Hermine hielt sich zur Zeit nicht viel bei ihren Eltern auf. Tatsächlich wäre sie, wenn Ron nicht so ein Arschloch gewesen wäre, an Weihnachten im Fuchsbau gewesen. Allerdings war er ein Arschloch und sie war nicht im Fuchsbau.
Ihre Eltern waren froh sie bei sich zu haben. Sie konnten fühlen, wie sie sich von ihnen distanzierte, das wusste sie. Es war nur so, dass die Welt der Zauberer so anders war als die der Muggel. Es war auch nicht nur die Magie. Es waren die Leute an sich, die Orte, die Geheimnisse. Es ging auch nicht um die Politik und den Krieg und wie sie diese schwierigen und gefährlichen Dinge ihren Eltern verheimlichte. Es war, dass ihre Lehrer und besonders der Schulleiter auch, sich eifrig darum bemühten, die Gefahren von ihnen fern zu halten. Nachdem sie in der Mysteriumsabteilung im letzten Sommer grobe Fehler gemacht hatten, wo sie vom Hals bis zur Hüfte aufgeschlitzt worden war, war sie im St. Mungos gewesen. Dumbledore und McGonagall hatten beide mit ihren Eltern gesprochen, versicherten ihnen, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gäbe, sie würde in Windeseile geheilt sein und es war wirklich nur ein kleines Missgeschick gewesen.
Die Psychologie der ganzen Gemeinschaft war anders. Leute lebten länger und wurden schneller erwachsen. Zum Teil lag das daran, dass die Welt der Zauberer auf gewisse Weise im Viktorianischen Zeitalter stecken geblieben war – es gab keine arrangierten Hochzeiten, Gott sei Dank, aber die Federkiele und die Angewohnheit, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln, wurden beibehalten.
Hermine seufzte und dachte an etwas anderes. Sie war ein Teil dieser Welt; das alles ergab für sie Sinn, selbst wenn es ihr manchmal Angst machte, dass es so war. Heute tat sie ihr Bestes, um ein Muggelteenager für ihre Eltern zu sein. Das war eigentlich ganz schön. Sie hatte sich ziemlich viel über Ron beschwert und sie hatten sich angelächelt und versucht, sie aufzuheitern.
In zwei Tagen würde sie zurück in Hogwarts sein und das wäre es dann auch. Sie würde Won-Won und Lavender wiedersehen, aber das war nicht so wichtig. Erstens, weil sie genau genommen gar nicht so eifersüchtig auf sie war (das konnte sie sich zumindest aus dieser Entfernung sagen) und zweitens, weil es bedeutete, dass sie Harry, Ginny, Luna und Neville wiedersehen würde.
Dieser Plan scheiterte komplett.
Ihr Eltern waren auf der Arbeit. (Sie hatten die ganze Woche ab dem Weihnachtsabend frei gehabt und ihre gemeinsamen Stunden wurden jetzt kürzer, bis sie wieder zurück in der Schule war, aber sie mussten trotzdem ein paar Termine einhalten.) Sie hatte eines der Bücher gelesen, die sie zu Weihnachten bekommen hatte – ein Krimi, der sie wunderbar von allem ablenkte. Es war die Katze, die es zuerst bemerkte, aufstand und eine volle Minute bevor es klopfte, zur Tür rannte.
Normalerweise hätte sie nicht die Tür geöffnet. Das Haus ihrer Eltern war geschützt, wenn auch nicht ganz so stark wie der Fuchsbau. Außerdem wollten die Leute an der Tür eigentlich nur selten mit ihr sprechen und sie würden wahrscheinlich nur ihre Visitenkarte im Briefschlitz hinterlassen.
Hermine blickte durch ihr Fenster nach unten zum Eingang. Es war Dumbledore, der Schulleiter. Er sah direkt nach oben zu dem Fenster, aus dem sie nach unten lugte, und lächelte freundlich.
