Es war Freitag und das bedeutete, dass er zwei Tage für sich hatte. Oh, er musste während seiner Sprechzeit am Samstag in seinem Büro sitzen, aber niemand traute sich in sein Büro, selbst während seinen Sprechzeiten, ohne einen Termin. Er hatte keine Termine für das Wochenende. Und er hatte Samstagnacht die späte Patrouille.
Er nickte Dumbledore nach dem Abendessen zu, wissend dass der alte Zauberer es verstehen würde. Severus warf seine Lehrerroben in sein Wohnzimmer und machte sich auf den Weg aus dem Schloss durch einen der Geheimgänge, die Dumbledore erschaffen hatte, damit er Voldemorts Ruf nachgehen konnte.
Severus lief ohne Eile über die Gründe. Es gab keinen Grund, sich zu beeilen, um am Grimmauld Platz anzukommen. Er konnte den Wolfsbanntrank nicht im Schloss brauen. Nicht, wenn die Kröte in der Nähe war, um Fragen zu stellen, und deshalb ging er jeden Monat eine Woche vor dem Vollmond zum Grimmauld Platz. Es war nicht wichtig, an welchem Tag der Woche er gebraut wurde, solange es nicht mehr als sieben Tage bis zum Aufstieg des Vollmondes waren.
Er apparierte mit geübter Leichtigkeit zur ersten Stufe vom Grimmauld Platz. Seine Sachen zum Brauen von Zaubertränken waren im Keller aufgebaut, einem schlichten Raum mit weißgetünchten Backsteinwänden und -fußboden, ein paar einfachen Regalen und einem stabilen Tisch. Er hatte ihn sofort erobert, die Spinnenweben entfernt und Dumbledore dazu gebracht, dass er Black dazu brachte, dem Hauselfen das Betreten des Kellers zu verbieten. Er war der Einzige, der jemals nach dort unten ging. Oder er dachte, dass es so war. Er hatte die Hexe Barnes vergessen.
Aber … das war nicht die Hexe Barnes.
Er erkannte sie nicht sofort. Sie war schlank, aber nicht besonders groß und hatte schöne Kurven. Er konnte erkennen, dass sie viel Haar hatte, dessen Farbe viele Brauntöne beinhaltete, aber es war in einen festen geflochtenen Zopf zurückgebunden und mit dem gleichen Fett bestrichen, welches er auch verwendete, wenn er braute, um seine Haare davon abzuhalten, in seine Arbeit zu fallen oder von den Dämpfen beschädigt zu werden.
Er wartete, bis sie die Flamme unter dem Kessel verkleinert hatte, um es köcheln zu lassen und räusperte sich dann. Sie zuckte nicht zusammen, sie drehte sich lediglich um und sah ihn an. Er blickte sie aus schmalen Augen zurück an.
Sie trug die übliche Schutzkleidung – eine robuste Schürze, Drachenhautstiefel und -handschuhe, die mit Schnallen und winzigen Knöpfen ihren Händen und Handgelenken angepasst waren. Muggel Bluejeans, die ausgeblichen, jedoch nicht zerrissen waren, ein robustes Flanellhemd; alles gute Kleidung, um in einem Keller zu Brauen.
„Hallo Professor", sagte sie und sein Blick sprang zu ihrem Gesicht. Es war ohne Zweifel Granger, aber das konnte nicht sein… Sie hatte diesen Morgen Zaubertränke gehabt. Ein kleines Ding mit Kniestrümpfen, das auf ihrem Platz den Vortrag überflog und mit der Hand wedelte, um zu beweisen, dass sie den ihnen zugeteilten Text (und auch die Quellen, auf die in den Fußnoten hingewiesen wurde) gelesen hatte. Das war nicht dieser Teenager. Das war eine Frau, die wahrscheinlich im gleichen Jahrzehnt wie er war. Immer noch jung für Zaubererverhältnisse, aber deutlich älter, als sie eigentlich sein sollte. Sie hatte keine Falten im Gesicht, aber sie sah trotzdem älter aus. Es waren die Augen.
„Miss Granger?" Er konnte nicht anders, als es als Frage zu formulieren.
„Ah, ich hatte mich schon gefragt, wie lange Sie brauchen würden", sagte sie und klang gleichgültig. Er kniff seine Augen zusammen und verband die Punkte.
„Samantha Barnes auch."
„Natürlich."
Sie hatte die Perlen aus ihrem Haar genommen. Seltsam, dass so ein kleines Detail ihn durcheinanderbringen konnte. Oder vielleicht war es ihre Art zu Brauen gewesen; er war schon zu lange Zaubertränkelehrer gewesen, um nicht zu bemerken, wie sie den Rührstab hielt, während sie die Wartezeit zählte.
