A/N: Sorry für die längere Wartezeit. Ich mache mich gerade selbstständig und da gibt es viel zu tun ;)
Coming Out - Part 11
Das Blatt wendet sich - Abschnitt 2
Es war schon dunkel geworden als ich Jenny letztendlich nach draußen zu ihrem Auto begleitete, oder eben eines von Herr Bergmanns Autos, welches sie sich aber über die letzten Wochen schon halb angeeignet hatte. Herr Bergmann nickte auf jeden Fall immer nur noch beiläufig, wenn Jenny ihm sagte, sie würde das Auto nehmen, um mich nach Hause zu fahren.
Jenny nahm meine Hand und drehte sich zu mir um, so dass sie mit dem Rücken zum schwarzen VW stand, als wir auf der gegenüberliegenden Seite der selten befahrenen Seitenstraße vor unserem Haus ankamen. „Na, das ist doch ganz gut gelaufen, denkst du nicht?" sagte sie leicht und fröhlich.
„Ja, schon," sagte ich zögernd und schaute zu dem Spiel unserer Hände zwischen uns hinunter, als ein positive Glücksgefühl von „gut gelaufen" irgendwie ausblieb. „Ich weiß nicht."
Ich spürte wie Jennys Lächeln verebbte und ihre Augen besorgt über mich gingen im Versuch einen Blick auf mein hinab gewandtes Gesicht zu erhaschen. „Wieso?"
„Weil..." Ich seufzte und blickte zu Jenny auf, während ich meiner Unzufriedenheit freien lauf ließ. „Sie haben doch gar nicht richtig reagiert irgendwie. Also sie haben doch gar nichts gesagt – zu uns. So, als ob das gar nicht wichtig ist."
„Ja, aber das ist doch was Gutes," sagte Jenny und drückte meine Hände. „Das wir nur nebensächlich sind. Das heißt doch, dass sie es akzeptieren oder sie es zumindest nicht abgrundtief hassen, so dass es ein Thema wäre."
Als ich darauf nichts sagte und ich meinen Mund immer noch unzufrieden verzog, ließ Jenny eine meiner Hände los und stieß mit ihrem Zeigefinger unter mein Kinn, während sie es mit ihrem Daumen sanft strich. „Ich hatte heute einen schönen Tag, Emma."
Ich schloss meine Augen und atmete tief durch, als sie mich wieder dahin zurückholte, wo es um uns ging, was doch das wirklich wichtige war. Irgendwo in meinem Kopf registrierte ich ein leises Knarren, wie ein Fenster das sich öffnete, doch das Kribbeln in meiner Brust, das Jenny verursachte, ließ es mich nicht wahrnehmen. Nickend, schritt ich näher auf sie zu. „Ja, ich auch."
Jenny lächelte und ließ ihre Hand von meinem Kinn sinken, um wieder beide meiner Hände sicher in ihren zu halten. „Und selbst wenn das hier heute total in die Hose gegangen und deine Familie kannibalisch über mich hergefallen wäre..." An meinen Händen zog sie mich näher, so dass unsere Becken sich für einen kurzen Moment berührten, und schaute mir feste in die Augen. „Ich liebe dich."
Ich schluckte bei der Intensität in ihren Augen und konnte sie nicht halten. Meine Augen wichen ihren aus und huschten stattdessen nach unten. Ihre Lippen im matt-orangen Straßenlicht waren dunkel wie Feuerziegel und sahen so sanft und samtig aus.
Ich ließ ihre Hände los und hielt mich stattdessen an dem Saum ihres dunklen Blazers fest, während ich gesammelt zurück zu ihr aufblickte.
„Ja," sagte ich mit beschlagener Stimme und schaute wieder hinab zu diesen dunklen, einladenden Lippen. „Ich auch."
Jennys Lippen weiteten sich in ein zufriedenes Lächeln, doch bevor ich mich zu ihnen hinüber lehnen konnte, stoppte sie mich an meinen Oberarmen und hielt mich zurück.
Verwundert sah ich zu ihr auf.
