Als Faramir erwachte, brauchte er einige Sekunden um zu begreifen wo er sich befand. Er starrte mit verengten Augen an die hölzerne Decke und bemerkte die Wärme die ihm umgab. Die Sonne bahnte sich mit heißen und grellen Strahlen ihren Weg in das Gemach und Faramir musste seine Hand schützend dagegen halten um seine Augen ganz öffnen zu können.
Als diese sich an die Helligkeit gewohnt hatten, nahm er seine Umgebung mit all ihrer Fremdheit auf. Der Raum verlor im Tageslicht etwas an Glanz, doch war er immer noch elegant. Mühsam richtete er sich auf und bemerkte mit einem Seufzen wie ihm seine Muskeln die beschwerliche Reise dankten.
Langsam kroch er aus dem Bett und sah, dass er noch immer die Kleidung vom Vortag trug. Auf einmal fiel ihm das verpasste Abendessen ein und er verzog sein Gesicht. Das konnte nicht wahr sein. Der erste offizielle Anlass und er verschlief ihn.
Und das auch noch in dem Bett der Prinzessin. Die Prinzessin. Sofort wandte er sich um und blickte auf das Bett. Die Laken waren zerwühlt, aber das konnte auch er gewesen sein.
Nichts ließ einen Rückschluss auf ihre Anwesenheit zu. Erneut seufzte er. Nun war es zu spät, er konnte nur warten bis ihn jemand holen würde.
Bedächtig inspizierte er ihre Gemächer, das Gefühl ein Eindringling zu sein klang allmählich ab und er nahm sich vor, die Kultur und Traditionen seiner neuen Heimat zu respektieren. Wenn es ein Brauch war so würde er ihn mit machen, egal wie unwohl er sich dabei fühlte.
Sofort fiel ihm sein Bad mit den alten Frauen ein und er musste grinsen. Wenn er Boromir von den Dingen erzählen würde... er mochte sich gar nicht ausmalen was dieser dazu zu sagen hatte.
Faramir fand ein Zimmer aus dunklem Stein mit einer großen Wanne und einer kleineren. In der kleineren war etwas Wasser und er machte sich sofort daran sein überhitztes Gesicht zu waschen.
Er stöhnte beinahe auf als er die Kälte spürte. Als er sich mit einem Tuch abtrocknete betrachtete er sich in dem milchigen Spiegel vor ihm.
Sofort bemerkte er seinen veränderten Hautton. Obwohl er sich stets vor der brennenden Sonne geschützt hatte, sah man ihm seine Reise an. Immerhin wich das rot allmählich einem sanften braun ton der seine hellen Haare und seine blau grauen Augen noch mehr hervorhoben. Trotzdem war er sich sicher, dass er zur Zeit der hellste Mensch in dieser Stadt war.
Als er so verharrte, fiel ihm auf einmal die fremden Tiergeräusche auf. Scheinbar hatte er sich derart an die verschiedenen Vögel gewohnt, dass er sie am Morgen überhört hatte. Er folgte dem munteren Gezwitscher und öffnete eine gemaserte Holztüre.
Als sich seine Augen an das grelle Sonnenlicht gewohnt hatten stockte ihm der Atem. Unter ihm befanden sich die Gärten, danach die Stadt welche mit massiven Mauern geschützt war und dann erstreckte sich die karge Landschaft welche er durchquert hatte.
Er lehnte sich über die Brüstung um einen besseren Blick zu bekommen. Obwohl er wusste, dass er sie nicht sehen konnte sah er unbewusst in die Richtung in der er seine Heimat vermutete und suchte nach den Bergen Ithiliens.
Natürlich sah er nichts als den blauen Himmel der in goldenen Sand überging. Auf der anderen Seite jedoch erspähte er ein finsteres Gebirge. Sogar die Berge sahen fremd aus. Faramir fragte sich, ob er sich jemals an diesen Ort gewöhnen konnte.
Gerade als er in Gedanken versunken war, klopfte es leise an der Tür. Sofort wandte er sich von dem Ausblick ab und bat seinen Besucher einzutreten.
Da er das Abendessen am Vortag verpasst hatte, schalt ihn sein leerer Magen mit einem stechenden Hungergefühl.
