Kapitel 11 – November 1982 – Abschied
Hermine lag neben Severus auf seinem Bett. Sie lagen zueinander gedreht und er hielt ihre Hand. Ihre wieder braunen Locken hingen ihr halb im Gesicht.
„Kannst du bitte bei mir bleiben heute Nacht?", hatte er sie gefragt, als sie wieder in seine Wohnung getreten waren. Und weil heute Nacht ihre letzte sein würde für viele Jahre, hatte sie zugestimmt.
Die Kerzen waren verloschen, aber Hermine konnte Severus atmen hören und in ihrer Aufregung war nicht an Schlaf zu denken. Ihr Herz klopfte laut und sie wünschte gleichzeitig, ihm näher zu sein und das Zimmer zu verlassen. Beides würde früher oder später wehtun. Warum fühlte sie so für ihn? Sie kannte ihn doch erst seit ein paar Tagen? Natürlich kannte sie ihn schon seit Jahren, aber nicht dieses Ich, sein jüngeres Selbst, das so voller Trauer und Einsamkeit war.
Sie wusste, dass er ebenfalls noch wach war, da sein Daumen beständig über ihre Hand strich.
„Ich wünschte, ich könnte bei dir bleiben", flüsterte sie. „In meiner Zeit bist du verbittert, das will ich nicht."
Er seufzte. „Oh, Hermine, ich wünschte auch, du könntest bei mir bleiben. Oder dass ich zu dir kommen könnte."
Sie kicherte leise. „Zwei Snapes? Die Schüler würden schreiend davonlaufen."
Einen Moment herrschte Stille, bis er weitersprach. „Hermine?"
„Ja?"
„Ich habe nachgedacht."
Das hatte sie bemerkt; den ganzen Tag über hatte er immer wieder in die Ferne geblickt, ohne etwas zu sehen. „Über Lily?", vermutete sie.
„Auch. Und über dich."
„Über mich?"
„Ja." Er rutschte ein Stück näher. „Weißt du, wenn ich an Lily denke, fühle ich freundliche Wärme. Sie war meine beste Freundin, eine ganze Weile mein einziger Freund, und das werde ich nie vergessen. Aber sie ist... fort und wird niemals wiederkommen. Und eigentlich habe ich sie schon vor Jahren verloren." Er hielt kurz inne. „Aber du. Wenn ich an dich denke, wenn du bei mir bist, wenn ich dich berühren darf. Das ist eher eine herzklopfende Hitze."
Hermines Puls beschleunigte sich. Sagte er gerade das, was sie glaubte zu hören?
„Hermine… ich glaube, ich bin dabei, mich in dich zu verlieben."
Sie entließ einen zittrigen Atemzug. „Oh Severus", sagte sie und suchte im Dunkeln seine Wange und legte ihre Hand darauf. „Ich weiß, dass ich dabei bin, mich in dich zu verlieben."
„Obwohl ich dein Lehrer bin?"
„Das macht nichts", sagte sie. „Aber die Tatsache, dass ich dich morgen verlassen muss, ist viel schwerwiegender. Du musst neun Jahre warten, bevor du mich wiedersiehst, und dann werde ich eine wissensbesessene Erstklässlerin sein, die dir gehörig auf die Nerven gehen wird. Du musst 14 Jahre warten, bevor ich in die Vergangenheit reisen werde, und mich an dein jetziges Ich erinnern kann und verstehe, warum du mich immer so seltsam ansiehst. Und dann musst du noch weitere zwei Jahre warten, bevor ich nicht mehr deine Schülerin bin. 16 Jahre, bevor du mich wieder so berühren kannst wie jetzt. Ist dir dieser Schmerz wert?"
„Ja", erwiderte er sofort und legte nun seinerseits seine Hand auf ihre Wange, rückte ein weiteres Stück näher, sodass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. „Solange ich es noch kann, möchte ich dich lieben, wenn ich darf."
„Ja", hauchte sie und im nächsten Moment spürte sie seine Lippen auf ihren. Sie erwiderte den Kuss intensiv, während ihrer beide Hände auf Wanderschaft gingen. Und als er begann, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, stoppte sie ihn nicht.
Am nächsten Morgen erwachte sie in seinem Arm und wünschte, sie könnte immer so bei ihm sein. Aber heute war der Tag, an dem sie zurückreisen musste. Sie könnte Dumbledore um mehr Tage bitten, aber er hatte recht: Je länger sie in der Vergangenheit blieb, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwas Wesentliches änderte, was ihre Gegenwart in Gefahr bracht.
Sie und Severus versuchten, noch so viel aus ihrer Zeit zusammen wie möglich zu machen; sie küssten sich immer wieder und hielten Kontakt über ihre Hände. Severus begleitete sie wortlos zu Dumbledores Büro und sie versuchte, nicht zu weinen. Sie ging fest davon aus, dass er in 14 Jahren nicht mehr an ihr interessiert war – schließlich hatte er sie als besserwisserisches Kind erlebt, dass ausgerechnet mit Harry Potter befreundet und in Gryffindor war. Vielleicht könnten sie wenigstens noch Freunde sein.
„Ich habe einen Brief für Sie an mein zukünftiges Selbst", sagte Dumbledore und übergab ihr den Umschlag.
Sie nickte nur.
Dumbledore lächelte sie traurig an. „Ich wünschte ebenfalls, Sie könnten bleiben, Miss Granger, aber es geht leider nicht."
„Das verstehe ich", erwiderte sie leise und nahm den Zeitumkehrer von ihm entgegen. Dann drehte sie sich zu Severus. „Auf Wiedersehen", flüsterte sie und im nächsten Moment umarmte er sie fest. Sie schmiegte sich an ihn, egal, dass Dumbledore sie sah und küsste ihn ein letztes Mal.
„Es ist ein Wiedersehen", versprach er ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Es ist Zeit", sagte Dumbledore leise.
Hermine nickte und wich einen Schritt zurück. Der Gegenstand in ihrer Hand leuchtete auf und das letzte, was sie sah, waren Severus traurige Augen und sein liebevolles Lächeln.
