Carlisle
Den Begriff "Die Ruhe vor dem Sturm" sollte Carlisle am eigenen Leib erfahren. Die Sonne war bereits aufgegangen, seine Schicht würde bald beginnen und er sollte sich eigentlich schon langsam zurecht machen, und dennoch fand er es nicht möglich aufzustehen. Vermutlich lag es der 60 kg schweren Gestaltwandlerin, welche irgendwann um Mitternacht herum ihren Polster verloren hatte und nun auf ihm lag. Nicht, dass er etwas dagegen hatte.
Im Gegenteil.
Carlisle schloss die Augen und atmete genüsslich ein. Ihr Duft, gemischt mit der Wärme ihrer Haut und dem engen Kontakt waren vereinnahmend und er hätte nichts dagegen, noch einige Stunden oder Tage so zu verbringen.
Ihr gleichmäßiger Herzschlag war hypnotisierend und Carlisle ließ seine Gedanken ruhen. Zumindest bis zu dem nervtötendem Klingeln. Unglücklich warf er einen Blick auf das verhasste Gerät und bemerkte, wie Leah langsam aufwachte. Offenbar war sie noch im Halbschlaf, denn sie drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge und atmete tief ein. Normalerweise war Carlisle etwas empfindlich was seinen Hals anging, deshalb durfte bei seinen Outfits Schals nie fehlen. Er fühlte sich sicher wenn er ihn verstecken konnte, vermutlich hatte das was mit der Sichelförmigen Narbe die er seit über 300 Jahren am Hals trug zu tun.
Doch bei Leah zuckte er nicht einmal. Das Klingeln verstummte und Carlisle beobachtete, wie Leah wieder langsam einschlief. Ihr Herzschlag verlangsamte sich erneut und sie stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Erneut ließ er seine Gedanken abdriften, als das Klingeln erneut ertönte. Diesmal spürte er eine Hand, welche unkoordiniert nach dem Wecker griff. Als Leah die Uhrzeit sah, war sie hell wach.
Er konnte ihren Herzschlag hören, wie er wie ein Fluss während der Flut anschwoll und war schockiert, wie schnell sie sich durch den Raum bewegte. Sie stieß einige Fluchworte aus und rannte aus dem Zimmer. Er hörte wie sie in Seths Zimmer stürmte und versuchte ihren Bruder aufzuwecken.
Ratlos stand er auf und griff noch einmal auf die Stelle, auf der Leah vorher gelegen war. Anders wie sein Abdruck war ihrer noch immer Warm von ihrem Körper und Carlisle war versucht, sich noch einmal hinzulegen als er erneut Flüche hörte. Schließlich folgte er der wütenden Stimme und hörte Leah, wie sie Seth einen Anzug raussuchte und dieser sich beschwerte, dass er Hunger hatte. Sofort erkannte er die Chance sich nützlich zu machen und verschwand in der Küche, zwar hatte Esme immer für die Versorgung der menschlichen Gäste, überwiegend Bella, gesorgt, aber er konnte es ebenfalls versuchen.
Der Gedanke an Esme schmerzte zwar immer noch, aber er konnte das Gefühl kaum fassen, da bereits das Geschwisterpaar in die Küche stürmte. Seth hüpfte auf einem Bein und versuchte das andere gerade in das Hosenbein des Anzugs zu manövrieren.
Leah dagegen trug immer noch ihren Pyjama und stopfte diverse Mappen und Blätter in Seths Rucksack. Schließlich stürmten beide raus und er hörte die Autotür auf und zu gehen. Für einen Moment war stille.
"Carlisle!"
Leahs Stimme war fragend, als ob sie sich wunderte warum er nicht auch hier war. Sofort warf er sich auf den Beifahrersitz wo er sich sogleich umdrehte und Seth mit seiner Krawatte halft. Der Junge hatte es geschafft so viele Knoten reinzumachen, dass er die gesamte Fahrt bis zur Schule brauchte um diese zu lösen und einen ordentlichen hinein zu machen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich Leah ebenfalls nach hinten beugte und Seth intensiv ansah.
"Du schaffst das."
Seth nickte bloß und wirkte weitaus weniger zuversichtlich als der Ton in Leahs Stimme. Schließlich stieg er aus und richtete erneut sein Hemd. Carlisle sah zu Leah und war für einen Moment sprachlos. Ihre Haare waren wild und ihr Pyjama wirkte deplatziert und doch war er in ihrem Anblick gefangen. Besorgt sah sie ihrem Bruder nach und wenn Carlisle Blick nicht auf ihren vollen roten Lippen gefangen gewesen wäre, hätte er sich auch nicht so erschrocken als sie auf einmal ihre Stimme erhob.