Als Abbas eintrat blickte ihn Faramir zwar freundlich an, doch ein teil von ihm hatte sich jemanden andren erhofft. Abbas verbeugte sich in gewohnter Manier vor ihm und blickte ihn mit seinen dunklen Augen an.
„Mein Prinz, König Said erwartet euch zum Frühstück."
Faramir nickte eifrig und folgte dem Jungen. Er überlegte, ob er etwas bezüglich seiner Anrede sagen sollte. Schließlich war sein Vater kein König und er somit auch kein Prinz. Doch vielleicht spielte das in diesen Landen keine Rolle. Immerhin war sein Vater Herr von Gondor. Trotzdem wollte er sich nicht mit einem Titel schmücken welcher ihm nicht gebührte.
Faramirs Schritte hallten auf den steinernen Boden und er bemühte sich nicht allzu eifrig Abbas auf den Fersen zu sein. Dieser spürte seine Ungeduld und steigerte sein Tempo. Sein Hunger hatte sich von einem unangenehmen Gefühl zu einem sinne vernebelnden Drang gesteigert. Schließlich kamen sie zu einer großen Holztür welche detailreich verziert war. Hätte Faramir etwas anderes als einen Hunger in seinen Gedanken, würde er die aufwendige Kunst sicherlich mehr schätzen.
Zwei Wachen schoben mühevoll die Tür auf und Faramir roch bereits das Mahl welches auf ihn wartete. Er trat ein und sah vor sich eine große reich geschmückte Tafel. König Said, ein weiterer Mann und zu seiner Freude, die Prinzessin unterhielten sich angeregt.
Als sie ihn bemerkten, bedachte ihn der alternde König mit seinem kalten Lächeln und lud ihn ein Platz zu nehmen. Faramir konnte seinen Blick nicht von der reich geschmückten Tafel nehmen und folgte sofort der Einladung. Nach einem kurzen unsicheren Blick zur Seite bemerkte er, dass seine Gastgeber bereits angefangen hatten.
Sofort lud er sich ein Stück von beinahe jeder Speise die er in Reichweite hatte. Natürlich wusste er nicht was er sich da großzügig auf seinen Teller lud, doch seine vergangenen Besuche auf den verschiedenen Märkten Harads hatten ihn gelehrt, dass beinahe alles zwar fremd aber vorzüglich schmeckte. Die ungewohnten Gewürze gaben jeder Speise eine Spannung mit sich und Faramir freute sich diese als vermutlich einer von wenigen Gondorianer erleben zu dürfen. Er bemühte sich das Essen nicht wie Boromir in sich hinein zu schaufeln, immerhin war seine zukünftige Braut und ihr Vater am Tisch. Sogleich bemerkte er die dritte Person die er bis jetzt ignoriert hatte. König Said, als hätte er darauf gewartet, stellte ihm sogleich seinen Sohn vor. Faramir beugte seinen Kopf leicht und musterte den Mann ihm gegenüber. Er erkannte sofort den König darin, die selben kalten Augen starrten ihn an. Sie waren nicht unfreundlich aber sie verbargen etwas. Faramir dachte sofort, dass die Prinzessin beinahe nichts mit ihrer Verwandtschaft gemein hatte, zumindest äußerlich. Ihr Blick war beizeiten unnahbar aber niemals kühl. Der König führte seine Rede fort, und kündigte die Hochzeit an.
Da der Prinz nun eingetroffen war, mussten sie nicht mehr warten. Faramir nickte und bemerkte leiser als gewollt, dass er sich geehrt fühlte und sich freute. Er warf einen kurzen Blick zu der Prinzessin und sah wie sie ihren Blick immer noch auf ihrem Teller gerichtet hatte. Er wusste nicht warum, aber dieser Anblick versetzte ihn einen Stich. Konnte sie nicht zumindest ein wenig heucheln und etwas dazu sagen. Irgendetwas. Er war schließlich auch nicht freiwillig hier. Sofort scholt er sich. Diese Art zu denken war ihm nicht würdig. Er wusste was von ihm verlangt wurde, und er war besser als über sein Schicksal zu jammern.
