Kapitel 4 – Oktober 1982 – In der Winkelgasse

Hermine erwachte durch ein Klopfen an der Tür.

„Miss Granger?"

Sie setzte sich abrupt im Bett auf und war zuerst vollkommen verwundert, warum Severus Snape vor ihrem Schlafzimmer stand, bis ihr auffiel, dass dieses Zimmer überhaupt nicht ihr Schlafzimmer war, und sie erinnerte sich wieder an alles. „Ja?", rief sie wach zurück.

Die Tür öffnete sich nur einen winzigen Spalt. „Ich möchte bald aufbrechen." Er klang nicht genervt, aber auch nicht besonders freundlich.

„Ich komme gleich."

„Gut." Er schloss die Tür wieder und sie hörte ihn weggehen.

Hermine sprang aus dem Bett, zog sich neue Sachen (Muggeljeans und -pullover, in gedeckten Farben, darüber einen schwarzen Umhang, um sowohl in der Muggel- als auch in der magischen Welt möglichst unauffällig auszusehen) an, kämmte ihre Haare und putzte sich mit einem Zauber die Zähne. So, das musste genügen, dachte sie und trat aus dem Gästezimmer.

Snape saß wieder in seinem Sessel, ein Buch in der Hand, eine dampfende Teetasse vor sich. Er blickte zu ihr auf und fragte, ob sie auch einen Tee wolle.

Sie bejahte und setzte sich zu ihm auf das Sofa vor dem Tisch, während er ihr eine Tasse eingoss und ihr ein paar Frühstückskekse anbot.

Sie aßen schweigend, auch wenn er sein Buch zur Seite gelegt hatte. Immer wieder gab sie ihm einen verstohlenen Blick, nur um festzustellen, dass er völlig leer ins Nichts schaute. Warum nur war er so traurig?

Erst als sie fertig waren, ergriff er wieder das Wort. „Miss Granger, ich würde gerne in der Winkelgasse mit unserer Suche beginnen. Dort treiben sich in London die meisten Hexen und Zauberer auf und gerade in der Knockturngasse sollte es nicht allzu lange dauern, bis uns jemand etwas über Pigére verraten kann."

Sie nickte zustimmend.

„Des Weiteren", fuhr er fort, „bin ich der Meinung, dass wir Vielsafttrank nehmen sollten, damit wir nicht erkannt werden. Sie kennt zwar keiner, aber man wird Sie in Zukunft kennenlernen und ich möchte Missverständnisse vermeiden."

Sie nickte erneut, kam sich dann albern vor, dass sie nichts sagte und erwiderte fest: „Ja, gute Idee."

„Da Sie vermutlich noch nie Vielsafttrank getrunken haben, sollte ich-", setzte er an, doch sie unterbrach ihn schnell.

„Doch, hab ich."

Er sah sie verwundert an. „Unter welchen Umständen denn das?!", fragte er sie verblüfft.

„Ähm", erwiderte sie und errötete leicht. „Ich glaube, das sollte ich Ihnen lieber nicht verraten."

Er beobachtete sie einen kurzen Moment, bevor sein messerscharfer Verstand zu der richtigen Lösung gelangte. „Dann werde ich wohl in Zukunft ein besonderes Auge auf Sie haben müssen." Und zu ihrer großen Verwunderung zuckten seine Mundwinkel zu einem Lächeln hoch.

Auch sie lächelte. „Wenigstens hatte ich einen guten Grund."

„Den haben sie alle", witzelte er, doch dann verdüsterte sich sein Gesicht wieder, er stand auf, ging zu einem Schrank und kam mit zwei kleinen Fläschchen wieder.

„In wen verwandeln wir uns?", wollte Hermine neugierig wissen. Das letzte Mal war sie eine Katze gewesen…

„In ein Muggelpaar um die dreißig, die hier oben in Schottland wohnen und ganz bestimmt nicht die nächste Zeit in London verbringen."

„Und wie kommen wir nach London?"

„Können Sie schon apparieren?", fragte er.

Sie schüttelte mit dem Kopf. „Leider noch nicht."

„Dann nehmen wir das Flohnetzwerk." Er ging hinüber zum Kamin und schüttete eine halbe Hand voll Flohpulver hinein, sodass die Flammen sich grün färbten. Dann reichte er ihr eine der beiden Flaschen. „Hier, trinken Sie."