„Hallo, Sir", sagte sie und ließ ihn herein. „Es tut mir Leid. Ich hatte nicht gedacht–"
„Durchaus nicht, meine Liebe", sagte er heiter und sah sich im Flur um. Er sah so aus, als würden sie jeden Tag miteinander sprechen. Eigentlich war der einzige Kontakt, den sie wirklich mit ihm in den sechs Jahren, die sie in Hogwarts war, gehabt hatte, indirekt durch Harry gewesen oder das kurze Gespräch, das sie gehabt hatten, bevor ihre Eltern im St. Mungo eingetroffen waren und er ihnen die zur Tarnung erfundene Geschichte erzählt hatte.
Sie gingen ins Wohnzimmer und Hermine holte Tee. Es war sehr unwirklich.
„Ich werde es geradeheraus sagen, Miss Granger", sagte er nachdem sie mit dem Smalltalk fertig waren (ihnen beiden ging es gut, ihre Eltern würden bis halb vier auf der Arbeit sein und sie hatten beide ein großartiges Weihnachten gehabt). Er hielt seine verkrüppelte Hand hoch und sie versuchte, sie nicht anzustarren obwohl es, indem er sie hochhielt, seine Absicht war, dass sie die Hand ansah. „Ich bin in meiner derzeitigen Situation nicht in der Lage dazu, alles zu tun, was ich geplant hatte, um Voldemort zu besiegen."
Sie nickte, da es so schien, als würde er auf ihre Anmerkung warten. Während sie auf der Sofakante saß, war ihr Rücken etwas zu gerade, wie es immer zu sein schien, wenn sie nervös in der Nähe von Autoritätspersonen war.
„Tatsächlich wurde mir mitgeteilt, dass ich höchstwahrscheinlich nicht mehr das Ende dieses Schuljahrs erleben werde." Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Ehrlich gesagt hatte sie mehr Probleme mit der Art, wie er lächelte, während er das sagte. Als wenn er erfreut wäre, ihr diese Information gegeben zu haben.
„Ich verstehe nicht, Sir." Ihr fiel keine geeignete Frage ein.
„Es ist recht einfach, Miss Granger", sagte er und legte seine Hand zurück in seinen Schoß. Hermine bemerkte, dass sie sie angestarrt hatte und lenkte ihren Blick schuldig auf sein Gesicht zurück. „Ich muss meine Pläne ändern. Und das bedeutet, dass ich Ihre Hilfe benötige."
„Sir?" Die Idee war lächerlich. Warum würde er ihre Hilfe brauchen, wenn er so viele andere Möglichkeiten hatte? Professor McGonagall, Harry, den ganzen Orden, Snape, Kontakte im Ministerium.
„Ich weiß, meine Liebe. Wieso Sie?" Seine Augen funkelten und sie fand das ein wenig abschreckend. „Sie sind eine intelligente und kompetente junge Hexe. Sie kennen bereits die meisten Geheimnisse, die ich jemandem für das Vorhaben erzählen müsste. Außer der Schule haben Sie keine anderen Verpflichtungen und ich bin in einer Position, in der ich das beheben kann. Außerdem haben Sie schon in der Vergangenheit Erfahrungen mit dem Zeitumkehrer gemacht, was für dieses Unternehmen nützlich sein wird."
Sie runzelte die Stirn. Das hörte sich so an, als würde sie der Schule verwiesen werden, damit sie mehr Zeit hätte. Der Gedanke daran war etwas beunruhigend. Das war die einzige Sache, die sie und ihre Eltern wirklich bisher gemeinsam hatten – einen Großteil ihres Unterrichts verstanden sie nicht, aber dass sie gute Noten bekam und zur Vertrauensschülerin ernannt wurde, verstanden sie schon.
Dumbledore lehnte sich in seinem Sessel zurück, ordnete seine lavendelfarbenen Roben bequem um ihn herum an und legte seine Finger vor sich aneinander, während er erklärte. Nach der bedauernswerten Zerstörung aller Zeitumkehrer des Ministeriums, hatten die Unsäglichen ein paar Experimente durchgeführt, während sie die Geräte wieder zusammensetzten. Die Meisten Experimente waren gescheitert. Eins der Experimente hatte einen armen Zauberer zurück ins vierzehnte Jahrhundert geschickt (wo er den Rest seines Lebens durchaus angenehm verbracht hatte und seinen Kollegen in der Zukunft Briefe schrieb, um sie davon in Kenntnis zu setzten, was gerade passiert war). Die restlichen Projekte wurden nach diesem Experiment verworfen, dennoch kam ein Prototyp, von dem angenommen wurde, dass er einen Defekt habe, in Dumbledores Besitz und er reparierte ihn selber. Diesen hielt er Hermine hin.
