Sobald sie den Palast betraten, spürte Faramir die nagende Ungeduld, die er bislang mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hatte, in sich hoch steigen. Scheinbar hatte er diese doch schlechter versteckt als er dachte, denn seine Prinzessin wies ihm ohne Umschweife den Weg in ihre Gemächer und verließ diese auch sogleich um ihn, wie er vermutete, ein wenig Privatsphäre zu gönnen.
Faramir hatte keine Gelegenheit sich zu bedanken denn er stürzte zu dem Tisch und riss das Siegel von dem mittlerweile von seinem Herumhantieren etwas in Mitleidenschaft gezogenem Stück Pergament.
Er faltete es ungeduldig auf und begann zu lesen.
Sofort musste er schmunzeln.
Sein Bruder war wahrlich kein Poet doch er brachte seinen Charme scheinbar doch auch aufs Papier.
Er sprach natürlich sofort das Thema an was Faramir eigentlich vergessen wollte- seine Hochzeitsnacht. Als er weiter las legte er seine Stirn in Falten.
Boromir wurde nach Bruchtal geschickt.
Der Brief verriet zwar nichts vom Grund seiner Reise, doch Faramir war kein Dummkopf.
Der Truchsess würde Boromir nur entbehren, wenn es wirklich wichtig war und offensichtlich dürfte etwas in Bruchtal geschehen, was Gondor nicht missen durfte.
Er las den Brief ein paar Male bevor er sich erschöpft zurück lehnte und laut in den Raum seufzte. Zerstreut fuhr er sich durch seine mittlerweile fast blonden Locken und rieb seine Augen. Sofort schossen ihm Bilder von Minas Tirith in den Kopf, die strahlende weiße Stadt wirkte im Gegenzug zu seiner neuen Heimat fast kalt und lieblos. Er erinnerte sich wie Boromir und er sich durch die engen Gassen gewunden hatten, jeden Ort erkundet und sich vor den Lehren versteckt bis sie die Angst vor ihrem Vater wieder zurück getrieben hatte. Boromir. Erneut seufzte er. Etwas stimmte nicht.
Wäre er zu Hause würde ihn sein Vater sofort als Weichling abtun und sich über seine Vorahnungen lustig machen. „Faramir der Wahrsager." hörte er den Truchsess mit einem sarkastischen und sogleich verächtlichen Ton sagen.
Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, dass Boromir seine Reise nicht nur für ihn herunter spielte.
Bis zum Abend brachte er den gesamten Tag über keinen Bissen hinunter. Er wusste nicht, ob es das Besäufnis am Vortag war, oder seine schwelende Sorge um seinen Bruder. Die Bedrohung die von noch immer von Mordor ausging war hier vielleicht nicht spürbar, aber dennoch wusste er genau in welche Richtung sich die besorgten Blicke der Soldaten von Gondor richteten.
Schließlich gab er sich geschlagen und ging mit leeren Magen zu Bett. Seine Frau war zu seiner Enttäuschung noch immer nicht in ihren Räumlichkeiten eingetroffen und er versuchte sich keine Gedanken darüber zu machen.
Er nahm sich vor auf sie zu warten, doch Abbas hatte ihm bereits mitgeteilt, dass sie mit ihren Hauptmännern beschäftigt war und, dass es durchaus bis in die Morgenstunden dauern konnte.
Faramir, dessen Stimmung aufgrund des leeren Magens ohnehin nicht gerade gut war, konnte seinen Unmut nicht verbergen. Ihm war bewusst, dass es eine arrangierte Ehe war. Ihm war bewusst, dass seine Leistung in der Hochzeitsnacht wirklich nichts war auf das man stolz sein sie waren immer noch verheiratet- und das erst seit kurzen. Es war wohl nicht zu viel verlangt zumindest die zweite Nacht zusammen zu verbringen zu können.
Er wusste natürlich, dass sein Frust nicht ganz ihr zuzuschreiben war. Er war frustriert weil er seine Chance in den Sand gesetzt hat und offenbar nicht einmal eine zweite bekam.
Er war frustriert weil er hier am anderen Ende der Welt saß und in seiner Heimat die Zeit weiter lief. Es war absurd, doch offensichtlich hatte der Brief und Boromirs Worte ihm klar werden lassen, dass das Leben in Gondor weiterging. Nur ohne ihn. Er konnte nichts tun außer hier sitzen und auf weitere Nachrichten zu warten. Und das frustrierte ihn mehr, als jede verpatzte Hochzeitsnacht.
Nach einer kurzen Wäsche zog er sich aufgrund der warmen Temperaturen ein leichtes Beinkleid an, welches kurz über seinem Knie endete. Als er an sich hinunter blickte, bemerkte er, dass die Sonne bereits seinen Oberkörper gebräunt hatte. So sah er nicht mehr ganz so aus, als hätte er immer ein weißes Hemd an. Sogar seine hellen Brusthaare wurden noch mehr ausgebleicht und bildeten nun einen leichten Kontrast zu seiner braunen Haut.