„Ich nehme an, dass der Schulleiter Ihnen nicht gesagt hat, dass sich um den Wolfsbanntrank gekümmert wird?", fragte sie, obwohl seine Anwesenheit diese Frage hätte rhetorisch machen sollen.
„Nein."
„Ich werde Ihnen nächstes Mal eine Eule schicken. Sie hätten einen richtigen Freitagabend haben können."
„Einen richtigen Freitagabend? Ich arbeite in einem Internat."
„Und?"
Sie ließen den Trank köcheln – es würde noch eine Weile dauern, bis man sich ihm wieder zuwenden musste – und gingen die Treppe hoch in die Küche. Sie legte langsam die Schutzkleidung für das Brauen ab, warf die schwere Schürze über einen der Stühle, bevor sie sich setzte und begann, die Handschuhe zu lösen. Es war seltsam, sie so zu sehen, ganz zu schweigen von der Merkwürdigkeit, überlappende Eindrücke von Samantha Barnes und Hermine Granger zu haben. Sie war ruhig und selbstbewusst, während er sie ansah. Sie war immer, wenn sie wusste, dass er ihr im Unterricht Beachtung schenkte sehr zappelig. Trotzdem hatte Samantha Barnes diese äußerliche Ruhe ausgestrahlt. Es hatte ihn wütend gemacht, als jede seiner bohrenden Fragen oder Unhöflichkeit einfach mit einem belustigten Lächeln beantwortet worden waren.
„Eine richtige Freitagnacht in Hogwarts schließt ein, die Korridore zu patrouillieren und vielleicht ein Schlückchen im Lehrerzimmer."
„Das hört sich nicht schrecklich an."
„Das ist es, wenn Dolores Umbridge im Lehrerzimmer ist."
„Das… wäre schrecklich."
„Sie haben keine Ahnung."
„Oh, ich habe etwas Ahnung."
Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. Sie zuckte nur mit den Schultern und warf den Handschuh, den sie ausgezogen hatte zu dem Stuhl, auf dem schon die Schürze lag, und wandte ihre Aufmerksamkeit dem zweiten Handschuh zu.
„Ich nehme an, dass der Schulleiter denkt, er sei hinterlistig, indem er Ihnen nicht gesagt hat, dass ich heute Abend nichts vorhatte und mich freiwillig gemeldet habe, um zu Brauen."
Er sah ihr dabei zu, wie sie den anderen Handschuh auszog und bemerkte etliche kleine Narben auf ihren Händen, die er noch nicht kannte. Zum größten Teil waren es die Schnitte und Verbrennungen, die bei denen, die mit Zaubertrankzutaten oft arbeiteten und oft brauten, üblich waren. Der Rest von ihr war gut verdeckt, weshalb er nicht erkennen konnte, ob da noch mehr waren, aber etwas in ihrer Haltung, besonders als er sich daran erinnerte, wie sie die Winkelgasse entlang gelaufen war, sagte ihm, dass da mehr sein würden. Da war etwas in ihrer Ausstrahlung – und er konnte nicht sagen, ob es der Klang ihrer Magie war oder etwas anderes – was auf Kampfnarben hinwies.
„Ich denke, er bevorzugt die Bezeichnung ‚darüber hinwegsehen'", sagte Severus im Plauderton, einfach um zu sehen, wie sie reagierte. Sie schmunzelte, und blickte ihm kurz in die Augen, bevor sie sich wieder dem Handschuh zuwandte. Interessant.
Als er das erste Mal von der Seite des Dunklen Lords zurückgekehrt war, nachdem er zum Haus der Riddles gegangen war und halb gehofft hatte, dass er sofort getötet werden würde, war er direkt zu Poppy gegangen. Das Einzige, was sie ihm hatte geben können war das Entspannungsmittel für die Muskeln gegen das Zittern gewesen, aber sie hatte ihm auch Tee gegeben. Sie hatte sich zu ihm gesetzt und ihm keine Fragen gestellt. Sie war für ihn da gewesen, seit er elf war, hatte ihn nach den Sommern zuhause bei seinem verhassten Vater oder nach Auseinandersetzungen mit den Herumtreibern verarztet.
