A/N: Weiter geht's!


Coming Out - Part 9

Überraschungen - Abschnitt 2

Ich war ja viele Szenarien in meinem Kopf durchgegangen, aber so hatte ich mir das sicher nicht vorgestellt. Wie denn auch? Auf der anderen Seite sollte ich es eigentlich bereits gewohnt sein, dass in unserer Familie meistens so viel los ist, dass die Belange von einzelnen oftmals einfach so unter den Tisch fallen. Es ist eben immer nur ein bestimmter Platz an Aufmerksamkeit für Probleme und Neuigkeiten vorhanden und der füllte sich meistens immer ziemlich schnell. Und wenn dann kam eh alles immer auf einmal.

Wie immer war es ein Trubel in unserem Haus, als Jenny und ich schließlich eintraten. Mein Bruder hatte sich sein ferngesteuertes Auto geschnappt und ließ es nun kreuz und quer durch den Wohn- und Esszimmerbereich, so wie durch die Beine meiner Mutter und Schwester fahren, sobald diese aus der Küche traten, um den Tisch zu decken, während mein Vater seelenruhig auf der Couch saß und Zeitung las.

Als er durch meinen Bruder auf uns aufmerksam gemacht wurde, stand er auf, legte den Kölner Stadtanzeiger beiseite und begrüßte Jenny mit einem Handschlag, ihre Schulter mit seiner anderen Hand festhaltend, so als wäre sie ein alter Freund oder vielleicht doch nur, um sie nicht entkommen zu lassen, während er sie von oben bis unten ansah.

„Jenny," sagte er und nickte. „Schön."

„Guten Abend, Herr Müller," erwiderte Jenny und sah gegenüber meinem recht großem Vater klein und unsicher aus.

„Ja, das wird er doch denke ich werden," sagte mein Vater und zwinkerte ihr mit seinen hellen braunen Augen zu. „Keine Angst normalerweise beißt von uns keiner."

Jenny lächelte, erst zögernd, doch lachte schließlich erleichtert, und ich glaubte beobachten zu können, wie mit ihrem Lachen eine kleine Last von ihren Schultern fiel. „Na, das hoffe ich," sagte sie scherzend zurück, ihre, wenn vorhandene, Nervosität gut überspielend.

Halb hinter ihr stehend, hob ich meine, vor meinem Vater verdeckte, Hand und strich ihr kurz, versichernd über den Rücken und hoffte dabei so subtil zu sein, wie Jenny zuvor an der Ampel vor meinem Bruder. Ich spürte Jennys Rückenmuskeln unter meinen Fingern anspringen, ein kaum merkliches Zucken durch sie gehen, und anschließend stand sie ein wenig gerader und größer da als zuvor.

„Ich habe schon gesehen was du uns mitgebracht hast," sagte mein Vater währenddessen und deutete zum Tisch auf die Flasche Wein. Er schritt langsam hinüber und hob die Flasche auf, so dass wir ihm folgten. „Sehr guter Geschmack, wirklich. Hast du da Hilfe bekommen?"

„Meine Eltern lieben Wein, und wenn meine Mutter nicht auf den Rosé besteht, trinken sie oft diesen, wenn sie hier sind," erklärte Jenny und ich hörte ihr bei diesem neuen, mir noch unbekannten Detail aufmerksam zu. Deshalb also der Wein. Vielleicht war das für Jenny ja wirklich selbstverständlich und gehörte sich so.

„Ah, Weinkenner also?" fragte mein Vater interessiert, da er sich selber wohl als solcher bezeichnen würde, und Jenny bestätigte ihm mit einem Nicken, „Ja. Kann man so sagen."

„Na, dann hätten wir ja schon ein Gesprächsthema, wenn wir sie mal treffen," lächelte mein Vater gutmütig. „Vielleicht können wir deinen Wein zusammen nach dem Essen trinken? Es ist ja nur eine kleine Flasche, aber für einen Schluck für jeden sollte es reichen."

