Die Treppe führte Gollum auf einen waagerechten Gang vielleicht neunzig Fuß oberhalb Minas Morguls. Der Gang war zunächst eng und fast beklemmend, denn die Felswände, die er durchschnitt, ragten weit und bedrohlich in den dunklen Himmel; zudem war der Weg gewunden und viele auf ihm verstreute Steinbrocken unterschiedlicher Größe erschwerten das Gehen. Nach und nach jedoch wurde er breiter und schließlich endete er an einem geräumigen Felsplateau von beachtlichem Durchmesser. Hier oben gab es sogar Bäume – schattenhafte Umrisse in der ausklingenden Nacht. Sie standen in großen und ausgedehnten Gruppen beieinander, gaben sich gegenseitig Schutz vor Wind und Wetter, hielten sich auf einer dünnen Bodenschicht und hatten ihre Wurzeln tief in das lockere Gestein gegraben, das von Wasseradern durchzogen war. Sie waren nicht schön anzusehen, aber doch ein Zeichen von Leben und Gedeihen in der trostlosen und finsteren Gegend, zu der das Schattengebirge wieder geworden war, seit sich der Namenlose im Osten erneut regte.
Gollum hielt auf eine der Baumgruppen zu. Vielleicht gab es dort etwas Essbares; zumindest aber einen Platz, um einige Stunden zu rasten. Mit Freude vernahmen Gollums feine Ohren die Geräusche der Nacht, die er so schmerzlich vermisst hatte. Sie ließen ihn ruhiger und sicherer werden. Leise begab er sich zwischen die Bäume, achtete darauf, die morschen Äste nicht zu berühren, die den Boden bedeckten und fand eine hoch aufragende Wurzel, unter die er kriechen konnte. Dort legte er sich nieder, und kaum dass er die Augen geschlossen hatte, kam ein traumloser Schlaf über ihn.
Als er erwachte zog bereits wieder die Dunkelheit herauf. Gollum schüttelte verwirrt den Kopf; selten zuvor hatte er einen so tiefen Schlaf gehabt - und wäre sein leerer Magen nicht gewesen, der ihn schmerzhaft daran erinnerte, dass er lange nichts zu sich genommen hatte, so wäre er einfach liegen geblieben.
Aber er raffte sich auf, der harte Klumpen in seinen Eingeweiden ließ ihm keine Wahl.
Gollum sah sich aufmerksam um, etwas Essbare konnte er jedoch nicht entdecken. Er lauschte angestrengt, doch die Geräusche, die ihn am frühen Morgen hier noch begrüßt hatten, waren verstummt. Eine erdrückende Stille lag über dem Felsplateau, die Gollum kalte Schauer über den Rücken jagte. Er fühlte sich beobachtet von brennenden und gnadenlosen Augen.
Rasch riss er etwas Rinde von dem Baum, unter dessen Wurzel er geruht hatte, um sie zu verzehren, denn sie war besser als gar nichts. Doch als die Rinde mit einem deutlich vernehmbaren Knacken brach, bereute er seine Handlung. Der Laut hallte durch die Bäume und Gollum war überzeugt, dass man ihn sehr weit hatte hören können.
Atemlos hielt er inne ...
Rechts von ihm, ein gutes Stück entfernt, aber doch nahe genug, um ihn erschreckt herumfahren zu lassen, raschelte es im kärglichen Blätterdach der Bäume, als streife ein lauer Wind durch die Kronen. Im Zwielicht sah Gollum plötzlich, wie sich etwas zwischen den breiten Stämmen bewegte. Was es war blieb ihm verborgen, aber es ängstigte ihn derart, dass er den dringenden Wunsch verspürte zu fliehen. Gollums Taktik bestand in der Regel aus Heimlichkeit. Er war ein Meister der Tarnung und des Verbergens, und seine Fähigkeiten hatten ihm bisher immer gute Dienste geleistet.
Jetzt jedoch schrie eine innere Stimme ihm pausenlos zu, dass es nur eins gab: davonzulaufen, so schnell er konnte.
Gollum warf das Stück Baumrinde fort und setzte sich in Bewegung. Das Rauschen der Blätter hinter ihm verstummte für einen Augenblick, aber dann erklang es von Neuem; diesmal noch stärker und als Gollum einen Blick über die Schulter wagte, verschwammen die Schatten dort zu einem seltsamem Kreis, in dessen Mitte sich eine hohe und schlanke Gestalt befand. Gollum hetzte vorwärts, das namenlose Grauen im Genick, das mit kalten Klauen nach seiner Seele griff. Er lief zwischen den Bäumen hindurch, ohne Ziel und ohne Sinn, kopflos vor dem fliehend, was sich an seine Fersen geheftet hatte. Es kam näher und näher, trieb ihn an und ließ ihn schließlich straucheln. Gollum stürzte zu Boden, riss krachend totes Geäst mit sich und überschlug sich mehrmals, bis ein großer Baumstumpf seinen Fall stoppte. Benommen schüttelte Gollum den Kopf, seine Hände und Knie waren zerkratzt von scharfen Steinen und trockenen Ästen. Die Wunden brannten, obwohl sie nicht tief waren. Schnell wollte Gollum sich aufraffen und seine Flucht fortsetzen, doch eine unsichtbare Hand hielt ihn an Ort und Stelle, presste ihn gnadenlos auf die Erde hinab, und so sehr er sich auch um eine Bewegung bemühte, konnte er nicht von dannen kommen. Einzig den Kopf vermochte er zu drehen, und dies tat er gegen seinen Willen.