„Ich werde voraussichtlich tot sein, bevor das Jahr vorbei ist", hatte er ihr erzählt. Sie hatte nichts gesagt, hatte ihn nicht gefragt, wo er gewesen war. (Sie wusste es wahrscheinlich sowieso.) Sie hatte ihm einfach nur eine Hand auf seine gelegt und hatte bei ihm gesessen. Sie hatte nicht gefragt, wer den Cruciatus-Fluch an ihm angewandt hatte oder wo seine Loyalitäten lagen. Sie hatte ihm einfach den Trank gegeben, ihn dazu gebracht sich eine Weile hinzusetzten, während der Tee zog und ihm von dem Artikel über Griselkrätze erzählt, den sie vor kurzem gelesen hatte.
Der Schulleiter hatte ihn dort vorgefunden, wie er in ihrem Büro saß, Tee trank und versuchte nicht zu zittern. Im Nachhinein fragte sich Severus, ob er manipuliert worden war, indem er von vermeintlichen Bündnissen oder Freundschaften weggeleitet wurde. Es gab keinen Kontakt mit den Leuten, die er leiden konnte, außer Dumbledore genehmigte es, sogar bei Poppy. So war es immer gewesen. Diese Hermine Granger, die nicht Hermine Granger war, war eine sonderbare Entscheidung für eine bewilligte Partie.
Er starrte sie wütend an, aber sie ignorierte es. Es war irritierend.
Nach einer Weile des einander Anstarrens, stand sie auf, und begann Tee zu machen. Er sah ihr zu und versuchte, sie richtig zu lesen. Granger war jung, aber kompetent. Sie hatte als sie dreizehn Jahre alt war den Vielsaft-Trank gebraut und die einzige Sache, die schiefgelaufen war, war das Katzenhaar gewesen; das war beeindruckend. Sie war talentiert, aber sie war nicht… das. Das war nicht die leseversessene Frau; das war eine Peitschenschnur, die eng gespannt war, bereit auf das Ziel zu schnellen (was auch immer es war). Er konnte nicht sagen, warum es so war. Nicht ohne mehr Informationen. Sie war schwer zu lesen.
Er erinnerte sich an seine Gedanken, als sie in der Winkelgasse außer Sichtweite gelaufen war, und er gedacht hatte, dass sie eine Waffe war. Der verhärtete Splitter, der zurückgeblieben war, nachdem die brüchigen Teile abgebrochen waren. Sie war wahrhaftig schwer zu lesen.
Das Schweigen baute sich immer weiter auf, bis sie die zwei Teetassen herüberbrachte. Er fragte sich, woher sie wusste, dass er Zucker nahm, aber er machte sich eine Notiz, daran zu denken, dass sie ihren Tee ohne Zucker trank.
„Sie haben folglich wieder einen Zeitumkehrer?", fragte er schließlich. Er hatte es schon beim ersten Mal nicht gutgeheißen und er dachte, dass er es auch dieses Mal nicht guthieß. Wie lange war das schon gegangen? Wie viele Jahre hatte sie hinzugefügt? Was zur Hölle hatte der alte Mann vor?
„Natürlich", sagte sie, aber ihrer Stimme fehlte eine gewisse Selbstgefälligkeit, die er von einer Gryffindor mit einem solchen Geheimnis erwartet hatte. Genau genommen, sprach sie fast ohne Betonung, als wäre es ihr nicht mehr wichtig. Das war logisch, nahm er an, wenn sie Jahre zu ihrem Alter hinzugefügt hatte; selbst Zeitreisen wären nach ein paar Jahren damit Schnee von gestern.
„Und…?"
„Wie lange haben Sie Zeit?" Sie grinste wieder und er ertappte sich dabei, wie er zurückgrinste; sie war… eine Frau. Und er mochte Frauen.
Er hatte Samantha Barnes nicht gemocht. Die Perlen und Anhänger in ihrem Haar waren albern und ablenkend gewesen. Und sie hatte keine Vorgeschichte, keine Tiefe; sie war ein Gesicht während der Treffen gewesen oder ein Zauberstab, der irgendwo in Edinburgh darauf wartete, ihn zu heilen. Allerdings mochte er diese Hermine Granger.
Sehr merkwürdig.
„Ich werde im Schloss nicht bis nach dem Mittagsessen morgen zurückerwartet."
„Wir werden mehr Tee brauchen", sagte sie und schnippte mit ihrem Zauberstab. Sie rief auch den Brandy herbei, schenkte sich eine großzügige Menge in ihre Tasse ein und überließ ihm die Flasche. Nach einem Moment, goss er ein bisschen davon in seinen Tee, aber nicht viel.
Alkohol war nie eins von Severus Lastern gewesen; es war die Sünde seines Vaters gewesen.
„Nun?"