„Ja, klar. Gerne," sagte Jenny und lächelte höflich, und ich war nicht ganz überzeugt, dass sie es auch so meinte, aber ich sagte lieber nichts. Es war wohl keine gute Idee, sie jetzt schon in der Art auflaufen zu lassen. Und vielleicht würde es ja gar nicht dazu kommen, dass wir ihren Wein trinken würden. Eventuell hätte mein Vater das ganze schon beim Ende des Essens vergessen.

„Gut," sagte er und damit schien sein Gesprächsstoff erst einmal aus zu sein, bis er schließlich hinzufügte, „Ja, aber setzt euch doch einfach schon."

Ich schritt zu dem zusätzlichen Stuhl neben meinem üblichen Platz an unserem normalerweise runden Esstisch, der allerdings heute eine ovale Form hatte, da meine Eltern ihn ausgezogen hatten, um die Anzahl an Personen, die sie erwarteten, unterbringen zu können. Ich zog den Stuhl zurück, Jenny signalisierend, dass das ihr Platz sein würde, bevor ich zu meinem eigenen Stuhl daneben weiterging. In dem Moment trat meine Schwester aus der Küche zurück ins Wohnzimmer, ein Korb an Brot in der Hand haltend. Sie stockte einen Moment, als sie mich und dann Jenny erblickte.

Noch neben meinem Stuhl stehend, während Jenny sich gerade gesetzt hatte, fragte ich sie bereitwillig, „Achso, ja, soll ich noch helfen?"

„Ne." Becka sah für einen Moment unverwandt Jenny an, bis sie schließlich ihre Augen losriss und zu mir blickte. „Nein, nein, Emma. Ist schon gut."

„Oh, das ist Jenny," sagte ich, ihr komisches Verhalten darauf zurückführend, dass sie wohl überrascht war, dass eine ihr unbekannte Person am Tisch saß. Vielleicht hatte sie nur mit Katrin und Karsten gerechnet.

„Hm," machte Becka und sah Jenny erneut kritisch an. „Hallo, Jenny."

„Hi," sagte Jenny kurz angebunden, den defensiven Stand meiner Schwester wohl auch bemerkend.

„Das ist Becka," fügte ich an, als meine Schwester anscheinend nicht vor hatte sich vorzustellen. Sie stand immer noch an der Position kurz vor dem Tisch, wo sie zuvor gestoppt hatte, den Korb an Brot nun in beiden Armen vor ihrem Körper gehalten.

„Oh, habe ich doch richtig gehört." Meine Mutter schaute durch die Küchentür und Becka machte einen Schritt zur Seite, um ihr Platz zu machen geradewegs auf uns zuzugehen. „Ihr seid da." Meine Mutter lächelte irgendwie gestresst wirkend und rieb sich viel beschäftigt ihre Hände an der rot-weißen Schürze, die sie noch trug. „Setzt euch doch alle schon."

„Das hatten wir gerade vor," lächelte mein Vater ihr zu. Er zog seinen Stuhl zurück, um sich zu setzen, und so tat ich es ihm gleich. „Nik, stell das Auto weg und setz dich," sagte mein Vater, und während mein Bruder seine Anweisung leicht missmutig befolgte, ging mein Blick über den Tisch.

Ein für uns ganz normales Abendessen war dort zu sehen. Tomatensuppe, Brot, Aufstrich, Paprika, Gurken und auch die von Ulrike erwähnten Kohlrabi aus unserem Laden standen bereit. Alles war fertig gedeckt und so würde es jetzt wohl los gehen. Unter dem Tisch nahm ich Jenny's Hand in meine. Ich drückte versichernd zu und war froh über ihren antwortenden Druck zurück.

„Wir warten dann eigentlich nur noch auf Katrin," sagte meine Mutter, die als einzige jetzt noch hinter ihrem Stuhl und neben den noch zwei freien Plätzen stand. „Oder nein, da ist sie ja."

Eine Tür, die ins Schloss fiel, war zu vernehmen. Ich drehte mich um und sah wie hinter mir und Jenny in der Wohnzimmertür bereits meine älteste Schwester stand. Ich ließ schnell Jenny's Hand los, doch erkannte an dem aufmerksamen Flackern in ihren grünen Augen, dass es zu spät war.

