Coming Out - Part 12

Das Blatt wendet sich - Abschnitt 3

Warten.

Es waren bereits fast zwei Stunden vergangen seit dem meine Mutter eines ihrer Gespräche, welches sie mit mir führen wollte, angekündigt hatte. Anscheinend kam Katrin nicht mal so eben davon, wie sie gehofft hatte. Das tat allerdings nicht nur ihr nicht gut, sondern mir auch nicht.

Ich hatte Niklas ins Bett gesteckt, meine Schulsachen für Montag schon gepackt und dann missmutig festgestellt, dass es nichts mehr zum Aufräumen gab, nachdem ich heute morgen alles tip top für Jenny hergerichtet hatte. Also machte ich mich bettfertig und gab zuletzt dem Drang nach Jenny anzurufen und sie über den neusten Stand der Dinge zu informieren - meine Mutter wollte jetzt reden.

„Keine Ahnung was ihr Problem ist," sagte ich mitten im Gespräch und schaute aus der liegenden Position in meinem Bett zur Decke. „Naja, ich meine, es ist ja nicht so, als ob wir zuletzt die innigste Beziehung überhaupt zueinander gehabt hätten, aber..."

„Weh tut es schon," ergänzte Jenny ruhig.

„Mach halt was du willst," wiederholte ich die Worte von Becka angespannt und seufzte missmutig. „Was heißt das denn bitte?"

„Ich weiß nicht. Aber steckt doch schon irgendwie etwas Fürsorge drinnen, oder?" fragte meine irgendwie immer Bescheid wissende Freundin und schlussfolgerte, „Ganz egal ist es ihr ja dann doch nicht."

„Ach, keine Ahnung," murrte ich und zog meine Bettdecke enger um mich. „Sie war total abweisend und komisch. Findest du nicht?" Bei einem dumpfen Geräusch, dass ich als die sich öffnende Wohnzimmertür identifizierte, spitzten sich plötzlich meine Ohren und ich unterbrach Jenny noch bevor sie antworten konnte. „Oh, du ich muss auflegen. Meine Mutter kommt gleich in mein Zimmer."

„Woher willst du das denn wissen?" fragte Jenny.

„So etwas weiß man doch. Ich glaube ich kann dir so ziemlich in jedem Augenblick von den Geräuschen her sagen, wo sich wer gerade aufhält. Du nicht? Zuhause?"

Ich hörte die dritte Stufe der Treppe knarren und berechnete in meinem Kopf wie lange ich noch ungefähr hatte, während Jenny am anderen Ende der Leitung weitersprach und überlegte, „Hmm... kann sein. Wenn ich drauf achte?" Sie lachte kurz. „Weißt du, nachts, an meinem Geburtstag da..."

„Du, tut mir leid," unterbrach ich sie mit ansteigenden Puls, als meine Berechnungen klar voraussagten, dass die Zeit für eine Geschichte sicher nicht mehr reichen würde. „Erzählst du mir das wann anders?"

„Ja, klar. Sorry," lenkte Jenny schnell ein. „Viel Glück und entspann dich, das wird bestimmt nicht..." Es klopfte dreimal sachte an meiner Tür, so dass ich schnell und leise, „Ich muss wirklich. Tut mir leid. Tschau." in mein Handy zischte, bevor ich mit schlechtem Gewissen auflegte, diesmal ohne auf eine Antwort zu warten.

Ich ließ das Handy gerade unter meinem Kopfkissen verschwinden, als die Tür leise einen Spalt breit aufging und meine Mutter in mein dunkel beleuchtetes Zimmer spähte. Nur meine Nachttischlampe hatte ich noch angelassen, nachdem ich mich ins Bett gelegt und Jenny angerufen hatte.

„Gut, du schläfst noch nicht," sagte meine Mutter sanft, als sie mich halb sitzend, halb liegend im Bett erblickte und meinen erwartungsvollen Blick traf. Sie öffnete die Tür ganz, während ich meine Beine zu meinem Körper anzog und mich höher im Bett schob. „Wie denn?"