„Viel von dem Grund, weshalb ich zurück geschickt wurde, ist noch nicht passiert", sagte sie. Sie blickte auf ihre Hände herunter und er sah, dass ihre linke Hand schrecklich vernarbt war. Nicht nur Unfälle beim Brauen, sondern weiße Linien, die an jedem Knochen in ihrer Hand entlang liefen und einen scharfen Kontrast zu ihrer Haut bildeten. Einige verliefen parallel zueinander, als wenn derselbe Schnitt gemacht wurde, nachdem der erste geschlossen worden war.
Legilimens, probierte er nonverbal, aber er stellte fest, dass ihr Geist in neblige Wolken gehüllt war. Er konnte Fetzen von Bildern, Erinnerungen, sehen, aber sie wurden in den Tröpfchen des Nebels gebrochen und es war unmöglich sie zu interpretieren. Große, dunkle Gestalten zeichneten sich im Nebel ab, aber er konnte sie nie ganz finden. Sie war sehr gut.
Als er mit seinen Versuchen aufhörte, bemerkte er, dass sie belustigt war. Er stellte fest, dass er zwischen Verlegenheit und Gereiztheit gefangen war. Gründlich auf dem falschen Fuß erwischt, tat er so, als wenn nichts passiert wäre, und nach einem Moment fuhr sie fort.
„Ich kann Ihnen sagen, dass ich zum ersten Mal kurz vor Silvester nächsten Jahres zurückgereist bin. Ich bin zum Beginn des Sommers zurückgereist und habe bei Minerva gewohnt. Sie unterrichtete mich privat für die U.T.Z.s. Dann bin ich zum selben Zeitpunkt zurückgesprungen und habe den Sommer im Raum der Wünsche in Hogwarts verbracht." Sie legte eine Pause ein, um an ihrem Tee zu nippen und runzelte die Stirn. „Dumbledore unterrichtete mich damals. Er lehrte mich Okklumentik und Legilimentik zwischen Wiederholungen. Ich machte meine U.T.Z. Prüfung am Ende des Sommers mit den damaligen Schülern des siebten Schuljahrs, die mit ihren Punktzahlen unzufrieden waren."
„Wie haben Sie abgeschnitten?" Das war die nächste höfliche Frage, oder?
„Ganz wie vorhergesehen", sagte sie. Es war beinahe beunruhigend sie so gleichgültig über die Prüfungen reden zu hören; sie hatte sich so lange, wie sie von ihnen wusste, auf sie vorbereitet. Gegenwärtig befand sich eine jüngere Ausgabe von ihr in Hogwarts, die mit farbcodierten Stundenplänen für ihre Z.A.G.s herumrannte. „In neun von ihnen. Ohnegleichen in allen außer in Geschichte der Zauberei."
Er schmunzelte und goss sich eine weitere Tasse ein. Wenn sie nur gelernt hatte und keinen Potter und Weasley gehabt hatte, denen sie in den Ohren liegen musste, war es nicht verwunderlich, dass sie gut abgeschnitten hatte. „Wie haben Sie neun fertiggebracht?" Nun, da er darüber nachdachte, hatte sie sich nur für acht U.T.Z.s entschieden.
„Ich habe mich in die Prüfung von Muggelkunde einfach, weil ich es konnte, hineingesetzt." Sie verdrehte wegen sich selbst die Augen, was ihn zum Lächeln brachte. Sie blickte ihn überrascht wegen seines Lächelns an, aber nur für einen Moment, bis der Gesichtsausdruck hinter ihrer höflichen Fassade verschwand.
Er wollte fragen, was mit ihrer Hand passiert war, aber er dachte sich, dass es keine gute Idee wäre.
„Ich war für eine Weile in Frankreich. In der Bibliothek von Alexandria verbrachte ich zwei Rückreisen. Ich mochte diese größtenteils. Und ich war für eine Weile in Spanien. Dort gefiel es mir nicht." Ein dunkler Schatten huschte über ihr Gesicht und die vernarbte Hand verkrampfte sich zur Faust.
„Was haben Sie studiert?" Er wollte insbesondere wissen, was sie in Spanien studiert hatte.