„Ja, hallo, hier sind wir," lächelte Katrin und sah interessiert zwischen Jenny und mir her. Hinter ihr tauchte Karsten, ihr Freund, auf und lächelte der Runde zu, während Katrin nun Jenny vollkommen mit ihren Augen neugierig fixierte und fragte, „Und wer ist das?"

„Hallo, Schatz. Das ist Jenny," sagte meine Mutter, bevor ich dazu kam meinen Mund zu öffnen, und diesmal lag es wirklich nicht daran, dass ich zu langsam gewesen wäre. Es war wohl eher so, dass meine Mutter die Kontrolle über die Situation nicht hergeben wollte. Sie war immer noch mit ihrer Schürze am hantieren und schien mir auf einmal genau so angespannt, wie ich es gewesen war, kurz bevor ich es ihr erzählt hatte.

Wollte sie auch das alles gut lief? Oder war ihr die Situation einfach nur unangenehm und hatte sie Angst vor der Reaktionen meiner Geschwister, falls ich es ihnen heute sagen würde?

„Aha. Hallo, Jenny," sagte meine älteste Schwester und trat auf Jenny zu, während sie mir kurz einen durchdringenden, amüsiert-fragenden Blick zuwarf, dem ich ein klein wenig verlegen auswich. Warum musste sie auch gerade dann durch die Tür kommen, wenn ich Jennys Hand streichelte?

Katrin lächelte, als sie Jenny ihre Hand ausstreckte. „Ich bin Katrin. Emmas Schwester."

„Hallo, freut mich." Jenny schüttelte ihre Hand und hielt ihren prüfendem Blick wagemutig stand, so als sagte sie: „Guck doch. Ich habe kein Problem mit dem was du gerade gesehen hast. Nein, ich bin stolz drauf."

Als meine Schwester von Jenny wegtrat, sah sie zurück zu mir und entgegnete meinem fragenden und leicht verzweifelten „Bitte, bitte, sag nichts"-Blick mit einem absegnenden Lächeln.

Ich atmete auf, als ich erkannte, dass meine Schwester wohl beschlossen hatte, was sie gesehen hatte, für sich zu behalten, auch wenn ich mir sicher war, dass sie mich bei der nächst möglichen Gelegenheit in eine Ecke drängen und mit Fragen quälen würde. Aber das war sicherlich besser als bereits am Beginn des Essens meiner Mutter einen weiteren Grund zu geben sich unwohl zu fühlen und sich dadurch eventuell weiter gegen uns zu stellen.

Als Katrin mich weiterhin schmunzelnd begutachtete, trat ihr Freund hinter ihr hervor, der die Vorstellung von zwischen der Wohnzimmertür verfolgt hatte. Er lächelte freundlich, als er sich beiläufig Jenny vorstellte, „Hi, Karsten."

„Jenny," nickte meine Freundin ihm zu und ich versuchte mich auf sie zu konzentrieren - ihre braunen, lockigen, langen Haare, ihre blauen, freundlichen, wenn auch gerade etwas verhalten aussehenden Augen, ihre seichten, schmalen Lippen... – und damit die überaus neu- und wissbegierigen Augen meiner Schwester, die auf mir lagen, kalt zu ignorieren.

Wenn Katrin mich später, wahrscheinlich beim abräumen, in die Ecke drängen würde, würde sie sicher entsetzt fragen, warum sie als große Schwester davon noch nichts gewusst hätte. So sah sie sich nämlich gerne, als allwissende, große Schwester, die alles überblickte, auch wenn sie das noch lange nicht tat. In dieser Hinsicht war sie Mama ziemlich ähnlich.

„Wo habt ihr denn Pia gelassen?" fragte meine Mutter von der anderen Seite des Tisches, die austauschenden Blicke zwischen Katrin und mir wohl bemerkend, doch anscheinend leicht verwirrt bezüglich ihres Ursprungs und einen Hauch von frustriert, da sie versagte sie zu deuten.

