War er ein Gefangener? Seit Stunden saß er in den Gemächern und starrte an die Wand. Nun ja nicht die gesamte Zeit, aber schon eine Weile. Stunden waren vielleicht übertrieben, aber es fühlte sich beinahe an wie eine Ewigkeit. Er war immer nur mit Abbas unterwegs und fühlte sich allmählich wie eingesperrt.

Was natürlich Unsinn war, weder war seine Tür versperrt noch waren Wachen davor postiert. Er war selbst an seiner Lage schuld, immerhin hatte er zwei gesunde, wenn auch leicht schmerzende Beine. Er konnte jederzeit aufstehen und gehen. Und genau das tat er auch. Er lugte den Gang entlang und versuchte sich an den Weg zum Speisesaal zu erinnern. Oder an den Weg zu dem Waschraum. Oder an irgendeinen anderen Weg den er wieder zurück finden würde. Schießlich beschloss er, selbst wenn er sich verlaufen würde, sicherlich war seine Erscheinung auffällig genug, dass ihn die Wachen erkannten und wieder zurück führten.

Natürlich wäre das furchtbar für ihn, das Ausmaß der Schande die überhin hinein brechen würde sollte er- ein Waldläufer Ithiliens sich in einem Gebäude verirren. Aber gut, das war das Risiko mit dem er leben musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste es riskieren. Er atmete noch einmal tief ein und entschied sich für eine Richtung. Als er den scheinbar endlosen Gang entlang trottete, kamen ihm einige ärmlich aussehende Diener entgegen. Als er Stiegen fand die nach unten führten, folgte er ihnen gutgläubig. Sein Gemach war einige Stockwerke weit oben, also musste er nach unten.

Auf einmal nahm die Anzahl der Diener die ihn entgegen kamen immer mehr zu und diese sahen ihn auch immer entsetzter an. Faramir hielt ein und wandte sich um.

Scheinbar hatte ihn sein Weg in den Sklavenflügel geführt. Schließlich blieb einer der Diener stehen und sprach ihn an. Noch immer der Sprache nicht mächtig versuchter Faramir mit Händen und Füßen zu erklären, wohin er wollte. Natürlich wusste er das selbst nicht, da er eigentlich nur nach draußen wollte.

Schließlich wies ihm der Junge den Weg und Faramir machte sich daran den Anweisungen folge zu leisten. Scheinbar war ihm das Glück heute absolut nicht gesonnen, da er sich in einem finsteren Gang wieder fand den er absolut nicht zuordnen konnte. Frustriert stöhnte er auf. Nun waren nicht mal mehr Diener hier die ihn retten konnten.

Resignierend fuhr er sich durch seine brünetten Locken und wandte sich geschlagen um. Da war sie. Faramir stieß einen für seinen Geschmack viel zu hohen Schrei aus.

Wie hatte sie ihn gefunden? War sie ihm die gesamte Zeit über gefolgt? Das konnte nicht sein, er hatte sich viel zu häufig umgedreht um die Orientierung nicht zu verlieren, was scheinbar nicht all zu gut funktioniert hat.

Die Prinzessin lachte laut auf und Faramir fühlte sich auf einmal nicht mal mehr annähernd so miserabel. Immerhin hatte er diesen Laut verursacht, und er fand schon, dass das auch eine Leistung war.
Unsicher grinste er sie an und zuckte mit den Schultern.

„Wo möchtest du hin?"

Er erschrak fast erneut als er ihre Stimme hörte, sie sprach seine Sprache.

Sie verstand ihn.

Warum hatte sie das noch nicht früher gesagt?

Die gesamte Reise über schwieg sie ihn an, dabei hatte er so viele Fragen. Bevor er seine Gedanken weiter führen konnte, fiel ihm auf dass sie ihm eine Frage gestellt hatte und er sie noch immer stumm anstarrte. Er hatte sich für einen Tag genug lächerlich gemacht.

Schnell räusperte sich und versuchte seiner Stimme einen tiefen klaren Klang zu geben. Dieser verscheuchte hoffentlich seinen etwas unmännlichen Schrei von zuvor.