„Sie werden die Unterschiede zu dem, den Sie in Ihrem dritten Schuljahr hatten, feststellen", sagte er, hielt den Zeitumkehrer an seiner Kette und ließ ihn dann in ihre Handfläche fallen. Er war so leicht, wie der andere und fühlte sich kühl in ihrer Hand an. Er sah empfindlich aus, aber sie wusste, dass er das nicht war. Das kleine Stundenglas war das Gleiche, obwohl der Sand dichter schien und eher silbern aussah, im Gegensatz zu dem weißen Sand, den sie früher gesehen hatte. Der goldene Kranz war auch anders; er war dicker und besaß mehr verstellbare Ringe. „Gewöhnliche Zeitumkehrer können eine Person bis zu zehn Stunden zurück schicken und sie arbeiten erst wieder, wenn sie die ursprüngliche Zeit eingeholt haben – den natürlichen, geradlinigen Zeitpunkt – wie Sie wissen."
„Ja, Sir." Sie hatte eine ganze Hand voll von Büchern über Zeitumkehrer lesen müssen, bevor Professor McGonagall ihre Genehmigung unterschrieben hatte und sie hatte einige mehr rein interessehalber gelesen, nachdem sie die Kette am Ende des Schuljahrs zurückgegeben hatte. Sie hatte eigentlich beabsichtigt, das Thema Zeit aus der Perspektive der Zauberer zu recherchieren; sie war nur noch nicht dazu gekommen.
„Mit diesem Zeitumkehrer kann man Stunden, Tage, Wochen, Monate zurückdrehen", sagte er und zeigte auf die verschiedenen Ringe um die Fassung der Sanduhr. „Ansonsten funktioniert er weitestgehend gleich. Man stellt die Zeit ein, die man begehrt, dreht die Sanduhr einmal und schon geht man zurück. Er kann einen nicht wieder vorwärts bringen, so weit sind wir noch nicht in der Entwicklung." Er schmunzelte und seine Augen funkelten wieder. „Aber er kann einen zurückschicken und dann wieder zurückschicken. Er muss sich nicht selbst wieder einholen."
„Wie weit werde ich zurück gehen, Sir?", fragte sie, weil es offensichtlich war, dass sie gehen würde. Genau genommen, war sie das eigentlich bereits im großen Zeitplan. Sie fragte sich, ob sie Dumbledore diesen Plan hatte erzählen müssen, damit er es ihr sagen konnte. Das war allerdings ein kurvenreicher Zeitgedanke. Sie vermutete, dass sie Kopfschmerzen bekommen würde, wenn sie versuchte, die passenden Verbzeitformen für all das herauszufinden, wenn sie dazu käme.
„Dieses Mal nicht so weit", sagte er und nahm ein paar in Leder gebundene Bücher aus seiner Tasche.
Die Bücher waren zum größten Teil identisch. Beide hatten braune Einbände und hatten, überraschenderweise, einen Reißverschluss, der an den drei Seiten des Buchblocks entlang verlief, damit sie geschlossen blieben. Eins war älter, als das andere. Es war abgegriffen, gebraucht und ausgeblichen. Er reichte ihr das neue Buch und sie öffnete den Reißverschluss, nachdem er darauf deutete. Es war ein Hefter voller leerer Kalenderseiten, wie ein Terminkalender, nur dass auf den Seiten keine Tage oder Daten standen; sie waren liniert, aber komplett leer.
„Sir?"