„Oh, die ist schon bei Oma Grete," sagte Katrin und ließ mit ihrem immer noch bohrenden, auf Antworten hoffenden Blick schließlich von mir ab. „Also wir dachten, dass ähm..." Sie stolperte kurz über ihre Worte. „Ach sie war müde, der ganze Stress, ihr wisst schon," winkte sie ab und sagte dann ablenkend, als ob wir nie vom vorigen Thema abgewichen wären, „Jenny - warum kommt mir der Name so bekannt vor?"

Ich runzelte meine Stirn. Dass sie jetzt auf dem Thema weiter herumritt verwirrte mich doch. Ich dachte, ich hätte ihr bereits zu verstehen gegeben, dass ich ihr später alles erklären würde. Also sagte ich leicht gereizt und gar nicht amüsiert, „Weil ich schon einmal von ihr erzählt habe vielleicht?"

„Ja, ja das könnte sein," nickte Katrin und schien entzückt von dem was sich vor ihr aufgetan hatte. „War das nicht die - um es in deinen Worten zu sagen, dumme Kuh, die dein Fahrrad geplättet hat und du deshalb für Wochen zu Fuß oder mit dem Bus zur Schule gehen musstest? Und Papa dich noch angemault hat, dass du vorsichtiger mit deinen Sachen umgehen sollst?"

Ich war leicht entsetzt. Wie konnte Katrin so etwas nur vor Jenny sagen? Sie konnte ja nicht wissen, dass Jenny wusste, was ich damals über sie gesagt und gedacht hatte. Und ob es nun so war, oder auch nicht, spielte dabei auch keine Rolle. Das machte man einfach nicht. Was wollte sie denn bitte damit bezwecken? Als Katrin meinen entsetzen Blick erkannte, blickte sie schnell zu Jenny und sagte beschwichtigend, „Ist nicht böse gemeint."

„Ist schon gut," sagte Jenny abtuend und lächelte. „Das war ich ja tatsächlich."

Katrin strahlte freudig, aus welchem Grund auch immer, so froh konnte sie ja jetzt auch wieder nicht sein, nur weil sie etwas richtig in Erinnerung hatte, oder? Ich neigte meinen Kopf und sah sie prüfend an. Irgendwas war hier im Busch.

„Ja, wenn wir schon dabei sind," sagte meine Mutter und mischte sich wieder in die Konversation mit ein. „Da war sowieso noch etwas, was Emma und Jenny sagen wollten."

„Ähm," Ich sah meine Mutter verwundert an. Nein, eigentlich gab es gar nichts, was wir sagen wollten. Oder zumindest hatten wir das nicht so geplant. Wir wollten einfach nur ein ruhiges Essen ohne Vorfälle hinter uns bringen in der Hoffnung, dass meine Familie Jenny einfach erst einmal nur mögen würde, und alles andere würde sich dann schon irgendwie ergeben. Dies schien allerdings nicht der Plan meiner Mutter zu sein. Der war wohl eher geradeaus und durch.

„Oh, wirklich?" fragte Katrin überrascht und warf mir einen beeindruckten Blick zu. „Das trifft sich gut. Denn..." Sie streckte ihre Hand nach hinten aus und zog ihren Freund näher an ihre Seite, als dieser ihre Hand ergriff. „Wir haben auch etwas zu sagen."

Ach, daher pfiff der Wind also.

„Du machst das Studium?" fragte Becka aufhorchend - überrascht, enttäuscht? Ich wusste es nicht.

Meine Mutter blickte von der Tochter, die immer schnell von Begriff war, zu ihrer Erstgeborenen und sagte mit einem glücklichen Lächeln, „Das heißt, es hat euch gefallen."

Mein Bruder setzte sich mit Interesse auf. „Zieht ihr jetzt nach Wien?"

Meine Schwester schüttelte ihren Kopf unangenehm. „Äh, nein. Nicht ganz. Aber wisst ihr was?" Ich spürte ihre Hand auf meine Schulter gleiten, während sie vorschlug, „Lassen wir Emma doch anfangen."

Ich spürte wie sich, nicht nur von Katrins Hand, Druck auf meinen Schultern aufbaute, und sah zu Jenny, die ihre Schultern zuckte, ein klein wenig so als sage sie, „Tja, nix zu machen."

