Es wurde bereits dunkel, als sich die Verlobten auf den Heimweg begaben. Sie schwiegen einander an. Jeder hing seinen Gedanken nach. Akane schwärmte trotz der ersten zaghaften und deshalb verkrampften Tanzversuche von dieser Erfahrung. Das Lied, das die Stimmung so gut wiedergab. Seine Hand auf ihrem Schulterblatt. Es durchfuhr sie ein angenehmer Schauer, weil seine Wärme auf sie überging und ganz erfüllte. Er berührte sie mit so viel Achtung und Zärtlichkeit, obwohl er so angespannt und konzentriert war. Ob es Berührungen der Liebe waren?

Ranma frustrierte es, dass er in Akanes Nähe so aus dem Konzept gebracht worden war und sich deshalb vor den Mitschülern blamiert hatte. Es kratzte auch an seinem Stolz, dass der erste Tanzversuch ihm nicht so recht gelungen war. Sollte es so weitergehen?

„Ein richtiges Powertraining wird mir einen klaren Kopf verschaffen!",

dachte er bei sich.

Wenig später kamen sie zuhause an und Ranma verschwand ins Dojo. Den restlichen Abend sah man ihn nicht mehr wieder.

Schließlich ging die Uhr auf Mitternacht zu und Akane machte sich bettfertig. Als sie im Bett lag und sich von einer Seite auf die andere wälzte, bemerkte sie, dass Ranmas Kampfschreie aus dem Dojo immer noch zu ihr durchdrangen. Warum trainierte er so hart? Hatte ihn die erste Tanzstunde derart zugesetzt? Lag es an ihr? Sie versuchte, ihn auszublenden und zu entspannen, aber es ging einfach nicht. Heute war er auch besonders laut. Zerbrach er da etwa einige ihrer Betonblöcke? Was war nur los mit ihm?

Frustriert setzte sie sich im Bett auf und machte sich auf den Weg zum Dojo. Als sie an der Küchentür ankam, machte sie halt. Was sollte sie ihm denn sagen? Schnell holte sie aus dem Kühlschrank eine Wasserflasche, um eine Ausrede zu haben, und kam vor der Dojotür zum Stehen. Plötzlich wurde sie nervös. Was wollte sie hier überhaupt? Sie wusste es selber nicht. Schon wurde sie durch einen erneuten Kampfschrei Ranmas aus ihren Gedanken gerissen. Er ging heute richtig zur Sache. Beherzt riss sie die Schiebetür auf und trat ein. Ranma war so in sein Training vertieft, dass er sie gar nicht hineinkommen sah. Als sie plötzlich mitten im Raum stand, schreckte er umso mehr zusammen.

„Was machst du hier?",

stammelte er etwas aus der Puste.

Akane wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Wie immer kam ihr nur ein schnippischer Kommentar in den Sinn, der schneller ihren Mund verließ als ihr Gehirn mitdenken konnte:

„Du bist so laut, dass ich nicht schlafen kann, du Idiot!"

„Was soll ich machen? Durch dieses alberne Getanze hab ich mein Training verpasst. Das muss ich jetzt halt nachholen, ein Problem damit, du Trampel?"

Da waren sie wieder. Aus lauter Verunsicherung konnten sie nicht anders, als sich ständig Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Warum waren sie nur so stolz? Akane atmete einmal tief durch. Bevor Ranma ihr weitere Beleidigungen an den Kopf werfen konnte, streckte sie ihm die Wasserflasche entgegen. Erstaunt doch dankbar nahm er sie entgegen und trank sie in einem Zug leer. Das Training hatte ihm doch ganz schön zugesetzt.
Wortlos deutete Akane ihm, sich mit ihr auf den Boden zu setzen.

„Ranma, was ist los?",

setzte sie entschieden zum Sprechen an.

„W-was meinst du?"

„Mit dir ist doch was. Warum solltest du sonst so maßlos mit dem Training übertreiben?",

hakte sie nach.

„Was heißt übertreiben? Das Getanze hat halt meine Trainingszeit gefressen, jetzt muss ich alles nachholen",

versuchte er, auszuweichen.