Jenny lächelte beruhigend. „Ich würde dich ja jetzt unglaublich gerne küssen," sagte sie. „Aber ich weiß nicht, wie du das finden würdest, weil … ähm ..." Sie schaute über meine Schulter, bevor sie ein wenig scheu und ungewiss zurück zu mir blickte und flüsterte, „Ich glaube jemand beobachtet uns."
Meine Augen weiteten sich in Horror. Wie konnte ich nur so dumm gewesen sein? Jeder Gedanke an einen Kuss verflog und ich drehte mich schlagartig um, ganz genau wissend, dass Jenny Recht hatte.
„Haut ab!" rief ich in die Richtung des verdunkelten Schlafzimmerfensters meiner Eltern, das zur Straße hin lag, und stellte mich so vor Jenny, dass ich sie verdeckte.
Die Vorhänge vor dem Fenster bewegten sich und das minimal angelehnte Fenster öffnete sich einen Spalt breiter. Wir konnten Stimmen zischen hören bis es letztendlich eindeutig Katrin war, die rief, „Ne, ne, das Blatt wendet sich!" Und ich hörte Becka weiter im Hintergrund murren, „Da siehst du wie das ist."
„Ja, haha," lachte ich alles andere als amüsiert und betonte dann, „Jetzt geht!"
Das Fenster blieb immer noch verdunkelt, der weiße Vorhang bis auf ein kleines Stück zugezogen und ich konnte nur Umrisse von meiner Schwester, Katrin, erahnen, als sie rief, „Jetzt sei kein Spielverderber, Emma!"
Ich spürte Jenny näher hinter mich treten und sie zupfte an meinem Reißverschlusspulli, während sie sich zu meinem Ohr lehnte und leise fragte, „Was meinen sie denn?"
„Ach nichts," sagte ich etwas grob, woraufhin Jenny meinen Pullover losließ und vorsichtig nachhakte, „Okay?"
Ich stöhnte, als ich schnell bemerkte, dass ich meinen Ärger deplatziert hatte, griff nach ihrem Handgelenk, um sie abzuhalten einen Schritt wegzumachen, und drehte mich zu ihr um.
„Vielleicht, ähm," Ich schaute zu Boden und erklärte verlegen, „Also wir haben das anfangs gemacht bei Katrin und Karsten, und dann eigentlich immer bei Becka."
„Emma!" sagte Jenny gespielt entsetzt und stieß mit ihren Fingern gegen meinen Arm, während sie belustigt grinste. „Ich wusste ja gar nicht, dass du ein Spanner bist."
„Und wie!" kommentierte Katrin aus dem Fenster auf der anderen Straßenseite und brachte mein Blut erneut zum kochen. „Halt die Klappe!" rief ich zu ihr hinüber und wandte mich wieder schnell Jenny zu, um zu retten, „Quatsch, Katrin hat da immer drauf bestanden. Als Rache für damals. Die hat da voll den Spaß dran - wie du siehst." Ich fasste mir ein wenig verzweifelt an meine Stirn und rieb sie, während ich murmelte, „Tut mir leid."
„Ist schon gut," sagte Jenny und zuckte mit ihren Schultern. „Ist doch lustig."
„Ne, gar nicht. Kompliziert," widersprach ich ihr und ließ mit einem weiteren Stöhnen meine Hand von meinem Kopf fallen. Das war es dann wohl jetzt mit schöner, ruhiger Verabschiedung in Zweisamkeit und ich fragte deshalb entschuldigend, „Ich ruf dich morgen an?"
„Okay," nickte Jenny und murmelte dann dunkel, und so was von sexy, mit einem ihrer ungezogenen Grinsen, „Kann kaum drauf warten." Ich biss meine Zähne zusammen und versuchte zu ignorieren wie sie mir wieder näher kam und wie ihre Augen mich anblitzten.
Machte sie das jetzt extra? Verdammt, ich wollte sie küssen.
„Jetzt lasst schon was sehen!" rief Katrin ungeduldig hinter mir und machte damit den Moment kaputt in dem wir uns angesehen und nicht wirklich voneinander lösen hatten können, und diesmal war es nicht nur ich, die leise und unzufrieden stöhnte.
