Kapitel 5 – Oktober 1982 – Im Park

Hermine erwachte von einem lauten Gepolter und war mit einem Satz hellwach.

„Verzeihung", murmelte Severus (schon wieder in Alltagskleidung), der gerade einen Stuhl aufhob. Anscheinend hatte er ihn zuvor umgeworfen, als er auf dem Weg zum Bad war.

„Schon okay", murmelte sie nur und ließ sich zurück in die Kissen fallen. Sie nutzte seine kurze Abwesenheit, um sich umzuziehen, und als er wiederkam, war sie startbereit für einen neuen Tag.

Erneut nahmen sie den Vielsafttrank und verwandelten sich in ein Ehepaar.

„Ich schlage vor", meinte Severus danach, „dass wir uns heute wieder in der Winkelgasse umhören. Mir fällt kein besserer Ort ein, wo so viele Hexen und Zauberer aufeinandertreffen."

Sie nickte einverstanden und sie traten aus ihrem Zimmer, frühstückten eine Kleinigkeit im Tropfenden Kessel und betraten die sonnige Winkelgasse.

Es sollte ein langer Vormittag und Nachmittag für beide werden. Wie gestern hörten sie sich um, Severus drang sogar in die Gedanken einiger Zauberer ein, doch nichts. Nicht die kleinste Spur, die zu Pigére und dem Ring führen könnte. Zudem konnten die beiden sich nicht viel unterhalten, da sie ja ihre Mitmenschen überhören mussten.

Als eine Uhr fünf Uhr nachmittags schlug, stand Severus müde von ihrer Bank in der Nähe von Gringotts auf und sagte fest: „Ich glaube, das reicht für heute. Die meisten gehen nun nach Hause. Lass uns morgen weitersuchen."

„In Ordnung", erwiderte Hermine. Auf dem Weg zurück zum Tropfenden Kessel hatte sie jedoch eine Idee. „Hast du was dagegen, wenn wir noch einen kleinen Spaziergang machen?", fragte sie ihren Begleiter.

„Wohin denn?"

„Zum Hyde-Park. Als ich noch ein Kind war und in London gelebt habe, war dies mein liebster Ort. Ich würde ihn gerne einmal wiedersehen, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne."

Er war einverstanden – ein wenig frische Luft würde ihnen beiden guttun – und sie schenkte ihm zum Dank ein strahlendes Lächeln.

Daher verließen sie den Tropfenden Kessel hinaus auf die Seite Muggel-Londons und Hermine führte zielstrebig den Weg. Als die Wirkung des Vielsafttrankes nachließ, nahmen sie keine neue Portion – die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier jemand erkennen würde, war äußerst gering, und es tat gut, wieder einmal im eigenen Körper durch die Welt zu gehen.

„Warst du schon einmal hier in London?", wollte sie nach einer Weile wissen, um ein Gespräch mit ihm aufzubauen.

„Ja, vor ein paar Jahren mit meiner Mutter." Daraufhin begannen sie über die verschiedenen Sehenswürdigkeiten Londons zu sprechen und fanden heraus, dass sie die gleichen Museen und Gebäude wertschätzten.

Als sie den Park erreichten, begann es langsam zu dämmern. Sie spazierten durch grüne Wiesen und beobachteten die braunen und roten Blätter, wie der Wind sie dazu brachte, ihren Baum zu verlassen. Es war ein wunderbarer, sonniger Herbsttag und noch immer tummelten sich viele Paare und Familien auf den Wegen, auch wenn die meisten auf dem Weg nach Hause zu sein schienen.

„Und, wie gefällt's dir?", fragte Hermine irgendwann fröhlich.

„Gut", erwiderte er ehrlich. „Es ist sehr ruhig." Man konnte die Geräusche der Stadt kaum noch hören.

Auf einmal grinste Hermine schelmisch. „Ich werde jetzt etwas tun, dass ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht habe." Aufgeregt strahlte sie ihren Professor an – und lief dann zum nächsten Laubhaufen, nahm sich eine Handvoll Blätter und warf sie über sich in die Luft.

Severus blieb wie angewurzelt stehen. Er sah sich um, doch niemand schien sich an ihrem Benehmen zu stören, daher tat er es ebenfalls nicht. Sie schien großen Spaß zu haben an diesem kindischen Vergnügen, sie lachte laut und ihre buschigen Haare flatterten im Wind. Als er bemerkte, wie die Sonne jedoch ihr Haar golden erscheinen ließ und ihre fröhlichen Augen zum Leuchten brachte, musste er schwer schlucken. Ihm war bisher nicht aufgefallen, wie schön sie war.