Meine Mutter nickte und ließ ihre Hand von der Türklinke gleiten. „Ich verstehe."

Sie drehte sich um, schloss die Tür leise hinter sich und kam langsam auf mein Bett zu.

„Ist mit Katrin alles okay?" fragte ich, als ich ihre verspannte Mimik musterte. Ihre grün-braunen Augen schienen ein wenig dunkler als sonst und ihre Stirn lag seicht in Falten, ihre Lippen eine gerade Linie.

„Ja. Ja, sicher," entgegnete sie mir ruhig, wenn auch irgendwie aufgewühlt, und setzte sich auf den Rand meines Bettes in Höhe meiner Taille. Die Matratze senkte sich bei ihrem Gewicht und ließ mich näher zu ihr gleiten. „Mach dir keine Sorgen. Meine Kinder wollen mich nur so schnell wie möglich grau auf dem Kopf machen."

Als mein Gesicht sich wohl ein wenig angegriffen verfinsterte, zuckten ihre Mundwinkel leicht nach oben. „Kein Spaß, hier schau."

Als Spaß hatte ich das ja auch gar nicht verstanden! Aber jetzt schmunzelte sie mir zu und lehnte sich zu mir hinüber, eine ihrer braunen Strähnen zwischen den Fingern haltend und tatsächlich konnte ich drei oder vier graue Haare erkennen.

Ich sah die paar grauen Härchen wie gebannt an und fragte schließlich, plötzlich unsicher und schuldbewusst, „Machen wir das?"

Sie lehnte sich zurück und ließ die Haarsträhne los, so dass sie zurück gegen ihre Wange fiel und sich bis zu ihrem Kinn hervorstreckte. „Am Ende meist nur im guten Sinne," sagte sie ruhig. „Weisheit und das alles."

Ich nickte und verstand, oder hoffte zu verstehen, dass sie mir nicht böse war und sie vielleicht eingestehen musste, dass sie mir mit ihrer Reaktion mir gegenüber an diesem einen Abend und dem darauffolgenden Schweigen nicht ganz gerecht geworden war. Vielleicht hatte Jenny Recht und sie hatte ihre Zeit gebraucht, um zu sehen und zu verstehen, dass mit Jenny zusammen zu sein nichts Falsches war.

„Ich weiß, wir müssen reden," sagte meine Mutter bei meiner nachdenklichen Stille und legte ihre Hände in ihren Schoß. „Emma, ich..." Sie seufzte und schloss ihre Augen für einen Moment, bevor sie mich anblickte. „Mir tut es leid, dass ich dich so habe auflaufen lassen letztens. Aber du hast mich echt unvorbereitet, auf dem falschen Fuß erwischt."

Ich atmete mit Erleichterung ein und nickte verständnisvoll, um sie zum weiter reden zu ermuntern.

„Ich war … In dem Moment war mein Kopf recht leer. Der Tag war eh schon nicht so gelaufen wie ich dachte und ... Ich wusste einfach nicht wie man reagiert." Sie schüttelte ihren Kopf und zuckte ihre Schultern. „Wie reagiert man denn darauf? Ich weiß es nicht. Ich ..." Sie seufzte erneut, rieb ihre Hände in ihrem Schoß und gab mit gesenktem Kopf zu, „Mir fällt das schwer."

Sie wurde ruhig und als ich dort diese Öffnung zu ihr sah, setzte ich mich in meinem Bett auf, streckte meine Hand nach ihrer aus und zog sie aus ihrem Schoß in meinen.

Sie blickte überrascht, aber berührt zu mir.

Das war sicher mega schwierig für sie das zuzugeben und ich war einfach nur so glücklich, dass sie sich endlich entschlossen hatte mit mir darüber zu reden. Ihre Hand war kühl in meiner und ich ließ meinen Daumen über ihren Handrücken gleiten in der Hoffnung sie ein wenig anzuwärmen, während ich die Frage stellte, die auf meiner Zunge brannte, die mir Tränen in die Augen zu jagen drohte, und deren Antwort eine gewisse Wahrscheinlichkeit hatte mich bis ins tiefste zu verletzen.