Jenny schnaufte kurz durch, bevor sie erneut hinter mich schaute. Ihre Augen verengten sich kurz - das taten sie immer, wenn sie einen spontanen Entschluss fasste, und ich schluckte, als sie mit ihren Augen weiterhin herausfordernd zum Fenster gerichtet, den letzten Schritt auf mich zuging und sich zu mir lehnte.
Ich spürte wie ihr Atem näher kam, wärmer wurde, ihre Hand sich um meinen Biceps schloss, ihr süßlicher Geruch langsam meine Sinne trübte und schließlich küsste sie mich, sanft, auf meine Wange. „Bis morgen."
Mein Herz klopfte wie wild. Ich war mir nicht sicher gewesen was sie vor hatte - ob sie mich jetzt vor meinen Schwestern provokant küssen würde, um ihnen die Sprache zu verschlagen und sie damit hoffentlich erfolgreich zum Schweigen zu bringen. Gepasst hätte es sicher zu ihr und ich glaube, ich hätte mich nicht dagegen gewehrt - wehren können! Aber das hatte sie ja nicht getan, weil sie wohl wusste, dass ich das nicht gewollt hätte.
Als Jenny sich zurücklehnte lächelte sie mich an, so als ob sie genau wusste durch was für eine Achterbahnfahrt sie mich da gerade geschickt hatte. Erstaunt über die Intensität des Auf und Abs, welches sie mich immer wieder zu durchleben vermochte, und berührt von ihrer Handlung, hob ich meine Hand, fasste an die Stelle, an der sie mich gerade auf meine Wange geküsst hatte, und erwiderte leicht weggetreten und leise, „Bis morgen."
„Boooo!" kam es plötzlich von den Zuschauerrängen hinter uns und ich schloss meine Augen und schüttelte meinen Kopf. Jenny grinste allerdings nur amüsiert und winkte zu dem dunklen Fenster, während sie die Tür zu ihrem Auto hinter sich öffnete. „Bis morgen, Emma. Und vergiss nicht mich anzurufen," sagte sie noch einmal und setzte sich dann in ihren Wagen, startete ihn und fuhr weg.
Als ob ich vergessen könnte sie anzurufen.
Als die roten Rücklichter des schwarzen VWs die Straße verließen und in die linke Richtung abbogen, drehte ich mich zurück zu meinem Haus und funkelte meine Schwestern an, die jetzt nebeneinander am offenen Fenster standen und sich herausgelehnt hatten, um Jennys Auto auch nachzuschauen.
Katrin grinste mich unschuldig an, während Becka noch mit gerunzelter Stirn in Richtung dem eben verschwundenen Auto blickte. Meine Augen verfinsterten sich. Ich würde sie jetzt töten.
Entschlossenen Schrittes ging ich rasch Richtung der angelehnten Haustür, woraufhin sich Katrins Augen schnell weiteten. Sie schubste Becka zur Seite und schloss schnell das Fenster, um sich wohl fix aus dem Staub zu machen.
Ich beschleunigte meine Schritte, stieß die Haustür auf und erwischte die Beiden rechtzeitig im Flur, um sie abzufangen. Katrin duckte sich schnell hinter Becka, die als sie mich auf sich zukommen sah dort feste wie ein Fels in der Brandung stand und mich unerschütterlich und durchdringend ansah.
„Denk erst gar nicht daran mich anzufassen," sagte sie warnend und haute mich mit ihrem kalten Ton so was von aus der Bahn, dass sie mich erfolgreich ein paar Schritte vor ihr zum stehen kommen ließ.
Katrin schaute überrascht zwischen uns her, erkannte aber dann die Gelegenheit aus der Situation ungeschoren davon zu kommen und ging zwischen uns hindurch, während sie in Richtung Wohnzimmer rief, „Schatz, wo bist du? Emmas Herzblatt ist weg, wir können gehen!" - was die Situation erfolgreich auflöste.
„Nicht so schnell," rief meine Mutter aus dem Wohnzimmer zurück und wir hörten wie ein Stuhl zurückgeschoben wurde. „Wir haben da doch noch einiges zu reden."
