Kapitel 3 – Oktober 1982

Als sich Hermines Sicht wieder klarte, stand sie immer noch in Dumbledores Büro, auch wenn es ein wenig anders aussah: Fawkes Stange befand sich an einem anderen Ort und einige der interessanten Gerätschaften standen woanders oder fehlten gänzlich.

„Hallo", sagte da plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Sie drehte sich erschrocken um und sah Professor Dumbledore hinter seinem Schreibtisch sitzen. An seinem leicht dunkleren Haar und den weniger vorhandenen Falten erkannte sie, dass dies der Dumbledore von vor 14 Jahren sein musste. „Professor Dumbledore", begrüßte sie ihn höflich.

Der Schulleiter lächelte. „Ich vermute, dass Sie einen Brief für mich haben, Miss…?"

„Granger, Sir. Hermine Granger." Sie holte den Brief aus ihrem Rucksack und überreichte ihn Dumbledore, der diesen sofort öffnete und mit schnellen Augen las.

Währenddessen ließ Hermine den Blick erneut durchs Büro schweifen, bis sie plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel vernahm. Blitzschnell drehte sie sich nach rechts und entdeckte eine Person im Schatten stehen, mit verschränkten Armen, die ihr sehr bekannt vorkam und dennoch vollkommen anders aussah. „Professor Snape?", hauchte sie leise.

Er blickte zu ihr, verengte die Augen und trat einen Schritt nach vorne ins Licht.

Hermines Augen weiteten sich. Dies war nicht der Snape, den sie kannte. Dieser Snape war jung (Anfang oder Mitte zwanzig erst, schätzte sie), seine Haare waren kürzer und besser gewaschen, und er sah nicht so verbittert aus, wie in ihrer Gegenwart, sondern… traurig? Was könnte bei Merlins Bart passiert sein, den gefühlslosesten Lehrer Hogwarts so traurig zu machen?

„Sehr gut, Miss Granger!", rief Dumbledore da erfreut und stand auf. Er trat vor die beiden Anwesenden im Raum und stellte sie einander vor. „Miss Granger, dies ist Professor Severus Snape, unser Lehrer für Zaubertränke. Severus, Miss Hermine Granger, Gryffindor-Vertrauensschülerin."

„Ich weiß", lächelte Hermine, während sie Snapes dargebotene Hand schüttelte, die sich irgendwie weicher anfühlte als erwartet. Auf die fragenden Blicke der beiden ergänzte sie: „Er ist es auch noch in meiner Zeit."

Snape beäugte sie argwöhnisch. „Dann werden Sie anscheinend einmal meine Schülerin sein. Aus Gryffindor…" Er sah sie abschätzig an; anscheinend mochte er Gryffindors schon zu dieser Zeit nicht.

Sie wollte gerade etwas erwidern, als er schnell abwehrend die Hände hob und fest meinte: „Ich will nichts von der Zukunft hören."

Hermine war zuerst verwundert darüber, doch dann sagte sie sanft: „Das kann ich verstehen. Ich werde mein Wissen für mich behalten."

Er nickte ihr einmal dankbar zu.

„Miss Granger", meinte Dumbledore da. „Lassen Sie uns nun ausführlicher über die Mission sprechen." Er bedeutete ihr und Snape, sich auf ein Sofa im hinteren Teil des Büros zu setzen, während er sich in einem Sessel ihnen gegenüber niederließ. „Wie viel ist Ihnen schon bekannt?", wollte er dann von ihr wissen.

„Es muss ein schwarzmagischer Gegenstand aus Muggle-London gestohlen werden, damit Voldemort nicht zurückkehren kann." Sie verschwieg besser, dass er dies in ihrer Zeit schon längst getan hatte…

„Er scheint nicht mehr so furchterregend zu sein", meinte Snape, „wenn Schüler es wagen, seinen Namen auszusprechen."

Hermine wandte sich ihm zu. „Doch, das ist er", erwiderte sie ernst. „Ich gehöre zu den wenigen Ausnahmen, die den Mut dafür aufbringen. Wie Professor Dumbledore einmal sagte, beziehungsweise einmal sagen wird: Angst vor einem Namen vergrößert nur die Angst vor der Sache selbst." Sie lächelte dem Schulleiter zu.

„Sehr richtig, Miss Granger", lobte dieser. „Ich fange an zu verstehen, warum mein zukünftiges Ich Sie für diese Mission ausgewählt hat." Danach erklärte er ihr, dass es sich bei dem schwarzmagischen Gegenstand um einen sehr mächtigen Ring handelt, dessen Magie so gewaltig ist, dass man mit ihm Voldemort zurückholen könnte. „Bei diesem Schwarzmagier handelt es sich um einen alten Bekannten von Professor Snape."

Hermine bedachte ihren Lehrer mit einem überraschten Blick.

„Er war der beste Freund meiner Mutter", erklärte er schnell. „Sein Name ist Pigere und er ist vor ein paar Monaten in London untergetaucht."