Sie tranken gleichzeitig. „Bäh!", konnte Hermine es sich nicht verkneifen. „Das ist ja noch schlimmer als letztes Mal!"

Snape erwiderte nichts, aber auch er machte ein angeekeltes Gesicht.

Langsam verwandelten sie sich. Seine schwarzen, langen Haare wurden auf zwei Zentimeter gekürzt und braun, seine Augen färbten sich grau und seine Statur verbreiterte sich leicht. An Größe und Gesichtszügen blieb er sich selbst aber relativ ähnlich.

Sie dagegen bekam glatte, lange blond-braune Haare und schrumpfte um ein paar Zentimeter. „Noch kleiner?", murmelte sie in einer höheren Stimme als ihrer normalen. Wie ihr Gesicht aussah, konnte sie natürlich nicht sagen, und zu einem Spiegel laufen wollte sie auch nicht – das wäre eitel gewesen.

„Gut", sagte Snape und seine Stimme klang irgendwie schwach. „Dann sollten wir los."

Hermine war es seit jeher gewohnt, dass seine Stimme scharf klang und kräftig und jetzt, wo sie sich so sehr verändert hatte, auch irgendwie… anziehend. Sie blinzelte kurz verdutzt über ihren eigenen Gedanken und hoffte, dass ihre Wangen sich nicht gerade rot färbten.

„Wollen Sie zuerst oder soll ich?", fragte er sie nun und deutete auf den Kamin.

„Sie", piepste sie und mochte ihre Stimme ganz und gar nicht. Und seine ebenfalls nicht…

Er nickte, nahm sich eine Hand Flohpulver, trat in die Flammen, sagte laut und deutlich: „Winkelgasse!", schmiss das Pulver auf den Boden und verschwand in einem Meer aus grünen Flammen.

Hermine tat es ihm gleich, wurde durch das Kaminsystem geschleudert und landete schließlich unsanft auf dem Boden vor dem Kamin im Tropfenden Kessel.

„Darf ich dir aufhelfen, meine Liebe", sagte da plötzlich jemand und hielt ihr seine Hand entgegen.

Sie sah hoch und entdeckte ihren Begleiter. Einen Moment wunderte sich über diese Ansprache, dann begriff sie, dass es Teil ihrer Rolle war. Sie lächelte lieblich und nahm seine Hand. „Ich danke dir, mein Schatz."

Snape erwiderte nichts, sondern half ihr auf und ließ sie gleich wieder los.

Zusammen gingen sie in das Hinterzimmer des Tropfenden Kessels, durch die magische Barriere und hinein in die Winkelgasse.

Die größte Einkaufsstraße der magischen Welt sah nicht besonders anders aus als sonst auch, empfand Hermine. Nur ein paar Läden waren neu, beziehungsweise alt.

Snape schritt zielstrebig voraus und Hermine stolperte hinterher. Um ihn nicht in der Menge zu verlieren, hakte sie sich bei ihm unter, und er ließ sie.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns dort drüben einen Kaffee holen und die anderen Gäste belauschen?", fragte sie, als sie ein volles Café entdeckte.

Er nickte.

Sie blieben mehrere Stunden in dem Café, an einem Tisch, der am nächsten zur geschäftigen Winkelgasse stand, und lauschten den Gesprächen der vorbeigehenden Besucher, doch nichts erweckte ihr Interesse. Jede Stunde nahmen sie heimlich einen Schluck von dem Vielsafttrank, um nicht ihre neue Gestalt zu verlieren.

Da das Café auch Mittagssuppen anbot, nutzten sie dies und aßen hier eine Kleinigkeit. Mittlerweile war es halb zwei.

„Ich denke", sagte Snape schließlich, „wir sollten uns langsam in düstere Straßen begeben, wen wir heute noch etwas erfahren wollen."

Hermine nickte einverstanden, und so zahlten sie und machten sich auf den Weg in die Knockturngasse. Sie taten, als würden sie sich die Schaufenster ansehen, während sie ihre Ohren spitzten, doch auch hier drang nichts Wesentliches durch, das ihnen weitergeholfen hätte.

