Der große Tag

Seit dem ihm die Bibliothek offenbart wurde, verbrachte Faramir jede freie Minute darin. Er fand sogar einige Bücher die scheinbar für Kinder waren, in großer und einfacher Schrift und erklärenden Zeichnungen. So oft er konnte versuchte er diese Bücher zu lesen und immer wieder langsam durchzugehen, so konnte er zumindest die geschriebene Sprache lernen. Abbas half ihm mit der gesprochenen. Er riet ihm dazu die gemeine Sprache zu lernen, da diese so gut wie jeder in Harad zumindest verstand.

Seine Fortschritte hielt er in den Briefen fest die er an Boromir schrieb. Er versuchte alles so gut wie möglich zu beschreiben und ärgerte sich, dass seine künsterischen Fähigkeiten so wenig ausgeprägt waren.

Ein Bildnis der Mamukils war bestimmt viel eindrucksvoller als ein Text. Vor allem für jemanden wie Boromir, der nach zwei Zeilen schon gelangweilt das Buch zur Seite legte und lieber auf die Jagd ging.

Seine Beziehung zur Prinzessin besserte sich mit jedem Tag. Als er sein Problem mit dem Zeichnen erwähnte, hatte sie ihm sofort einen Künstler herbeigeschafft der ihm nicht nur die Tierwelt sondern auch Krieger und Gebäude zeichnen konnte.

Faramir sah seinen Bruder wie er die Bilder der Haradkrieger stolz herum zeigte und diverse Geschichten dazu erfand. Wie immer spürte er dessen Abwesenheit schmerzlich, er wünschte sich, dass er ihm die Dinge selbst zeigen konnte.

Vor allem das Hurenhaus mit den exotischen Schönheiten die beinahe nichts anhatten. Faramir hatte sich nur einmal zufällig dorthin verirrt und war sofort geflüchtet als er auf einmal drei Frauen am Ärmel hatten die ihn nicht nur am Arm anfassten.

Sie wussten scheinbar wo sie gutes Geld verdienen konnten, Faramirs Erscheinung hob sich nicht nur aufgrund seiner hellen Haut ab. Auch das Gewandt welches er von seinen Gastgebern bekam war edel und anmutig und furchtbar bequem. Faramir genoss es beinahe jeden Morgen den Stoff anzulegen.

Er konnte mit dem König und dem Prinzen noch immer wenig anfangen. Der Prinz interessierte sich nicht wirklich für ihn, er war mehr Abwesend als seinem Vater zu helfen und der König schien stets beschäftigt oder in Gedanken versunken. Dafür verbrachte zu seiner Freude die Prinzessin immer mehr Zeit mit ihm und verweilte sogar ab und zu mit ihm in der Bibliothek.

Bevor er sich versah, war bereits sein Hochzeitstag. Scheinbar verbrachte man die Nacht vor der Hochzeit getrennt, da er alleine einschlief und zu seinem Bedauern auch alleine aufwachte.

Er mochte es, dass die Prinzessin immer später als er zu Bett ging, so schlief sie länger und er konnte sie in den frühen Morgenstunden ungestört beobachten. Wie ein unheimlicher Mann aus dem Westen das nun mal so tat, dachte er sich schmunzelnd.

Abbas brachte ihm sein Gewandt und er staunte als er das Wappen Gondors, den weißen Baum, als gesticktes Bruststück erkannte.

Zwar hatte die Kleidung nichts mit dem gemein, was in Gondor getragen wurde, doch alleine dieses Symbol brachte ein heimatliches Gefühl mit sich.

Neben dem Gewandt brachte Abbas auch jede Menge Schmuck und ein in ein Tuch gewickeltes Geschenk. Er überreichte es ihm vorsichtig und hatte dabei ein schiefes Grinsen.

„Von Tal Rasha."

Faramir blickte ihm überrascht an. Er hatte nichts für seine Zukünftige, hätte er von dem Brauch gewusst, hätte er etwas mitgenommen oder zumindest auf dem Markt gekauft. Sofort bekam er ein schlechtes Gewissen.

Bedächtig zog er den Stoff von dem Geschenk und keuchte überrascht auf. In seinen Händen hielt er den Dolch den er damals auf seiner Reise bewundert hatte.

Er begutachtete ihn, es konnte nicht der selbe sein, wie hätte sie das wissen sollen. Doch es war der gleiche. Beinahe. Denn ein Teil des Griffstückes wurde ausgetauscht und zeigte nun wie auf seinem Gewand den weißen Baum Gondors.

Faramir fuhr mit seiner Fingerspitze die Gravuren entlang und bewunderte wie damals das Geschenk. Er konnte es nicht erwarten diese Kostbarkeit Boromir zu zeigen. Sein Bruder liebte Waffen, und sicherlich würde er vor Neid platzen wenn er ihn sehen würde. Bewundernd balancierte er die Waffe auf seinem Finger und bemerkte nicht wie Abbas ihn amüsiert beobachtete.

Abbas mochte den fremden Prinzen. Zu beginn war er wie alle anderen skeptisch und doch auch vor allem neugierig auf den zukünftigen Ehemann seiner Prinzessin.

Doch schon nach kurzer Zeit konnte er das Faramirs gutes Herz erkennen. Er bewunderte seine Sanftheit und seine Ruhe.

Er wusste nicht warum der König einen Fremdling ins Reich geholt hatte, und er war wahrlich nicht in der Position die Entscheidungen seines Königs in Frage zu stellen, doch er war froh.

Die Alternativen waren alles andere als berauschend.

Der Prinz behandelte ihn als einziger als ebenbürtig. Er sah nie auf ihn herab, misshandelte ihn nicht oder beschimpfte ihn. Im Gegenteil, er fragte ihn nach Rat und erbat sogar seine Hilfe um seine Sprache zu lernen. Egal welche Rolle der junge Westling im Plan des König spielte, Abbas war froh dass er hier war.

Faramir stand still als er angezogen wurde und erinnerte sich sogleich an den Moment in der Wüste, als die Krieger ihn eingekleidet hatten.

Doch diesmal war es anders, er bemerkte seine Nervosität schon am Morgen. Heute war sein Hochzeitstag.

Nie im Leben hatte er ihn sich so vorgestellt. Zugegeben, eine politisch motivierte Heirat hatte er für möglich gehalten, doch nicht in dem Ausmaß.

Nie hätte er gedacht, dass ihn seine Hochzeit so weit von seiner Heimat hinfort tragen würde. Doch es kam nun mal nicht immer so wie man dachte.

Abbas band ihm den Dolch um seine Hüften und Faramir betrachtete sich im Spiegel. Das Gewandt war maßgeschneidert und er war schon ein wenig stolz wie gut es ihm passte. Er war niemals eitel gewesen oder dachte von sich, dass er gut aussehe.

Natürlich wusste er, dass er kein Troll war. Aber neben Boromir war es schwer zu glänzen. Boromir. Er wünschte sein Bruder könnte ihm beistehen.

Er würde Witze machen und ihn beruhigen. Boromir wusste immer was er sagen musste um Faramirs Nerven im Zaum zu halten.

Und gerade jetzt brauchte er ihn. Bis jetzt hatte er noch keine Antwort auf seine Briefe erhalten, doch da er selbst die Strapazen des Weges auf sich genommen hatte, wusste er, dass seine Briefe vermutlich noch nicht einmal eingetroffen sind. Mehr als sonst brauchte er ihn jetzt. Diesen Meilenstein in seinem Leben sollte er nicht alleine erleben müssen. Gerade als die Traurigkeit ihn zu übermannen drohte, öffneten sich die Türen und der König stand mit ernstem Blick vor ihm.