Coming Out - Part 10

Das Blatt wendet sich - Abschnitt 1

Einen höllischen Abend hatte ich erwartet - vorsichtshalber. Denn wenn du denkst es kann nur alles schief gehen, dann kann es ja eigentlich nur noch besser werden. Und so war es dann auch. Letztendlich war der Abend schneller vergangen als gedacht, auch wenn ich ihn hinterher in einer Skala von 0 bis 10, von völlig schief gelaufen bis grandios, nur schlecht einordnen konnte. War irgendwie neutral auch etwas Gutes?

„Aber nun lasst uns endlich essen. Ich verhungere," hatte Papa gesagt, nachdem Mama sich von Katrin gelöst und alle nach dem Austausch aller Glückwünsche letztendlich irgendwie verteilt zwischen Wohn- und Essbereich gestanden hatten. Jeder setzte sich daraufhin, und meine Eltern erklärten kurz das Essen - wo es herkam, wie sie es gemacht hatten. Sie schienen beide immer so stolz darauf. Und dann aßen wir, ruhig für eine ganze Weile, die Neuigkeiten und Ereignisse mit jedem Biss verdauend, bis irgendwann, nachdem das Gespräch langsam wieder bei anfänglichem Small Talk in Bewegung gekommen war, meine Mutter, welche sich an diesem nicht beteiligt hatte, an einem Punkt angekommen zu sein schien, an dem ihre Gedanken sich genug aufgestaut hatten, und sie anfing Katrin erneut ihre Meinung zu sagen und sie dabei über ihr Leben und das weitere Vorgehen zu löchern, was Katrins Blutdruck alles andere als gut zu tun schien.

„Aber habt ihr schon daran gedacht, dass die Wohnung bei Oma für vier Personen zu klein werden wird? Ich meine," sagte unsere Mutter gerade als sich Katrins Geduldsfaden seinem Ende zuneigte. Katrin seufzte tief und umschloss das Besteck in ihrer Hand fester als es nötig gewesen wäre. „Mama, wir essen," unterbrach sie so ruhig wie möglich. „Ich würde das gerne genießen, anstatt mit dir über Dinge zu streiten, die du eh nicht mehr ändern kannst. Wenn du noch etwas zu sagen hast, dann später."

Becka, zuvor gelangweilt von dem andauernden Schlagabtausch über das Pro und Kontra eines weiteren Kindes in Katrins jungem Alter, blickte auf einmal aufmerksam von ihrer Suppe hoch. „Dafür," sagte sie prompt und hob ihre Hand. Sie setzte sich gerade auf und blickte in die Runde. „Sonst noch wer?"

Niklas schloss sich schnell an. „Ihr nervt," informierte er, während er seine Hand zur Unterstützung von Becka hob. Karsten hob ebenfalls die Hand, ein entschuldigendes Lächeln seiner mehr als wahrscheinlichen, zukünftigen Schwiegermutter zuwerfend, und auch ich musste nicht lange nachdenken, schließlich machten die beiden durch ihre Diskussion alle anderen mehr oder weniger Mundtod, so dominierend waren sie.

Ich spürte Jennys verwunderten Blick auf mir und über die anderen gehen, während sich schnell alle Hände, selbst die meines Vaters, um sie herum hoben. „Ähm..." Eher in einer Frage, ob das denn so richtig sei, und zögernd fing Jenny auch langsam an ihre Hand zu heben. Denn alle Blicke waren am Ende auf ihr gelandet, weil sie, außer meiner Mutter, die Einzige am Tisch war, die noch mit ungehobenem Arm dort saß.

„Gut, gut," sagte meine Mutter jedoch geschlagen, noch bevor Jenny sich hundertprozentig melden musste, und befreite sie somit aus ihrer Bredouille sich auf eine Seite stellen zu müssen. Meine Mutter blickte zu Katrin und legte fest, „Aber nach dem Essen reden wir noch. Ich will doch nur dein Bestes."

„Natürlich." Meine Schwester rollte ihre grünen Augen und stöhnte leise, doch ein verstecktes Lächeln war doch da. Denn mindestens das war wahr, unsere Mutter wollte nur das Beste für uns, und das war am Ende doch schön zu wissen, auch wenn man ein mal nicht gleicher Meinung war. Irgendetwas grummelte mir bei diesem Gedanken im Magen, doch ich redete mir zu, dass Jenny doch hier mit mir am Tisch saß. Dass das doch auch etwas bedeutete. Sie hätten sie auch nicht einladen können.

