Nach zwei Wochen erreichten sie die erste befestigte Straße. Das ungewohnte harte Schritt seines Pferdes auf einem harten Untergrund rüttelte ihn aus seiner Trance und Faramir bemerkte wie die lange Reise seinen Körper bereits mitgenommen hatte. Natürlich würde er nie etwas äußern, seine verbrannte Haut und die fast Erblindung im Sandsturm waren für ihn Schande genug. Ausserdem konnte er sich nicht ausmalen wie sein Vater reagieren würde, wenn das Wüstenvolk die Menschen vom Westen als Schwächlinge sahen, die nicht einmal eine Wüste durchqueren konnten.
Ihm wurde klar, dass dieses Volk unantastbar für Gondor war. Nie würde es ein Heer aus Westmännern auch nur in die Nähe einer Stadt schaffen, nicht nur die Unerfahrenheit wären ihr Untergang. Ihre Beschaffenheit, die helle Haut, würde ihr Ruin sein. Doch die Armeen der Wüste hatten scheinbar keine großen Probleme das goldene Meer zu durchqueren. Ein Heer durch die Sandhaufen zu lotsen wäre bei richtiger Jahreszeit und guter Planung zwar eine lange Angelegenheit, doch nicht unmöglich. Kurz dachte Faramir daran, ob Mordor seine Klauen nach den Menschen aus dem Süden ausstrecken konnte, doch er konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen.
Faramir musterte die vielzahl an Menschen die ihm entgegen kamen.
Händler, Reisende und Soldaten säumten den Weg und die Luft war erfüllt von einem Gewirr aus unbekannten Sprachen. Die Händler führten Karren mit Gemüse, Gewürzen, Stoffen oder Fässern mit sich. Gelegentlich wurden auch Tiere und Menschen in großen eisernen Käfigen transportiert.
Die Menschen in den Käfigen waren meist spärlich bekleidete Männer die zusätzlich noch in Ketten gelegt waren.
Die meisten der Tiere hatte Faramir noch nie in seinem Leben gesehen. Große katzenartige Kreaturen die mit rohem Fleisch bei Laune gehalten wurden fauchten wütend aus ihren Käfigen und jeder der den Eisenstäben zu Nahe kam wurde von einer flinken Pranke erwischt. Faramir bestaunte die Fremdartigkeit und wurde dabei von der Prinzessin interessiert gemustert. Die Menschen riefen den Reitern nur ab und zu etwas zu und beachteten Faramir nicht weiter. Dieser war dank seiner Kluft bereits so an seine Mitreisenden angepasst, dass er in der Gruppe nicht weiter auffiel. Somit konnte er seine Blicke unverholen über die Menschenmenge schweifen lassen. Sein Gaul wäre fast zu Nah an einem der Käfige getrottet und Faramir konnte nur in letzter Sekunde einem wütenden Hieb ausweichen. Die Männer die bei den Tieren waren, zeigten tiefe Narben in ihren Gesichtern und Händen, Faramir konnte sich also denken, was passierte wenn die Krallen einen erwischten.
Die Straße führte an einigen Siedlungen vorbei, an denen Händler rechts und links der Straße Stände aufbauten und ihre Waren lautstark anpriesen.
Faramir staunte über die Vielfalt an Waren, von Blumen bis zu Waffen wurde alles angeboten. Wild gestikulierend handelten sie den Preis aus oder versuchten Kunden mit lauten Rufen anzulocken.
Der Duft von getrockneten Früchten und Gewürzen erfüllte die Luft. Hinter den Ständen standen eindrucksvolle Gebäude. Die Steine glitzerten in der Sonne und thronten gerade zu über dem Markt. Viele der Tempel waren mit Gold verziert und hatten aufwendig gestaltete Statuen und Säulen vor ihren Toren.
