Kapitel 10 – 1982 – Halloween

Als Hermine erwachte, war sie allein auf dem Sofa. Ihr Kopf lag auf einem Kissen und die Sofadecke war über sie gelegt worden. Sie rappelte sich müde auf und blickte sich um.

„Severus?", rief sie und im nächsten Moment kam er aus der Küche, zwei Tassen Tee in der Hand.

„Guten Morgen", sagte er, ohne zu lächeln, und stellte eine der beiden Tassen vor ihr ab, bevor er sich in den Sessel setzte.

„Hast du gut geschlafen?", versuchte sie, Small-Talk zu machen, aber er zuckte nur mit den Schultern und starrte nach vorne, ohne wirklich etwas zu sehen.

„Severus!"

Jetzt sah er sie an.

„Bitte sag mir, was dich bedrückt."

Er seufzte. „Heute ist Halloween."

Sie zog die Stirn in Falten, bis ihr wunderbares Gedächtnis ihr die Antwort lieferte: Heute war Lilys Todestag. „Es tut mir leid", sagte sie sofort, „ich hatte es vergessen."

Er schnaubte. „Ich wünschte, ich könnte das auch. Wenigstens ist heute Samstag und ich muss nicht auch noch unterrichten..." Mit leiser Stimme sagte er: „Ich würde gerne auf den Friedhof. Würdest... Würdest du mich begleiten?"

„Natürlich", sagte sie sofort. Sie war sich sicher, dass es für sie seltsam werden würde, Severus beim Trauern über seine verflossene Liebe zu beobachten, aber er war ihr Freund und brauchte sie und sie würde alles dafür tun, dass es ihm besser ging.

Nach einem überwiegend stillen Frühstück machten die beiden sich auf den Weg. Sie gingen den Pfad vom Schloss hinunter zum Dorf, um die Barriere zu erreichen und zu apparieren.

„Wo sind wir?", fragte Hermine, als sie aus einer Seitengasse auf einen Marktplatz mit einem Weltkriegsdenkmal in der Mitte herauskamen.

„Godric's Hollow", erwiderte er. „Es wundert mich, dass du das nicht weißt. Bist du nicht mit Harry Potter befreundet?"

„Ja, schon, aber irgendwie sind wir nie darauf zusprechen gekommen." Sie nahm sich vor, mit Harry zu sprechen, wenn sie wieder nach Hause kommen würde.

Gemeinsam gingen sie über den Marktplatz, als das Kriegsdenkmal in der Mitte sich plötzlich veränderte und aus dem Stein drei Figuren hervortraten: ein Mann, eine Frau und ein Baby.

„Die Potters", erklärte Severus verächtlich, als er ihren Blick bemerkte. „Nur für Zauberer sichtbar." Er blickte hoch zu den bronzenen Gesichtern. „Das Abbild gleicht ihr nicht", murmelte er.

Hermine betrachtete Lily; sie hatte bisher nur ein, zwei Fotos von Harrys Mutter gesehen und das war schon Jahre her. Sie sah wunderschön aus...

Sie gingen weiter an einer kleinen Dorfkirche und riesigen Weide vorbei auf den Friedhof von Godric's Hollow. Den Gräbern zu urteilen, lagen hier uralte Familien und einige Daten waren mehrere hundert Jahre alt.

Severus blieb stehen. „Ich war noch nicht hier, gestand er. Ich... konnte nicht. Nicht allein."

Hermine hakte sich sanft bei ihm ein. „Lass uns dort drüben hingehen." Sie deutete zu einem Bereich, der modernere Grabsteine enthielt.

Er nickte und sie suchten Lilys und James' Namen. Sie fanden sie auf einem einfachen weißen Stein mit geschmackvoller Schrift.

Der letzte Feind ist der Tod.

Severus schnaubte. „Typisch Dumbledore", murmelte er.

„Warst du nicht auf der Beerdigung?"

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich konnte einfach nicht."

Sie nickte verständnisvoll und gemeinsam standen sie vor dem Grab von Harrys Eltern.

Als Severus schniefte, lehnte sich Hermine an ihn, um ihm Trost zu spenden, und er legte seinen Arm um sie. „Danke", sagte er leise, „dass du bei mir bist."

„Immer", flüsterte sie und es tat ihr in der Seele weh, dass sie ihn morgen verlassen musste.

Irgendwann streckte er sich und nickte, dann drehte er sich um und sie gingen zurück.

Hermine nahm fast automatisch seine Hand und er drückte sie.

Als sie wieder in Hogwarts waren, verbrachten sie den Nachmittag gemeinsam auf dem Sofa und Severus erzählte ihr weitere Geschichten von Lily.

Hermine versuchte, sich alles zu merken, damit sie Harry davon berichten konnte. Auch wenn sie sich vorstellen konnte, wie er reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sie diese Geschichten von Snape hatte, während sie zusammen auf dem Sofa kuschelten...

Später konnte sie Severus dazu überreden, mit ihr in die Große Halle zu kommen. „Es ist wichtig zu erkennen, dass das Leben weitergeht."

Er nickte. „Du solltest aber besser dein Äußeres verändern." Er hob seinen Zauberstab. „Darf ich?"

Sie nickte und spürte, wie sich sein Glamourzauber über sie legte. Als er fertig war, ging sie neugierig ins Bad und betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte nun lange schwarze Haare und dunkle Augen. „Ich könnte deine Cousine sein", lachte sie.

„Nur hübscher. Aber das ist eine gute Idee", meinte er. „Es ist vermutlich besser, wenn so wenig Menschen wie möglich wissen, wer du bist und woher du kommst. Hast du einen Namenswunsch? Dein Nachname sollte Prince sein, nach der Seite meiner Mutter."

Hermine überlegte kurz. „Penelope?"

„Wegen der Alliteration?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Okay. Willkommen in Hogwarts, Penelope Prince."

Sie gingen in die Große Halle, die wie aus Hermines Zeit festlich mit Kürbissen und Fledermäusen geschmückt war. Sie empfand es als große Ehre, am Lehrertisch sitzen zu dürfen, und sehr amüsant, ihre Lehrer in jünger zu treffen.

Als Severus sie als seine Cousine vorstellte, nickte Dumbledore kurz und spielte mit.

Während des Festessens merkte Hermine, dass sich Severus Laune gebessert hatte. Später, als die Schüler zu Bett gegangen waren, gingen die Lehrer ins Lehrerzimmer und unterhielten sich nett, während die Hauselfen ihnen ein paar interessante Halloween-Cocktails bereitstellten.

Hermine und Severus setzten sich auf ein Sofa, ein wenig abseits, aber immer noch dabei.

„Danke", sagte er und nahm ihre Hand. „Es war eine gute Idee herzukommen."

Sie lächelte und wünschte, sie könnte bei ihm bleiben und ihn weiterhin zu Dingen, die ihm guttun, überreden...