„Was war das denn?" flüsterte Jenny währenddessen, irgendwie beeindruckt und gleichzeitig befremdet vom Vorgehen am Tisch, hinter vorgehaltener Hand mir zu.

Ich stoppte mein Stück Brot, welches mein Vater gestern Abend gebacken hatte, in die Tomatensuppe zu tunken, und überlegte kurz, bevor ich zu Jenny erklärend zurück murmelte, „So etwas wie Demokratie?"

„Ah ja, natürlich," nickte Jenny, als ob sie darauf auch selber hätte kommen können, und hob ihren Löffel neben ihrem Teller wieder auf. „Cool." beurteilte sie das Ganze schließlich leise in Gedanken zu sich selbst, bevor sie die Suppe weiter aß.

„Nun ihr beide," hörte ich Katrin dann auf einmal sagen, die sich anscheinend gerade wieder gefangen hatte und fix einen Gesprächswechsel beabsichtigte, um aus den Klauen unserer Mutter zu entkommen. Als ich aufsah, konnte ich erkennen wie ihre Augen ganz klar auf Jenny und mich gerichtet waren und realisierte erst dann, dass wirklich wir als wir angesprochen waren. „Los geht's. Erzählt."

„Oh," sagte ich überrascht und ganz plötzlich wieder nervös mit dem Scheinwerferlicht auf mir, wo ich mich doch erst gerade an die Situation mit Jenny am Tisch mit meiner Familie gewöhnt hatte. Ich rutschte auf meinem Stuhl zurück, während ich blind mit meinem Löffel in die Suppe stach. „Was, was willst du denn hören?"

„Ach komm schon, Emma. Ich bin mir sicher da gibt es eine Geschichte!" Katrin drehte sich zu Jenny. „Also er und ich, schon was länger ganz gut bekannt," fing sie an mit Elan zu erzählen, flüchtig zu Karsten deutend. „Dann, wie das so ist mit 17, gab es 'ne Party mit viel zu viel Alkohol. Er zieht mich raus in den Hintergarten, dunkle Nacht, du siehst so gut wie nichts, und er, total beschwippst und mit Problemen sich gerade zu halten, küsst mich auf einmal und sagt dabei so etwas wie, 'Dis p'sst jot. Mir beide. Un' wennn nisch, dann... daahann beweisch isch's dir.'"

Jenny lachte amüsiert mit meiner Schwester mit, während der Rest der Familie nur Lächeln konnte. Schließlich hatten wir die Geschichte schon mehr als einmal, in mehr als einer Version gehört.

„So betrunken war ich gar nicht," beschwerte sich Karsten, wie so oft.

„Nein," lachte meine Schwester zustimmend und tätschelte seinen Arm. „Du hast dich nur danach auf meine Schuhe übergeben." Sie sah zurück zu Jenny und zwinkerte, „Ganz romantisch war das also damals mit uns beiden."

Karsten legte seinen Löffel zur Seite und lehnte sich zurück, während er schmollte, „Und hier war ich und dachte, wir hatten beschlossen das ist nie passiert."

„Aber Schatz, das ist die Pointe!" sagte Katrin und zog einen seiner Arme aus dem Knoten vor seiner Brust hinaus. „Wo ist sonst der Witz?"

„Das muss nicht witzig sein," argumentierte mein fast Schwager, wohl mit Recht, und nahm die Hand, die an seinem Arm zog, feste in eine von seinen. „Es geht doch darum, dass ich Recht hatte, dass wir zusammen passen."

„Ja," nickte meine Schwester nachgebend und ein verliebtes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Natürlich."

„Ich musste es dir eben nur beweisen," fuhr Karsten mit einem verlegenen Schulterzucken fort und schien dabei irgendwo in ihrer Vergangenheit zu versinken und nicht ganz am Tisch zu sein, bevor er mit funkelnden, blauen Augen zu Katrin sah. „Und dann ging doch alles ganz schnell."