"Es ist bereits der zweite Anlauf. Wenn er das jetzt nicht schafft, dann..."
Der Satz bleib in der Luft hängen und Carlisle verstand die versteckte Nachricht darin. Nun war ebenfalls besorgt und hatte Mitleid mit dem jungen Wolf. Schließlich fand seine Hand ihre und er genoss die Wärme die durch ihn strömte. Sie stieß einen Seufzer aus und erneut blieb er auf ihren Lippen hängen.
Doch bevor er sich erneut verlieren konnte, wurde ihm bewusst, dass nicht nur Seth zu spät kam.
Bedauernd schloss er seine Augen. Der Gedanke sich nun von ihr zu trennen erschien absurd und doch wusste er, dass er nicht einfach zu Hause bleiben konnte. Gerade heute wurde mit ihm gerechnet und es wäre nicht fair gegenüber den anderen, wenn er einfach nicht kam.
"Ich sollte langsam ins Krankenhaus."
Der Ausdruck in ihren Augen machten den Gedanken einfach bei ihr zu bleiben noch verlockender aber schließlich nickte sie.
"Soll ich dich fahren?"
Kurz überlegte er. Sie wären dann länger zusammen, gleichzeitig würde es viele Fragen aufwerfen. Fragen die er sich nicht einmal selbst traute zu stellen.
Er lächelte sie an und hörte mit Genugtuung wie sich ihr Puls erhöhte.
"Nein danke, ich laufe."
Sie richtete ihren Blick wieder auf die Straße und er kam nicht umhin seinen Blick wandern zu lassen. Er fragte sich ob ihre Haut genauso zart und samtig war sie sie aussah und musste sogleich seine Augen von ihren Oberschenkeln reissen. Das waren definitiv nicht die richtigen Gedanken um eine 12 Stunden Schicht zu beginnen.
Es brauchte eine halbe Stunde bis eine Krankenschwester das Fehlen seines Eheringes bemerkt hatte. Als er ihre Frage, ob er ihn verloren hat, mit einem einfachen "Nein" beantwortete, brauchte es keine weitere bis die gesamte Station davon wusste.
Offenbar war der Ehering eine Art Schutzschild gewesen und wenn Carlisle das gewusst hätte, hätte er ihn mit Sicherheit im Dienst oben gelassen. Denn nun saß er in seinem Büro und starrte auf vier Becher Tee und zwei Becher Kaffee. Allesamt natürlich bereits kalt. Carlisle seufzte. Er bemühte sich nett und höflich zu sein und hatte Mitleid mit den Kolleginnen und dennoch zehrte es langsam an seinen Nerven.
Als es an seiner Tür klopfte und er den Duft von Kaffee und aggressivem süßlichem Parfüm bereits durch die Tür wahrnehmen konnte, raunte er auf.
"Dr. Cullen ich dachte- oh. Offenbar war ich nicht die erste mit dem Gedanken."
Peinlich berührt starrte ihn eine junge Pflegerin an und stand nun unschlüssig mit zwei Bechern in der Hand inmitten seines Büros. Er wusste zweifellos, dass der zweite Becher eine Hilfe sein sollte, um zu verweilen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Und so bedankte er sich erneut und zeigte auf einen Stapel Akten. Zumindest verstand sie den Wink mit dem Zaunpfahl sofort und stellte vorsichtig den Becher neben den anderen ab.
In ihrer Nähe war das Parfum noch stärker und Carlisle hielt unweigerlich die Luft an. Als sie aus dem Büro verschwand, riss er sofort das Fenster auf und bließ den Atem geräuschvoll aus. Gerade als er sich wieder hinsetzen wollte, klopfte es erneut an der Tür.
Nun war er tatsächlich entnervt und er stürmte zur Tür. Als er sie öffnete, schwebte immer noch die Faust der Krankenschwester in der Höhe seiner Brust. Sie sah ihn überrascht an und er war erleichtert, als er keinen Becher oder Kuchen in ihrer Hand sah.
Doch seine Erleichterung war nicht von Dauer, als er bemerkte, wer hinter ihr stand.
"Mrs. Clearwater wollte Sie sprechen, Dr. Cullen."
Er musterte die ältere Frau und stellte sofort die Ähnlichkeit mit Leah fest. Das einzige was sofort rausstach, waren ihre Augen. Sie trugen nicht das edle blau um die Pupille herum wie Leahs sondern waren eher hellbraun, wie von Seth.
Er schloss die Tür hinter ihr und bemerkte auf einmal, wie nervös er war. Ein Gefühl von dem er nicht dachte, dass es Vampire fühlen konnten.
"Sie sind also der berühmte Dr. Cullen."