Hermine hatte viel Spaß mit dem Laub, wie sie es früher schon gehabt hatte.

„Hermine!", rief auf einmal eine ihr bekannte Stimme.

Sie drehte sich erschrocken zu der Stimme um und erkannte ihre Mutter, die nur fünfzig Meter weiter den Weg entlang stand und zu einem kleinen Mädchen schaute, das in einem kleinen Laubhaufen spielte. „Oh nein", flüsterte sie, dann lief sie zu Severus, nahm seine Hand und zerrte ihn schnell mit sich hinter einen dicken Baum.

„Was ist passiert?", fragte er sofort, aber sie zischte ihn an, ruhig zu sein.

Gemeinsam schielten sie um den Baum auf die kleine Familie und lauschten ihrem Gespräch.

„Hermine, wir müssen jetzt nach Hause", sagte Mrs Granger.

„Müssen wir wirklich?", erwiderte die circa dreijährige Hermine.

„Ja, müssen wir", schaltete sich Mr Granger ein.

Die Kleine machte ein enttäuschtes Geräusch. „Können wir denn bald wiederkommen?", fragte sie hoffnungsvoll.

Ihre Mutter nahm sie auf den Arm. „Natürlich, mein Schatz."

„Okay."

Die kleine Familie machte sich auf den Weg nach Hause, der genau an dem Baum vorbeiführte, hinter dem sich die Zukunfts-Hermine und Severus versteckten.

„Sie dürfen mich nicht sehen", flüsterte Hermine und drückte sich eng gegen den Baum.

Severus nickte und stellte sich beschützend vor sie, die Hände rechts und links von ihrem Kopf an den Stamm gelehnte.

Langsam schlichen sie um den Baum, sodass die Grangers immer auf der anderen Seite des Baumes waren. Erst als die Familie schon hundert Meter weitergegangen war, atmete Hermine auf.

„Das war knapp. Wer hätte gedacht, dass sie ausgerechnet heute hier sind?" Sie schaute lächelnd zu ihrem Begleiter hoch – und stellte erschrocken fest, wie nah er stand. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt und so konnte sie zum ersten Mal erkennen, dass er keine schwarzen Augen hatte, sondern seine Iris nur ein sehr dunkles Braun war. Zudem bemerkte sie, dass sie in diesem Augenblick nicht mehr traurig aussahen, sondern einfach nur neugierig, gespannt und ein wenig aufgeregt. Sie hatte das Gefühl, nie wieder woanders hinsehen zu können…

Sein Räuspern zerstörte den intimen Moment und holte Hermine zurück in die Realität.

Severus trat ein paar Schritte zurück und murmelte: „Wir sollten zurückgehen; es wird bald dunkel."

Hermine nickte schnell und schluckte. „Ja, stimmt."

Den Weg zurück schwiegen sie, beide unsicher, wie sie nun mit dem anderen umgehen sollten.

Es war Hermines Gryffindor-Mut, der sie aus ihrer Verlegenheit brachte, als sie nach einer Weile auf einen Irish-Pub zeigte und ungezwungen fragte: „Wollen wir noch was essen?"

Severus nickte einmal und sie betraten den Pub.

Es war voll, doch sie fanden noch einen kleinen Tisch in der hinteren Ecke. Sie bestellten Fish & Chips, einen Salat und Getränke. Um sie herum unterhielten sich die Menschen fröhlich, anscheinend war heute ein großes Fußballspiel gewesen, während Hermine und Severus schweigend aßen.

„Erzähl mir mal", war es wieder Hermine, die ihr unangenehmes Schweigen brach, „wie dein Schulleben so war." Sie hatte nach einem möglichst banalen Thema gesucht und die Schule schien ihr geeignet, weil sie beide etwas über Hogwarts, die Lehrer und Fächer sagen konnten. Nie hätte sie geahnt, dass sie damit einen wunden Punkt bei ihm treffen würde…

Severus überlegte einen Moment, kaute langsam auf seinem Bissen, schluckte ihn schließlich hinunter und erwiderte ernst, aber ehrlich: „Nicht besonders gut."

„Oh", machte sie. „Aber du warst doch ein exzellenter Schüler, oder?"

„Woher weißt du denn das?", wollte er verwundert wissen.

„Ich, ähm…", druckste sie. „Ich hab deinen… ZAG-Rekord geschlagen."