Für einen Moment guckten die beiden sich richtig süß an, und wenn mich jemand fragen würde, dann wären sie wahrscheinlich eines der Paare, die es schaffen würden. Verliebt mit 17, Eltern die sich scheiden ließen, Teenie Schwangerschaft, gegen ihre Lehrer, Eltern und Freunde zusammenstehen, und es letztendlich durchziehen. Sie hatten so viel schon zusammen geschafft, da konnte es doch eigentlich gar nichts mehr geben, was sie auseinander bringen würde. Auch wenn ihr Leben vielleicht kein Zuckerschlecken war, beneiden konnte man sie trotzdem. So etwas wie sie, so etwas wollte man doch haben. Ich guckte nachdenklich zu Jenny, die den Schlagabtausch zwischen meiner Schwester und ihrem Freund mit einem Lächeln, neugierig beobachtete.

Bei Karstens letzten Worten fing Becka plötzlich an zu lachen und stichelte, „Ja, wenn sie dann was will, dann nimmt sie sich das ja für gewöhnlich auch immer ganz schnell."

„Hey," sagte Katrin, riss sich aus ihrem Blick zu ihrem Freund und funkelte Becka an, „Pssht jetzt."

„Was denn?" grinste Becka unschuldig, wobei sich das, worüber sie sich jetzt genau unterhielten, über mich hinaus ging.

„Becka, ich komm dir gleich da rüber," raunte Katrin.

„Wieso?" fragte Becka, immer noch Engel in Person, bevor sie dann nachsetzte, und damit verstand ich dann eindeutig worum es sich handeln musste, „Sag mal, Schwesterherz, kriegst du eigentlich gerade schon wieder ein Kind?"

Katrin hob ihre Serviette auf und warf sie erfolglos Richtung unserer Schwester. Sie segelte knapp am Suppentopf vorbei und landete einen Meter von Becka entfernt. Katrin schnaufte enttäuscht über ihre eigenen Wurfkünste und sagte dann, „Lass mich nicht von dir anfangen."

„Kinder, ist gut, oder?" sagte unser Vater, der ein Talent dafür hatte alles zu überhören, was er nicht hören wollte, und löffelte seine Suppe ohne aufzublicken weiter.

„Tschuldigung," sagten meine Schwestern im Einklang, wobei sie sich zum Abschluss noch einmal sicherheitshalber anfunkelten, um sich wohl gegenseitig klar zu machen, dass die andere gefälligst ihren Mund über bestimmte geteilte Geheimnisse halten solle. Wenn es um wahre Schwestern ging, waren sie wohl ein gutes Beispiel.

Ich stutzte, als als nächstes meine Mutter sich wieder in das Gespräch einklinkte und mich ansah. "Naja, aber Katrin hat schon Recht. Du bist letztens auch nicht fertig geworden uns über euch zu erzählen und die anderen wissen noch gar nichts. Also..." Meine Mutter räusperte sich und setzte sich tapfer auf. „Erzählt doch mal."

Ich staunte nicht schlecht, als gerade sie das fragte, und war im nächsten Moment total überfordert. Was genau sollte ich denn jetzt erzählen? Es musste ja gut werden, wenn sie sich nun letztendlich dazu entschlossen hatte sich das anzuhören. Es durfte auf jeden Fall nicht schon wieder so eine Vollkatastrophe wie letztes Mal werden.

Ich spürte Jennys Knie gegen meines stoßen und sprach dadurch, entgegen meinem besseren Wissen, dass das meistens schief ging, einfach drauf los. Denn auch wenn es mir ein mulmiges Gefühl machte, sie alle in meine Welt hineinzulassen, und mich somit verletzlich zu machen, wo ich es doch meist eher gewohnt war beschmunzelt zu werden, sie es wissen lassen, wollte ich doch trotzdem. Schließlich war es doch wichtig. So überaus wichtig. Ich biss mir kurz auf meine Wange, um bei dem Gedanken nicht weinen zu müssen, wie wichtig es mir war, und drückte mein Knie zurück gegen Jennys, um die Kraft zu haben es gut – besser zu machen. „Ja, also das war so, dass Jenny ja ... "

Doch bevor ich noch wirklich loslegen konnte, fiel mein Vater mir ins Wort. Vielleicht hatte er ja das selbe Gefühl wie ich – dass das ja eigentlich nur schief gehen konnte. Oder vielleicht sah er eine Chance, an die ich noch gar nicht gedacht hatte.

"Ja, oder vielleicht kann Jenny ja erzählen?" fragte er und schaute sie erwartungsvoll an.