„Ich wollte eigentlich in die Bibliothek." Gute Lüge. Bibliothek ist nie verkehrt. Damit signalisierte er sein Interesse für ihre Kultur, dass er belesen und klug ist. Faramir war stolz auf sich.

Sie musterte ihn kurz mit einem intensiven Blick und nickte schließlich. Dann zwängte sie sich wortlos an ihn vorbei und ging in die Richtung in die Faramir vorher aufgebrochen war.

Sie war ihm kurz so nah gewesen, dass er nicht drum herum kam um ihren Duft einzuatmen. Ein paar Dinge waren ihm noch von den Marktständen bekannt. Fremde Blumen und süßliche Öle kamen ihn in den Kopf. Er wünschte er würde die Namen kennen, so konnte er vielleicht herausfinden welche Düfte sie gerne hatte.

Nachdem er ihr ein paar Sekunden gedankenverloren nachgesehen hatte, trabte er ihr schnell hinterher und versuchte mit ihr Schritt zu halten.

Sie schien sich mühelos in dem Gewirr der Gänge und Türen zurechtzufinden, was wiederum logisch war da sie vermutlich hier aufgewachsen ist.

Faramir dachte fieberhaft darüber nach was er zu ihr sagen sollte. Was könnte er mit ihr bereden? Mit Sicherheit nicht die Hochzeit, ihre Reaktion am Morgen hatte genug gesagt.

Währenddessen Faramir einen halben Schritt hinter ihr her trottete bemerkte er nicht wie sie ihn belustigt musterte.

„Es ist schon eindrucksvoll wie du hier her gefunden hast."

Ihre war klar und hell, jedoch nicht sonderlich hoch. Sie war bestimmt und mit einem schweren Akzent durchzogen.
Faramir mochte sie, sie war angenehm.

Sofort überlegte er, ob er sie ebenfalls mit Du ansprechen sollte. Vielleicht verzichtete sie auf die Höflichkeitsfloskeln da sie bald heiraten würde, oder vielleicht kannte sie sie auch nicht.
Er würde sich schließlich auch schwer tun in Rohirrisch alle Regeln der Höflichkeit einzuhalten. Also beschloss er, eine direkte Anrede zu meiden bis er ihre Beweggründe kannte.
Im Zuge dieses Gedankenganges spürte er regelrecht Boromirs Hand an einem Hinterkopf. „Du denkst zu viel. Viel zu viel." Hörte er ihn sagen. Vermutlich hatte er wie so oft recht.

„Wie das?"

Er hörte ein heiseres Lachen und fühlte sofort das bekannte Ziehen in seiner Brustgegend.

„Ich glaube nicht einmal Salar war schon einmal hier unten."

Faramir zog seine Stirn in Falten. Der Prinz war ihm wie der Rest seiner Sippschaft ein einziges Rätsel.

„Du hast die Diener in ziemlichen Aufruhr versetzt." Führte sie weiter fort.

Obwohl er ihr Gesicht nicht sah, konnte er ihr Lächeln hören.

„So wurde ich also entdeckt." Bloß keine direkte Anrede. Gut gemacht.

„Bei dem Weg den du zurückgelegt hast musste ich dich abfangen bevor du noch in den Höhlen landest."

„Dafür bin ich ewig dankbar."

Faramir lächelte.
Es war das erste mal, dass der Schmerz der durch die weite Entfernung zu seiner Heimat und seinem Bruder hervorgerufen wurde leicht abklang.

Er fühlte sich das erste mal nicht komplett fehl am Platz.
Auf einmal hielt sie vor einer großen Flügeltür an.

Faramir, der wie so oft in Gedanken versunken konnte seinen Schritt gerade noch abbremsen. Wieder dieser Duft. Er musste wissen was es war. Bevor er die Nähe genießen konnte, wurde er von dem Anblick der sich hinter der Tür verbarg übermannt. Er konnte den entsetzten Atemstoß nicht zurückhalten und bemerkte auch nicht ihr zufriedenes Grinsen.