„Ich habe eine Ausbildung zur Heilerin gemacht und das St. Mungo hat mir einen Job angeboten." Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihren Zopf und er sah, wie sie sich dazu ermahnte, ihre Faust zu öffnen. „Runen habe ich auch studiert. Ich habe genug beschissene Arithmantik gelernt, um einen meinen Meistertitel zu machen, wenn ich an der Beurteilung teilnehmen würde." Sie rollte mit den Augen. Er versuchte durch diese Ausdrucksweise nicht zusammenzuschrecken, aber das war Hermine Granger. „Ich habe viel Zeit in Alexandria mit Recherchen verbracht, viele verschiedene Sachen, die meisten von ihnen waren mehr oder weniger unerfreulich - Fluchbrechen, altmodisches Zeug." Sie bewegte ihre Hand wieder, als sie bemerkte, dass er sie ansah. Resigniert sagte sie: „Er schickte mich zu Remy nach Spanien. Kannten Sie Remy?"
„Remy Bird?"
„Ja."
„Das tue ich, tat ich. Ist er tot?"
Sie zog eine wunderschöne silberne Taschenuhr aus ihrer Tasche. In den Deckel war ein verschnörkeltes Wirbelmuster eingraviert, dass die ansonsten gewöhnlich aussehende Taschenuhr irgendwie feminin aussehen ließ. Die Taschenuhr musste neben der Zeit auch das Datum anzeigen, denn sie schmunzelte, nachdem sie darauf gesehen hatte. „Mein Fehler. Ihm bleiben noch ein paar Tage."
Severus sah sie an. Remy Bird war kein freundlicher Mann. Offiziell war er ein Fluchbrecher, und ein sehr guter, aber zu seinen Lebzeiten genoss er die dunklen Künste. Er wurde dafür aus mindestens drei Ländern verbannt. (Er war gut genug darin, dass sie nie genügend Beweise hatten, um ihn einzusperren.) Er war berüchtigt, Muggelkämpfe zu veranstalten – er sperrte Hexen und Zauberer in Käfige und ließ sie hungern, dann brachte er sie dazu, wie Muggel zu kämpfen, meistens bis zum Tod. Es war ein Zeitvertreib. Die Kämpfe zogen Zuschauer an; er hatte selbst einige besucht, als er damals das Dunkle Mal bekommen hatte und ihm hatte sich der Magen umgedreht. Leute schlossen Wetten auf die Kämpfe ab, versammelten sich um die Käfige und schrien ihren auserkorenen Gladiator an.
Etwas wurde ihm klar und Severus griff nach ihrer vernarbten Hand und breitete sie auf dem Tisch aus, um sie anzusehen, und die Knochen unter den Schnitten zu befühlen. Ja; da waren sie. Kleine Ausbeulungen an den Knochen, die sich durch ihre ganze Hand zogen und die von vielen durch Zaubersprüche geheilten Brüchen berichten. Es war ein Wunder, dass sie ihre Hand bewegen konnte.
Ihm war beinahe schlecht, als er darüber nachdachte.
„Die–", versuchte er, aber ihm fiel nichts ein, was er dazu sagen oder fragen konnte. „Wie ist das passiert?"
Sie sah weiterhin gleichgültig aus und blickte auf ihre Hand, anstatt ihn anzusehen, während sie sprach.
„Ich war einen Monat bei ihm und lernte von ihm und dann wurde es ihm langweilig, das zu tun, worum Dumbledore ihn gebeten hatte." Sie zitterte vor Anspannung. Er bereute es, dass er sie gefragt hatte, ihm das zu sagen, was er wahrscheinlich auch hätte erraten können. Er wollte ihr sagen, dass sie aufhören sollte, aber er konnte sie nicht unterbrechen. „Dann, eines nachts nach dem Abendessen, zerrte er mich aus der Dusche und steckte mich in einen Käfig. Darin saß ich zwei Tage lang und fragte mich, ob es ein weiteres Training war, aber ich wusste, dass es das nicht war. Dumbledores Methoden konnten hart sein, aber sie waren nicht brutal."
„Der erste Mann gegen den ich gekämpft hatte war zweimal so groß wie ich gewesen. Er war von einem vor kurzem erfolgten Kampf verletzt und das war der einzige Grund, weshalb ich gewonnen hatte. Ich hatte etwas, worauf ich zielen konnte."
Severus konnte es sich vorstellen. Ein Riese von einem Mann, der ein zierliches Mädchen aus seinem Klassenraum umkreiste. Die Kämpfer waren immer nackt; das machte es schlimmer. Der Mann würde seine Größe gegen sie verwendet haben, seine größere Reichweite. Sie hatte Glück gehabt, wenn der Mann von einem Kampf in den Ring zu ihr gekommen war.