Ich sah wie Jenny aufsah, ein überraschtes „Ich?" auf ihr Gesicht geschrieben. Sie hatte sich am heutigen Abend geschickt im Hintergrund gehalten und so gut wie noch gar nichts gesagt - bis darauf Karsten zu beantworten, dass wir in einer Stufe waren, sie aus London hierhin gewechselt ist, ihr Vater dort bei einer Bank arbeitet und dort nicht weg kann, und dass es ihr hier gefiel. Außerdem nein, sie war bisher noch bei keinem Spiel vom FC gewesen, aber ja, im Dom war sie schon, nur noch nicht oben drauf. Nik hatte sicher gestellt auch noch einzuwerfen, dass Jenny Volleyball spielte, sie dafür aber komischerweise nicht gerade schnell laufen konnte. Dennoch, es war nicht so, als ob sie sich versteckte, ihre Anwesenheit war trotzdem zu spüren und zumindest für mich fühlte es sich so an, als ob dieser Stuhl neben mir schon ewig von ihr besetzt gewesen wäre oder vielleicht nur auf sie gewartet hatte.

Als ich von meinem Vater zu Jenny hinüber blickte, wollte ich ihr schon zu verstehen geben, dass sie das nicht tun müsste, doch ich sah wie sie eher aufgeschlossen und absichernd zu mir zur Seite schaute, um zu wissen, ob das für mich überhaupt okay wäre. Da ich allerdings nichts dagegen einzuwenden hatte, weil sie wirklich ein besseres Talent zum Reden besaß, und es vielleicht eine gute Chance wäre sie zum reden kommen zu lassen, und sie mein Einverständnis wohl erkannte, lehnte Jenny sich entspannt zurück und legte ihren Löffel zur Seite, als sie bekannt gab, "Na gut."

Während ihr aus meiner Familie bestehendes Publikum schon gespannt die Augen auf sie legte, tupfte sie sich noch in Ruhe mit ihrer Serviette den Mund ab, bevor sie diese dann zurück in ihren Schoß legte, was neben ihr und meiner Mutter keiner am Tisch getan hatte. Dann setzte sie sich entschlossen auf und sagte schmunzelnd in die Runde, "Das ist aber wahrlich keine einfache Geschichte."

Ich war ein wenig fasziniert. Nein, nicht nur ein wenig. Sie lächelte so gekonnt und selbstbewusst in die Runde, als ob sie jeden Tag vor einer Masse von Leuten sprechen würde und nicht nur ihre Gesichtszüge lächelten, ihren Augen taten es auch – begeistert und lebendig, und mit dieser plötzlichen, nicht mehr zu übersehenden Präsens hatte sie ihr Publikum schnell in ihren Bann gezogen.

Ich beobachtete wie mein Vater über ihre scherzhafte Vorwarnung lächelte und die Blicke allgemein aus Spannung auf das Folgende schärfer wurden. Die Augen meiner Mutter sah ich kritisch über Jenny gehen. Ich glaube sie konnte wirklich mit der ganzen Sache irgendwie nicht wirklich was anfangen oder mit Jenny. Irgendwas passte einfach nicht in ihr Bild, aber bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, lachte Katrin, "Na, es hat auch nie jemand behauptet, dass Emma einfach ist, nicht?"

„Hey, das sagt ja gerade die Richtige," platzte es kurzerhand aus mir heraus, um Jennys Worte zu verteidigen und meine Schwester für ihr dazwischen quatschen zu bestrafen. Sie wusste auch nie wann sie einfach mal die Klappe halten sollte. Doch ich spürte wie Jennys Hand beruhigend und mich zurückhaltend auf meinen Oberschenkel landete, während sie lächelnd fortfuhr, "Ich werde versuchen es trotzdem einfach zu machen."

"Bitte," nickte mein Vater und gab ihr damit das Wort.

"Najaa," Jenny lehnte sich zurück und zog das Wort in die Länge, um wahrscheinlich Zeit zu schinden und sich etwas zu überlegen. Doch im nächsten Moment ließ sie ihren Kopf zur Seite fallen, um mich schräg von unten anzuschauen, und sie kniff ihre Augen zusammen als sie mich fokussierte und sagte, „Also als ich hier in Köln angekommen bin, da war da so eine kleine, kesse Blonde." Jenny grinste und schaute zu meiner Familie, als sie berichtete, „Die ist mir eigentlich recht schnell ins Auge gefallen. Weil sie eben ganz anders war als die anderen. Nett, ganz sie selbst und ohne Show. Ein wenig schüchtern, dann überraschend aus sich rauskommend, und manchmal vollkommen unberechenbar. Sie hat mich häufig total verrückt gemacht mit ihrem Benehmen – dieser Dickkopf."