Faramir fühlte den Stoff und war abermals dankbar diese Kleidung erhalten zu haben. Er wollte sich nicht vorstellen wie sich das Gewandt seiner Heimat anfühlen würde, Stoffe die auf kalte Tage und noch kältere Nächte ausgerichtet waren.
Schweissnass würde es schwer an ihm kleben und ihn vor Hitze umkommen lassen.
Müde ließ er sich aufs Bett fallen und ließ seine Gedanken nochmals in Richtung seiner Heimat schweifen.
In dem Brief las er nichts von seinem Vater. Er war nicht überrascht. Sicher hätte er sich über ein paar Zeilen gefreut, doch Faramir hatte schon lange aufgehört auf die Liebe seines Vaters zu hoffen. Seltsamerweise brachte der Abstand auch Heilung. Mit jedem Tag wurde die Last der Ablehnung etwas leichter und Faramir fühlte wie er auf einmal wieder freier Atmen kann. Wenn man nicht andauernd an die eigene Nutzlosigkeit erinnert wurde und um jede Zuneigung kämpfen musste, war das beinahe ein befreiendes Gefühl.
Er war beinahe eingeschlafen als er die Tür hörte. Scheinbar hatte die Besprechung doch überraschenderweise früher geendet als erwartet.
Still lag er da und wagte es nicht sich zu bewegen. Er spähte durch ein halb geschlossenes Auge und beobachtete wie seine Frau sich lautlos durch das Zimmer bewegte. Kurz überlegte er, ob er etwas sagen sollte doch er wusste nicht was. Egal wie die Nacht verlaufen würde, er war in keinem Zustand irgendetwas zu leisten was die letzte Nacht entschädigen würde, also blieb er stumm und wagte doch hier und da einen Blick.
Sofort stockte ihm der Atem als er sah was sie im Begriff war zu tun. Bevor er angemessen reagieren konnte, fiel bereits das erste Kleidungsstück zu Boden.
Faramir wusste er sollte wegsehen und er versuchte es, mit aller Macht, doch er konnte nicht. Er sah sie zwar nur von hinten aber das genügte ihm. Ihre Haut war wesentlich dunkler als seine, lediglich einige Narben zerstörten mit ihrer hellen Farbe das ebenmäßige Antlitz.
Spätestens jetzt konnte er sehen, dass sie nicht nur ein General war der aus der Ferne seine Anweisungen bellte, sie war offensichtlich mittendrin und kämpfte Seite an Seite mit ihrem Soldaten.
Faramir hatte zwar noch nicht viele unbekleidete Frauen von hinten gesehen, doch er war sich sicher, dass sie ohne weiteres mit jeder Frau Gondors mithalten konnte. Er stöhnte fast enttäuscht auf als sie sich ein weißes dünnes Kleid anzog und sich zu ihm umdrehte. Sofort presste er sein Auge zu und versuchte so gut wie möglich flach zu atmen. Sein Herz klopfte in seiner Brust und von seiner Müdigkeit war nichts mehr zu spüren. Er war dankbar, dass er sich auf die Seite gedreht hatte. So sah sie nicht den verräterischen Effekt in seiner Körpermitte den ihr Anblick auslöste.
Er fühlte wie sich die Matratze neben ihm senkte und atmete gezwungen gleichmäßig aus. Er hatte keine Ahnung wie um alles in der Welt er jetzt noch Schlaf finden würde. Doch scheinbar hatte sein erschöpfter Körper keine Zeit für seine Gelüste.
Faramir schlief rasch ein, nur um unsanft wieder geweckt zu werden. Als er verwirrt die Augen öffnete, sah ihn Alyah besorgt an. Er brauchte einige Sekunden um sich zu orientieren. Scheinbar hatte er geträumt und sie dabei aufgewacht. Kurz überkam ihm die Panik ob er einen Traum von ihr hatte und dabei Geräusche von sich gegeben hatte die für keine Ohren bestimmt waren, doch ihm fiel der wahre Inhalt seines Traumes ein.
Er war wieder in Ithilien und in seiner Waldläufer Kluft gekleidet. Er stand am Ufer des Flusses Anduin und sah in die Wälder gegenüber. Auf einmal bemerkte er etwas im Fluss treiben und er schritt darauf zu. Es war ein leeres Boot und er watete durch das kalte Wasser um einen besseren Blick darauf erhaschen zu können. Wie benommen sah er jemanden im Boot liegen.
Er wagte es nicht genauer hinzusehen doch er wusste bereits wer die Person war. Boromir. Gekleidet in Gondors feinster Kleidung und mit dem Schwert ihres Vaters in der Hand. Er sah friedlich aus, als würde er ruhig schlafen und sich von dem Fluss wiegen lassen. Seine Haut war blass, wie der klare Fluss der ihn trug.
Faramir konnte sich nicht bewegen und starrte dem Boot nach wie es sich immer weiter von ihm entfernt. Sofort setzte er sich in Bewegung und versuchte das Boot einzuholen. Er bemerkte wie er immer tiefer ins das Wasser gelangte und bald fanden seine Füße keinen Halt mehr in dem steinigen Flussbett. Die Kleidung war nun nass und schwer, die Kälte kroch in seine Haut und lähmte ihn beinahe. Vom Boot war nichts mehr zu sehen. Gerade als die Fluten ihn mitrissen, hörte er eine sanfte Stimme die seinen Namen rief und der Bann war gebrochen.