Die Gruppe legte eine Rast an einer geschäftigten Wasserstelle ein. Diese war jedoch nicht wie in der Wüste einfach nur ein Wasserloch sondern ein großer gemauerter Brunnen. Die Krieger gaben ihre Tiere mehreren Jungen, die diese mit Wasser und Heu versorgten. Faramir tat es ihnen gleich. Es herrschte wildes Gedränge und er hatte Probleme einen Jungen für diese Aufgabe auszuwählen. Anscheinend wussten sie, dass sie mit den Reitern gutes Geld machen konnten. Schließlich brachte er sein Roß an und er ging in Richtung des Marktes. Er bemerkte die Prinzessin sowie ein paar Krieger nicht, die ihn folgten.
Er bewunderte das Angebot und wurde sofort von den Händlern angesprochen. Diese störten sich nicht an der fehlenden Sprachkenntnis und redeten unbeeindruch auf ihn ein. Faramir blieb nichts anders übrig als sie zu ignorieren und ging von Stand zu Stand. Er entdeckte einen gravierten geschwungenen Dolch mit aufwendig verziertem Griffstück. Er bewunderte ihn eine Weile und obwohl er sich nicht viel aus Waffen machte, so war dieses Stück nicht bloß eine Waffe sondern in Faramirs Augen ein Kunstwerk.
Der Stahl war scharf, schimmerte leicht rötlich und war mit fremden Symbolen graviert. Der Griff war aus einem weißlichen Material, welches sich feiner als Holz anfühlte. Dieser war mit schwarzen Bemalungen verziert. Der Dolch fühlte sich leicht an und hatte eine elegante Krümmung. Er gefiel ihm sogut, dass er sogar abwägte ob er nicht mit der Währung Gondors, die er mitführte, handeln sollte. Jedoch wusste er nicht, wie der Händler auf einen Fremden aus Gondor reagieren würde und wollte dieses Risiko nicht eingehen.
Schweren Herzens legte er den Dolch zurück und gestikulierte ablehnend den noch immer auf ihn einredenden Händler zu. Faramir setzte seinen Weg fort und wurde auf eine Menschenmenge aufmerksam. Auf einem Podest standen mehrere gefesselte Männer, ähnlich wie die in den Käfigen. Ein Mann in auffallendem Gewand brüstete sich in Worten und Gestiken. Faramir wusste, dass in Harad Sklavenhandel durchaus üblich war aber er erschrak als er unter den Männern auch einige Kinder entdeckte. Rechts neben ihm schritt eine Gestalt an ihn heran, er sah sie an und bemerkte, dass die Prinzessin war. Er zeigte unauffällig auf die kleine Gruppe Kinder, die in Käfigen etwas abseits der gerade angebotenen Männer ängstlich kauerten.
"Warum Kinder?" fragte er sie, obwoh ler wusste, dass sie ihn nicht verstand.
Zum ersten mal zeigte die Prinzessin eine Reaktion eine Traurigkeit flackerte über ihr sonst stoisches Gesicht. Faramir blickte sie an und fühlte das ihm bekannte Ziehen in der Brust. Sie nahm seinen Arm und zog ihn von der Menge weg. Er wandte sich noch einmal um und sah die Kinder. Er konnte nicht verstehen was es bringen sollte ein Kind als Sklaven zu halten. Sie gingen zurück zu den Pferden wo die restlichen Reiter bereits auf sie warteten.
Sie hatten ein paar Dinge erworben und verstauten diese gerade in ihren Satteltaschen. Sie gaben den Jungen einige Münzen Geld und machen sich auf den Weg. Als sie davon ritten sah sich Faramir ein letztes mal noch um und blickte in die Richtung der Sklaven. Der Gedanke, dass Kinder wie Vieh oder Getreide an den Höchstbietenden verkauft werden gab ihm einen Stich in die Brust und verdrängte das angenehme Gefühl von vorhin. Sie ritten bei einigen im Bau befindlichen Gebäuden vorbei und er sah einige Sklaven die die massiven hellen Steine schleppten.
Sie sahen zwar kräfigt aber ausgezehrt aus. So schön diese Tempel auch waren, so waren sie auf dem Rücken der Sklaven erbaut. Faramir war gespannt, was ihn in der Hauptstadt erwarten würde.