Er machte ein Gesicht, als wüsste er nicht, ob er erstaunt, wütend oder beeindruckt sein sollte. Innerhalb von Sekunden zeigten sich all diese Emotionen ab, schließlich jedoch blieb ein imponiertes Lächeln. „Ich wusste ja gar nicht, dass meine Missionspartnerin eine solche Streberin ist", meinte er gutmütig. „Hattest du denn nur Ohnegleichen?"

Sie schüttelte enttäuscht mit dem Kopf. „Ein Erwartungen Übertroffen in Verteidigung gegen die Dunklen Künste…"

Er gluckste angesichts ihres Gesichtsausdrucks. „Bei mir waren es Verwandlung und Arithmantik."

„Was?", rief Hermine aufgeregt. „Arithmantik ist mein Lieblingsfach!"

„Und Verteidigung meins."

Sie sah ihn kurz irritiert an, dann meinte sie lachend: „Dann müssen wir uns wohl gegenseitig Nachhilfe geben."

Er stimmte in ihr Lachen ein und sie fand, dass es ein wunderbares Geräusch war, dass sie öfter von ihrem hören wollte. Wie konnte sie diesen Mann nur von seiner Traurigkeit befreien?

„Du bist in der 7. Klasse, wenn du 17 bist, nicht wahr?"

„6.", korrigierte sie. „Ich hab im September Geburtstag."

Er nickte verstehend. „Wie würdest du das Kesselproblem beim Vielsafttrank lösen?", fragte er unvermittelt und klang wieder wie sein Lehrerselbst.

„Stellst du mich jetzt auf die Probe?", erwiderte sie erschrocken.

Er zuckte nur mit den Schultern. „Ich muss doch herausfinden, ob du intelligent bist und nicht nur eine fleißige Auswendiglernerin."

Sie schmunzelte. „Herausforderung angenommen", entgegnete sie gespielt ernst. „Aber du musst dir wohl eine neue Frage überlegen."

„Und wieso das?"

„Weil du das Problem in meiner Welt schon gelöst hast und ich daher die Antwort kenne", lachte sie.

Er blinzelte verdutzt. „Das werde ich schaffen?"

„Und noch viel mehr", nickte sie ermutigend. „Du wirst einer der bedeutendsten Zaubertränkemeister Englands sein."

„Wer hätte das gedacht", murmelte er noch immer ganz perplex.

Sie strahlte ihn an. „Ich bin sehr froh, dass ich dich als meinen Lehrer habe, sodass ich vom besten seines Faches lernen kann."

Erneut räusperte er sich. „Gut, andere Diskussionsfrage. Hmmm… Wie würdest du den Geschmack des Veritaserums verbessern?"

„Ist das Serum nicht geschmackslos?", erwiderte sie, wie aus der Pistole geschossen, und fühlte sich wie bei ihrer mündlichen ZAG-Prüfung.

„Ja", bestätigte er. „Aber wenn man einen Geschmack hinzufügen würde, wie würdest du das anstellen."

Hermine dachte einen Augenblick darüber nach, dann lieferte sie einen detaillierten Bericht, was sie tun würde, worauf man dabei alles achten müsste, und mit welchen Experimenten man das Ergebnis sicherstellen könnte.

Als sie geendet hatte und ihn erwartungsvoll anblickte, bemerkte er, dass ihm zwischendurch die Kinnlade heruntergefallen war, und er schloss schnell wieder seinen Mund. „Jetzt wundere ich mich nicht mehr, warum Dumbledore dich geschickt hat", lobte er.

Sie errötete aufgrund dieses Kompliments. Ihr Leben lang hatte sie um seine Anerkennung gerungen und hier in der Vergangenheit hatte sie sie nun endlich erhalten.

Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, meldete sich ein Gitarrenspieler auf der Bühne zu Wort und kündigte den Namen seiner Live-Band an. Die Gäste richteten ihre Aufmerksamkeit zu den Musikanten und einen Moment später hallten Gitarren- und Schlagzeugklänge durch den Pub und der Sänger stimmte das erste irische Volkslied an.

Die Stimmung war magisch, da fast alle Gäste mitsangen und die alte Folklore mitgröllten. Sogar Hermine, sonst eher weniger musikalisch begabt, juckte es in den Fingern. Mit dem Fuß wippte sie den Takt mit und bewegte den Kopf hin und her. Es war für sie ein mittelschwerer Schock, als sie Severus tiefe Stimme auf einmal singen hörte, wenn auch leise.