„Warum?"

Meine Mutter atmete erschwert aus. Sie drückte meine Hand, bevor sie sie mir dann zurück auf meinen Bauch legte und losließ. Sie sammelte neue Luft, wandte sich ab und fing an eher in den Raum hinein zu sprechen, anstatt zu mir.

„Ich habe nachgedacht, und ich denke, ich kann das einfach nicht verstehen. Ich kann nicht nachvollziehen warum du … warum solltest du eine Frau mögen? Das macht für mich einfach keinen Sinn. Ich meine, das ist doch nicht der Sinn, oder? Der Sinn ist doch, dass du einen Mann findest, mit dem du glücklich bist, mit dem du Kinder bekommen kannst, wo es eine Zukunft gibt."

„Aber Mama, ich bin glücklich," unterbrach ich mit etwas erhobener Stimme, in der Hoffnung ich könnte zu ihr durchdringen und ihre Aufmerksamkeit zurück auf mich lenken.

„Ja," sagte sie, so als ob sie diesen Part schon irgendwie verstanden hatte, fuhr aber dann fort, „Das verstehe ich aber nicht. Tut mir leid."

Ihr Blick blieb hinab in ihren Schoß gerichtet und nun war ich verwirrt.

„Ich will keinen Mann und ich will auch keine Kinder," versuchte ich es ihr zu erklären, stockte dann aber schnell, als der Gedanke durch meinen Kopf ging. „Also jetzt zumindest, glaube ich. Außerdem, wenn wir wollten, dann könnten wir später ja sicher adoptieren oder da gibt es bestimmt auch schon andere Möglichkeiten heute."

Bei diesem Einwand blickte meine Mutter zu mir, wie vielleicht, wenn man ein neues Wort lernt, als ob sie daran noch gar nicht gedacht hatte. Aber ich meine, da hatte ich ja selber noch nicht einmal dran gedacht - Kinder mit Jenny? Wir waren noch in der Schule, und wir hatten ja noch nicht ein mal miteinander ...

Bevor ich dem Gedanken jedoch weiter nachgehen konnte, sagte meine Mutter neu gesammelt, „Ja, vielleicht. Aber du musst doch sehen, dass du da einen Weg wählst, der viel komplizierter ist."

„Aber darum geht es doch nicht," argumentierte ich und setzte mich nun komplett im Bett auf, als ich ihr zu verstehen geben versuchte, „Mama, ich hab's versucht. Ich wollte nicht so sein. Aber ... Aber ich denke, ich bin so."

Meine Mutter strich sich eine braune Haarsträhne hinter ihr Ohr, bevor sie überlegt antwortete, „Das bezweifle ich ja nicht einmal. Das es so etwas gibt."

„Das es so etwas gibt?" wiederholte ich ihre Worte langsam. „Irgendwo da draußen, meinst du?"

Ich wurde langsam wütend, dass sie davon sprach, als ob es mich nicht betraf. So wie sie alle heute Abend meine Beziehung zu Jenny nach meinem Gefühl eher abgetan hatten und nicht als das gesehen und verstanden hatten, was es für mich war - das Wichtigste. Etwas das mich jetzt ausmachte. Denn da war eine Person, die mich mehr als mochte, und die ich mehr als mochte. Und das Alles, das war doch so ein Glück. Ein Glück von dem ich nie wirklich zu träumen gewagt hatte. Wo ich nie inständig dran geglaubt hatte, dass mir das mal passieren würde, dass ich ein Kribbeln in der Brust kriegen könnte, wenn mir jemand nur eine simple SMS schrieb, und ich wie blöd Lächeln könnte, wenn ich nur an diese Person dachte. Dass ich genauso übergeschnappt und durchgeknallt sein könnte, wie alle anderen Mädchen auch, wenn es um jemand anderen ging. Dass ich in dem Bezug doch so sein könnte, wie alle anderen Mädchen auch. Und das nur … und das nur, weil Jenny ein Mädchen war. Eine Frau.