„Ist es wirklich nur das? Du bist doch sonst nicht so übertrieben in Fahrt",

ließ sie nicht locker. Sie konnte erst schlafen, wenn er ihr verriet, ob das Tanzen mit ihr wirklich so schlimm war. Während er so sinnlos herumdruckste, beobachtete sie ihn. Er sah ganz zerzaust aus. Sein Zopf war ihm halb aufgegangen, das Unterhemd von seinem Schweiß durchtränkt. Es lag ihm ganz eng am muskulösen Oberkörper an, der ganz im schwummrigen Licht des Dojos glänzte. Sie musste schwer schlucken. Schweißperlen auf seinem Schlüsselbein bahnten sich ihren Weg nach unten. Er war schon sehr heiß.

„E-es ist halt blöd, dass das Tanzen meinem Trainingsplan in die Quere kommt",

versuchte er währenddessen, sein Verhalten zu rationalisieren, was alles andere als überzeugend klang. Kurzerhand unterbrach ihn Akane mit der unerwarteten Frage:

„Soll ich dir deinen Zopf neu flechten? Der ist halb aufgegangen."

Damit hatte Ranma nicht gerechnet. Verlegen und positiv überrascht nickte er nur und kehrte ihr den Rücken zu. Diese zaghaften Körperkontakte waren es, die sie insgeheim wertschätzten. Sie gab sich besonders viel Mühe und nahm sich mehr Zeit als nötig. Ranma machte es überhaupt nichts aus. Er liebte es, wenn sie ihm die Haare flocht. Es verpasste ihm immer eine Gänsehaut, weil es sich fast so anfühlte wie eine Kopfmassage. In dieser Position wagte sie nun, ihn auf die alles entscheidende Frage zu lenken:

„Sag mal, wurmt es dich, dass unser Tanz heute nicht so gut geklappt hat? Oder liegt es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht? War ich wieder zu trampelhaft und du bist genervt?"

Ranma spannte sich sichtlich an. Sie hatte wohl ins Schwarze getroffen. Nur – was von beidem traf in seinem Fall zu? Sie ließ sich nicht einschüchtern und wollte eine Antwort.

„Ranma, ich werde dich nicht schlagen. Sag es mir ruhig, wenn ich schuld bin",

versuchte sie, beruhigend auf ihn einzureden. Ranma erstaunte es indessen, dass sie die Schuld bei sich suchte. Sie konnte ja nicht ahnen, dass es wirklich an ihr lag – aber nicht an ihrer Trampelhaftigkeit. Sie machte ihn halt verrückt, doch er konnte ihr das ja unmöglich sagen!

„So…em s-so ist es nicht, A-akane",

stammelte er verlegen.

„Was ist es dann, Ranma? Sprich mit mir!"

Was sollte er tun? Kurzerhand drehte er sich wieder zu ihr um und antwortete schnell:

„Es ist halt neu für mich ok?"

Akane verstand nicht. Was meinte er?

„I-ich bin es nicht gewöhnt, mit dir zu tanzen und dann d-ddiee ganzen….ja die ganzen Schüler. Die schauen uns ggenau äh, genau an."

Daher wehte der Wind?

„Und du kannst es nicht ab, wenn du mit mir so genau beobachtet wirst, stimmts",
half Akane ihm nach.

„Ja schon, die sind immer so neugierig. Ich hasse das. Als wären wir so Prominente",

versuchte er, ihr klarzumachen. Den Kern des Problems führte er aber nicht weiter aus. Akane dachte nach. Er wollte also ungestörter tanzen. Aber was war mit der Gewöhnungssache? Sollte sie ihn fragen? Er spielte jetzt schon so verlegen mit seinen Fingern, das würde ihn überstrapazieren. Da kam ihr eine Idee.

„Du, sag mal. Wenn du dich mehr dran gewöhnen willst und beim Tanzen ungestörter sein möchtest…",

sie wurde ein wenig rot bei dem Folgenden, das sie ihm anbot:

„…wenn du möchtest, könnten wir es ja nochmal versuchen. Hier sind keine Zuschauer, keiner der dich auslacht. Nur ich."

Meinte sie das ernst? Warum sollte er jetzt mitten in der Nacht mit ihr tanzen? Sie und er, ganz allein in dieser Halle…ihm wurde schon wieder anders. Diese Frau machte ihn einfach nur verrückt!