„Da Professor Snape diesen Zauberer kennt", fügte Dumbledore hinzu, „wird er Sie auf dieser Mission begleiten. Mein Zukunfts-Ich schreibt in seinem Brief, dass Sie, Miss Granger, einen Teil ihrer Jugend in Muggle-London verbracht haben."

„Ja", bestätigte sie.

„Sehr gut. Dann sollte es für Sie beide kein Problem sein, den Ring ausfindig zu machen."

Hermine und Snape sahen sich einen Moment in die Augen, bevor sie fest entschlossen nickten.

„Wunderbar", freute sich Dumbledore. „Dann hätten wir das Wichtigste geklärt. Haben Sie noch Fragen, Miss Granger?"

Hermine verneinte und Snape wurde gebeten, sie zu ihrem Gästezimmer zu führen. Sie verabschiedeten sich von Dumbledore und machten sich auf den Weg.

Die erste Zeit liefen sie schweigend nebeneinander über die Flure Hogwarts. Schüler kamen ihnen keine entgegen, denn es war schon kurz vor Mitternacht. Immer wieder bedachte Hermine Snape mit einem Seitenblick und versuchte, zu entschlüsseln, was ihn aktuell so bedrückte und was ihn in ihrer Zeit so verbittert machen würde.

„Ich scheine in der Zukunft ja mächtig anders auszusehen, dem nach zu urteilen, wie Sie mich die ganze Zeit beobachten", sagte er plötzlich und sie schrak aus ihren Gedanken.

„Verzeihen Sie, Professor Snape." Sie senkte beschämt den Kopf, ergänzte aber: „Es ist nur so ungewohnt, Sie so jung zu sehen."

Ein paar Meter blieb es still, bis er sie offen fragte: „Wie alt sind Sie, Miss Granger?"

„17. Und Sie, Sir? Wenn ich fragen darf."

„22", antwortete er sofort.

Sie sahen sich kurz in die Augen, bevor sie den Rest des Weges schweigend fortsetzten.

Hermine hatte schnell erkannt, dass er sie in die Kerker führte, doch es überraschte sie, als sie vor seinem Büro hielten und es danach sogar betraten. Es war so düster und unheimlich, wie sie es kannte, auch wenn noch nicht so viele gruselige Einmachgläser die Regale befüllten. Sie verweilten nicht lange in seinem Büro, sondern gingen durch eine verborgene Tür hinter dem Schreibtisch, die sie in ein Wohnzimmer brachte.

„Waren Sie schon einmal hier?", wollte er von ihr wissen, als er die Tür hinter ihnen schloss.

„Nein", hauchte Hermine, denn sie war überrascht von der Wärme, die das Zimmer umgab: Der Kamin brannte und verteilte einen warmen Glanz auf den dunkelbraunen Möbeln und dem bordeauxroten Sofa, die Wände waren voll mit Bücherregalen und über dem Kamin hing ein Gemälde, das eine italienische Landschaft zeigte. „Es ist sehr schön", gab sie zu.

Snape lachte kurz auf. „Freut mich, dass es Ihnen gefällt", erwiderte er halb sarkastisch. Ernster fuhr er fort: „Dumbledore und ich hatten uns überlegt, dass es das Einfachste wäre, wenn Sie in meinem Gästezimmer unterkommen."

Sie drehte sich zu ihm und nickte.

„Es befindet sich dort drüben." Er zeigte auf die Tür rechts neben dem Kamin. Danach zeigte er ihr noch das Bad und die Küche. In letzterem Raum fragte Hermine, ob es möglich wäre, noch etwas zu essen, da sie kein Abendbrot gehabt hatte, und Snape gab ihr die Möglichkeit, sich ein Brot zu schmieren.

Als sie wieder aus der Küche trat, saß er in einem Sessel vor dem Kamin und las in einem Buch. Seltsamerweise brachte sie dieses Bild zum Lächeln, denn es war so typisch für ihn.

Er sah zu ihr auf, wobei seine Augen sie für einen Moment so traurig ansahen, dass sie ein wenig erschrak, legte sein Buch zur Seite und führte sie zu ihrem Zimmer. Es war ein einfacher Raum mit einem Kleiderschrank, einem Bett und einem Schreibtisch, aber das würde vollkommen genügen für ein paar Nächte.

„Ich würde gerne morgen Früh schon aufbrechen, damit wir keine Zeit verlieren", teilte er ihr mit. „Wenn das für Sie in Ordnung ist."

Hermine nickte. „Ja, klar, gerne."

„Gut." Er betrachtete sie noch einen Moment, bevor er ihr mit einem höflichen Kopfnicken eine Gute Nacht wünschte.

„Gute Nacht, Professor", strahlte sie und schloss die Tür hinter sich. Sie war hundemüde, daher stellte sie nur ihren Rucksack neben das Bett, zog sich die Schuhe aus, legte sich mitsamt ihrer Alltagskleidung ins Bett und konnte noch nicht einmal darüber nachdenken, dass sie sich im Jahr 1982 befand und wie anders und gleichzeitig vertraut alles war – da war sie auch schon eingeschlafen.

In dieser Nacht träumte sie zum ersten Mal von Severus Snape und seinen traurigen Augen…