Er bemerkte ihren Blick und beugte sich zu ihr über den Tisch. „Meine Großmutter väterlicherseits kam aus Irland", erklärte er.

Daraufhin sang auch Hermine die bekannten Lieder wie Whiskey in the Jar oder Molly Malone mit.

Es war schon spät am Abend, als sie den Pub verließen und sich auf den Weg zurück zum Tropfenden Kessel machten. Sie unterhielten sich fröhlich über Zaubertränke und Sommer in Irland.

Ein paar Gassen vor ihrem Ziel blieb er jedoch stehen und hielt ihr ernst ein Fläschchen hin. „Damit uns keiner erkennt", sagte er.

Sie mochte es nicht, eine andere zu sein, und noch weniger, dass er seine Gestalt veränderte, doch sie trank brav einen kleinen Schluck. Der Vielsafttrank musste ja nur bis in ihr Zimmer reichen.

Sie betraten das schäbige Hostel, gingen grüßend an Tom vorbei, stiegen die Treppe hinauf und erreichten den privaten Schutz ihres Zimmers.

„Ich geh kurz duschen", murmelte Hermine, nahm sich ein paar Sachen aus ihrer Tasche und verschwand im Bad. Als sie eine halbe Stunde später sauber und im Nachtzeug wieder herauskam, war sie wieder sie selbst, und auch Severus hatte wieder sein markantes Gesicht angenommen. Er lag schon in seinem Bett und las in einem Buch. Sie wirkten wirklich wie ein altes Ehepaar, dachte Hermine leicht kopfschüttelnd. Wenn sie das jemals einem ihrer Mitschüler erzählen würde, wer würde ihr diese Geschichte glauben?

Sie legte sich in ihr Bett, deckte sich fest zu, und Severus legte sein Buch zur Seite und löschte die Kerze.

„Gute Nacht", wünschte er leise.

„Schlaf schön", erwiderte sie in dem gleichen ruhigen Tonfall.

Sie dachte über den Tag nach, wie er zuerst langweilig und anstrengend gewesen war, doch zum Ende hin noch sehr schön wurde. Wer hätte gedacht, dass Severus Snape so umgänglich sein konnte? Noch zudem so kraftvoll lachen und singen konnte? Sie dachte an ihre vielen, interessanten und besonders intelligenten Gespräche, die sie geführt hatten, als ihr plötzlich etwas Wichtiges einfiel. „Severus?", flüsterte sie schnell, ohne darauf zu achten, ob er schon schlief.

Er schien jedoch noch wach gewesen zu sein, da er sofort antwortete. „Was ist?"

Sie drehte sich auf die Seite, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Du hast mir gar nicht mehr erzählt, warum du deine Schulzeit nicht mochtest." Sie wollte ihn nicht an schlechte Zeiten erinnern, aber nur, wenn sie wusste, was ihn bedrückte, konnte sie ihm versuchen zu helfen.

Er seufzte schwer und drehte sich ebenfalls zu ihr. „Ich hatte so gut wie keine Freunde, meine einzige Freundin habe ich durch eine Dummheit meinerseits verloren und es gab eine Gruppe aus Gryffindor-Jungs, die mir das Leben schwergemacht haben."

„James, Sirius, Remus und Peter", flüsterte sie. „Die Rumtreiber."

Er sah sie misstrauisch an. „Wieso weißt du so viel über mich und meine Vergangenheit?"

„Ich bin Harry Potters beste Freundin", lachte sie leise. „Da weiß man so etwas." Außerdem würde Remus ihr Lehrer werden und Sirius im Ministerium sterben… Aber sie wollte nicht zu viel aus der Zukunft verraten, um sie nicht zu zerstören. Stattdessen ging ihr etwas anderes auf. „James und Lily Potter sind letztes Jahr gestorben, oder?"

Severus schwieg eine Weile. „Ja", hauchte er schließlich.

Er sah schon wieder so traurig aus, dass Hermine automatisch ihre Hand hob und in seine Richtung streckte, die Handfläche auffordern nach oben gedreht.

Er verstand ihre Geste und legte seine Hand in ihre.

Mit einem aufmunternden Lächeln drückte Hermine seine Hand kurz.

Er nickte dankbar und erwiderte den leichten Druck. Danach löste er ihre Hände wieder und drehte sich zur Wand um.

Hermine blickte noch eine ganze Weile sorgenvoll und nachdenklich auf seinen Rücken, bis sie endlich einschlief.