Ein Abend wie kein anderer

Faramir fand keine Worte um seinen Zustand zu beschreiben. Nicht, dass er klar denken konnte. Doch selbst wenn, er konnte sich nicht erinnern wann es ihm je so schlecht ging. Sein Magen fühlte sich übersäuert und leer an.

Jede Bewegung schmerzte ihn als hätten ihn eine Horde Rohirrim überrannt, sein Kopf dröhnte und sein Hals fühlte sich an als hätte er Glas gegessen. Langsam fiel ihm der Grund und vor allem der Anlass für seinen Zustand ein.

Seine Hochzeit.

Er blickte vorsichtig an sich herunter und bemerkte, dass seine Kleidung gewechselt wurde. Er fürchtete, dass der Grund sein Erbrechen war und keine hochzeitsnachttypischen Unternehmungen. Wie konnte das nur passieren, er war doch besser als das. Langsam erinnerte er sich zumindest an Bruchstücke des Abends.

So hatte Faramir zu Beginn noch die Befürchtung in seiner reich geschmückten Robe aufzufallen, verflog diese Angst schon nach den ersten Gästen die ihre Aufwartung machten. Die Halle war mit diversen Blumen geschmückt und auf den Wänden hingen diverse Wappen, unter anderem auch das von Gondor.

Faramir blickte es kurz an und dachte sich, dass er der einzige Vertreter seiner Heimat an diesem Abend war. Sofort verwarf er den Gedanken und nahm sich fest vor diesen Tag zu genießen, selbst wenn ihm nicht nach Feiern zumute war. Die Tische waren mit goldenem Geschirr gedeckt und eifrige Diener eilten um her um die letzten Vorbereitungen zu treffen.

Er selbst wurde zu einem großen, erhöht stehendem Sessel geführt und nahm darauf platz. Laut Abbas würden nun die Gäste eintreffen und nach einander die Geschenke und Glückwünsche für das Paar überreichen. Er spürte langsam die Nervosität in sich aufsteigen.

Als er seine Braut das erste Mal sah, blieb ohnehin kein Platz für traurige Gedanken. Mit halb offenem Mund starrte er sie an. Ihre Augen waren dunkel umrandet und wirkten noch geheimnisvoller als sonst, ihre Lippen waren in einem dunklen Rot gehalten und ihre Haare ergossen sich in großen dunklen Wellen über ihren Rücken.

Sie trug eine Krone welche seiner ähnelte und trug nicht weniger Schmuck als er selbst. Ihr Gewand wäre in seiner Heimatstadt ein Grund des Aufruhrs, soviel war sicher.

Soldaten würden sich gegenseitig zerreißen um auch nur einen Blick auf sie zu erhaschen. Doch hier schien es absolut normal zu sein, den Körper einer Frau nicht nur zu erahnen sondern genau zu wissen, wo sich gewisse Erhebungen und Rundungen befanden.

Faramir riss sich zusammen und lenkte seinen Blick wieder auf ihr Gesicht. Als er ihr süffisantes Grinsen sah spürte er bereits wie seine Wangen rot wurden. Er kannte den Ablauf von Abbas und ist diesen so oft durchgegangen, dass er zumindest wusste was wann geschah.

Die Traditionen dieses Volkes waren nicht halb so abschreckend wie er befürchtet hatte. Zumindest nicht alle. Es wurden einige Tiere geschlachtet, doch immerhin musste nicht er das Blut trinken sondern seine Braut. Er hatte eine vergleichsweise einfache Aufgabe, er musste sich am Unterarm schneiden und somit für seine Braut und deren Vater „bluten".

Selbst auf mehrmaligen Nachfragen konnte ihn Abbas nicht erklären warum. Doch Tradition war Tradition.

Zunächst dachte er, dass es mit dem bluten der Frau während der Hochzeitsnacht zu tun hatte, doch als Abbas ihn beinahe auslachte und amüsiert den Kopf schüttelte gewann er die furchteinflößende Gewissheit, dass in diesem Land einige Dinge tatsächlich anders waren als in seiner Heimat.

So stand Krieg, Kampf und Ehre über allem, Treue und Enthaltsamkeit waren nicht die Stärken der Menschen von Harad.

Farmir war kein Träumer, zumindest nicht immer, er wusste, dass die meisten Bordellbesucher verheiratet waren. Doch eigentlich war Ehebruch für Frauen nicht üblich oder akzeptiert.

