Will wälzte sich unruhig in seinem Bett umher, er hatte es gestern wirklich übertrieben, ihm war völlig schleierhaft, wie er in sein Bett gekommen war. Sein Kopf schmerzte, als er sich versuchte zu erinnern, was genau gestern Abend vorgefallen war. Schwach war da eine Erinnerung an einen Schuss, viel Alkohol und den Namen Hannah, doch grübeln würde Will nicht weiterbringen. Er stützte sich auf eine Ellenbogen und sofort wurde ihm übel, gegen den Brechreiz ankämpfend schwang Will seine Beine über die Kante des Bettes und machte sich auf den Weg ins Bad. Der Blick in den Spiegel ließ ihn erschauern, seine Augen stachen müde aus seinem Gesicht und sein Haar war noch wirrer, als sonst. Schnell spritzte er sich ein paar Hände eiskaltes Wasser ins Gesicht, um seine Lebensgeister wieder zum Leben zu erwecken. Als Will in die Küche schlurfte, fiel sein Blick auf das Sofa, es war über und über mit Waschpulver bedeckt. Was zum Henker war hier passiert? Will schüttelte den Kopf und schwor sich, nie wieder Alkohol zu trinken. Nach einer Tasse sehr starkem Kaffee fühlte er sich wieder halbwegs, wie ein Mensch. Will betrachtete das Sofa genauer und kam zu dem Schluss, dass es ruiniert war, das Waschpulver hatte eine dunkle, harte Kruste gebildet, die sich nicht entfernen ließ.
Das Klingeln des Telefons riss Will aus seinen Gedanken über das ruinierte Sofa, gemächlich ging er zum Telefon und nahm ab. "Graham?"
"Hallo Will, hier ist Jack Crawford, wir brauchen Sie an einem Tatort, wie schnell können Sie in meinem Büro sein?" Will war schon damit beschäftigt seine Brieftasche zu suchen, als er antwortete: "Geben Sie mir eine halbe Stunde, ich mache mich sofort auf den Weg." Hastig schlüpfte er in seine Schuhe und verließ das Haus, dass die Scheibe neben der Tür fehlte, nahm er nicht wahr. Im Auto atmete Will tief durch und erschauerte, als er sah, dass der Beifahrersitz verstellt war. So wie es aussah, war er gestern Abend betrunken Auto gefahren, die ganze Geschichte wurde immer verworrener. Als er den Schlüssel in die Zündung steckte, versuchte er sich auf den Fall von Jack Crawford zu konzentrieren, über seine nächtlichen Eskapaden konnte er sich sich später noch Gedanken machen.
-Irgendwann gegen Mitternacht-
Erschöpft ließ sich Will Graham komplett angezogen ins Bett fallen, hinter seinen Schläfen pochte es unangenehm. Der Tatort war ein Blutbad gewesen, es was Will unglaublich schwer gefallen, sich in den Täter hinein zu fühlen. Die Arbeiten gingen bis in die späten Abendstunden, Will Augen brannten vor Müdigkeit. Nun, da er in seinem Bett lag, wollte er nur noch die Augen schließen, seine Gedanken vom Morgen lagen in weiter Ferne, als der Schlaf ihn übermannte, eine leichte Brise ließ eine Strähne auf seiner Stirn tanzen.