Im Zwielicht der jungen Nacht, die diesmal nicht wolkenverhangen, doch auch nicht sternenklar war, weil ein feiner Nebel über die Hochebene kroch, erblickten seine scharfen Augen zunächst nichts, doch er wusste, dass sein Verfolger da war. Die Anwesenheit von etwas abgrundtief Bösem erdrückte ihn fast, und nun spielte nicht einmal mehr der seltsame Wind mit den welken Blätter, die an den traurig anzusehenden Bäumen hingen, die sich ihren Platz in den unwirtlichen Höhen des Schattengebirges erkämpft hatten.
Gollum schöpfte leise Atem und versuchte eine Hand zu bewegen.
Ein hässliches Zischen drang aus der Dunkelheit hinter ihm und mit einem Male war ein Schatten dort, finsterer noch als eine sternenlose Nacht. Schwere Gewänder schleiften über den Boden. Gollum sah, dass der Schatten eine menschliche Gestalt hatte, aber das war das einzige, was seine Augen ihm zu verraten bereit waren, denn wann immer er sich mühte mit widerwilliger Neugier Genaueres zu erkennen, verschwamm der Schemen vor seinen Augen, verschmolz mit der Umgebung, nur um einen Lidschlag später wieder erschreckend wirklich zu sein.
Das Wesen in den dunklen Gewändern näherte sich langsam und schwankend, und nun begann Gollum gegen den Griff, der ihn hielt, mit aller Macht anzukämpfen. Ihn beherrschte nur noch der Gedanke an Flucht. Als sich Kälte in sein Herz und seinen Verstand bohrte, brachte er ein ersticktes Wimmern hervor, schnell verschloss er seine Seele und suchte Schutz bei seinem Schatz, indem er sich an den Ring klammerte, obwohl er ihn nicht mehr besaß; allein die Erinnerung half ihm ein wenig, gegen das namenlose Grauen zu bestehen, das von ihm Besitz ergreifen wollte.
Überrascht spürte Gollum Verwirrung und Unsicherheit in dem geisterhaften Wesen, das sich über ihn beugte und dabei eine tödliche Kälte aussandte. Trotz des Entsetzens und der Angst, die sich wie eiserne Bänder um seine Brust legten, verlor Gollum das Bewusstsein nicht, als der Schwarze Atem ihn streifte.
Jedoch wünschte er sich in die Wärme des Vergessens gleiten zu können, als er in glühende Augen sah, die von einem inneren Feuer erleuchtet waren und ihn durchbohrten, als sei sein Körper ein Nichts. Wer vermochte zu sagen, was die Kreatur ihm anzutun gedachte? Er zitterte wie die Blätter eines Baumes im Sturm, aber durch seinen Willen konnte er sich nicht weiter regen.
Er hörte, wie das schreckliche Wesen Laute ausstieß und mit Grausen sah er, dass eine gepanzerte Klaue nach ihm ausgestreckt wurde, sie kam näher und näher ...
Ein markerschütternder Schrei riss Gollum aus seiner Starre. Er war aus der Ferne erklungen, dort, wo die verfallene Stadt war. Noch nie in seinem Leben hatte Gollum etwas Ähnliches vernommen. Die hohe Stimme hallte in seinen Ohren wider und ließ ihn schier verrückt werden.
Die Gestalt über ihm wich plötzlich in einer hastigen Bewegung zurück, Gollum meinte sie lauschen zu sehen und dann fauchte sie etwas unter der weiten Kapuze ihres Mantels hervor. Gollum glaubte Worte zu hören, aber er verstand sie nicht - und mit einem Male war er allein. Der Schatten, der auf seinem Geist und seinem Körper gelegen hatte zog von dannen, mit der schwarzen Kreatur, die von einem Augenblick zum anderen das Interesse an ihm verloren zu haben schien.
Gollum raffte sich auf. Er wollte so viel Abstand wie nur irgend möglich zu dem Gestalt gewordenen Grauen gewinnen, das über ihn gekommen war. Blindlings folgte er seinem Instinkt und sah nicht, wohin er floh.
Spät in der Nacht fand Gollum sich an einer engen Felsspalte wieder. Sie führte steil hinauf, im Durchmesser etwa so breit wie Gollums Körper.
Er zögerte nicht lange, seine schlanken Finger und starken Zehen fanden ausreichend Halt, damit er emporklettern konnte. Er kam an einen kleinen Vorsprung, unweit des Berggipfels; dort harrte er erschöpft aus.