Ich verdeckte mein Gesicht mit einer Hand und sah hinab. Im Gegensatz zu mir war mir ganz schnell klar, dass Jenny kein Blatt vor den Mund nehmen würde bei ihrer Geschichte. Ihr machte es nichts aus diese Dinge vor meiner Familie zu erzählen, wo ich doch immer eher das Gefühl hatte, ich müsste die Sachen, die mir wichtig waren bei mir behalten, um sie zu lieben, zu schätzen und zu schützen, so dass mir das Blut in den Nacken schoss, als Jenny das alles so unglaublich liebevoll und selbstverständlich sagte, und „Dieser Dickkopf" - als wäre es eine der schönsten Eigenschaften überhaupt. Ich spürte Jennys Knie auffordernd gegen meins stoßen und sah zu ihr – in ihre plötzlich tief, glitzernden Augen.

„Und dann aber recht schnell unfähig rational zu denken," fuhr Jenny fort, ihre Augen feste auf meine gerichtet. Es dauerte einen Herzschlag, in dem ich mich erinnerte, dass dieses verstohlene Leuchten in Jennys Augen der Grund war, warum ich es aber zulassen wollte, dass es alle sehen würden, wen ich liebte, weil sie mich liebte, und es mittlerweile viel zu groß war, um es zu verstecken. Meine Familie sollte sich mitfreuen – so wie Luzi oder Bodo, und gerade deshalb war es wohl wirklich das Beste, das Jenny unsere Geschichte nun erzählte, denn sie mussten das doch alle in ihr sehen, oder?

Jenny lenkte ihren Blick zurück in die Runde und sie erklärte ihre Worte. „Jedes Mal wenn sie etwas tat oder sagte, dass nicht in mein Bild passte, so wie als sie mein Referat versaut hat - sie war wohl doch nicht so lieb und nett wie ich gedacht hatte, hat mich so was von aus dem Konzept gebracht, dass ich mich irgendwann fragen musste, warum ich so reagierte, und ich habe gemerkt, dass ich sie eigentlich wirklich gerne haben wollte. Aber irgendwie hat sie es dann immer wieder geschafft das kaputt zu machen."

Jenny sah mich belustigt an und erkannte wohl, wie ich meinen Mund schon öffnen wollte, um zu widersprechen, denn ich hatte sicher nicht immer alles kaputt gemacht, doch sie hob schon ihre Hand, um mir zu bedeuten, sie ausreden zu lassen.

„Aber was es mir gebracht hat war, dass ich über mich selbst nachdenken musste und über wie ich handle. Schließlich hatte ich ihr auch nie klar zu verstehen gegeben, dass ich sie gerne habe. Ich war viel zu viel damit beschäftigt gewesen ein bisschen unantastbar zu sein und zu den richtigen Leuten zu gehören – was man halt so will, wenn man neu ist. Sich über Wasser halten und nicht direkt unten durch sein." Jenny sah nachgiebig zu mir. „Also hat Emma es letztendlich geschafft mich über mich selbst reflektieren zu lassen und zu merken, dass ich ganz vielleicht auch das ein oder andere falsch gemacht habe."

„Ganz vielleicht ..." murmelte ich leise, und Jenny schmunzelte mir zu. „Du, ich hatte ganz vielleicht nicht nur ein Namensproblem."

Ich schaute Jenny an und konnte darüber lächeln, so dass ich schließlich nickend zugab, „Ganz vielleicht hatte ich ein Vorurteilsproblem."

„Ach, solche Worte aus deinem Mund." Jenny grinste und lehnte sich auf den Tisch, während sie an alle gerichtet fragte, „Hatte sie eigentlich schon erwähnt, dass ich eine dumme Kuh bin? Verwöhnt, eingebildet und … unausstehlich?"

„Es kann sein, dass das zur Sprache kam," nickte mein Vater und lachte.

Niklas sagte, „Finde ich zwar nicht, aber hat sie gesagt, ja."

„Leute," sagte ich unangenehm.

„Und was hat das dann geändert?" fragte Karsten nach.

„Ich weiß nicht. Wobei," Jenny legte ihren Kopf zur Seite, sah Karsten und dann mich an. „Vielleicht mussten wir es uns nur beweisen, hm? Dass da mehr war?"