Er wollte sich nicht von seiner Angst bestimmen lassen und schluckte sie hinunter. Egal was ihn in dieser Nacht erwarten würde, er würde es meistern. Er war schließlich ein Sohn Gondors. Faramir wusste damals noch nicht, dass er in dieser Nacht nichts meistern sollte.

Die Gäste kamen in Scharen und Faramir wunderte sich, wo diese Menge an Menschen Platz finden sollte. Jeder brachte Geschenke und verbeugte sich vor ihm und seiner Braut ehrfürchtig. Viele ältere Nobelmänner brachten ihre Söhne mit und hatten diese besonders herausgeputzt.

Faramir vermutete, dass diese die abgelehnten Kandidaten waren und die Väter nun als letzte Hoffnung versuchten die Prinzessin umzustimmen. Zu seinem Glück beachtete sie diese nur wenig und nahm lediglich die Geschenke mit einer dankenden Geste an.

Faramir entdeckte unter den Geschenken auch wahre Kostbarkeiten, alte gebundene Bücher und Waffen, Edelsteine und Stoffe. Das Volk der Harad war wahrlich nicht geizig.

Nach einer Rede des Königs, welche Faramir sogar zum Teil verstand, mussten sie ihre Schwüre aufsagen und tranken nach einander aus einem Kelch.

Er atmete erleichtert auf als er den Jubel der Gäste und des Volkes welches außerhalb des Palastes Stellung bezogen hatte vernahm und erlaubte sich seine Frau genauer anzusehen. Sie beugte sich zu ihm und sagte mit ruhiger Stimme „Schöner Dolch."

Als Faramir etwas entgegen wollte, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Salar, ausgestattet mit zwei Bechern, reichte ihm einen davon und schlug ihm fest auf den Rücken.

Sein Gesichtsausdruck und die Härte des Schlages ließ die Vermutung zu, dass er bereits mehr als einen Becher getrunken hatte. Faramir wollte diese Geste nicht abtun und trank gierig.

Das Gebräu hatte nichts mit dem Ale seiner Heimat gemein und kratzte ihn im Hals. Er unterdrückte ein Husten und nickte dankend.

Er beobachtete seinen Schwager dabei wie er etwas unsicher zu der Braut torkelte und sie in eine feste Umarmung zog. Diese hatte Probleme seinen wankenden massigen Körper zu stabilisieren und verzog angewidert das Gesicht als er sie geräuschvoll auf die Wange küsste.

Sofort wurde sie von zwei Männern erlöst die den Prinzen liebevoll wegschoben. Faramir hatte kaum Gelegenheit um sich zu erholen, da bereits ein anderer Mann mit zwei Bechern vor ihm stand.

Dies wiederholte sich schließlich bis zu einem Punkt an dem Faramir ablehnen musste. Doch der gekränkte und wütende Gesichtsausdruck seines Gegenübers, ein entfernter Cousin seiner Frau, belehrte ihn eines besseren und er würgte auch diesen Becherinhalt hinunter.

Er bereute es sofort.

Nun wäre Boromir eindeutig im Vorteil, seine exzessiven Trinkgelage hätten ihn vor so einem Fiasko bewahrt. Er war es schlichtweg gewohnt soviel zu trinken.

Faramir hingegen, der eher bei den Büchern als in der Taverne zu finden war, merkte bereits, dass der Abend nicht gut für ihn ausgehen würde.

Sein Kopf drehte sich und er wankte bereits merklich. Zu seinem Glück schien das nicht weiter aufzufallen.

Dachte er, denn als ihm bereits der nächste Becher unter die Nase gehalten wurde, spürte er eine Hand die ihn sanft wegzog. Seine Braut, die in seinem Zustand noch weitaus schöner war als vorher, bugsierte ihn vorsichtig von der Menschenmenge weg.

Ab dem Zeitpunkt konnte er sich nicht mehr an das Geschehene erinnern.

Jedoch war er sich sicher, in seinem Zustand keine oder wenn eine absolut peinliche Leistung abgelegt zu haben. Er kannte die Sprüche der Soldaten. Er wusste, dass jeder Becher zwar die Stimmung hob, doch nichts anderes.

Stöhnend vergrub er sein Gesicht in seinen Händen. So war also eine erste Handlung als Prinz. Er hatte sich selbst mit Erbrochenem beschmutzt, vermutlich auch anderes und war zu guter Letzt in seiner Hochzeitsnacht alleine eingeschlafen. Wenn das sein Vater wusste, er wollte sich gar nicht vorstellen was dieser darüber zu sagen hatte. Das erste Mal freute sich Faramir so weit weg zu sein. Zumindest blieb ihm die Wut des Truchsess erspart.