Dumbledore öffnete den Reißverschluss des älteren Buches und zeigte ihr die selben Seiten, nur dass sie mit ihrer eigenen Handschrift beschrieben waren. Er blätterte durch ein paar Seiten, hielt das Buch aber weit genug weg, sodass sie nicht lesen konnte, was dort wirklich geschrieben war. Fotos steckten zwischen einigen der Seiten und sie sah flüchtig Leute aus den Bildern winken und etwas, was der Eiffelturm hätte gewesen sein können, bevor er das Buch schloss. Er lächelte.
„Das Beste am Zeitreisen", sagte er ihr lächelnd und zwinkernd, „ist, dass man nicht viel planen muss. Sie erzählen sich einfach selbst, was passiert ist, wenn Sie sich einholen."
Hermine konnte spüren, wie die Kopfschmerzen zwischen ihren Augenbrauen zu pochen begannen.
„Ich werde Sie zum Beginn dieses Sommers zurückschicken", erzählte er ihr, während er die ersten Seiten des Terminkalenders in seiner Hand kurz besah. „Jeden Tag werden Sie aufschreiben, wo Sie sind, wo Sie an diesem Tag hingegangen sind, was Sie gemacht haben und wen Sie getroffen haben. Das ist nicht aus einem bestimmten Grund. Es ist nur wichtig, dass Sie den Überblick über sich behalten. Sie werden sehr oft zurück reisen." Er hielt das dicke Buch hoch. „Wir wollen nicht, dass Sie aus Versehen etwas vergessen und Ihren eigenen Weg kreuzen."
„Nein, Sir."
„Die erste Reise wird sowieso Spaß machen", sagte er und die Ernsthaftigkeit des Moments war im Nu verschwunden. „Sie werden den Sommer bei Professor McGonagall zuhause in den Highlands verbringen. Sie wird Ihnen bei Ihrem UTZ-Lehrplan helfen und sich Ihrem Tempo anpassen. Und dann werden wir uns eine Woche vor Beginn des Schuljahrs in meinem Büro treffen, kurz vor der ersten Lehrerkonferenz. Wir werden dann die nächste Reise besprechen." Er zwinkerte ihr wieder zu. „Oder sollte ich sagen, das ist es, was wir gemacht haben."
„Ja, Sir." Sie fragte sich, ob sie einen Schock hatte oder einen bekommen würde. Es war in der Tat schockierend.
„Nun", sagte er, klatschte in die Hände und stand auf. Er stellte sein Teegeschirr auf das Tablett, das zwischen ihnen stand, schnippte mit dem Zauberstab und alles wurde in die Küche geräumt. „Sie gehen nach oben und packen Ihre Sachen. Es tut mir Leid, aber Sie werden Ihre Katze bis auf weiteres bei Ihren Eltern lassen müssen." Er machte eine Pause und es schien, als würde er nachdenken, obwohl sie das bezweifelte; er machte eine Kunstpause. „Ich werde um sechs Uhr wiederkommen und wir werden es mit Ihnen besprechen. Sind Sie damit einverstanden?"
Sie nickte und fragte sich, was er wohl gesagt hätte, wenn sie nein gesagt hätte. Offenbar wäre das niemals passiert, weil sie schon genug zurückgereist war, um das große Buch in ihrer Hand mit Daten und Orten zu füllen und dann zurückgekehrt war, um es ihm zu geben.
„Ich werde Sie nicht anlügen, Hermine", sagte er und erschreckte sie, indem er ihren Vornamen verwendete. „Nicht alles, was Sie hier in dieses Buch geschrieben haben, ist angenehm. Es gibt gute und schlechte Tage. Es gibt schwierige und auch ausgesprochen miserable Tage. Aber es gibt auch einige ziemlich schöne Tage." Er hatte ernst begonnen, zwinkerte sie aber gegen Ende an. Sie wollte die Hand ausstrecken und ihm das andere Buch abnehmen, es durchblättern und die Bilder ansehen, aber sie wusste es besser. Das war der gleiche Grund, weswegen sie sich hatte so sehr anstrengen müssen, um nicht gesehen zu werden, wenn sie die Zeit zurückdrehte für den Unterricht.
„Ich werde das schaffen, Sir", sagte sie, denn schließlich war sie eine Gryffindor.
