Kapitel 12 – 1996 – Wiedersehen

Im nächsten Moment blinzelte Hermine und sie befand sich wieder im Büro des Schulleiters, nur dass Severus verschwunden war und Dumbledore älter und müder aussah. Jetzt merkte sie den Unterschied sehr deutlich, der sich schon seit ein paar Wochen bemerkbar gemacht hatte und sie begann, sich Sorgen um den größten Zauberer ihrer Welt zu machen.

„Miss Granger", begrüßte Dumbledore sie mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichen konnte. „Ich gehe davon aus, dass alles funktioniert hat?"

Sie nickte und überreichte ihm wortlos den Brief, da sie ihrer Stimme nicht traute. Während er den Brief las, kämpfte sie mit den Tränen. Sie versuchte, sich die schönen Momente der letzten Tage im Gedächtnis zu behalten, und fragte sich gleichzeitig, wie sie sich verhalten sollte, wenn sie dem gegenwärtigen Snape begegnete. Wie zur Hölle sollte sie in seinem Unterricht aufmerksam sein, wenn sie das Gefühl seiner Lippen auf ihren kannte? Wenn sie wusste, was ihn so traurig und verbittert machte? Sie waren in dieser Zeit keine Freunde mehr und er hatte sicherlich kein Interesse mehr an ihr, nach all den Jahren und ihrem nervtötenden Verhalten als Kind. Vielleicht war er nun wenigstens ein freundlicher zu ihr...

„Miss Granger", sagte Dumbledore und riss sie aus ihren Gedanken. „Mein vergangenes Ich hat mich daran erinnert, was für ausgezeichnete Arbeit Sie geleistet haben. Ich danke Ihnen."

Sie nickte wieder und wünschte sich, einfach nur in ihr Bett fallen und weinen zu dürfen.

„Er hat mich auch daran erinnert, was für eine innige Freundschaft sich zwischen Ihnen und Severus entwickelt hat."

Hermine blickte ihn wartend an. Jetzt würde das vernichtende Urteil kommen: Es ist ja schön, dass Sie Freunde geworden sind, aber da er nun Ihr Lehrer ist, müssen Sie jeglichen privaten Kontakt zu ihm unterbinden.

Doch stattdessen sagte Dumbledore: „Es ist eigentlich nicht gerne gesehen, wenn Lehrkraft und Schüler solch eine innige Verbindung miteinander haben – ich meine, mich an einen Kuss zu erinnern? –, aber ich denke, dass ich bei Ihnen ein oder auch zwei Augen zudrücken kann. Schließlich sind Sie schon erwachsen und bei Ihrem Notenbild würde Ihnen niemand eine Bevorzugung unterstellen."

Hermines Herz begann zu klopfen. „Das heißt", fragte sie vorsichtig, konnte nicht glauben, was der Schulleiter gerade zu ihr sagte, „dass ich zu ihm gehen darf, jetzt, und ... mit ihm sein darf?"

Dumbledore nickte. „Aber bitte seien Sie diskret."

„Natürlich", erwiderte sie und strahlte. Sie blickte sehnsüchtig zur Tür. „Ist das alles?"

„Ja", lachte Dumbledore, „das ist alles."

Und Hermine lief zur Tür, die Treppen herunter, über die Flure, die Eingangshalle, die Treppen zum Kerker hinunter und bis vor seine Bürotür. Ein Teil von ihr hatte Angst, dass er sie abwies, aber ein größerer Teil wollte ihm zumindest mitteilen, dass sie Freunde sein konnten, wenn er es wollte.

Sie klopfte an seine Tür und er bellte „Herein". Plötzlich nervös betrat sie sein Büro.

Er saß an seinem Schreibtisch, eine Feder mit Tinte in der Hand und blickte erst hoch, als er seinen Satz zu Ende geschrieben hatte. „Miss Granger", sagte er dann, halb erschrocken, und legte die Feder zur Seite. „Was kann ich für Sie tun?"

Hermine betrachtete ihn intensiv. Er hatte sich nur wenig verändert, war älter geworden, die Linien um seinen Mund und die Augen härter, aber ansonsten war er immer noch der Severus von vor 14 Jahren. „Ich komme gerade aus Dumbledores Büro", begann sie langsam und wusste nicht genau, was sie sagen sollte.

„Und?" Er sah sie mit seiner harten Miene an, aber seine Augen verrieten, dass er auf etwas Bestimmtes wartete.

„Ich war in der Vergangenheit."

Er atmete einmal tief ein, stand dann auf und kam zu ihr.

„Severus", flüsterte sie und der Damm brach. Im nächsten Moment lagen sie sich in den Armen und es fühlte sich so an wie 1982. Er drückte sie fest an sich und sie war froh, dass er sie immer noch zu mögen schien.

„Hermine", seufzte er. „Ich habe so lange gewartet."

„Ich weiß", schluchzte sie. „Es tut mir leid."

Er schüttelte den Kopf. „Jetzt ist ja alles gut." Dann hielt er sie auf Armeslänge und blickte sie ernst an. „Aber ich bin jetzt dein Lehrer, wir können nicht befreundet sein... oder mehr."

Sie lächelte ihn an. „Dumbledore macht eine Ausnahme."

Er blinzelte verdutzt. „Er lässt uns...?"

Sie nickte enthusiastisch.

„Und du möchtest noch? Ich bin nun viel älter, verbittert, wie du selbst gesagt hast, du weißt, was ich dir und deinen Freunden angetan habe."

„Alles nur Show, zumindest mir gegenüber", sagte sie. „Ja, ich möchte immer noch."

„Oh Hermine", sagte er und umarmte sie erneut.

Sie drehte den Kopf nach oben und küsste seinen Hals.

Er blickte sie an und ganz vorsichtig, damit sie jeden Moment zurückweichen könnte, kam er ihr näher.

Sie hielt es jedoch nicht mehr aus und schloss den Abstand zwischen ihnen. Der Kuss fühlte sich an, als sei keine Zeit seit ihrem letzten vergangen, und sie wusste, dass Severus tief im Herzen noch derselbe war.