Klar, dass ihr das egal war, wie genau wir jetzt unser Coming Out vor meiner Familie hätten. Gezwungen, oder nicht. Ich schaute mich um, und stellte fest, dass es nun eigentlich schon alle wussten, bis auf Becka. Nur wussten eben noch nicht alle, dass alle anderen es eben auch schon wussten. Oh, verdammt. Warum hatte ich es nicht doch sofort allen auf einmal gesagt? Das würde bestimmt noch irgendwelche Unruhen verursachen.

Ich biss meine Unterlippe und dachte, dass, da es ja jetzt eigentlich schon alle wussten, es auch noch warten konnte. Demnach wären eh alle eher daran interessiert was Katrin neues zu berichten hätte. Also sollte ich ihr doch den Platz lassen und unsere Verkündung auf einen ruhigeren Zeitpunkt später verschieben, auf dem nicht eine zweite Nachricht folgen würde.

„Nein," sagte ich deshalb und gab Katrin Raum für ihre Nachricht. „Nein, fangt ihr ruhig an."

„Ach quatsch, Emma, der Jüngste fängt an. Ist doch immer so." Katrin lächelte in die Runde, doch ihre Hand auf meiner Schulter griff auf einmal härter zu, bis zu dem Punkt, dass es anfing weh zu tun. Ihre Lippen bewegten sich nicht, während sie durch die Zähne zu mir raunte. „Na, mach schon."

„Hat sie Recht," pflichtete mein Bruder altklug und ein wenig aufgeregt über die Neuigkeiten bei. „Der Jüngste fängt immer an, Emma. Also fang an."

„Ja, aber eigentlich..."

Ich wurde in meiner Begründung, warum es klüger wäre Katrin sprechen zu lassen, von Becka unterbrochen, die wohl erkannte, dass weder mir, noch unserer Schwester die Situation gerade angenehm war, jedoch genauso die Unumgänglichkeit von ihr sah und uns deshalb mit einem „Mein Gott, einer von euch. Los!" in den Hintern trat.

„Nagut, nagut." Katrin schwang ihre Arme in der Luft als Zeichen, dass sie aufgab. Sie atmete tief ein und verkündete dann hastig, „Ich bin schwanger. So Emma, du." Ich sah sie ungläubig an, während sie mir einen Schubs gab.

„Du bist was?" fragte ich verblüfft und hörte die selben Worte hinter mir von meiner Mutter widerhallen.

„Schwanger," lächelte Katrin übermäßig, aufgesetzt fröhlich. „Schön, oder?" Während sie unsere Mutter noch weiterhin anstrahlte, deutete sie zurück auf mich. „Aber Emma wollte was sagen." Sie rüttelte meine Schulter und zischte jetzt dringlicher, „Mach!"

„Äh..." Ich war leicht perplex, auch wenn ich nun 100% verstand, was sie hier geplant hatte. Jenny zog ihre Augenbrauen gegenüber von mir hoch, sich selbst anscheinend wundernd, ob ich es nun tun würde oder nicht. Ich schaute um mich herum, die Blicke meiner Familie lagen auf mir, wenn auch ihre Augen eher nur trüb auf mir hafteten und der Schock noch in ihren Gesichtern stand.

Ich spürte den erwartungsvollen, auf mich bauenden Blick meiner großen Schwester auf mir, und bevor ich überhaupt meine Erlaubnis dazu gegeben hatte die Worte wirklich zu sprechen, hörte ich, wie es etwas dürftig und läpsch über meine Lippen kam, „Jenny und ich sind zusammen."

Kanonenfutter also.

Der Raum blieb unbeeindruckt ruhig. Katrin sah nervös in die stille Runde und sagte dann, „Nein! Oh mein Gott, wirklich?" Als die Reaktion jedoch immer noch ausblieb, runzelte sie ihre Stirn. „Hey, Emma hat hier gerade was ganz wichtiges gesagt."

„Ich weiß das schon," sagte meine andere Schwester abtuend und hakte nach, „Du bist schwanger?"

Verwirrt drehte ich mich zu Becka um. „Wie du weißt das schon?"

