Will träumte, seine Hände krampften sich in die Bettwäsche, er schwitzte stark und murmelte vor sich hin. Winston drückte seine feuchte Nase mehrmals in Wills Hand, bis dieser schließlich aufwachte und den Kopf des Hundes kraulte. Die Nachwirkungen seines Traumes hielten ihn gefangen. Wie ein Echo hörte er die verzweifelte Stimme, die im Traum zu ihm gesprochen hatte: "Bitte lassen Sie mich gehen, ich möchte nach Hause!" Die Goldbraunen Augen schienen ihn bis in die wache Welt zu verfolgen, der Name Hannah kam ihm wieder in den Sinn. Erschöpft tapste Will in die Küche und trank gierig Wasser aus der Leitung, sein Hals schien völlig ausgedörrt zu sein. Nach einem Blick auf die Uhr kam Will zu dem Schluss, dass es sich nicht mehr lohnte, sich ins Bett zu legen und so schlurfte er ins Bad. Hastig schlüpfte Will aus einem verschwitzen Shirt und der ebenso verschwitzten Boxer-Shorts, bevor er unter den heißen Duschstrahl stieg. Wie tausend kleine Fäuste schlug das Wasser auf Will ein und er genoss das Gefühl Stück für Stück wieder sauber zu werden. Während der Schaum in den Abfluss rann, ordneten sich Wills Gedanken. Das Gefühl, dass sein Gehirn ihm etwas mit dem Traum mitteilen wollte, verstärkte sich von Minute zu Minute. Als Will die Näpfe der Hunde füllte, spürte er einen Luftzug im Nacken, er machte sich auf die Suche nach der Quelle des kalten Luftzuges. Seine Füße trugen ihn zur Haustür, er fragte sich, ob das Glas neben der Tür gestern schon gefehlt hatte, feiner Glasstaub lag um den Rahmen verteilt. Da er sich keinen Reim auf das fehlende Glas machen konnte, kam er zu dem Schluss, dass auch das während seines Rausches vorgestern Abend passiert sein musste. Wieder kamen Will die Erinnerungsfetzen vom vorherigen Morgen in den Sinn, was war hier passiert? Will zog sich eine Jacke an und machte sich auf den Weg in Hannibals Praxis, vielleicht würde ein Gespräch mit Dr. Lecter Will neue Erkenntnisse bringen.
Dr. Lecter sah von seinen Unterlagen auf, als es ungeduldig an der Tür klopfte. Laut seinem sorgfältig geführten Kalender hatte keiner seiner Patienten zu dieser Zeit einen Termin. Er erhob sich von seinem Arbeitsplatz und öffnete die Tür, vor ihm stand Will Graham, sauber, die Haare noch etwas feucht und gekämmt. "Guten Tag Will, was führt sie zu mir?",fragte Dr. Lecter interessiert, während er von der Tür einige Schritte zurückwich, um Will Platz zu machen. Will betrat das Zimmer und bleib unschlüssig in der Mitte stehen, während Hannibal die Tür schloss, er konnte fast körperlich spüren, wie er neugierig gemustert wurde. "Ich habe vorgestern Abend wohl zu tief ins Glas geschaut, ich kann mich nur an Fragmente des Abends erinnern und selbst bei denen bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich so passiert ist" Will klang unsicher und zweifelnd. Dr. Lecter deutete auf die beiden Stühle und sagte schmunzelnd: "Setzen Sie sich doch erst mal, oder wollen Sie dieses Gespräch im Stehen fortsetzen?" Nachdem die beiden Männer saßen, nickte Hannibal. "Nun erzählen Sie woran Sie sich erinnern und dann können wir schauen, ob wir nicht gemeinsam herausfinden, was am Abend passiert ist und was nicht!"
Will setzte an und begann erst stockend, dann flüssiger zu erzählen, an was er sich zu erinnern glaubte, Hannibal unterbrach ihn nicht, sondern sah ihn nur durchdringend an.
"Ich erinnere mich an mehrere Gläser Scotch... es klopft an der Haustür, das Rudel ist aufgeregt...die hämische Stimme von Freddie Lounds... ein Schuss... eine blutende Frau auf meinem Sofa... das Messer in meiner Hand... ich bringe sie zum Auto und setze sie auf dem Beifahrersitz ab... eine Stimme die den Namen "Hannah" ausspricht... die Stimme, nun flehend: "Ich möchte nicht schlafen, ich will nach Hause... ich erzähle auch niemanden, was passiert ist!"... dann Ihre Stimme Dr. Lecter, die sagt "Das kann ich nicht zulassen"... ich bin alleine im Auto, die Straße ist leer... ich liege im Bett und habe das Gefühl, dass der Boden schwankt... dann gar nichts mehr!" erschöpft rieb sich Will die Augen, während er auf eine Reaktion von Hannibal wartete.
Dr. Lecter schlug die Beine übereinander, er schien noch kurz zu überlegen, bevor er das Gehörte knapp zusammenfasste. "Sie glauben also, dass Sie nach mehreren Gläsern Scotch dieser Hannah etwas angetan haben?" Will hielt den Blick auf den Boden gerichtet und nickte leicht, dann hob er den Blick und ließ ihn durch den Raum gleiten. "Ich glaube, ich habe sie angeschossen und dann irgendwo hingebracht, sie ist nicht wieder aufgetaucht, dennoch glaube ich, dass sie noch lebt. Mein Sofa war am nächsten Morgen komplett mit Waschpulver bedeckt, es ist völlig ruiniert und neben meiner Haustür fehlt das Glas im Rahmen. Alles passt mit den Erinnerungsfetzen zusammen, aber es ist, wie ein Puzzle mit vielen fehlenden Teilen." Will massierte sich die schmerzenden Schläfen.
"Meinen Sie nicht, dass das Fehlen des Corpus Delicti auf einen Traum hindeutet? Hätten Sie wirklich diese Frau angeschossen, wäre sie doch sicherlich irgendwo aufgetaucht, kein Mensch verschwindet einfach so, besonders, wenn er verletzt ist.", versuchte Hannibal Will zu besänftigen.
"Aber es war so real, Dr. Lecter, ich konnte sie fühlen und das Blut riechen, es muss real gewesen sein!" Will hatte das Gefühl den Verstand zu verlieren. "Was ist, wenn sie irgendwo verblutet oder an Unterkühlung stirbt?", er sah stur auf einen Punkt über Hannibals Kopf.
"Will, sind Sie absolut sicher, dass das wirklich passiert ist?", fragte Hannibal streng. In Wills Kopf erhärtete sich der Verdacht, dass Hannibal ihn von seinem Weg abbringen wollte und so verneinte er die Frage. Will würde nun auf eigene Faust herausfinden, was vorgestern Nacht passiert war. Plötzlich geschäftig erhob sich Will. "Vielen Dank, dass Sie mir ein Ohr geschenkt haben, ich werde Ihre Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen." Lächelnd reichte Will Hannibal seine Hand und wünschte ihm einen schönen Tag. Dr. Lecter quittierte Wills ungewöhnliches Verhalten mit einem Heben der Augenbraue, als dieser den Raum verließ. Wills Körpersprache hatte die Lüge sofort verraten, der Agent schien noch nicht überzeugt zu sein, darum konnte er sich später kümmern, erst wollte er nach Hannah schauen.
-12.08.2017-