„Für jeden Kampf, den ich gewonnen habe, verdiente ich mir eine Mahlzeit und ein Glas mit Wasser. Es gab einen Kampf am Nachmittag und einen nach Anbruch der Dunkelheit. In der Zeit dazwischen war ich in meinem Käfig. Manchmal, alle paar Tage, brachte ein glatzköpfiger Zauberer diesen verkrüppelten kleinen Zauberstab mit, damit ich mich damit selbst heilen konnte; das war der beschissenste Zauberstab, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe." Ihre Hand war wieder zu einer Faust geballt und die Narben stachen kraftvoll weiß gegenüber ihrer Haut hervor, obwohl ihre Haut beinahe so blass wie die Narben war. „Ich war zwei Monate lang in den Käfigen, bevor ich die Gelegenheit hatte zu fliehen."
Jetzt breitete sie ihre Hand wieder auf dem Tisch aus. Dieses Mal näher bei ihm, damit er es besser sehen konnte.
„Sie haben mich erwischt. Die Männer, die für Remy gearbeitet hatten." Sie starrte ihm in die Augen und dann nach unten auf ihre Hand. „Sie haben mich zu Remy gebracht und er hat meine Hand mit dem Absatz von seinem Schuh zertrümmert, drückte seine Ferse auf alle meine Finger, dann riss er an ihnen, bis die Gelenke raussprangen." Sie atmete tief ein. „Und dann band er meinen anderen Arm hinter meinem Rücken fest und schickte mich in den Abendkampf."
Sie hatte natürlich gewonnen, sonst wäre sie tot.
„Dann haben sie mich meine Hand mit diesem verkrüppelten Zauberstab heilen lassen." Er sah gebannt dabei zu, wie ihre rechte Hand die Narben auf ihrer linken Hand entlangfuhr und den Weg beschrieb, den der Zauberstab hätte entlangfahren müssen. Knochen für Knochen und Gelenk für Gelenk. „Sie schlitzen meine Hand auf, damit ich besser sehen konnte, was gemacht werden musste. Dann sahen sie mir dabei zu, wie ich es in Ordnung brachte. Zuerst die Knochen in der Handfläche. Danach die längeren Knochen in den Fingern. Die Knöchel hier und dann die Knöchel in den Fingern. Sie kontrollierten die Knochen durch die Schnitte, bevor sie mich meine Hand wieder verschließen ließen."
Sie weinte nicht. Sie erzählte es, als wenn es irgendein trockenes Beispiel in einem Heiltext war, den sie bei ihren Recherchen gefunden hatte. Nicht einmal so, als wäre es jemand anderem passiert, sondern als hätte sie es einmal in einem Buch gelesen. Der Tee in seinem Magen war in Aufruhr.
„Ich versuchte noch einmal zu fliehen, aber–" Sie fuhr die Linien entlang, an denen die Narben parallel waren. „Ich war damals auch nicht erfolgreich."
Sie hatten sie gefoltert. Es war nicht so, dass die Kämpfe, bei denen man hungernde Unschuldige dazu zwang, sich gegenseitig mit ihren bloßen Händen zu töten, keine Folter gewesen waren, aber das ging darüber hinaus.
„Aber Sie haben es ein weiteres Mal probiert."
„Ja", sagte sie und dieses Mal schmunzelte sie. Es war die Art von Miene, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es ließ ihn an das denken, was sie gesagt hatte. Wie sie monatelang in den Käfigen gewesen war und Leute zwei Mal pro Tag mit ihren Fäusten totgeschlagen hatte. Sie müsste so viele getötet haben, dass diese Anzahl mit der seinen gleichkam, und er hatte jahrelang Zaubertränke für einen Psychopathen gebraut. „Es verging ein weiterer Monat bis zu meiner Gelegenheit und ich ergriff sie. Um ehrlich zu sein, werde ich sie in ungefähr 30 Stunden ergreifen."
Er sah sie an. Seine Augen würden zu weit geöffnet sein und seine Erschütterung, sein Entsetzten verraten.
Irgendwo in Spanien war Hermine Granger in einem Käfig gefangen, während er hier saß und Tee und Brandy mit ihr trank. Oder sie befand sich in dem Stadionring der Muggelkämpfe, was viel wahrscheinlicher war.
„Haben Sie Remy Bird getötet?"