Becka zuckte ihre Schultern, warf mit einem kleinen Schwung ihres Kopfes ihre langen, braunen Haare nach hinten und sagte wie selbstverständlich, „Mama hat's mir eben erzählt."

Mein Mund fiel offen und ich blickte verletzt zu meiner Mutter, welche diesen Verrat aber anscheinend gar nicht mitzubekommen schien, da sie immer noch Katrin ansah, die in diesem Moment feststellte, „Ihr wusstet das schon." Und ich glaubte auch einen kleinen Stich durch ihr Gesicht zucken zu sehen, als sie nachfragte, „Alle?"

„Also ich schon," sagte mein Bruder stolz, dass er zur Abwechslung mal zum wissenden Kreis gehörte.

„Wie- wie bitte?" fragte meine Mutter perplex und blickte zu ihm neben sich.

„Emma hat's mir erzählt," sagte er ganz cool und schulterzuckend, bevor ihm dann ein wenig die Gesichtszüge entglitten, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte. „Oh." Während er sich seine Hand vor den Mund schlug, schlug ich mir meine Hand vors Gesicht und versank im Stuhl. Ich brauchte den vorwurfsvollen Blick meiner Mutter wirklich nicht sehen - Echt super. So viel zum Thema Geheimnisse.

Katrin stand währenddessen kopfschüttelnd und ungläubig hinter mir, und wunderte sich lauter als es vielleicht nötig gewesen wäre, „Wie kann es sein, dass ich das als letztes erfahre?"

Als niemand ihr eine Antwort darauf gab, zuckte ein belustigtes Lächeln über Beckas Lippen.

„Du bist schwanger," sprach sie die Tatsache nochmals aus, nachdem sie Katrins Spiel, das ganze schön unter den Teppich zu kehren, natürlich auch verstanden hatte.

„Hm, ja," machte Katrin geschlagen und blickte verlegen drein.

Ein Grinsen breitete sich auf Beckas Gesicht aus und ich fühlte es sich auf meine Lippen übertragen. Becka schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Hey, das ist doch toll."

„Toll?" brach die Stimme von unserer Mutter schließlich über uns hinein und Becka stockte, als sie ihren Weg um den Tisch machen wollte, ein klares „Oh-oh" auf ihr Gesicht geschrieben, während sie zu Katrin hinüber sah.

„Aber du wolltest doch Medizin studieren," sagte meine Mutter und klang enttäuscht. „Das war doch immer dein Traum. Deshalb wart ihr doch in Wien."

Ich hörte meine Schwester einen tiefen Atemzug hinter mir nehmen und ihre Hand, welche auf der Stuhllehne hinter mir zum liegen gekommen war, spannte sich an, als sie sie stärker umgriff.

„Wir haben es selber erst vorgestern herausgefunden," sagte Karsten und stellte sich hinter meine Schwester, seine Hände beruhigend und beschützend auf ihre Schultern gelegt. „Deshalb gehen wir nicht nach Wien. Wir dachten wir sagen es euch, damit ihr das versteht."

Meine Mutter seufzte und fragte, „Aber … wie stellt ihr euch das denn bitte vor?"

„Ganz schön eigentlich." konterte meine Schwester mit Verstand.

„Aber du kannst doch mehr," argumentierte meine Mutter. „Ewig im Supermarkt zu arbeiten, das ist doch nicht... Ich dachte, da wären wir jetzt raus. Es war doch alles geplant."

„Mama, das ist mir egal. Ich arbeite bis 50 im Supermarkt," sagte Katrin und kreuzte ihre Arme vor ihrer Brust. „Solange ich doch glücklich bin."

„Ja, sicher." Meine Mutter hob ihre Hände in die Luft, in einer Art Geste in der sie um das Erbarmen von Gott bat. „Und wir dürfen dann wieder Kindermädchen spielen, oder was?"

Meine Schwester ging wie geschlagen einen Schritt zurück, stieß dabei mit ihren Rücken auf Karsten und war dadurch im nächsten Moment schon wieder auf Angriff nach vorne.