Ich zuckte unaussagend mit meinen Schultern, nicht bereit jedes Detail unseres Kennen Lernen vor allen zu diskutieren. Doch Jenny hatte mich geküsst, und ich ihr nicht geglaubt, dass sie es so meinte, und als ich es ihr geglaubt hatte, hatte sie mich dann schon so gut wie abgeschrieben, so dass ich ihr dann nachlaufen und mich ihr beweisen musste. Also letztendlich hatte sie vielleicht recht, so dass ich leise "Mhm," machte.

Jenny nickte, anscheinend verstehend, dass da Schluss war.

Sie wandte sich zurück zu den anderen und fuhr fort, „Nun schlussendlich kann ich sagen, dass Emma etwas in mir bewegt hat, und ich glaube, das habe ich auch in ihr. Denn auch wenn da Dinge waren zwischen uns, die passiert sind," Jenny warf einen kurzen Blick zu Katrin und lächelte, da diese zuvor auf diese Vorkommnisse angespielt hatte. „Umgenietete Fahrräder, abgestellte Alarmanlagen, Missverständnisse..." Jenny nahm einen Atemzug, doch sprach dann frei aus ihrem Herz heraus und ließ meine Welt sich damit ein wenig langsamer drehen. "Ich habe das Gefühl, am Ende war diese Kraft viel zu stark, um uns nicht zusammen treffen und zu etwas Großem werden zu lassen. Etwa wie ein Sonnenstrahl, der auf den Tropfen Wasser trifft und bricht. Etwas ganz Besonderes und ... unumgänglich."

Jenny schaute mich an und als sie nach ein, zwei Momenten dann schließlich wieder in dieser Realität angekommen zu sein schien, und realisierte, dass immer noch alle Blicke auf ihr waren, setzte sie sich zurück und sah durch ihr Publikum, denn mit ihren letzten Worten war es auf einmal sehr leise um den Tisch herum geworden.

"Also letztendlich ist es eigentlich doch eine ganz einfache Geschichte," sprach Jenny abrundend in die Stille hinein, so als ob ihr das selber gerade erst aufgefallen wäre, und ergänzte dann hinterfragend und mit einem Hauch von Unsicherheit, ob was sie gerade gesagt hatte nicht zu viel gewesen war, „Liebe?"

Ich schluckte und befeuchtete kurz meine Lippen. Ich war mehr als beeindruckt und gerührt von dem was sie da gerade alles gesagt hatte. Wie sie das alles gesagt hatte - ganz selbstsicher, mit Gefühl und doch ein bisschen Witz. Am liebsten hätte ich sie in meine Arme genommen, in ein kleines Paketchen zusammengefaltet und für immer mit mir herumgetragen. Aber da wir nicht alleine waren und ich sie leider unmöglich in Hosentaschengröße gefaltet bekommen würde, sah ich stattdessen nervös über die Gesichter meiner Familie.

Diese Stille. Jenny hatte sie anscheinend sprachlos gemacht, und das konnten wahrlich nicht viele von sich behaupten. Aber ob das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen war, konnte ich in dem Moment mit meiner Nervosität echt nicht entziffern, was nur noch mehr zu ihr Beitrug.

„Nun, das war ja," Mein Blick ging zu Katrin, von der die vorigen Worte stammten, und die auch irgendwie beeindruckt aussah, zu Becka, die den Satz mit schrägem Mund letztendlich beendete, „Gar nicht so schlecht."

„Ich dachte ja schon vorher ihr seid schnulzig, aber jetzt?" sagte Niklas von mir gegenüber und für einen Moment war ich kurz dazu geneigt es meiner großen Schwester gleich zu tun und meine Serviette nach ihm zu schmeißen. Doch mein Vater unterbrach diesen Handlungsplanung.

„Das war ja am Ende schon fast poetisch," sagte er und schaute zu Katrins Freund. „So etwas habe ich von dir noch nicht gehört. Falls du dir doch noch überlegst meine Tochter zu heiraten..." Mein Vater deutete ohne weitere Worte auf Jenny, um zu verstehen zu geben, dass solche Worte dann wohl angebracht wären.

Karsten schüttelte lachend seinen Kopf. „Ne, nicht meine Liga. Sorry, Christoph."

„Ach, jetzt red doch keinen Quatsch," sagte Katrin.

„Nun ja, ich denke, hier sollten wir anstoßen, oder?" löste mein Vater die Situation auf und machte damit jegliche weitere Reaktion auf das Gesagte von Jenny unerforderlich. „Kommt."