Sie riss ihn aus seinen Gedanken, als sie sich aufrichtete und ihm ihre Hand hinhielt. Es gab kein Zurück mehr! Also zog er sich an ihr hoch und stellte sich vor sie hin, schwer schluckend bei ihrem schönen Anblick. Sie stand nur in ihrem Nachthemd hier in diesem schwummrigen Licht, das ihr seidenes Haar so träumerisch reflektierte. Und da war er. Verschwitzt und nur in seinem Unterhemd.

„Em, Akane, ich bin ganz verschwitzt und eklig. Ich weiß nicht, ob das jetzt so eine gute Idee ist…",

setzte er zum Reden an, doch sie unterbrach ihn:

„Ach Quatsch, das stört mich gar nicht. Also los Ranma! Komm näher",

gebot sie ihm und zog ihn am Arm näher an sich, allerdings mit ein wenig zu viel Schwung, sodass er in eine halbe Umarmung fiel und sie beide ein wenig stolperten. Peinlich berührt entschuldigte sie sich bei ihm und nahm erneut eine Tanzhaltung ein. Er schaute ihr mit einem Mal tief in die Augen. Ihre Blicke trafen sich und die Stimmung änderte sich. Der so scheue Ranma wurde plötzlich ruhig und ging entschieden einen Schritt auf sie zu. Schon spürte sie seinen Atem auf ihrem Gesicht. Sein ganz eigener Duft umhüllte sie wie eine warme Decke. Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Schulter, bevor er seine Hand auf ihrem Rücken platzierte. In freudiger Erwartung lächelte sie ihm leicht zu.

„Ääh, in welche Richtung fange ich nochmal an?",

hielt Akane plötzlich inne.

„Du musst mit dem rechten Fuß nach vorne beginnen",

antwortete Ranma unerwartet sicher. Warum wusste er das noch so genau? Ihr fiel wieder ein, dass er im Tanzunterricht zunächst sehr positiv aufgefallen war. So begaben sie sich in Position und Ranma zählte halblaut:

„Eins, Zwei, Drei!"

Und sie tanzten los.

Es war ganz anders als im Unterricht. Akane merkte sofort, dass etwas sich verändert hatte. Sie achteten nicht auf die Füße, auf die Körperhaltung, auf die Schritte. Sie ließen sich einfach fallen und genossen den Tanz an sich. Vor allem: Ranma führte. Er war nicht mehr der schüchterne und verkrampfte Typ, dem das Tanzen unangenehm war, sondern selbstsicher – und mit Spaß an der Sache. Konnte es sein? Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sie sich voneinander.

„Ranma! Warum kannst du das so gut?",

lobte Akane ihn überschwänglich, dass ihm vor Verlegenheit die Wangen rot wurden.

„Keine Ahnung. Irgendwie ist mir vorhin bei deinen Worten der Knoten geplatzt."

So standen sie voreinander, erleichtert und auch glücklich über die Gegenwart des anderen. Was nun? Akane wollte nicht einfach so schlafen gehen und Ranma hatte es wirklich Spaß gemacht. Da kam ihm eine Idee.

„Du, em. Bist du schon müde?"

„Nicht so richtig. Warum?"

„Naja, ich habe hier mein Handy und…eh…vielleicht, ja…",

druckste er herum. Akane war verwirrt und wusste nicht, worauf er hinauswollte.

„Spucks schon aus, Ranma!",

drängte sie ihn ungeduldig.

„Willst du nochmal tanzen? Mit Musik?"

Akane stand der Mund offen. Ranma wollte freiwillig eine Zugabe und dann auch noch mit Musik? Das ließ sie sich nicht zweimal sagen!

„Ja, gern",

gab sie schüchtern zurück. Ranma liebte diese Verlegenheit so an ihr. Diese friedliche Stimmung wollte er unbedingt noch länger festhalten. Kurzerhand zückte er sein Handy und drehte es voll auf. Er suchte eine Playlist mit Dreiviertelsongs heraus und ließ den Zufall entscheiden.

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Es ertönte das sanfte Klavier-Intro eines Songs von Calum Scott. Ranma nahm Akane wieder in Tanzposition und lächelte ihr ermutigend zu, bevor er sie flüsternd daran erinnerte:

„Rechter Fuß nach vorne. Eins, Zwei, Drei."

Und schon setzten sie sich in Bewegung.