Nach einer Weile ging sein Atem regelmäßiger und er sah sich um. Vielleicht zehn Fuß über ihm befand sich weiterer Vorsprung in der Felswand, der seine Neugier weckte, so dass er nach oben kletterte. Dort fand er eine schmale Öffnung. Vorsichtig spähte er hinein. Seine Augen durchmaßen die Finsternis im Inneren des Berges, doch er sah nicht genug. So beschloss er zu warten, bis der Tag anbrach. Auch war er zu müde, um sich weiter nach oben zu wagen, und die Angst steckte ihm noch in den Knochen. Nur langsam glitt er in einen Zustand zwischen Wachen und Schlafen hinüber; immer auf der Hut ...
Bei Anbruch des Tages erwachte er. Die Ruhe hatte seine Kräfte wieder erstarken lassen, er fühlte sich weniger verängstigt, und zum ersten Mal seit langem begrüßte er die Strahlen der Sonne, die an den Gipfeln des Schattengebirges wie ein zartroter Schleier emporkrochen. Sie vertrieben die Schrecken der Nacht. Im Lichte des jungen Tages wandte Gollum sich wieder der Felsspalte zu. Nun konnte er erkennen, dass sie in den Berg hineinführte wie ein natürlicher Weg. Ohne zu zögern zwängte Gollum sich durch die kleine Öffnung. Eine Ahnung sagte ihm, dass er der Spalte folgen musste, also tat er es.
Bald fand er sich erneut in der Finsternis, denn der Weg beschrieb eine sanfte Kehre nach rechts und führte langsam nach unten. Gollum tastete sich jetzt aufmerksam vor, beide Hände an den Fels rechts und links neben sich gelegt. So kam er ein gutes Stück weiter. Und mit einem Mal erschien ein schwaches Licht vor ihm, es leuchtete um eine Biegung und flackerte ein wenig, so dass Gollum annahm, dass es von einer Fackel stammte.
Noch vorsichtiger als bisher schlich er weiter, spähte um den Fels und fand sich an einem tiefen Abgrund wieder. Der Berg war förmlich gespalten, sein Gipfel hatte einen Riss, der weit hinab reichte. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine Treppe, die in regelmäßigen Abständen von Fackeln beschienen wurde. Die Treppe schlängelte sich einige Meter am Abgrund entlang und verschwand dann im Felsen, genauso, wie sie einige Fuß weiter unten aus dem Fels kam.
Diesmal zögerte Gollum nicht, so wie er es an der zerborstenen Brücke Minas Morguls getan hatte - er sprang einfach. Sein mächtiger Satz reichte gerade aus, um ihn in die Reichweite der Treppe zu bringen. Er griff nach der Seite einer Stufe, erhaschte sie mit Mühe, krallte sich in dem Gestein fest und unterdrückte einen Schrei, als sein Körper schmerzhaft an den Felsen prallte. Kleine Gesteinsbrocken wirbelten auf und fielen in die schwarze Tiefe des Abgrunds.
Gollum zog sich empor und verharrte einen Augenblick unschlüssig. Sollte er der Treppe nach oben oder nach unten folgen? Er wusste, dass er sich knapp unterhalb des Berggipfels befinden musste, den er zu überqueren suchte. Deshalb entschied er sich für den Weg nach oben. Gollum hoffte inständig, dass der Pfad durch den Berg nur wenig begangen wurde, denn hier konnte er sich kaum erfolgreich verstecken, es sei denn, es gab Nischen im Fels.
Aber nun war er hier, und etwas anderes, als weiterzugehen, blieb ihm nicht übrig. Er folgte der Treppe, bis sie im Fels verschwand, und die Dunkelheit brach wieder über ihn herein.
Offensichtlich fand man es unnötig, den ganzen Weg mit Fackeln zu beleuchten - nur der gefährliche Abschnitt am Abgrund war derart gesichert. Gollum konnte es nur recht sein. Die undurchdringliche Schwärze verbarg ihn, er schlich lautlos dahin, tastete sich an den glatten Felswänden entlang, die ihn umgaben und kam so stetig voran.
Es gab einige Stellen, an denen sich große Löcher rechts von ihm in der Wand auftaten. Er fühlte einen winzigen Luftzug, wenn er auf ein solches Loch stieß, noch bevor seine Hände ins Leere griffen. Beim ersten Mal wäre er fast in eine dieser Öffnungen gefallen, aber da er sich außerordentlich vorsichtig bewegte, kam er mit dem Schrecken davon.
Die Löcher beunruhigten ihn. Sie schienen den ganzen Berg zu durchziehen und auch eine Verbindung nach draußen zu haben, wenn man die Luftbewegungen bedachte. Aber dieser Hauch brachte einen fürchterlichen Gestank mit sich. Gollum rümpfte die Nase, selbst er, der kaum noch empfindlich war, spürte Übelkeit in seinen Eingeweiden. Die Luft war erfüllt von den Gerüchen der Verwesung und des Todes.
Gollum hechtete förmlich an diesen Löchern vorbei, froh, wenn er eines hinter sich ließ. Der Weg führte ihn immer noch nach oben; aber endlich verlief er einige Zeit eben und unvermittelt wieder hinab. Gollum hatte den Scheitelpunkt des Berges überwunden. Mit neuem Mut machte er sich an den Abstieg und glaubte fest daran, dass der Weg ihn an sein Ziel führen würde.