„Ja", sagte sie und sie sah ihm endlich in die Augen. Sie hielt seinem Blick stand, während sie sprach, ihre Stimme war frei von Emotionen und Menschlichkeit. „Ich tötete meinen Betreuer nach dem Kampf. Sie dachten, dass ich meinen Schwung nach diesem zweiten Versuch verloren hätte." Sie ballte ihre Hand auf dem Tisch zur Faust, aber er unterbrach den Blickkontakt nicht. Sie begann ihre Erinnerungen an ihn zu senden. Das Erlebnis sickerte durch ihre Okklumentikschilde mit der Intensität ihrer Erinnerung. (Eine häufige Nebenwirkung der Gedankenmagie, wie Okklumentik, war die lebendige Erinnerung; es war nützlich, wenn man sich die Erinnerungen eines Spions in einem Denkarium ansah, aber es war weniger hilfreich, wenn es darum ging schmerzhafte Erinnerungen an den Ecken zu verschleiern.) Er wollte ihr sagen, dass sie aufhören sollte, dass sie es ihm nicht zu erzählen brauchte, sie es nicht wieder durchleben musste, aber er tat es nicht. „Ich stahl seinen Zauberstab und ließ die anderen Kämpfer frei. Sie rannten. Ich benutzte Dämonsfeuer, um das ‚Stadion' und all die Zuschauer zu verbrennen, die immer noch ihre Wetten beglichen."
„Dann apparierte ich zu Remys Haus. Ihm wurde es langweilig mir in den Nachmittagskämpfen zuzusehen, verstehen Sie? Er verdiente viel Geld durch mich, aber nachts noch mehr."
„Er saß an seinem Esstisch. Ich schnitt seine Kehle mit dem Käsedraht auf." Vor seinem geistigen Auge sah er ihre Erinnerung daran. Sie war nackt, voller Blut und Blutergüsse und ihr Haar lag verfilzt an ihrem Kopf an. Den überraschten Blick auf Remys attraktivem Gesicht, als seine Kämpferin durch die Küchentür trat. Das Geräusch, was er machte, als Granger den Zauberstab in der Tür fallen ließ und den Käsedraht von der Theke nahm. Überall war Blut. Es war heiß auf ihren Händen und ihrer Brust und tropfte ihren Körper herunter. „Dann ging ich nach oben und sammelte meine Sachen ein. Und dann verbrannte ich sein Haus zu Schutt und Asche."
Die Erinnerung an das Dämonsfeuer traf ihn und er schloss seine Augen, um sie zu vertreiben. Sie stand da auf dem abgeschotteten Rasen. Sie war sauber und angezogen, hielt ihren eigenen Zauberstab zum ersten Mal seit Monaten und entfesselte das verfluchte Feuer. Es hatte so heiß gebrannt, dass das Fensterglas geschmolzen war, noch bevor die Holzrahmen komplett verbrannt waren.
„Das wird am Sonntag sein", sagte sie, nahm ihre Hände vom Tisch und legte sie in ihren Schoß. Die Küche wurde ein paar Grad kälter, als ihre Okklumentikschilde wieder an ihre Plätze zurückkehrten und ihr Gesichtsausdruck zu der Neutralität zurückkehrte, die er vorher gesehen hatte. „Ich hätte fast Lust dazu mir meine eigene Show anzusehen."
Sie war… kalt. Hart. Sie erinnerte ihn an sich selbst und das nicht auf eine gute Art und Weise.
Was hat Dumbledore dir angetan, Mädchen?
„Ich bin kein Mädchen, Professor Snape", sagte sie und er schreckte zusammen. Sie hatte den Gedanken gehört? Sie hatte in seinen Geist gesehen? Hatte sie Legilimentik an ihm angewendet und er hatte es nicht bemerkt? „Ich bin nicht, was ich war."
„Warum?", fragte er nach ein paar Minuten der Stille, als er es nicht mehr aushalten konnte, am Tisch zu sitzen und nicht zu sprechen. „Warum hätte er Sie zu Remy Bird schicken sollen?"
„Ich weiß es nicht", sagte sie und hörte sich beinahe wehmütig an. „Ich–" Sie seufzte. „Ich habe verstanden, warum er mich zurückgeschickt hat, damit ich meinen U.T.Z. mache und das Heilen lerne. Ich habe die Recherche in Ägypten und das Seminar in Salem verstanden – die Anwendung von Arithmantik auf das Zaubertränkebrauen; es war faszinierend." Die Nebenbemerkung wurde durch ein Grinsen, was an ihn gerichtet war, ergänzt. Ihre Augen funkelten vor Intelligenz für einen sehr kurzen Augenblick, was ihn an den vorangegangenen Sommer erinnerte, als er sie in der Familienbibliothek der Blacks ertappt hatte. Dennoch war der Blick beinahe so schnell verschwunden, wie er erschienen war. „Die anderen Dinge sind es, die ich nicht verstehe. Er schickte mich zwei Mal zur Bibliothek in Alexandria. Beim ersten Mal ging es um eine Recherche zur Heilung und zum Fluchbrechen, was Sinn ergab, aber beim zweiten Mal ging es um die Dunklen Künste und Volkssagen. Und dann… Spanien."