There goes my heart beating
'Cause you are the reason

Ranmas Herz nahm wirklich Fahrt auf, als er realisierte, wie gut die Worte des Songs auf sie zutrafen.

Please, come back now

Ihre Blicke trafen sich. Immer mehr sanken die Worte in ihr Bewusstsein. Flashbacks taten sich vor ihren Augen auf.

Akane in Ranmas Armen. Tot.
Ranmas Geständnis und seine Verzweiflung.
Akane, die sich plötzlich wieder rührte.

Akanes Augen glitzerten verräterisch und sie lächelte Ranma dankbar an. Er hatte ihr das Leben gerettet. Er war der Grund, dass sie noch atmete. Ranma las alles an ihren Augen ab. Er verstand sie auch ohne Worte. Er dachte dasselbe. Er musste schwer schlucken, als er die nächsten Worte vernahm:

I'd climb every mountain
And swim every ocean
Just to be with you
And fix what I've broken
Oh, 'cause I need you to see
That you are the reason

Das konnte einfach nicht wahr sein! Warum musste so ein Song sie nur so aus der Bahn werfen! Er räusperte sich, als er schon den Kloß im Halse spürte. Er versuchte, sich am Riemen zu reißen.

There goes my hands shaking

Wieder schaute er ihr in die Augen, während er sie so nah bei sich hielt. Dieser Tanz war ganz anders als ihr vorheriger. Der erste erfüllte sie mit Zufriedenheit und Freude. Dies hier war eine Achterbahn der Gefühle! Es war ein Rückblick über die letzten drei gemeinsamen Jahre.

And if I could turn back the clock
I'd make sure the light defeated the dark
I'd spend every hour, of every day
Keeping you safe

Er versank in dem Rehbraun ihrer Augen, innerlich diese Worte an sie richtend. Wie gerne würde er die Zeit zurückdrehen, um Jusendo ungeschehen zu machen! All den Schmerz wieder rückgängig machen, den sie wegen ihm erlitten hat! Er würde alles tun, um sie in Sicherheit zu bringen!
Überwältigt von seinen eigenen Gefühlen, drehte er sie im Tanz, sodass sie nicht nur auf der Stelle im langsamen Walzer tanzten, sondern sich dabei um sich selbst drehten. Seine Initiative überraschte Akane positiv. Es passte aber ganz in ihren eigenen Gefühlszustand, der sie beherrschte.

I don't wanna hide no more
I don't wanna cry no more
Come back I need you to hold me

Erschrocken und ertappt trafen sich ihre Blicke.
Wie sehr verbargen sie ihre Gefühle voreinander! Seit der geplatzten Hochzeit war da eine Spannung zwischen ihnen, die sie nie zur Sprache brachten. Da war etwas, das ausgesprochen werden musste, doch sie hatten Angst.

Be a little closer now
Just a little closer now
Come a little closer
I need you to hold me tonight

Spürbar zog er Akane noch näher an sich. Sie spürte seinen starken und doch sanften Griff. Er drückte ihre Hand, die er in der seinen hielt. Sie hatte Angst, ihr Herz würde ihr aus der Brust springen. Ihr wurde ganz schwindlig. Mit dem Ende des Songs verlangsamte sich auch das tanzende Paar. Sie tanzten nur noch auf der Stelle. Schließlich blieben sie stehen, den Griff nie lösend. Hochroten Kopfes und klopfenden Herzens verharrten sie einfach in dieser Position. Nach einiger Zeit lösten sie sich leicht voneinander, nur um einander scheu in die Augen zu blicken. Akane hielt es nicht mehr aus. Gerade setzte Ranma zum Reden an:

„A-akane…"

Da verschwand sie plötzlich blitzschnell aus dem Dojo und war im Haus verschwunden. Ranmas weiche Knie gaben nach und er ließ sich auf den Boden fallen.

„W-was ist gerade passiert?"

ooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

Puh, ich hatte beim Schreiben dieser letzten Szene echt dolles Herzklopfen, weil ich mich so in die Musik hineinversetzt habe...hoffentlich ist ein wenig dieses Funkens auf euch übergesprungen und ihr konntet euch vorstellen, wie Ranma und Akane getanzt haben. Sagt mir gerne, wie ihr dieses Format findet und ob es einigermaßen geklappt hat.

Eure LeeSunHee