Kapitel 6 – Oktober 1982 – Unter der Erde

„Heute möchte ich intensiv mit Legilimentik arbeiten", verkündete Severus am Morgen.

Hermine blickte von ihrem Frühstück auf; sie hatten sich das Essen hochbringen lassen.

„Wenn das für dich in Ordnung ist."

Sie zuckte mit den Schultern. „Solange du es nicht bei mir probierst, habe ich nichts dagegen. Das einfache Belauschen scheint nicht viel zu bringen."

„Dafür brauchen wir aber, so denke ich, andere Personen, in die wir uns verwandeln können – unsere jetzigen Charaktere sind nicht wirklich geeignet für die Knockturngasse."

Hermine nickte.

Severus stand von seinem Bett auf und holte einen Umhang aus seiner Reisetasche. Erst auf den zweiten Blick erkannte Hermine ihn und machte große Augen: Harrys Unsichtbarkeitsumhang!

„Hat Dumbledore mir geliehen", meinte Severus, ohne zu verstehen, warum sie die Augen aufgerissen hatte. „Ich werde mich jetzt hinausschleichen, um passende Haare zu finden. Bleib hier, bis ich wieder da bin. Es sollte nicht lange dauern."

„Sei bitte vorsichtig", erwiderte sie ernst.

Er sah sie einen Moment an, dann nickte er und verschwand erst unter dem Umhang und dann aus dem Zimmer.

Hermine nutzte die nächste Stunde, um in dem Buch, das sie mitgebracht hatte, zu lesen, und sich weitere Möglichkeiten zu überlegen, wie man diesen Schwarzmagier finden könnte, als langsam aber sicher ihre Gedanken zu Severus schweiften… Er wirkte so anders in dieser Zeit als sie ihn gewohnt war, dass sie immer mehr vergaß, dass er ihr miesepetriger Zaubertränkelehrer war und nicht der interessante, gutaussehende, aber vor allem traurige junge Mann, mit dem sie sich nicht nur vorstellen könnte, befreundet zu sein… Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie an seine weiche Hand mit den langen Fingern in ihrer dachte und an jedes Lächeln, das er ihr bisher geschenkt hatte – sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Professor Snape auch nur einmal in den fünf Jahren ihrer Schullaufbahn gelächelt hatte…

Plötzlich öffnete und schloss sich die Tür wieder und Severus nahm den Umhang von sich.

„Und, hast du die Haare?"

Er schüttelte mit dem Kopf. „Besser", grinste er. „Ich weiß, wo Pigére sich befindet."

Hermine stand erstaunt auf und trat auf ihn zu. „Hast du Gedanken über ihn gehört?"

Severus nickte. „Ich sah einen Zauberer, an den ich mich erinnern konnte, dass er Pigére früher manchmal besucht hatte, und in seinem Kopf fand ich einen Ort. Er war dunkel, mit nur ein wenig Licht von oben, gelben Kachelwänden und Gleisen."

„Eine U-Bahn-Station?", riet Hermine.

„Ich denke schon. An den Kacheln stand Tree Station. Weißt du, wo das ist?"

Und zufälligerweise wusste sie es wirklich. „Mein Vater hat mich einmal auf eine Tour von stillgelegten U-Bahn-Stationen mitgenommen. Tree Station war auch dabei." Sie überlegte einen Moment. „Ich glaube, sie befand sich zwischen West Brompton und Fulham Broadway."

Fuham Broadway kenne ich", meinte Severus. Sie grinsten sich einen Moment erfreut an, dass sie des Rätsels Lösung ein Stück nähergekommen waren, dann packten sie eilends für den Tag, nahmen ihren gewohnten Vielsafttrank und verließen den Tropfenden Kessel.

Sie fuhren mit der Tube nach Fulham Broadway und stiegen aus. Es war eines der seltsamsten Ereignisse für Hermine, mit Professor Snape umgeben von Muggeln in der U-Bahn zu fahren – so eine normale alltägliche Handlung passte gar nicht zu ihm. Sie unterhielten sich nicht während der 30-minütigen Fahrt, Hermine las nicht mal in dem Buch, das sie mitgebracht hatte, zu sehr waren ihre Gedanken bei dem vielleicht bevorstehenden Kampf gegen den Schwarzmagier, der einen möglichen Schlüssel zu Voldemorts Rückkehr hielt...

Fulham Broadway war nicht leer, als sie ausstiegen, und so zauberte Severus über sie einen kleinen Bemerk-mich-nicht-Zauber, bevor sie ins Gleisbett sprangen und in den dunklen Tunnel in Richtung West Brompton liefen.

Es dauerte nicht lange, bis sie die entlegene U-Bahn-Station fanden. Severus machte ein Zeichen, dass sie leise sein mussten, seinen Zauberstab bereits in der Hand, und Hermine nickte. Sie wussten nicht, was sie erwartete, aber es war nie eine einfache Sache, sich mit einem Schwarzmagier einzulassen.