„Er setzt nicht alles auf eine Karte", sagte Severus und verfluchte das Klischee, als es seine Lippen verließ.
„Das könnte sich als ein Problem erweisen", sagte sie finster und sah ihm wieder in die Augen. Er nickte und schenkte ihnen beiden ein bisschen zu viel Brandy in ihre Teetassen ein. Sie trank den Inhalt ihrer Tasse in einem Zug, so als wäre es ein Schnaps, saß da und betrachtete die Holzmaserung. Dann stand sie auf und zog sich wieder die Schürze und die Handschuhe an. Er säuberte und räumte das Teegeschirr weg, während sie den Zaubertrank beendete.
„Nun", sagte sie, als sie Augenblicke später in die Küche zurückkehrte. Der Wolfsbanntrank würde nach diesem letzten Schritt zehn Stunden lang ziehen und dann würde er in Flaschen gefüllt werden. „Gibt es noch etwas, worüber Sie reden wollen?"
Er hob eine Augenbraue. Wenn sie ihn nach einer Narbe befragt hätte, insbesondere eine mit solch einer schmutzigen Vorgeschichte, wäre er gegangen, ohne ihr auch nur irgendetwas davon zu erzählen, und hätte nicht danach gefragt, ob er noch mehr Leichen hervorholen wollte.
„Ich soll mit dem Schulleiter heute Nacht reden", sagte sie. Sie sah… verärgert aus. „Er meldet sich kurz bei mir – sieht nach mir. Es ist eine… Folge… von ‚dem Zusammenbruch nach Spanien.'" Sie ahmte Dumbledore bemerkenswert auf seine trockenste Art nach. „Ich bin eine Zeit lang von der Bildfläche verschwunden. Er hat meinen Terminplaner mit jedem Ort und jedem Datum, an dem ich gewesen bin, aber ich bin diejenige, die es ausgefüllt hat. Ich habe auch mal etwas ausgelassen. Er war sich dessen nicht bewusst, bis wir uns zu Beginn des Monats wiedergetroffen hatten und ich viel älter war, als er angenommen hatte." Müde rieb sie ihre Hände über ihr Gesicht. „Und jetzt muss ich mich mit ihm jede Woche treffen. Um zu reden."
„Er mag es… die Kontrolle zu haben", sagte Severus. Er hätte beinahe gesagt, dass Dumbledore es mochte eine kurze Leine zu haben, aber das war nicht die Wahrheit. Albus Dumbledore war geschickt darin, Leute darauf anzusetzen, seinen Anordnungen Folge zu leisten. Er schickte sie nach nah und fern und erwartete, dass sie das taten, was er von ihnen verlangt hatte. Außer, anscheinend, Hermine Granger.
Mein Kragen beginnt zu scheuern. Der Gedanke kam klar aus ihren Gedanken zu ihm und er blinzelte sie an. Sie sah weg, als sie bemerkte, dass ihr ein Gedanke, wie seiner vorhin, entwischt war. Sie sagte nichts.
„Ich weiß, dass ich nicht alle Informationen habe", sagte sie zu dem Kessel anstatt zu ihm. „Ich vertraue ihm. Ich muss ihn nicht mögen." Jetzt sah sie an. „Ich tue, was er sagt."
Nun, da er den Blickkontakt hatte, unterbrach er ihn nicht. „So wie ich", sagte er.
Sie betrachteten sich gegenseitig. Sie war intelligent und zynisch und hatte sich offensichtlich dem Krieg und Dumbledores Mission verschrieben. Großartig. Er mochte sie tatsächlich.
Und das könnte sich als Problem erweisen.
„Es wird schlimmer werden", sagte sie nach einer Weile.
„Was?"
„All das." Sie gestikulierte um sie herum und meinte die Welt und den Krieg. „Es wird schlimmer werden. Sogar schlimmer, als Dumbledore es geplant hatte."
Dieser Gedanke ließ ihn bis ins Mark gefrieren.
AN: Damit jeder auf dem gleichen Stand ist: Dieses Kapitel findet im September 1995 statt (also zu Beginn des fünften Schuljahrs in Harry Potter und der Orden des Phönix). Hermine hat ihre übermäßige Nutzung des Zeitumkehrers beendet und das Training/Wissen erworben, von dem Dumbledore wollte, dass sie es erwirbt (und dann noch etwas mehr). Nur zur Info.
Macht's gut!
– M