„Hier geht es aber nicht um irgendwen da draußen, Mama," fuhr ich bestärkt fort. „Sondern hier geht es um mich und ich bin - Ich bin lesbisch und das kannst du auch ruhig sagen!" Ich war selber überrascht über meine plötzliche Lautstärke und darüber mich auf einmal so klar vor meiner Mutter zu definieren. Aber anscheinend musste das ja sein, um es in ihren Kopf zu kriegen, und in diesem Augenblick fühlte es sich richtig und so wahr, wie noch nie zuvor, an.

„Emma, ich will dich gar nicht vom Gegenteil überzeugen," beschwichtigte mich meine Mutter und legte plötzlich ihre Hand auf meinen Oberschenkel. In die Augen schauen konnte sie mir dann aber nicht mehr, als sie fortfuhr, „Ich sage nur, dass ich das nicht nachvollziehen kann so zu fühlen und wie du glücklich damit sein kannst und dass es anders einfacher wäre - für alle."

„Aber ich bin glücklich damit," versuchte ich es ein allerletztes mal verzweifelt. „Ich bin glücklich mit Jenny. Wir lieben uns. Kannst du das wirklich nicht verstehen? Kannst … kannst du nicht auch glücklich für mich sein?"

Meine Mutter strich mit ihrer Hand über mein Knie und drückte es für einen Moment.

„Ich versuche es. Okay, mein Schatz?" sagte sie und sah mich erwartungsvoll an.

Worte - Sie fühlten sich leer an, und ihre Berührung nur eine Überspielung, eine Kaschierung dieser Leere. Sie verstand mich einfach nicht. Konnte nicht, wollte nicht – letztendlich war es egal, was von beiden, denn diese Lücke war da.

Als ich nicht antwortete, streckte sie ihre Hand nach mir aus und strich mir ein paar meiner kurzen Haare von meiner Stirn nach hinten. Jedoch drehte ich meinen Kopf zur Seite, um sie davon abzuhalten - Das war mir einfach nicht gut genug!

Anstatt jedoch ihre Hand wegzunehmen, ließ sie sie runter zu meiner Wange gleiten, nahm dabei unbeabsichtigt eine leise Träne mit und lehnte sich nach vorne, um nun einen kleinen Kuss auf meine Schläfe zu drücken, welche ich ihr durch das Abwenden meines Kopfs offen präsentiert hatte.

„Ich bin es doch am versuchen..." hauchte sie leise, während die Schwere ihres Kopfes seitlich gegen meine Stirn fiel und ihr Atem, ihr Geruch und ihre Wärme – so angenehm und Zuhause – mich unverhofft in ihren Bann zogen und das wohl tiefste, älteste und meist verwurzelte Wort in meinem Kopf hervorholte.

Mama.

Meine Augen brannten.

Wie konnte ich da nein sagen?

Sie war es ja wirklich am versuchen, oder?

Ihre Stirn war warm gegen meine, und ich machte meine Augen zu, um ein bisschen in ihrer Aura, die sich wie eine warme Decke um mich legte, zu versinken - Ich war wieder fünf und wollte hier nie wieder weg. Ich schluckte, als ich realisierte, dass sie mich außer an meiner Stirn gar nicht berührte und es sich trotzdem anfühlte als hielte sie mich ganz feste. Eben so als wolle sie mich auch nie wieder loslassen.

Ich drehte mein Gesicht zu ihr, so dass für einen Moment unsere Augen - ihre holzig-grün und meine ein Mix von diesem und dem hellen Braun meines Vaters, nur vier oder fünf Zentimeter voneinander entfernt waren, während wir uns ansahen. Mutter und Tochter. Irgendwie so gleich und doch so verschieden. So verbunden und doch so weit entfernt.

Das musste eben gut genug sein.

Eine Entschlossenheit legte sich in mein Blut. Der stille Austausch hatte mich eine Stärke finden lassen. Durchsetzungsvermögen. Ihr lag etwas an mir, sie wollte mich nicht verlieren und sie schien diese Entschlossenheit zu spüren, denn sie lehnte sich abwartend zurück, bevor ich unanfechtbar forderte, „Ich will, dass du sie magst."