Als mein Vater aufstand und die Flasche Riesling, die Jenny mitgebracht hatte, öffnete, lehnte ich mich zu meiner Freundin, ließ meine Hand auf ihren Oberschenkel gleiten und flüsterte, während die Aufmerksamkeit der anderen auf meinem Vater lag, „Das hast du ganz schön gesagt." Denn schließlich schien ja sonst niemand gewillt ihr diese, mehr als verdiente, Anerkennung zu geben.

Jenny legte ihre Hand auf meine unter dem Tisch, während sie mich mit ihren blauen Augen ernst ansah und mein Herz zum Purzeln brachte, als sie noch einmal leise sagte, „So ist es für mich, Emma. Unumgänglich." Ein Glas klinkte zu unseren Linken, als mein Vater anfing den Wein auszuschenken und die Gläser dann über meinen Bruder und mich weiter verteilen ließ.

„Auf die Liebe, und neue Familienmitglieder, so klein oder neu sie auch sein mögen," toastete mein Vater in die Runde, bevor er zu Jenny guckte und anfügte, „Und du, ich hoffe mal, dass du deinen Worten da treu bleibst."

„Papa," sagte ich entsetzt, dass er seinen eigentlich doch sehr schönen Toast so etwas von kaputt machte und Jenny ungehobelt und unnötig in den Mittelpunkt stellte.

„Na, wir werden sehen, hm?" antwortete Jenny allerdings kess und gelassen neben mir und machte meinen Widerspruch damit überflüssig. Unter dem Tisch spürte ich wie ihre Hand sich feste um meine schloss.

Eine Einheit.

Mein Herz klopfte, als bei Jennys letzter Antwort die Blicke von ein paar Mitgliedern meiner Familie allerdings wieder misstrauischer geworden waren. Sie hatte nicht „ja" gesagt, hatte nichts versprochen, sondern locker und frech geantwortet - nahm sie das Ganze nicht ernst? Ich spürte es sofort und wusste direkt was ich tun musste. Ein regelrechtes unwillkürliches Zucken ging durch meinen Arm, als ich ihre Blicke spürte. Sie kannten Jenny nicht. Sie kannten nicht ihren Witz. Sie wussten nicht wie sie auf das Leben blickte. Sie spürten nicht ihren sicheren, unbrechbaren Griff ihrer Hand. Ihre Annahme der Herausforderung. Also hob ich meine Hand, unsere Hände, und legte sie so beiläufig wie möglich und gleichzeitig unübersehbar auf den Tisch.

Ein Zeichen.

Mein Herz raste und ich fing an zu schwitzen. Jetzt gleich würde es sicher Knallen oder so. Doch unglaublicherweise, tat es das nicht. Jenny ließ das Ganze geschehen und blickte mich erst fragend an, nachdem sie sicher war, dass die neugierigen, prüfenden, Fehler und Unsicherheit suchenden Blicke vorüber waren.

Mein Daumen strich über ihren Handrücken.

Eine Einheit für jeden zu sehen.

„Sicher," antwortete mein Vater letztendlich zögernd auf Jennys vorigen Kommentar und toastete schließlich, „Auf die Zukunft."

Alle tranken und als der Schluck Weißwein meinen Mund füllte, verzog ich mein Gesicht bei der Bitternis und Trockenheit, die meine Geschmacksnerven trafen, und war kurz dazu geneigt ihn wieder ins Glas zu spucken, schluckte ihn dann aber schnell aufgrund meiner doch erfahrenen Erziehung runter, während es mich an meinem ganzen Körper schüttelte.

Ich blickte zu Jenny, die im Gegensatz zu mir nur einen minimalen Schluck aus ihrem Glas genommen hatte, wenn nicht nur an dem Rand genippt hatte, und weiter lächelte während mein Vater anfing sich nun über die Qualität und den Geschmack des Weins auszulassen.

Als ich sie so beobachtete wie sie freundlich auf die Kommentare von meinem Vater über ihren Wein nickte und lächelte, während sie ihr Weinglas ein wenig hin und her schwang, mal dazu ansetzte zu trinken, es dann aber doch nicht tat - was aber anscheinend niemanden sonst auffiel, begann ich mich zu fragen, ob sie dieses Zeug wirklich mochte oder sie ihn einfach nur mitgebracht hatte, weil sie gelernt hatte, dass das guter Wein war.