Faramir war überrascht wie offen und freundlich diese Menschen waren. Sie hatten nichts mit den grausigen Geschichten gemein, die in Gondor erzählt wurden.
Als sie am vierten Tag nach der Mittagsrast ihre Reise fortsetzen wollten, scheuten die Pferde und ließen sich kaum mehr beruhigen.
Diese Unruhe übertrug sich sofort auf die Reiter und auch auf Faramir. Er sah ihnen zu wie sie wild durcheinander riefen und ärgerte sich einmal mehr, dass er kein Wort verstand. Er konnte jedoch aus dem Tonfall entnehmen, dass die Situation ernst war.
Die Prinzessin schaffte es schließlich ihr Pferd zu beruhigen und ritt auf Faramir zu. Als er zu ihr blickte sah er den Grund für die hektische Stimmung, hinter der Prinzessin war eine dunkle Wolke aufgetaucht die den gesamten Horizont einnahm. Sie bewegte sich auf die Gruppe zu. Und zwar schnell. Faramir hatte so etwas noch nie gesehen. Es sah beinahe lebendig auf, wie ein Tier welches sich in seine Richtung fraß.
Die Krieger waren damit beschäftigt ihre Pferde festzuhalten und wickelten hastig Tücher über deren Augen und Ohren. Die Prinzessin tat es ihnen gleich und wickelte Faramirs Gaul ebenfalls ein. Sie redete ruhig auf ihn ein und das Tier beruhigte sich sofort. Auch Faramir fühlte eine Zuversicht in seinem Herzen als er ihren für ihn unverständlichen Worten lauschte.
Faramir spürte auf einmal den Wind und die Sandkörner die sich wie tausend kleine Nadeln in seine Haut bohrten. Der Schmerz war nicht unerträglich, wuchs aber seiner Intensität. Vor allem seine von der Sonne noch immer leicht beleidigte Haut nahm die schroffen Sandkörner weniger gut auf. Er versuchte sich zu schützen, jedoch flog sein Tuch mit dem tosendem Wind weg. Der Lärm war so übermächtig, dass Faramir keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Er konnte nichts sehen und versuchte seine Augen notdürftig mit seinen Händen zu schützen. Er ächzte vor Schmerz und fühlte sich komplett schutzlos.
Gerade als seine Panik in seinem Herzen hoch stieg, zog jemand seinen Kopf hinunter, drückte ihn an dessen Körper und verdeckte Faramirs Augen und Ohren. Kurz dachte er an seinen Gaul und wie dieser eingewickelt wurde, doch seine Scham verschwand schnell als er den Schmerz nachlassen spürte.
Er presste so seine Augen so stark zusammen, dass er Sterne sah, so schmerzhaft die Sandkörner auf seiner nackten Haut waren, so verheerend wären sie in seinen Augen.
Sekunden vergingen, die Faramir wie Stunden vorkamen und der Lärm ließ langsam nach. Der Wind wurde wieder schwächer und als es wieder still geworden war lösten sich die Arme um Faramir und er sah auf. Die Prinzessin saß knapp bei ihm, ihr Gesicht verhüllt und bei jedem Atemzug rieselte Sand aus den Falten ihres Gewands. Ehe Faramir begreifen konnte was geschehen war, stand sie auf und sah hastig nach den Pferden. Faramir blickte umher und sah seine Mitreiter mit eingewickelten Köpfen ähnlich auf den Boden kauernd. Allmählich lösten sie sich aus ihrer Starre und schüttelten den Sand von sich ab.
Bei Faramirs entsetzten Anblick lachten ein paar der Reiter auf und klopfen ihm auf die Schulter. Faramir starrte sie an und wunderte sich einmal mehr, welcher Wahnsinn einen Menschen durch diese Landschaft trieb die augenscheinlich keinen Anlass sah den Menschen wohl gesinnt zu sein.
Die Reise durch die Wüste fand nach 8 Tagen ihr Ende und die Sanddünen wurden von kargen steinigen Hügeln abgelöst. Kniehohe Sträucher und gewundene exotisch aussehende Bäume boten nun Abwechselung zur trostlosen Wüste und Faramir entdeckte den einen oder anderen tierischen Steppenbewohner. Einige ähnelten den Tieren aus seiner Heimat, andere jedoch waren ihm komplett fremd.
Die Landschaft wurde stetig flacher und hohes Gras bedeckte die weite Ebene. Die Pferde hielten sich an einem gemütlichen Trott und wirkten gerade zu erleichtert die Schwierigkeiten der Wüste unbeschadet überstanden zu haben.
Faramir entspannte sich und überließ seinem Tier, welches den anderen zufrieden folgte, die Führung. Die Unbeschwertheit hielt nicht lange und sein Gaul wurde plötzlich unruhig. Faramir sah auf und blickte auf graue, kahle, riesige Ungeheuer. So groß wie die höchsten Tannen die er kannte, mit langen Rüsseln, runden knochigen Rücken und angelegten Ohren, die wie Schiffssegel aussahen. Manche der Ungeheuer hatten lange, spitze Stoßzähne, die rechts und links ihres Rüssels hervorragten und sich an der Spitze beinahe berührten.
Die Ungeheuer schenkten der Gruppe keine Beachtung und setzten ihren weg gemütlich fort. Die Reiter waren ebenfalls ruhig und ließen sich keine Unruhe anmerken. Einzig Faramir hatte Probleme seinen Gaul in den Griff zu bekommen. Er sah es ihm nach, so kannte das arme Tier weder die Umgebung noch diese Ungeheuer.
Da die anderen Tiere gelassen blieben, beruhigte sich Faramirs Gefährte rasch und setzte seinen Trott fort, jedoch mit spürbar weniger Gelassenheit als vorher. Faramir konnte seinen Blick nicht von den Ungeheuern abwenden und bestaunte sie mit offenem Mund.
Er musste unweigerlich sofort an Boromir denken und verspürte einen Schmerz in der Brust. Sein Bruder würde alles dafür geben diese Ungeheuer aus nächster Nähe zu sehen. Er bemerkte, dass in dem Rudel auch kleinere, offensichtlich jüngere Tiere umher tollten. Sie waren zwar kleiner, jedoch nicht minder schwerfällig, setzten oft zu einem Trab an und neckten sich. Die Tiere strahlten trotz der Grobheit eine gewisse Eleganz und Anmut aus. Faramir dachte sich, dass sie gar nichts mit den schrecklichen Kriegsmaschinen gemein hatten, über die gerne in den Tavernen in Gondor großspurig berichtet wird. Faramirs Herz umfasste auf einmal eine Sehnsucht nach seiner Heimat. Vor allem vermisste er Boromir. Er sehnte sich danach seinem Bruder seine Erlebnisse zu berichten.
Faramir bemerkte, dass die Prinzessin ihn belustigt beobachtete und er schloß sofort seinen Mund. Er schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln und deutete auf die Ungeheuer die sich bereits weiter weg entfernt hatten. Er hoffte sie verstand seine Faszination nicht als Dummheit. Ihr Blick folgte seinen Arm und sie sah ihn mit klugen Augen an und sagte „Mûmakil".
Faramir sprach ihr nach und versuchte dabei die Aussprache so gut wie er konnte zu kopieren. Für seinen tapferen Versuch erhielt er ein Lachen seiner zukünftigen Braut. Faramir verspürte ein nicht unangenehmes Ziehen in seiner Magengegend. Ihm fiel auf, dass sich dieses Gefühl immer wieder im Zusammenhang mit der Prinzessin auftat.
