Kapitel 7 – Oktober 1982 – Gefangen
Es war dunkel und kalt, doch wenigstens war Severus bei ihr. Man hatte sie beide in eine Zelle gesteckt. Eine durch und durch magische Zelle, deren Stäbe aus Streifen dunklen Lichts bestanden. Sie saßen in einer Ecke der U-Bahn-Station, während die Männer, die sie gefangen genommen hatten, Pigére befragten, seine Sachen durchsuchten und sich beratschlagten, leider so leise, dass Hermine nichts mitbekam.
„Glaubst du, das sind Todesser?", flüsterte sie nach einer Weile.
Severus sah sie einen Moment erschrocken an. „Ich weiß es nicht", murmelte er.
Hermine verengte die Augen, bis sie verstand. „Es ist schon in Ordnung. Ich weiß, dass du einer von ihnen warst."
„Aber-wie?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Zukunft."
Er nickte einmal, dann betrachtete er sie aufmerksam. „Und du unterhältst dich trotzdem so freundlich mit mir?"
„Ich weiß, dass du unter falschen Versprechungen gelockt wurdest und sonst keine Möglichkeit sahst. Aber dass du noch vor dem Ende Voldemorts die Seite gewechselt hast und unserer Seite auch in meiner Zeit weiterhin treu bist." Sie gab ihm ein Lächeln. Dann deutete sie mit dem Kinn auf die Männer. „Also?"
Severus schaute zu den Männern, aber schüttelte mit dem Kopf. „Ich kennen keinen von ihnen. Und sie tragen nicht die typische Uniform. Vielleicht sind sie eine Untergrundgruppe, aber mich hat niemand deswegen kontaktiert."
Danach schwiegen sie und warteten auf den nächsten Zug ihrer Gegner. Zu ihrer Verwunderung jedoch nahmen diese irgendwann Pigére und disapparierten.
„Glaubst du, sie haben uns hier vergessen?", fragte Hermine halb hoffnungsvoll, halb erschrocken.
„Eher nicht", schnaubte Severus. „Vermutlich wollen sie die Nacht nur im Warmen verbringen."
Hermine seufzte laut, dann schwiegen sie wieder. Nach einer Weile jedoch sah Severus, dass Hermine zitterte, öffnete seinen weiten Mantel und hob seinen Arm.
Hermine verstand die Geste sofort und schmiegte sich dankbar an ihn. Er war herrlich warm und gemütlich. Außerdem roch er angenehm. Sie genoss es, bei ihm zu sein, und wunderte sich darüber, warum dieser Severus so anders war als ihr Snape. Plötzlich erinnerte sie sich an etwas, was Harry letztes Jahr in Snapes Erinnerungen gesehen hatte. „Warum hast du etwas gegen Muggelgeborene?", fragte sie, bevor sie sich stoppen konnte.
Severus versteifte sich merklich. „Nur weil ich in Slytherin bin, heißt das nicht, dass ich etwas gegen Muggelgeborene habe."
„Du hast Lily Evans ‚Schlammblut' genannt."
„Woher-?", stieß er aus, bevor er sich die Frage selbst beantworten konnte und „Harry Potters beste Freundin…" murmelte.
„Also?", hakte sie nach. Wenn sie schon mit ihm kuschelte, dann musste sie wenigstens wissen, ob er sie nicht insgeheim verabscheute.
„Es ist anders als es für Außenstehende aussieht", flüsterte er.
„Dann erklär es mir", erwiderte Hermine eine Spur sanfter.
Und Severus holte einmal tief Luft und begann zu erzählen. „Ich war nie besonders kontaktfreudig und da ich Zuhause nicht die beste Behandlung erhalten hatte, waren meine Kleidung schäbig, mein Haar stumpf und meine Haut fahl. Kein besonders freundlicher Anblick, daher hatte ich kaum Freunde." Er erzählte ruhig und langsam, doch sie konnte spüren, wie schwer es ihm fiel. „Eigentlich hatte ich nur eine einzige richtige Freundin, meine für immer beste Freundin, die ich schon vor Hogwarts kennengelernt hatte: Lily Evans. Sie war die einzige gewesen, die sich für mich eingesetzt hatte, die mich überhaupt gemocht hatte. Doch dann kam sie nach Gryffindor und ich nach Slytherin und im Laufe der Jahre haben sich unsere Ansichten immer weiter voneinander wegbewegt. Gleichzeitig haben Black und Potter mir das Leben zur Hölle gemacht und ich konnte es nicht ertragen, dass sie ausgerechnet mit diesen Idioten in einem Haus war, aber nicht mit mir. Schließlich in meinem fünften Schuljahr hatten die Rumtreiber mich kopfüber an einen Baum gehängt und wollten mir die Hose ausziehen, als Lily dazwischenging. Es war nobel von ihr, mich zu verteidigen, aber ich war so wütend auf die Welt, dass ich es an ihr ausließ." Er musste schlucken. „Danach zerbrach unsere Freundschaft und ich war nie in der Lage, sie wieder zu kitten. Und dann… habe ich Informationen an den Dunklen Lord gegeben, die ihr das Leben gekostet haben." Er kniff die Augen zusammen. „Es ist meine Schuld, dass sie tot ist."
„Nein", erwiderte sie leise. Sie hatte nicht erwartet, dass er ihr eine so traurige Geschichte erzählen würde. „Jemand anderes hat Lilys und James Vertrauen missbraucht und nur deswegen konnte Voldemort an sie heran. Es ist nicht deine Schuld." Sie konnte spüren, wie er zitterte, daher begann sie, gleichmäßig über seinen Rücken zu streichen und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
Plötzlich kam ihr ein erschreckender Gedanke: „Du hast sie geliebt, oder?", flüsterte sie und fürchtete seine Antwort.
Severus nickte, schwieg aber.
Hermine hörte auf, ihn zu streicheln, und ein Stich ging in ihr Herz. Sie hatte angefangen, diesen Severus sehr zu mögen…
„Ich habe darüber nachgedacht, Gift zu nehmen", hauchte er da so leise, dass sie ihn kaum verstand.
„Severus!", rief sie erschrocken und sah ihn an. „Mach so etwas niemals, ja?! Dumbledore braucht dich und ich… ich dich auch." Nun war sie diejenige, die schlucken musste. „Du wirst mich beschützen", fuhr sie jedoch mit fester Stimme fort und dachte an damals, als er sich zwischen sie und einen Werwolf geworfen hatte. „Mehrmals sogar." Er verdiente ein glückliches Leben, auch wenn er sich nicht vergeben konnte. Und da beschloss Hermine, dass sie ihm helfen wollte. Sie wollte seine Freundin sein, sowohl in dieser Zeit als auch in ihrer eigenen. „Und ich werde immer für dich da sein."
Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie behauptet, dass sich Tränen in seinen so unendlich traurigen Augen gebildet hatten. Doch bevor sie ihm weiter ins Gesicht sehen konnte, hatte er sie an sich gezogen.
