Die Reise in die sagenumwobene Hauptstadt führte weiter über eine befestigte Straße an mehreren kleineren Städten vorbei. Als ob sein Roß spüren konnte, dass das Ziel bereits zum Greifen nah war, verfiel es in einem zügigen Trott und er klopfte ihm anerkennend auf den langen Hals.
Es hatte sich mehr als gut geschlagen, schließlich hatte es ihn sicher durch auch für ihn diese fremde Umgebung getragen.
Ihre Rastzeiten hatten sich beinahe verdoppelt und Faramir nutzte jede Gelegenheit um sich unter das Volk zu mischen. Wo er anfänglich noch selbst Misstrauen und eine Scheue besaß, so war er nun von der Offenheit und der lebensfrohen Kultur beeindruckt. So konnte er sich ohne Probleme allein von den Kostproben die er erhielt wenn er bei den vielen Ständen vorbei schlenderte satt essen. Natürlich machte er sich keine Illusionen, die Freundlichkeit die ihm entgegen wehte war vermutlich nur aufgrund seiner durch die edle Kleidung ersichtliche Position, aber nichtsdestotrotz genoss er die Gastfreundschaft.
Von den Baustellen hörte man laute Rufe und Peitschenknallen. Das Land war tatsächlich im Aufschwung, in den Ausläufern der kleinen Städte konnte man zwar noch die bedürftigen Lehmhütten vor finden, doch erhoben sich im Stadtkern eindrucksvolle Bauten aus weißem oder rotem Stein. Faramir mied die Sklaven so gut er konnte und machte weite Umwege um die Baustellen. Er konnte das Leid nicht ertragen welches er sah und er hoffte, dass die Hauptstadt die seine neue Heimat werden sollte, weniger grausam und brutal war.
Als sie früh am Morgen los ritten, war es kühl und die unwirkliche Vegetation glitzerte von den Tau perlen. Die Sonne kündigte bereits ihre Kraft an und wärmte Faramirs Gesicht. Sie ritten einen felsigen Hügel hinauf und Faramir wandte sich um. Er sah die noch verschlafenen Städte welche sie passiert hatten und hinter ihnen erhoben sich die roten Berge aus Sand die den Horizont säumten.
Selbst wenn er die Augen zusammen kniff konnte er nicht erkennen was hinter ihnen lag. Seine Heimat. Das Rot der Dünen ging nahtlos in das tiefe Blau des Himmels über und die Wälder Gondors waren nicht einmal mehr zu erahnen. Faramir atmete tief ein und fragte sich, wie es Boromir wohl gerade erging. Vermutlich lag dieser noch in seinem Bett und schnarchte zufrieden vor sich hin.
Die Stadt würde nun langsam erwachen und die ersten Geschäfte öffneten. Er dachte an seinen Vater, wie dieser mürrisch in Richtung Westen blickte.
Als er sich wieder umwandte, sah er die Prinzessin neben ihm. Er wusste nicht wie lange sie schon an seiner Seite verharrte, doch als sie ihm ein leichtes Lächeln schenkte, fasste er neuen Mut. Er würde das tun was von ihm verlangt wurde und wenn er dabei dieses Lächeln jeden Tag sehen konnte, so gab es bestimmt schlimmere Schicksale.
Er trieb sein Roß leicht an und blickte nach vorne. Vom Hügel aus konnte er bereits die mächtigen Befestigungen erkennen. Eine rote Mauer zog sich durch die Landschaft und wurde von hohen Türmen unterstützt. Hinter den Mauern erhoben sich diverse Bauten von denen manche eine vergoldete Spitze besaßen. Diese reflektierte das Sonnenlicht und erwirkte damit ein unübersehbares Glühen. Je näher er der Stadt kam, desto mehr wurde ihm klar, dass Malas nicht gelogen hatte. Diese Stadt konnte sich ohne weiteres mit Minas Tirith oder der Hornburg Rohans vergleichen. Sie war ähnlich wie diese in eine Felsformation eingearbeitet, und am östlichen Rand schlang sich ein breiter Fluss vorbei. Hinter der Stadt erhoben sich kahle Berge welche mitten in der Stadt ihre Ausläufer hatten. Die rote Mauer wurde teilweise von den bleichen Klippen gestützt auf denen sie erbaut wurde. Vor dem Tor ragte eine Statue, zwar nicht so groß wie die Argonath, aber nicht minder eindrucksvoll. Ein verhüllter Reiter wachte auf seinem Roß über die breite Straße welche Händler, Besucher und Krieger in die Stadt führte. Faramirs Unruhe wuchs langsam an. Bald würde er auf den König treffen. Zwar waren seine Begegnungen bis jetzt durchwegs positiv geprägt, so wusste er nicht was er warten sollte.