„Ach verdammt," murmelte Katrin und ließ ihren Arm sinken, mit dem sie schon bereit gewesen war die Jacken von der Garderobe zu nehmen. Sie drehte sich zu uns um und zwinkerte, „Ich hatte gehofft sie hat es vergessen."
„Wohl kaum," sagten Becka und ich im Einklang und es war komisch nun mit ihr übereinzustimmen, wo sie mich eben doch noch so angefahren hatte. Ich schaute zur Seite zu ihr, doch sie machte es sich wohl zur Aufgabe mich zu ignorieren.
„Ach, keinen Bock auf Zukunftsgelaber und was für mich in den Sternen steht oder so," stöhnte Katrin und drehte sich zurück zu uns um. Sie sah von Becka zu mir und ihre Stirn legte sich kurz in Falten, bevor sich ein seichtes, aufmunterndes Lächeln auf ihren Lippen abzeichnete und sie es mir zuwarf. „Sie scheint gar nicht so doof zu sein wie du meintest, und hübsch ist sie auch noch," kommentierte sie bestärkend. Sie trat zu mir und drückte meinen Arm, bevor sie einen kurzen Kuss auf meinen Kopf platzierte und sich dann bereitwillig ins Wohnzimmer begab, bevor meine Mutter die Tür erreichen konnte. „Mehr erzählst du mir später, ja?"
Als Katrin verschwand, schaute ich Rebecka an und fragte, als diese darauf nicht reagierte, leise und verwirrt, „Becki?"
„Ach," sagte diese und schüttelte ihren Kopf, bevor sie sich zur Treppe wandte und sich am Geländer hochzog. „Mach halt was du willst."
Ich schaute ihr verwundert hinterher, als zu meiner rechten auf einmal die Stimme meiner Mutter sprach, „Emma, guckst du das Niklas auch wirklich im Bett ist?"
Ich drehte mich zu meiner Mutter um, die jetzt in der Wohnzimmertür stand und mich erwartungsvoll anschaute.
„Ja," sagte ich automatisch. „Ja, ist gut."
Meine Mutter nickte, musterte mich und sagte dann, „Wir … wir reden später, okay?"
Ich schaute sie überrascht an. Sie wollte mit mir reden? Seit wann das denn?
Auf ihren persistierenden, fragenden Blick hin schluckte ich kurz, aber nickte.
Als sich die Wohnzimmertür hinter meiner Mutter schloss, hörte ich, wie sich die meiner Eltern leise hinter mir öffnete und wandte mich um, um meinen kleinen Bruder wach und putzmunter hinter mir zu entdecken.
„Psst," flüsterte er und schlich sich langsam zu mir. „Ne, ich bin noch nicht im Bett. Aber sag nichts."
„Wa-" Ich sah ihn entgeistert an und deutete zurück zum Zimmer meiner Eltern. „Hast du etwa?"
Niklas war noch nie dabei gewesen, er war immer noch zu jung oder das Ende eines Dates viel zu spät gewesen, um für ihn noch wach zu sein.
„Ihr habt euch gar nicht geküsst," sagte mein Bruder und verschränkte die Arme, während er seinen Kopf schüttelte. „Voll die enttäuschende Show."
Ich schaute ihn an, das war gerade alles zu viel und so bekam er es ab. „Nik, bei drei bist du oben oder ich geh zu Mama," sagte ich streng. Er bewegte sich nicht und schaute mich nur komisch an, so als ob er nicht verstand warum ich sauer sein oder er etwas falsch gemacht haben könnte.
„Eins," Augenrollend drehte er sich um und trödelte entlang dem Flur zur Treppe, während er vor sich hin sprach, „Katrin hat gesagt, wir würden uns was interessantes ansehen anstatt ins Bett zu gehen." Also manchmal, da könnte ich meine älteste Schwester killen. Mit knirschenden Zähnen übersprang ich eine Zahl und landete sofort bei, „Drei."
Als er sich immer noch nicht schneller bewegte, ging ich hinter ihm her und machte ihm Beine. „Drei, habe ich gesagt." Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, da musste er jetzt nicht auch noch irgendwelche Faxen veranstalten.
Am Ende des Tages war mein Zuhause wie immer – ein reines Chaos.