„Das habt ihr doch gerne gemacht!" sagte sie und gestikulierte hinter sich. „Außerdem ist Karsten ja jetzt fertig mit seiner Lehre und wenn ihr nicht helfen wollt, dann leisten wir uns eben ein Kindermädchen!"

„Ach, das ist doch Quatsch jetzt," raunte mein Vater dazwischen, nachdem er die Sache zuvor beobachtet und laufen gelassen hatte, während er wohl selber seine Ansichten innerlich erst einmal sortieren musste.

„Und Oma Grete ist ja auch noch da," redete Katrin allerdings weiter, gerade in Rage kommend, und somit meinen Vater wohl überhörend.

„Katrin," begann meine Mutter, und ich war mir selbst nicht sicher, ob es beschwichtigend oder als Einleitung für ein neues Argument gedacht war, doch eine Chance zu sprechen hatte sie sowieso nicht.

„Jaja, nutzt Oma nicht auch noch aus. Es ist genug, dass ihr bei ihr wohnt. Blabla," fuhr Katrin fort und schrie dann schon fast, während sie tatsächlich mit ihrem Fuß unzufrieden auf den Boden stampfte, „Mensch, jetzt seid doch mal glücklich!"

Damit brachte sie erfolgreich einen Moment Stille in das Wohnzimmer und sie atmete einmal tief durch, bevor sie dann auf Jenny deutete und ruhig sagte, „Außerdem haben wir einen Gast." Was wohl so viel bedeuten sollte, dass schreien und streiten nicht gestattet war. Auch für sie nicht.

Jenny lächelte ein wenig schräg, aber höflich in die Runde, da sie plötzlich alle ansahen, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie gewunken hätte von wegen: Ja, ich bin auch noch da.

„Spatz," sagte mein Vater schließlich beruhigend und sah Katrin entschuldigend an, während er erklärte, „Wir hatten einfach nur etwas anderes erwartet."

„Ja," nickte Katrin langsam und sah geschlagen zu Boden. „Das sehe ich."

Ich blickte mich um und fühlte eine gedrückte Stimmung über uns schwemmen, so dass, als niemand weiter etwas sagte, ich aufstand, meine Arme öffnete und meiner Schwester zögernd das anbot, was ich jetzt an ihrer Stelle wahrscheinlich hören wollen würde. Schließlich war es doch egal, was wir alle jetzt dachten. Da war ein kleiner Mensch am wachsen. „Also, ich bin glücklich für dich."

Katrin blickte vom Boden zu mir auf und fing an gerührt zu lächeln. „Danke." Sie trat auf mich zu und empfing die Umarmung, die ich ihr anbot erleichtert. Ihre Arme schlossen sich feste um meinen Körper und ich genoss es, weil so wie sie umarmte niemand. Sie umarmte aufrichtig und zog einen immer ganz nah an sich, die Stärke ihrer Umarmung die Gefühle, die sie spürte, am widerspiegeln. Und diese Umarmung diesmal war sehr feste.

„Ich auch," sagte Katrin und neigte ihren Kopf nach unten, so dass ihre Lippen mein Ohr erreichen konnten und flüsterte leiser, nur so, dass ich es hören konnte, „Glaube ich." Sie lachte leise, ließ ihre Umarmung langsam locker und streifte eine blonde Strähne hinter ihr Ohr.

Ich lächelte und sah wie Becka die letzten Schritte um den Tisch herum machte und auf uns zusteuerte.

„Du machst das schon," hauchte ich leise zurück, bevor Becka Katrin sich in ihre Arme zog.

„Mensch, ich freue mich auch," sagte Becka und zur gleichen Zeit sprang Nik von seinem Stuhl auf, um zu uns zu rennen und mit von der Partie zu sein. „Ich auch!"

„Kein Wien," hörte ich Becka noch murmeln, bevor Nik sich Katrins Arm krallte und ihn umklammerte, während er daran zog und sehnlichst fragte, „Kannst du einen Jungen kriegen, biiitttte?"

Katrin lachte und strich ihm durch seine dunkelblonden Haare. „Ich werde es versuchen."