Hermine war schon ein paar Mal in der Knockturngasse gewesen und sie war auch im Jahr 1982 so scheußlich und geradezu angsteinflößend wie in ihrer eigenen Zeit. Daher blieb sie dicht bei Snape, was ihr ein Stück Sicherheit gab, ihren Zauberstab in ihrer Jackentasche fest umklammert.

Plötzlich fühlte sie Snapes Hand, die ihre sanft umgriff. Sie starrte zu ihm hoch, doch er tat, als sei nichts und blickte konzentriert auf die Ausstattung von Borgin und Burkes vor ihnen.

Hermine drehte ihre Hand, sodass sie richtig Händchen halten konnten, und er drückte einmal zur Beruhigung/Aufmunterung leicht zu.

Sie lächelte vorsichtig und fühlte sich nun vollkommen sicher und beschützt, auch wenn sie sich fragte, ob es richtig war, die Hand ihres Professors zu halten. Obwohl das nicht in diesem Jahr der Fall war.

Als es dämmerte, gingen sie zurück zum Tropfenden Kessel. Sobald sie die Knockturngasse verlassen hatten und wieder auf der bunten Winkelgasse liefen, ließ Snape ihre Hand los, was Hermine unerwarteterweise sehr enttäuschte.

Im Tropfenden Kessel aßen sie zu Abend und bestellten schließlich ein Zimmer. Da sie sich als Ehepaar ausgaben, teilten sie sich natürlich ein Zimmer, obgleich Hermine das nicht behagte. Sie widersprach aber nicht, denn diese Mission war wichtiger als jegliches Ungefühl ihrerseits.

Sie stiegen die Treppe hinauf in den ersten Stock und Snape öffnete ihr Zimmer. Es war klein und dunkel, mit einem Fenster, das auf Bahngleise zeigte, einem schmalen Kleiderschrank – und einem Doppelbett.

Hermine schloss peinlich berührt die Augen. Das konnte ja heiter werden… Doch bevor sie die Möglichkeit hatte, irgendetwas darüber zu sagen, hob Snape seinen Zauberstab und teilte das Bett in der Mitte, sodass nun statt einem Doppelbett in der Mitte des Raumes, zwei einzelne am Rand rechts und links standen.

„Ich hoffe, das ist Ihnen recht so", sagte er leise und sie merkte, dass es ihm ebenfalls unangenehm war.

„Ja, sehr, danke", versicherte sie ihm schnell.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah er verletzt aus, dann war sein Gesicht wieder ausdruckslos.

Hermine verstand, wie man ihre Worte auch interpretieren konnte, und hätte am liebsten das Missverständnis aufgeklärt, aber wie? Nein, es ist nichts gegen Sie. Ich würde sonst gerne mit Ihnen in einem Bett liegen. Wohl eher nicht. Daher schwieg sie.

Immer noch schweigend und voneinander weggedreht, zogen sie sich ihre Mäntel/Roben aus, verwandelten ihre Kleidung in bequemere Sachen für die Nacht und legten sich in ihr Bett. Eine Kerze leuchtete auf dem Nachttisch zwischen ihnen, die Snape mit Hermines Einverständnis löschte. Sie sahen nun wieder aus wie sie selbst und Hermine sah wieder deutlicher die Traurigkeit in seinem Gesicht.

Das Zimmer lag nun in Dunkelheit, nur ein wenig Licht von den Straßenlaternen der Stadt drang herein, sodass man nach einer Weile Umrisse ausmachen konnte.

Hermine konnte nicht einschlafen, zu vieles ging ihr durch den Kopf. An Snapes Atmung konnte sie erkennen, dass er ebenfalls noch wach war.

„Professor?", flüsterte sie schließlich.

„Ja?", erwiderte er leise und wieder mit seiner gewohnt tiefen Stimme.

„Warum sind Sie traurig?" In ihrer eigenen Zeit hätte sie diese Frage wohl nie gestellt, auch nicht in der schützenden Dunkelheit. Aber hier, im Jahr 1982, war Snape nur wenige Jahre älter als sie und längst nicht so einschüchternd wie er es in der Zukunft sein würde.

Snape seufzte einmal schwer. „Aus privaten Gründen", antwortete er nur und sie wusste, dass sie sich damit zufriedengeben musste.