Meine Mutter blinzelte bei meinem Blick, aber nickte.

Ruhig legte sie ihre Hände zurück in ihren Schoß.

„Ich fand ... Sie ist ..." Sie schaute nachdenklich zur Seite, bis sie schließlich ein Wort gefunden zu haben schien, das sie für angebracht hielt. „Auf eine Art beeindruckend. Als sie reinkam oder auch von dir redete - sie wollte überzeugen. Keine Kompromisse, verstehst du, was ich meine? Sie weiß so ziemlich was sie will, oder?"

Überrascht, was sie da erfasst hatte, lehnte ich mich zurück in mein Kissen und konnte nichts dagegen tun, als bei ihrer Beobachtung, mir sofort mehrere passende Bilder von Jenny durch den Kopf schossen.

Ich bin verknallt. In dich. Ziemlich heftig sogar. Ich will nur, dass das klar ist."

„Wir fordern die Aufhebung der Schülereinteilung in A und B Klassen."

Glaubst du echt, ich habe noch Bock mit dir zusammenzuarbeiten, nachdem was zwischen uns passiert ist?"

Wenn du mit mir zusammen sein willst, dann ziehen wir das zusammen durch."

Kindergarten ist das, da bin ich mir zu Schade für."

Alles was ich mir wünsche, ist mit dir zusammen zu sein."

Ich musste lächeln bei all diesen verschiedenen Erinnerungen von Jenny, die doch alle eins gemeinsam hatten - klare Ansagen. Ich schaute auf und stimmte meiner Mutter guten Gewissens zu.

„Ja, das tut sie. Sie weiß was sie will."

„Naja," Meine Mutter lehnte ihren Kopf zur Seite, als sie mich ansah, und sich langsam vortastete mit, „Das ist ja schon einmal nichts Schlechtes."

„Nein," gab ich ihr erneut Recht und sah sie abwartend und ein wenig ungewiss an. Weil was das ganze jetzt bedeuten sollte, war ich mir nicht ganz sicher. Ich spürte wie meine Stirn sich in Falten legte. Mochte sie sie jetzt oder … oder nicht?

Meine Mutter fing auf einmal erneut an zu schmunzeln, genauso wie nachdem ich mein Gesicht verzogen hatte, nachdem sie gespaßt hatte, dass wir ihr graue Haare machen würden.

„Ich werde sie jedenfalls nicht rausschmeißen, wenn sie noch einmal vorbeikommt, falls es das ist, was dich beunruhigt," sagte sie ernst, doch gleichzeitig verschmitzt, und sah mich neugierig, meine Reaktion abwartend, an.

Ich musste ungewollt lächeln. Ja, das beruhigte mich wirklich. Auch wenn sie wahrscheinlich niemals irgendjemanden herausschmeißen würde, der zu Besuch käme. Dafür war sie einfach zu herzlich. Aber das musste jetzt doch zumindest heißen, dass sie Jenny tolerierte, wenn nicht sogar akzeptierte, oder?

Meine Mutter lächelte zart und strich mir erneut durch die Haare. „Ich will dich nicht verändern. Das weißt du doch, oder? Man verändert kein Mosaik. Das zerstört das ganze Stück."

Ich nickte und sprach die kölsche Weisheit, die Opa oft sagte, wenn uns irgendjemand querschoss und wir die Person nicht verstanden. „Jeder Jeck ist anders."

„Genau. Das ist ja..." Sie seufzte und schaute kurzweilig zur Seite, als sie leiser fortfuhr, „Das ist ja gerade das Besondere."

Ein Moment verging, in dem ich hoffte irgendetwas würde sich da noch in ihr tun, doch dann schüttelte sie ihren Kopf, so als ob sie irgendwelche Gedanken abschütteln wollte. Sie drehte sich zurück zu mir und sagte, „Jetzt schlaf. Sonst schläfst du mir bis in den Mittag. Dabei wollte ich dich morgen früh mit zu Oma Hanne nehmen."