Würde ihn der König als Gast oder als Gefangenen empfangen. Vor allem war sich Faramir nicht sicher, was genau bei diesem Bündnis für den Harad König herausspringen würde. Gemächlich bahnten sie sich ihren Weg durch die Straßen und die Gassen der Hauptstadt. Der Unterschied zu den zuvor passierten Städten lag in den Dimensionen. So waren hier die Straßen nicht nur wesentlich breiter, sondern auch geschäftiger.
Die Tempelanlagen thronten auf kleinen Hügeln und verschiedene Statuen überschauten das Treiben der Stadt mit wachsamen Blick. Im Zentrum war auf einem felsigen Hügel eine Art Fort aus rotem Sandstein erbaut. Auf den Mauern rankten sich verschiedene Pflanzen in die Tiefe und warfen mit dem saftigen grün einen harten Kontrast auf. Das Klima war zwar nicht so erdrückend heiß wie in der Wüste, jedoch war es immer noch wesentlich wärmer als in seiner Heimat.
Sie näherten sich der Festung und Faramir bemerkte, dass es immer ruhiger wurde. Die Straße war beinahe leer und auch das Gewirr der Stimmen nahm ab. Das Tor der Festung war aus massivem Holz und zusätzlich mit Eisen verstärkt. Als Faramir eintrat war er erstaunt, wie wenig das Äußerer des Forts über das Innere preisgab. Hinter den Mauern war ein weitläufiger Garten der den Stadtlärm komplett verschluckte. Diverse Vögel erhellten die Luft mit ihrem Gesang und Faramir erhaschte den ein oder anderen Blick auf für ihn unbeschreiblich seltsame Tiere. Er hatte leider keine Zeit um sich einen genaueren Eindruck zu verschaffen, da die Gruppe unbeirrt in Richtung Zentrum schritt.
Er folgte ihnen ins Innere und als sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, erblickte er einen prunkvollen Thronsaal. Die Wände waren mit Verzierungen graviert und der Thron war zumindest zwei Meter über den Boden auf einem Podest aus schwarzem Stein platziert.
König Said saß stolz und aufrecht und musterte Faramir interessiert. Nach ein paar Floskeln zogen sich die Reiter zurück und ließen Faramir mit der Prinzessin und dem König alleine. Lediglich die stummen Wachen verharrten reglos in ihrer Position. König Said fiel Faramir besonders durch seine weißlichen Haare auf. Diese standen im starken Kontrast zu seiner dunklen Haut. Obwohl er vermutlich heller als der Rest der Bevölkerung Harads war, so wäre er mit Abstands der dunkelste Mann in ganz Gondor. Sein Gesicht zierten ein paar Narben welche ihn verroht und gefährlich erscheinen ließen. Er hatte breite Schultern und wachsame Augen. Doch irgendetwas störte das noble Gesicht des Königs. Faramir konnte nicht sagen was es war, doch er spürte in seinem Herzen, dass der König mehr verbarg als sein freundliches Lächeln preisgab.
Faramirs Nervosität wuchs, wie sollte er sich verständigen, wie sollte er sich vorstellen. Seine Gedanken wurden von der tiefen heiseren Stimme des König selbst unterbrochen.
„Prinz Faramir, es ist mir eine Ehre euch hier zu empfangen."
Faramirs Augen schnellten überrascht zu dem Mann und er verbeugte sich.
Wenige Worte wurden gewechselt und Faramir wurde zum zweiten Mal überrascht, als er erfuhr dass seine Hochzeit bereits in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Anscheinend war der Sohn von König Said noch bei Verhandlungen und würde am nächsten Tag eintreffen. Faramir beobachtete die Prinzessin aus seinen Augenwinkeln. Sie trug ihre Maske der Gleichgültigkeit, doch etwas war anders. Faramir bemerkte, dass sich ihr Blick verändert hatte. Bevor er diesen deuten konnte wurde er von zwei großen Männern zu seinem Quartier begleitet. So dachte er zumindest. Denn scheinbar waren es die Quartiere seiner Braut.
Zunächst versuchte er den Männern verständlich zu machen, dass er eigentlich nichts in den Quartieren einer Frau zu suchen hatte, doch als sie ihn unbeeindruckt hinein schoben und er darin seine Satteltasche vorfand, wurde ihm klar, dass es sich nicht um einen Irrtum handelte.
Faramir stöhnte auf. Nicht genug, dass er eine fremde Frau in wenigen Tagen heiraten würde, jetzt würde er auch noch ihre Privatsphäre endgültig zerstören. Er bemerkte nicht, dass sich die Person um die sich seine Gedanken kreisten bereits hinter ihm befand und ihn amüsiert anstarrte.