Hermine nickte, auch wenn er es im Dunkeln nicht sehen konnte.

Nach einer weiteren stillen Weile begann er das Gespräch von neuem. „Miss Granger?"

„Ja?"

„Ich weiß, dass ich Ihnen gesagt habe, dass ich nichts über die Zukunft wissen möchte. Aber ich würde doch gern ein paar Dinge erfahren."

„Fragen Sie mich einfach", bot sie ihm freundlich an. Alles, um ihm vielleicht ein wenig Freude und Sicherheit zu geben.

„Ich bin immer noch Professor in Hogwarts, richtig?"

„Ja."

„Immer noch für Zaubertränke?"

Hier musste sie schmunzeln. „Sie bewarben sich jedes Jahr für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, aber wurden weiter für Zaubertränke eingesetzt. Bis Sie in diesem Jahr, also 1996, endlich Ihren Traumjob bekommen haben."

„Gott sei Dank", flüsterte er erleichtert.

Sie lachte leise. „Ich hatte immer das Gefühl, dass Sie Zaubertränke mochten."

„Mag ich auch", erwiderte er. „Aber ich denke, dass ich im Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste nützlicher bin."

„Okay", sagte sie nur, weil ihr nichts Besseres einfiel.

„Bin ich denn ein guter Lehrer?"

„Ähm…" Wie sollte sie ihm das nun erklären? „Ich zumindest lerne bei Ihnen im Unterricht sehr viel", begann sie. „Aber Sie haben bisweilen die Tendenz, ähm… unfair und einschüchternd zu sein, und das hemmt viele Schüler in ihrem Lernen." Und streng und verbittert noch dazu…

Zu ihrer Überraschung lachte er leise darüber. „Schade", meinte er. „Ich hatte gehofft, dass mir der Job irgendwann Spaß machen würde." Einen Augenblick später fragte er ernst: „Wissen Sie, ob ich eine Frau oder Freundin habe?"

„Nicht dass ich wüsste", antwortete sie und kam sich mies vor. Das würde seiner Traurigkeit wohl nicht gerade helfen… „Sie sind aber noch immer ein Spion", fügte sie deshalb hinzu. Vielleicht half ihm diese Information ja.

Er drehte den Kopf abrupt zu ihr und sah sie entsetzt an. „Woher weißt du das?", wollte er wissen.

Sie lächelte leicht. „Ich gehöre in der Zukunft mit zu den eher wichtigen Schachfiguren im Kampf gegen Voldemort, daher weiß ich so einiges."

Er nickte nur, schien tief in Gedanken zu sein. „Es tut mir leid, dass ich Sie eben geduzt habe", fiel es ihm auf einmal auf.

„Das macht nichts."

„Ich habe mich wohl noch nicht an das Professor-Dasein gewöhnt. Und da Sie nur wenige Jahre jünger sind als ich und ich Sie noch nicht kennengelernt habe, sehe ich Sie nicht als meine Schülerin. Ich muss mich explizit darauf konzentrieren, nicht aus Versehen zu duzen."

„Von mir aus, können Sie mich gerne duzen. Mich stört es nicht."

Sein Gesicht lag im Halbschatten und so konnte sie ein kleines Lächeln erkennen. „Ich danke dir. Aber dann darfst du mich auch duzen."

Sie nickte. „Gern." Es fiel ihr ebenfalls schwer, diesen jungen Snape immer richtig anzusprechen. Sie könnten normale Freunde sein und sie war sich nicht sicher, wie sie ihn wahrgenommen hätte, wenn er jetzt ihr Lehrer gewesen wäre…

„Ich heiße Severus", sagte er leise.

„Ich weiß", schmunzelte sie. „Ich bin Hermine."

Er lächelte kurz, dann meinte er: „Ich denke, wir sollten jetzt schlafen; wir haben noch viel vor uns."

„Ja. Gute Nacht… Severus." Ihre Wangen begannen zu glühen, als sie ihn beim Vornamen nannte, und sie war froh, dass er es in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.

„Gute Nacht. Hermine. Und danke für die Informationen aus der Zukunft."

„Kein Problem."

Sie drehten sich beide zur Wand und reflektierten noch eine Weile den Tag und besonders das nächtliche Gespräch, bis sie endlich einschliefen.