Kapitel 1 – 1991-1996
Hermine war so aufgeregt, wie noch nie in ihrem ganzen Leben, als sie die Große Halle von Hogwarts zum ersten Mal betrat. Hunderte Schüleraugen blickten sie an, Kerzen schwebten über den vier großen Haustischen und die Decke war verzaubert, damit sie so aussah wie der nächtliche Sternenhimmel draußen. Vieles hatte sie schon in Eine Geschichte Hogwarts gelesen, doch es nun mit eigenen Augen zu erleben, war etwas vollkommen anderes. Des Weiteren fürchtete sie, dass sie nun eine Art Prüfung vollziehen musste, um in eines der vier Häuser verteilt zu werden. Daher war sie mehr als erleichtert, als Professor McGonagall ihnen den Sprechenden Hut erklärte, der die Arbeit des Verteilens für sie übernahm.
Hermine hatte vorher schon viel über die vier Häuser gelesen und favorisierte Ravenclaw, doch hatte sich auch fest vorgenommen, nicht enttäuscht zu sein, wenn es ein anderes Haus werden würde, denn schließlich würde dieses ja dann perfekt zu ihr passen.
Während sie darauf wartete, dass sie aufgerufen wurde, betrachtete sie ihre neuen Lehrer. Einer hatte einen langen, weißen Bart, einer war riesengroß und ein anderer winzig klein. Eine Lehrerin lächelte sie freundlich an, eine andere schaute verträumt in ihr Weinglas.
Und dann gab es noch einen hakennasigen Lehrer mit schulterlangen, schwarzen Haaren und kalten Augen, der sie – und zwar ausschließlich sie – ohne einmal zu blinzeln beobachtete.
Hermine behagte dieser Blick nicht und sie sah schnell wieder fort, doch wann immer sie es wagte, diesen Professor anzuschauen, starrte er sie immer noch unverwandt an.
Daher war sie heilfroh, dass sie nach Gryffindor kam und nicht nach Slytherin, denn, so fand sie später heraus, dieser Lehrer, Professor Severus Snape, war der Hauslehrer der Slytherins, und Hermine hatte beschlossen, so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben zu wollen.
Doch wegen seines Unterrichts musste sie sich mindestens einmal pro Woche mit ihm abgeben…
In ihrer ersten Stunde Zaubertränke verlas Snape die Namen der Schüler. An ihrem jedoch blieb er hängen und blickte sie fast eine ganze Minute lang schweigend an.
Hermine versuchte, diesem Blick standzuhalten, doch es fiel ihr schwer.
Über die nächsten Schuljahre verhielt sich Snape ihr gegenüber zwar genauso abfällig wie allen anderen Nicht-Slytherins gegenüber, doch gelegentlich fand sie wieder diesen seltsamen Blick auf sich ruhen. Es war, als wüsste er mehr über sie und als warte er auf etwas. Mal war der Blick wärmer als sonst, mal fragend. Doch selbst nach fünf Jahren wurde Hermine nicht schlau aus ihm und fragen konnte sie ihn natürlich nicht, denn das hätte nur Strafpunkte und Nachsitzen gegeben.
Außerdem erwischte sie ihn dabei, wie er sie manchmal anlächelte, wenn er sich unbeobachtet fühlte oder träumte, und ein paar Mal hatte er ihr heimlich Punkte gegeben, und drei Mal schon hatte er sie sogar versehentlich geduzt und mit ihrem Vornamen angesprochen, auch wenn er sich dafür jedes Mal sofort entschuldigt hatte. Und einmal hatte er vollkommen automatisch ihre Hand ergriffen, als sie sich auf dem Flur über ihren letzten Essay unterhalten hatten und ein paar übermütige Viertklässler an ihnen vorbeirannten. Snape hatte einfach ihre Hand genommen und sie zu sich und aus dem Weg gezogen. Danach war ihm das Ganze so unangenehm gewesen, dass er geradezu vor ihr geflohen war.
Auch wenn Hermine sein seltsames Verhalten nicht erklären konnte, hatte es sie doch dazu gebracht, ihn nicht wie die anderen zu verabscheuen, sondern im Gegenteil zu respektieren und sogar ein klein wenig zu mögen. Als sie immer mehr von Harry beziehungsweise Dumbledore über sein Leben als Doppelspion erfuhr, stieg ihre Bewunderung für ihn und schon bald begann sie, von seinen Augen zu träumen, die bisweilen sie – und zwar nur sie – mit einem warmen Blick bedachten…
Erst in ihrem sechsten Schuljahr sollte sie endlich erfahren, woher diese Blicke stammten.