Und da lag sie. Er konnte seine Gedanken nicht sammeln, sein Herz raste und so starrte er sie nur fassungslos an. Ihr Gesichtsausdruck wurde immer ernster und sie fragte ihn etwas was er nicht hörte. Als wäre er taub sah er nur ihre Lippen die sich bewegten. Er überlegte kurz ob er ihr von dem Traum erzählen sollte, doch hielt sich selbst auf.
Es war nur ein Traum.
Und er machte sich seit dem Brief Sorgen, also war das nur eine Spiegelung seiner Ängste. Er hatte Angst Boromir zu verlieren, da war es nur natürlich von so etwas zu träumen. Er redete sich Sinn in seine Ahnung doch wusste tief im Inneren, dass das alles nur Lügen waren die er sich selbst einredete.
Er konnte seine Sorgen nicht teilen. Sie würde ihn auslachen und für verrückt erklären. Er wusste wie sein Vater mit seinen Träumen umging, er brauchte nicht auch noch hier lächerlich gemacht werden. Er schluckte und sagte mit aller Kraft die er aufbringen konnte
„Alles in Ordnung."
Dann drehte er sich von ihr weg und presste seine Augen zu. Er spürte ihren durchdringenden Blick auf seinen Hinterkopf doch offensichtlich entschied sie sich dazu es dabei zu belassen. Er spürte erneut wie sie in die Matratze sank und betete, dass er schnell wieder einschlafen würde. Er konnte jetzt nicht grübeln. Er hatte nicht die Kraft dazu. Er betete, hoffte und flehte, dass der Traum nur ein Hirngespinst war doch er wusste es besser. Und nun lag er hier, machtlos.
Bevor er erneut einschlief erinnerte er sich an Boromirs Brief. Etwas war seltsam doch zu Beginn konnte er es nicht genau bestimmen, doch jetzt fiel es ihm ein. Es war beinahe so, als ob sein Bruder ihn beruhigen wollte. Als ob etwas im Gange wäre was ihm selbst große Angst machte. Faramir schüttelte innerlich seinen Kopf, er war übermüdet und geschwächt. Sein Geist spielte ihn einen paranoiden Streich.
Neben ihm lag die Prinzessin und starrte auf die Decke über sich. Sie wusste, dass nichts in Ordnung war aber sie wusste auch, dass nun nicht der Moment war dies zu besprechen. Etwas beschäftigte ihren Mann und das hatte eindeutig mit dem Brief zu tun.
Doch was war geschehen? Sie wusste von ihren Hauptmännern, dass sich etwas in Mordor regte. Orks kreuzten immer öfters ihre Wege und auch einige weiter entfernte unabhängige Stämme sprachen von den damals leeren Versprechungen von Ruhm und Glanz.
Doch damals war nicht heute.
Seit das Reich geeint wurde, hatte sich die Lebensqualität wesentlich gebessert. Die Menschen waren nicht mehr so empfänglich für die Versuchung die von Mordor ausging. Außerdem hatten sie Treue geschworen, und man konnte vieles über die Haradrim sagen, doch selbst dem primitivsten Stamm war Ehre wichtiger als alles andere.
Einen Schwur zu brechen war nichts was man auf die leichte Schulter nehmen sollte und was sich kein Häuptling leisten konnte. Sauron konnte nur auf die Söldner hoffen, welche er bezahlen müsste. Aber selbst Söldner waren zwar käuflich, aber nicht dumm. Sie würden sich stets auf die Seite des Stärkeren stellen- denn ein Verlierer konnte sie nicht entlohnen.
Nichtsdestotrotz wollte sie sich nicht ausmalen, was passieren würde, wenn die Gerüchte wahr wären. Wenn der Ring der Macht tatsächlich gefunden wurde, würde sie ihre Hand nicht für die Loyalität ihres Volkes ins Feuer legen.
Denn der Drang zu überleben war immer noch stärker als ehrenhaft zugrunde zu gehen. Und jeder gute Anführer würde das entscheiden, was das beste für sein Volk wäre. Selbst wenn das hieße, dass er sich damit gegen seine eigene Gattung stellen musste.
Sie warf noch einmal einen kurzen Blick auf den Hinterkopf ihres Ehemannes. Seine dunkelblonden Locken lagen wirr verstreut und sie musste sich zurückhalten nicht mit ihrer Hand sanft die durch das Haare zu fahren. Sie hatte schon immer seine Haare gemocht. Sie waren so fein und weich, nicht so störrisch und kräftig wie die Haarpracht ihres Volkes. Mehr als einmal stellte sie sich vor wie sie durch diese Haare fahren würde, liebevoll oder gierig- je nach dem. Bevor sie sich in ihren Gedanken verlor und ihn aufwecken würde, ließ sie es auf sich beruhen. Nun war nicht der richtige Zeitpunkt für solche Dinge, morgen war schließlich auch noch ein Tag.
