Es geht weiter, wenn auch (mal wieder) mit reichlich Verspätung.
Mit gespitzten Ohren saß Hannah auf dem Bett und lauschte angestrengt, ob sich jemand auf dem Flur regte. Der Duft des Omeletts ließ das Wasser in ihrem Mund zusammenlaufen, mit einem schmerzhaften Ziehen und lautem Knurren machte ihr Magen auf sich aufmerksam. Frustriert erhob sich Hannah vom Bett und trat an das Fenster. Das Zimmer, in dem sie untergebracht war, lag im ersten Stock, sie konnte in einen großzügigen Garten schauen. Stundenlang starrte Hannah aus dem Fenster und beobachtete, wie die Sonne ihre Bahnen zog. Als die Sonne am Horizont versank und sich die Dunkelheit in ihrem Zimmer niederließ , brach die Erschöpfung, wie eine Welle über Hannah hinein. Müde taumelte sie zu ihrem Bett, ließ sich unter die Decke gleiten, kaum berührte ihr Kopf das Kissen, fielen ihr die Augen zu. Wie aus weiter Ferne hörte Hannah Geräusche, sie wusste nicht, ob sie wach war oder träumte, eine kühle Hand legte sich auf ihre Stirn und sie versank tiefer in der samtigen Schwärze.
Langsam wachte Hannah auf, die Sonne schien direkt in ihr Zimmer, ein leichter Windhauch kitzelte ihr Gesicht. Als Hannah zur Seite schaute, fiel ihr auf, dass das Tablett mit Omelett und Tee verschwunden war, an seiner statt befand sich eine Kanne mit Wasser, ein Glas und eine Banane auf dem Nachttisch. Sie rollte sich auf die Seite und kam auf ihrer verletzten Schulter zum Liegen, der Schmerz schoss ihr in den Arm und ließ sie auf keuchen.
"Guten Morgen Hannah!", sagte Dr. Lecter leise. "Sie möchten doch sicher duschen und das WC aufsuchen!" Schlagartig setzte sich Hannah auf und drehte sich der Stimme hinter ihrem Rücken zu. Stumm blickte Hannah Dr. Lecter an, dann schlug sie die Decke zurück und verließ das Bett. Hannibal öffnete die Tür und trat hinter Hannah auf den Flur, wieder wartete er vor der Tür, während sie sich im Bad einschloss.
Benommen schlüpfte sie aus ihrer Kleidung, drehte das Wasser auf und stellte sich unter den heißen Wasserstrahl der Dusche. Sanfte prasselte das Wasser auf Hannahs Körper und erfüllte sie mit einer wolligen Wärme. Wie erstarrt verharrte sie unter dem heißen Wasserschwall und ließ die Gedanken schweifen, es dauerte lange, bis sie zum Shampoo und Duschlotion griff, um sich ihrer Körperhygiene zu widmen. Als sie sich sauber fühlte, stieg Hannah aus der Dusche, mit einem Zipfel des Handtuches wischte sie über den Spiegel und starrte in die großen, runden Augen ihres Spiegelbildes. Als Hannah in die Kleidung schlüpfte, die sie im Bad vorgefunden hatte, tanzten ihr Sterne vor den Augen, wieder spürte sie den Hunger unangenehm in ihrem Magen zwicken. Bevor sie das Bad verließ, straffte Hannah ihre Schultern, dann drehte sie den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. "Wie ich sehe, haben Sie geduscht und Ihre Kleidung gewechselt, ich werde Sie wieder in Ihr Zimmer zurückbringen." Wieder schritt Dr. Lecter hinter Hannah her und beobachtete sie, während sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Zielstrebig schritt Hannah zum Fenster, es war ihr egal, dass er ihr folgte und sie musterte, als würde er etwas von ihr erwarten. Scheinbar gleichgültig sprach er zu ihr, kaum hatte sie das Fenster erreicht: "Ich werde Sie nun ein wenig alleine lassen und mich meinen Patienten widmen. Sollten Sie heute Appetit verspüren, steht auf dem Tisch dort drüben ein wenig Obst und auf dem Nachttisch steht Wasser, wie Sie sicherlich schon gesehen haben." Hannah schaute hinaus in den Garten und schwieg, hinter ihr atmete Hannibal tief durch, drehte sich um und verließ den Raum, kurz darauf hörte sie den Schlüssel im Schloss.
Hannah war eine harte Nuss, sie weigerte sich weiterhin Nahrung zu sich zu nehmen, das Omelett und den Tee hatte sie nicht angerührt. Als er das Zimmer betrat, konnte er sehen, wie sich die Augen unter den Lidern unruhig hin und her bewegten, ihre Träume schienen sehr intensiv zu sein. Als er ihr eine Hand auf die Stirn legte, wurde sie ruhiger und atmete tiefer. Nachdem sie in eine ruhigere Schlafphase übergegangenen war, verließ er mit dem unangerührten Essen den Raum.
Als er gegen Morgen mit einer Kanne Wasser und etwas frischem Obst wieder den Raum betrat, schlief Hannah immer noch friedlich. Wie schon zuvor setzte er sich auf den Stuhl neben dem Bett, machte sich Notizen und lass ihn seinem Buch. Geduldig lauschte er ihrem Atem und stellte fest, dass sie sich immer mehr im Schlaf bewegte, bald rollte sie sich auf ihre verletzte Schulter und keuchte auf. Es faszinierte ihn, wie sehr die junge Frau sich zusammenreißen konnte, ihre Schmerzen mussten enorm sein und dennoch versuchte sie ihre Schwäche zu überspielen. Er begleitete sie zum Bad und bezog vor der Tür Stellung, für den Fall, dass sie einen weiteren Fluchtversuch unternehmen sollte. Das Geräusch der Dusche hielt so lange an, dass er schon Sorge hatte, sie könne im heißen Wasser kollabiert sein. Das Wasser wurde abgestellt, Hannah schniefte, weinte sie etwa? Die Badezimmertür öffnete sich, Hannahs großen, runden Augen blickten ihn müde, aber völlig klar an, keine Spur von Tränen. In ihrem Blick konnte er Müdigkeit, Angst und Hunger lesen, ihm war bewusst, dass ihr Verweigern von Nahrung eine pure Trotzreaktion war.
Es interessierte ihn, wie lange sie ihren kleinen Streik aufrecht erhalten konnte, irgendwann würde sie nachgeben. Die Zeit arbeitete für ihn, er brauchte nur etwas Geduld, es reichte völlig, am Rand zu stehen, zu beobachten und abzuwarten. Insgeheim bedauerte er, dass die Pflicht rief, zu gerne hätte er mit Hannah gearbeitet, doch seine Patienten und die Arbeit für das FBI benötigten seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
-23.09.2017-