Als ich sie fragend ansah, ergänzte sie, „Opa braucht wohl mal einen Tag frei von ihr und meine Mutter hat ihn zu einer Rheintour überzeugt mit dem Schiff, und zurück zu Fuß." Sie rollte ihre Augen, denn sie mochte nicht wenn die beiden große Touren machten. Da würden sie doch langsam zu alt für werden. Wirklich machte sie sich nur Sorgen, dass etwas passieren könnte.

„Das wollen sie dann morgen machen."

„Oh, okay," sagte ich, und willigte damit ein meinen Sonntag mit meiner Oma zu verbringen, welche vor einiger Zeit mit Demenz diagnostiziert worden war, und versprach meiner Mutter somit ihr Hilfe und Gesellschaft zu leisten, falls Oma Hanne einen schlechten Tag haben würde.

Lieber wäre ich natürlich mit Jenny in die Stadt oder ins Kino gegangen, doch ich wusste, dass meine Mutter auf mich zählte. Rebecka tendierte neuerdings dazu launisch zu sein, Katrin hatte ihre eigene Familie, Niklas war zu klein und aufgedreht und Papa fiel es immer schwerer über längere Zeit bei seiner Mutter zu bleiben. „Ich komme gerne mit."

„Gut," lächelte meine Mutter zufrieden. Sie lehnte sich zu mir hinüber und drückte mir einen Kuss auf die Stirn, während sie murmelte, „Dann Gute Nacht." Als sie zurückwich strich sie mir noch einmal begutachtend übers Gesicht und murmelte in Gedanken, „Tief wie die Ems."

Ich schloss meine Augen und ließ das Gefühl der Wertschätzung und Liebe in ihren Berührungen durch mich ziehen. Tief wie die Ems - das sagte sie öfters, wenn ich etwas tat, was sie überraschte. Besonders als ich jünger war. Zuvor hatte es mich immer gut und ein wenig stolz und überlegen fühlen lassen, als wäre ich ein tiefes, verwobenes Rätsel, dass sie nicht vermochte zu lösen. Jetzt fühlte es sich zwar immer noch irgendwie gut an, zusammen mit ihrer Berührung, aber jetzt, für das erste Mal, sah ich das Hindernis darin ein Rätsel zu sein. Als ich darüber nachdachte, wie es sein musste sein eigenes Kind nicht zu verstehen, gab sie mir ein letztes Lächeln, knipste meine Nachttischlampe aus und hüllte somit mein Zimmer in Dunkelheit.

Ich fühlte wie ihr Gewicht die Matratze verließ und lauschte dem Rascheln ihres Kleids, während sie durch die Dunkelheit hindurch zu meiner Tür schritt. Als sie diese öffnete, schaute ich ihr nach, und rief schnell, bevor sie das Zimmer verlassen würde, „Mama?"

Der Schein der Flurlampe hüllte sie in Licht, als sie in der halb offenen Tür stand und sich zurück zu mir umdrehte. Sie nahm die äußere Türklinke in ihre Hand und fragte offen und gespannt, „Ja?"

„Ich..." Ich atmete tief durch, doch meine Stimme wurde trotzdem dünner bei dem Berg an Gefühlen in meiner Brust. „Ich hab dich lieb."

Sie lächelte, drückte ihre Lippen aufeinander und ich glaubte eine Träne auf ihrer Wange aufglänzen zu sehen, als sie sich im Schein des Lichts bewegte. „Ich dich auch, Emma. Einmal um die Welt."

Sie wechselte ihr Gewicht von einem Bein aufs andere und küsste dann ihre Hand, bevor sie die Tür schloss. „Schlaf schön."

Ein wenig entspannter als zuvor, ließ ich mich zurück in mein Bett sinken, und das letzte was ich noch tat, bevor ich mich zum schlafen umdrehte, war eine SMS zu schreiben. Schließlich war ich verantwortungsbewusst und hatte eine sich immer Sorgen machende Freundin.

Alles gut. Ruf dich morgen an.

Schlaf schön :-*

Emma