„Mach dir nicht zu viele Hoffnungen," sagte Karsten. Er grinste und zog Nik an seinem Arm von seiner Freundin weg, welche jetzt doch leicht überwältigt bei dem vielen Zuspruch aussah. „Das hat sie mir beim letzten auch versprochen."

„Und dann hast du gesagt, dass ein Mädchen doch eigentlich ganz schön ist," sagte Katrin und funkelte ihn böse an, falls er beschlossen hatte seine Meinung zu ändern.

„Ja," gab Karsten allerdings bereitwillig zu. Wenn man ihn mit Pia alleine sah, dann würde niemand auch nur eine Sekunde auf die Idee kommen, dass er unzufrieden mit seinem Mädchen war. Sie war doch eher sein ganzer Stolz, die ihm immer ein Lächeln auf die Lippen zaubern konnte. „Das stimmt ja auch."

„Na," Mein Vater schob seinen Stuhl zurück und die vorübergehende Freude von uns Geschwistern schien zu Boden zu fallen in banger Erwartung. Doch dann lächelte er und öffnete seine Arme. „Also mir ist es egal, was es wird. Komm her." Erleichterung breitete sich schnell aus und ich fühlte mich äußerst froh, als Katrin in Papas Arme versank und sie ihr Gesicht an seine Schulter schmiegte. Auf ihn war schließlich doch immer verlass.

„Danke, Papa," sagte Katrin wertschätzend, während sich ihre Finger in sein Hemd vergruben und sie ihn dicht an sich drückte. Er brummte nur bestätigend als Antwort und ich sah ihn in die blonden Haare seiner ältesten Tochter lächeln, die die Farbe seiner eigenen Haare widerspiegelte, welche zur Fülle seinen Kopf bedeckten und an dieser einen Stelle an seiner Stirn einen kleinen Wirbel bildeten.

Da nun eigentlich alle in Freude aufgegangen waren, erhob sich nun auch meine Mutter. Sie schritt auf Katrin zu, während ihr Mann ihre Tochter langsam von sich löste und in ihre Richtung drehte. Mama seufzte, als sie vor Katrin zu stehen kam, und meine Schwester presste schicksalsergeben ihre Lippen zusammen.

Unsere Mutter schüttelte kurz ihren Kopf, streckte aber dann ihre Arme aus und umarmte Katrin innig. „Ich finde das nicht gut, hörst du? Wir hatten Pläne," sagte sie dabei, aber ich wusste, freuen tat sie sich trotzdem. Ein kleiner Stich fuhr durch mein Herz.

Warum konnte sie sich für mich dann nicht auch trotzdem freuen? War das denn so anders?

„Glückwunsch," hörte ich Jenny auf einmal neben mir sagen und sie riss mich aus meinem Gedanken, so dass ich bemerkte, dass Karsten beiseite getreten war, um Katrin mit unseren Eltern Platz zu machen, und somit neben Jennys Stuhl gelandet war.

„Oh, danke," lächelte Karsten ihr überrascht zu und bat dann an, „Dir auch, nehme ich an?"

„Oh, auf jeden Fall," nickte Jenny fröhlich und setzte sich gerade auf.

Wir lächelten uns kurz an und sie zwinkerte mir zu.

Als ich mich dann von ihr abwandte, um das Umarmungsspektakel weiter zu verfolgen, flüsterte sie scherzhaft in einem entsetzten Ton zu Karsten, und ich weiß nicht, ob sie es mich hören lassen wollte oder nicht, „Ist das hier immer so?"

Karsten lachte und strich sich durch seine kurzen, blonden Haare, während er Jenny mit hochgezogener Augenbraue anschaute. „So?"

„Ähm, ja," Jenny schien nach Worten zu suchen und ergänzte dann unsicher, ob es das traf, „So … durcheinander?"

Karsten lachte erneut und lehnte sich neben Jenny gegen den Tisch, um von dort aus das Geschehen weiter zu verfolgen. Er zupfte sein schwarzes Shirt der Red Hot Chilli Peppers zurecht und verschränkte gelassen seine Arme vor seinem Körper.

„Glaub es mir oder nicht," sagte er zufrieden lächelnd. „Aber das sind die allerbesten Zeiten."