-Sehr früh am nächsten Morgen-
Hannah wachte auf, es dauerte unendlich lange die Lider zu öffnen, ihre Augen fühlten sich müde an und ließen sich nicht richtig einstellen. Benommen setzte Hannah sich auf und schwang unsicher die Beine über die Kante des Bettes, ihre rechte Schulter fühlte sich taub an und ließ nicht richtig bewegen, als sie mit der Hand drüber strich, konnte sie einen dicken Verband spüren. Ihr Kopf schien mit Watte gefüllt zu sein und ihr Mund brannte vor Durst, sie würde etwas zum Trinken suchen müssen. Durstig glitt ihr Blick auf der vergeblichen Suche nach Wasser durch den Raum. Auf dem Tischchen neben ihrem Bett lag Verbandsmaterial, eine Ampulle mit einem Medikament, ein paar Nadeln und eine Spritze, jemand hatte ihre Schulter versorgt. Eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper, als ihr bewusst wurde, dass ihr Shirt weg war und sie nur ihr schwarzes Top trug. Auf den ersten Blick konnte sie ihr fehlendes Kleidungsstück nirgends entdecken. Nachdem sie einige Minuten auf dem Bett gesessen hatte, ließ sich sich über die Kante gleiten und hoffte, dass ihre Beine sie tragen würden. Leise ging sie zur Tür und drückte langsam die Klinke runter, mit einem sanften Klicken öffnete sich die Tür und sie betrat den außergewöhnlich großen Flur. Hannah schlich durch die betäubende Stille des Hauses und achtete peinlich genau darauf, wohin sie die Füße setzte, um kein Geräusch zu erzeugen, bei dem dicken Teppich, war es kein Problem. Am Ende einer Treppe öffnete sich eine großzügige Küche vor ihr, eilig ging sie zur Spüle und trank direkt aus dem Wasserhahn. Ein kalter Luftzug ließ Hannah erschaudern, sie setzte sich in Bewegung, wenn es sich vermeiden ließ wollte sie ungerne erwischt werden, wie sie in einem fremden Haus umherwanderte. Die Ereignisse vom Abend langen im Halbdunkel, der unterbewusste Drang das Haus zu verlassen wurde übermächtig, es war wie ein Kitzeln hinter den Ohren, existent, aber nicht greifbar. Vorsichtig machte sie sich auf die Suche nach einem Ausgang, fast automatisch fand sie die Haustür. Als ihre Hand sich auf die Klinke der Tür legte und diese herunterdrückte, passierte ... gar nichts.
Verblüfft drückte sie die Klinke kräftiger runter, um das selbe Ergebnis, wie beim ersten Mal zu erhalten. Hannah wurde von hinten gepackt und bevor sie atmen konnte, wurde ihr ein feuchtes Tuch auf Mund und Nase gedrückt. Während sie an den Körper hinter sich gezogen wurde, hörte sie eine Stimme an ihrem Ohr flüstern: "Hannah, Sie wollen mich doch nicht etwa verlassen? Ich bestehe darauf, dass Sie meine Gastfreundschaft noch weiter in Anspruch nehmen!" Ihr Protest wurde durch das Tuch zu einem unverständlichen Gemurmel gedämpft. Der süße Geruch vernebelte ihre Sinne, sie versuchte die Luft anzuhalten und sich aus der Umarmung zu winden, ihre Gedanken wurden immer wirrer. Der Sauerstoffmangel ließ ihre Lungen schreien und ihre Ohren klingeln, dann hielt sie es nicht mehr aus und nahm einen tiefen Luftzug, sofort verlor sie das Bewusstsein.
Hannahs zierlicher Körper spannte sich an, bäumte sich auf, versuchte sich auch seiner Umarmung zu winden, dann hob sich schlagartig ihre Brust und sie sank in seinen Armen zusammen. Ihre Arme, die in Abwehrhaltung erhoben waren, fielen kraftlos nach unten, er hielt sie weiterhin sicher im Arm und hob sie vorsichtig hoch, wieder fiel ihm auf, dass sie erschreckend leicht war.
Hannibal brachte Hannah in das Zimmer zurück und band ihr linkes Handgelenk und das das rechte Fußgelenk an jeweiligen Ecken des Bettrahmens fest. Sie sollte wieder zu Kräften kommen, außerdem wollte er unterbinden, dass sie im Haus umherwanderte, während er nicht zu Hause war.
Unter dem Einfluss starker Schmerzmittel hatte sie den kompletten gestrigen Tag verschlafen, dass sie nun desorientiert war, war nicht weiter ungewöhnlich und ein Teil der Nebenwirkungen. Ihr verstärkter Fluchtdrang war etwas, das sein Interesse weckte, doch momentan hatte ihre körperliche Genesung Priorität und die Zeit wollte er ihr auch einräumen. Wenn sie wieder fit war, würde er die Persönlichkeit der jungen Frau genauer erforschen, er freute sich schon, wie ein kleiner Junge an Weihnachten.
Bisher war Will Graham nicht erschienen, um nach Hannah zu sehen, Hannibal vermutete, dass er sich nicht an sie erinnerte, wieder kam ihm Wills abwesender Blick an dem besagten Abend in den Sinn.
Hannibal behielt die Zeitungen nach Vermisstenanzeigen im Auge, doch niemand schien die junge Frau nicht zu vermissen.
Er hatte alle Zeit der Welt.
-08.07.2017-