Vorsichtig kletterten sie auf die Station, immer noch verborgen im Schatten. Vor ihnen war ein Lagerplatz ausgebreitet – ein Schlafsack, Vorräte, eine Öllampe – als habe jemand hier seit Wochen gehaust. Eine Bewegung erhielt ihre Aufmerksamkeit und ein Mann kam ins Licht der Lampe. Er hatte einen langen schwarzen Bart und verfilzte Haare. Seine Augen leuchteten bedrohlich auf.

Hermine sah Severus fragend an und er nickte. Ja, dies war Pigére. Severus machte dann ein Zeichen, dass sie warten solle, und obwohl es ihr schwerfiel, blieb sie stehen, als er vorsichtig sich nach vorne wagte.

„Hallo, Pigére", sagte Severus ruhig, doch der andere Zauberer drehte sich trotzdem erschrocken um, den Zauberstab in der Hand.

„Severus?", erwiderte Pigére verwundert. „Bist du das etwa? Lange nicht gesehen."

„Ja, lange ist es her."

Doch Pigére schien nicht erfreut über seinen Besuch und Hermine versteckte sich zwar in den Schatten, doch hatte ihren Zauberstab fest umklammert. „Was willst du hier, Severus? Ist es nicht klar, dass ich mich an diesen Ort verkrochen habe, um meine Ruhe zu haben?"

„Ich habe gehört, dass du einen besonderen Ring in deinen Besitz bekommen hast."

Farbe wich aus seinem Gesicht und er wich erschrocken einen Schritt zurück. „Ich weiß nicht, wovon du redest."

„Spiel keine Spielchen mit mir!", erwiderte Severus wütend und hob seinen Zauberstab. „Wir wissen beide, dass ich der stärkere Zauberer bin, also empfehle ich dir, mir den Ring zu übergeben, bevor ich drastisch werden muss."

Pigére dachte nach und für einen Moment sah er so aus, als wollte er wirklich nachgeben, doch dann hob er blitzschnell seinen Zauberstab und feuerte einen lautlosen Fluch los.

Severus konnte ihn gerade noch so abwehren. Dann griff er selbst an.

Hermine war der Meinung, dass nun der Punkt gekommen war, in dem sie eingreifen sollte, und so sprang sie auf, stellte sich neben Severus und sprach selbst einen Fluch aus. Innerlich musste sie über die Ironie schmunzeln, dass es ausgerechnet Severus war, der ihr lautlose Zauber beigebracht hatte.

Der Kampf dauerte nicht lange, Pigére schien nicht in bester Form zu sein, und als ein Petrificus Totalus von Hermine und ein Expelliamus von Severus gemeinsam auf ihn einprallten, konnte er seinen Schild nicht mehr rechtzeitig heben. Er fiel wie zu Stein erstarrt auf den Boden, während Severus seinen Zauberstab auffing.

„Gute Arbeit", meinte Severus dann zu Hermine und lächelte sogar kurz auf.

Hermine war sehr stolz auf sich. Endlich mal ein Lob von Professor Snape. Jetzt würden nur noch 10 Punkte für Gryffindor fehlen.

Severus holte dann aus seiner Manteltasche eine kleine gläserne Phiole mit Veritaserum heraus und träufelte dem bewusstlosen Pigére ein paar Tropfen in den Mund. Dann richtete er seinen Zauberstab auf ihn und im nächsten Moment erwachte der Schwarzmagier.

Verwundert sah er sich um.

„Was hast du mit mir getan, als ich 7 Jahre alt war?", fragte Severus als Test.

„Arm gebrochen", murmelte Pigére.

Hermine hob verwundert die Augenbraue – wie das wohl zustande gekommen war?

Severus nickte mechanisch. „Wo ist der Ring, mit dem der Dunkle Lord wiedergeholt werden kann?"

„Ich hab ihn im Wald vergraben. Bei Hogwarts. In einem Steinkreis."

Severus starrte ihm einen Moment in die Augen und Hermine verstand, dass er seine inneren Bilder abrief. „Obliviate", murmelte er dann und Pigéres Augen wurden glasig.

„Ich weiß, wo er ist", sagte Severus schließlich und stand auf. „Und er wird sich nicht mehr dran erinnern."

Hermine nickte und wollte gerade fragen, wie sie am besten nach Hogwarts gelangen könnten, als plötzlich aus dem schwarzen Nichts des U-Bahn-Tunnels mehrere Flüche losgefeuert wurden.

Expelliarmus!"

Stupor!"

Petrificus Totalus!"

Hermine konnte nicht mehr rechtzeitig reagieren und wurde auf den harten Boden geworfen; ihr Zauberstab war ihr davongeflogen.

Severus hatte gerade noch rechtzeitig seinen Schutzschild hochreißen können, doch es waren zu viele Gegner und so verlor auch er schließlich seinen Zauberstab und fiel neben Hermine auf den dreckigen Boden.