nicht hören. „Du sagst doch immer, dass alles schon seinen Weg gehen wird."
„Ja, ja," Jenny winkte mein Gesagtes ab, als ob es nichts Wichtiges wäre, wo es doch eigentlich schon fast ihr Lebensmotto war und fuhr aufgerieben fort, „Aber nehmen wir einmal an sie würden sich jetzt total quer stellen und deine Mutter..."
„Kannst du jetzt mal aufhören?" funkte ich ihr dazwischen und gab ihr ein wenig aufgebracht zu bedenken, „Erinnerst du dich an meine Nerven?"
Jenny ließ allerdings nicht locker und guckte mich weiterhin durchdringend an. Bei ihren nächsten Worten verirrte sich ein seichter Anflug von Verzweiflung in ihre Stimme und machte diese ein wenig höher. „Aber wenn..."
Ich unterbrach sie sofort, den Klang ihrer Stimme und den schmerzhaften Ausdruck in ihrem Gesicht nicht ertragend. Ich trat näher auf sie zu und verkündete ganz selbstbewusst. "Dann würde ich ihnen sagen, dass du jetzt zu meinem Leben gehörst und sie damit klar kommen müssen oder...oder sie eben auf mich verzichten müssen."
Unglaube durchzuckte ihr Gesicht und aufrechtes Wunder füllte ihre blauen Augen. "Du..." Ihre Augen wichen von links nach rechts. Sie zögerte kurz und fragte dann leiser, unsicher aufblickend, „Du würdest mich nicht verlassen?"
"Nein!" sagte ich entsetzt. „Spinnst du?"
"Sicher? Aber das ist doch deine Familie, die.." Sie seufzte leise und sagte geschlagen, „Die ist doch viel größer als ich. Wenn es darauf ankommt, dann..."
"Hm-hm," schüttelte ich meinen Kopf ins Negative, schritt ein wenig näher und hob ihr Kinn mit meinen Fingern an, so dass sie mich ansehen musste, als ich ihr zu verstehen gab, „Du bist das Größte. Ich will dich nicht mehr verlieren."
Jenny schaute mich erstaunt an, ihre Augen mit einem liebevollen, bewundernden Blick getränkt. Sie atmete durch, neigte ihren Kopf zur Seite und sagte ungefasst und berührt, "Du bist unglaublich, weißt du das?"
"Ne, aber es gibt da wen, der mir das immer wieder erzählt," grinste ich sie an und erhielt meine erhoffte Reaktion als sie kurz lachte und damit ihr vorher verschollenes Grübchen zum Vorschein kam. Sie stieß mich mit ihren Fingerspitzen ein paar Millimeter von sich weg. "Du Spaßvogel hältst dich auch für besonders komisch, oder?"
„Manchmal," nickte ich selbstzufrieden und schaute dann kurz zurück zu meinem Haus. "Also...?"
Jenny verfolgte meinen Blick, bevor sie mich selbstsicher ansah und meine offene Frage mit den Worten „Also gehen wir zusammen rein," vervollständigte und damit beantwortete.
„Ja," stimmte ich ihr zu und lächelte ermutigend, für sie oder mich selbst war egal. „Das wird schon. Wir gucken einfach."
„Mmm-hm," stimmte Jenny mir zu und sagte dann mit dem kürzesten Zögern, während sie mir ihre Hand anbot, „Du und ich?" Ein schelmisches Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus und sie fügte zu den Worten, die sie eben erst überhört hatte, hinzu, „Buddy?"
Ich musste lachen, griff aber feste zu.
„Du und ich, Buddy."
Jenny lächelte und mit ihrer Hand in meiner fühlte ich mich wieder ganz sicher, dass eigentlich doch gar nichts schief gehen konnte. Es war nur ein Kennenlernen. Und selbst wenn etwas schlechtes passieren würde, Jenny und ich hielten zusammen.
