Hermine bewahrte ein Klavier im Regal bei den Büchern in ihrem Wohnzimmer auf. Die meiste Zeit über war es geschrumpft, damit es in das Regal passte und wie jedes andere Kinkerlitzchen aussah, aber gelegentlich ordnete sie die Möbel neu an, veränderte ihre Größe und entfernte den Größenzauber vom Klavier. Es war ein ruhiger Abend an der Kriegsfront und draußen tobte ein Gewitter, also hatte sie einen Riesling geöffnet, das Klavier hervorgeholt und erinnerte sich liebevoll an ihre Mutter.
Es war ein Kampf in ihrer Kindheit gewesen, als ihre Mutter ihr beibrachte, Klavier zu spielen. Jeden Tag nach der Schule hatten sie Unterrichtsstunden angesetzt und sie wurde dazu ermutigt mindestens zwei Mal pro Woche allein zu üben. Es hatte während ihrer Frustration mehr als einen Vorfall mit unkontrollierter Magie gegeben. Metronome, die ihren Takt an ihr Tempo angepasst hatten, die Uhr an der Wand, die sich so verstellte, dass sie die Uhrzeit für das Ende der Stunde anzeigte.
Als sie acht Jahre alt war, war sie trotzdem ziemlich gut gewesen. Die Unterrichtsstunden wurden auf drei pro Woche verkürzt und sie hatte sie nicht mehr so übelgenommen. Nachdem sie in Hogwarts angefangen hatte, hatten die Unterrichtsstunden aufgehört, aber sie spielte immer noch, wenn ihr danach war.
Das Klavier war eins der ersten Dinge gewesen, die sie für sich selbst gekauft hatte, als sie in die Wohnung in Edinburgh gezogen war. Dumbledore hatte das notwendigste bereitgestellt – das Bett und den Kleiderschrank, Stühle für das Wohnzimmer, den riesigen Küchentisch – und sie hatte den Rest ergänzt.
Sie kannte die meisten klassischen Sonaten auswendig und auch mehr als nur ein Paar „Pop-Klassiker" der Achtziger. Sie spielte, wofür sie in der Stimmung war und sie spielte eine akkordlastige Fuge von einem der Bachs. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie das Stück geendet hatte, als sie den Schlüssel in der Tür hörte.
Severus grinste wie ein Idiot. Das war der erste Hinweis. Der zweite Hinweis war, als er eilig den Raum durchschritt und ihr seinen Zauberstab mit dem Griff zuerst hinhielt.
„Severus?"
„Jeden Monat bringe ich Gretchen Goyle ein Antidepressivum."
„Das ist lieb von dir."
Er sah sie böse an. „Sie ist weniger mordgierig, wenn sie überglücklich ist."
„Okay."
„Der Dunkle Lord dachte, dass es lustig wäre, wenn ich davon die Dosis eines ganzen Monats einnehmen würde."
„Was?"
„Das letzte Mal, als das passiert ist, war ich 22 Jahre alt und hatte alles in Abraxus Malfoys Salon in Perlmutt verwandelt. Sie konnten es nicht rückgängig machen; letztendlich haben sie das meiste davon verkauft. Die Scheißkerle haben aus meiner verdammten Zauberei Geld gewonnen."
„Ich verstehe", sagte sie, obwohl sie das nicht wirklich tat. Sie war allerdings belustigt, als sie bemerkte, dass er in den richtigen nördlichen Dialekt seiner Kindheit verfiel. Das war etwas, was sie nur von ihm gehört hatte, wenn er seinen Vater beleidigte, oder aus seinen Gedanken, wenn er Schmerzen hatte.
„Das ist der Grund, warum Lucius mich dazu gedrängt hatte, zu gehen. Er wollte nicht seine Möbel ersetzen müssen."
„Nun, danke, dass du mir deinen Zauberstab gegeben hast. Ich will auch nicht meine Möbel ersetzen müssen."
„Hermine", sagte er plötzlich sehr ernst. Er beugte sich leicht nach vorne, so dass er ihr direkt in die Augen sah. Seine Augen waren so dunkelbraun, dass sie auch hätten schwarz sein können, doch da seine Pupillen so stark erweitert waren, konnte sie nichts von dem Braun mehr sehen. „Ich bin gerade ziemlich high."
Sie lachte. „Das habe ich bemerkt."
Severus nickte weise und schleppte sich dann in ihre Küche, um sich etwas zum Essen zuzubereiten. Belustigt stellte sie das Klavier an seinen gewöhnlichen Platz auf dem Regal zurück und sah ihm zu, wie er unbeholfen auf der Mikrowelle herumtippte, bevor er es aufgab und das Curry, das sie am vorigen Nachmittag zum Mittag gehabt hatte, mit zauberstabloser Magie aufwärmte.
Er schlang das Curry herunter wie ein verhungernder Mann und ließ das Geschirr in der Spüle, bevor er in das Wohnzimmer heraustrat. Er fand ihr Radio und stocherte so lange darauf herum, bis er einen Sender fand, der etwas von den Dubliners spielte.
„Meine Mutter liebte Folk-Musik und mein Vater liebte Trinklieder. Das war, wo sie zusammen kamen", sagte er und nickte glücklich im Takt. Sie hatte ihn nie zuvor von seinen Eltern sprechen hören, als wären sie Leute – es waren immer bildliche Ausdrücke gewesen, zu denen er sie relegiert hatte. Sein verhasster Muggelvater und die zusammengeschlagene Ehefrau.
Hermine wollte gerade etwas sagen, aber dann sang er so laut er nur konnte. Er traf die Töne, aber seine Stimme war für diese Lieder nicht geeignet – er war ein Bass und eignete sich perfekt für langsame, getragene Lieder; gerade sang er Tanz- und Trinklieder mit.
Er war gerade mitten in einem unzüchtigen Lied über eine Meerjungfrau als er sich erinnerte, dass sie auch da war und er zog sie auf die freie Fläche, wo das Klavier gestanden hatte, um zu tanzen. Er führte sie durch die Schritte eines Reel oder einem Jig (sie wusste es nicht) und blickte finster drein, wie diese vertraute Gefahr des Klassenraums, wann immer sie etwas falsch tat (was oft passierte). Das nächste Lied, Red is the Rose, war zu langsam zum Tanzen und er überließ sie sich selbst, damit er sich auf den Couchtisch stellen und mitsingen konnte.
„Red is the rose that in yonder garden grows. Fair is the lily of the valley. Clear is the water that flows from the Boyne. But my love is fairer than any."
Es war durchaus möglich, dass das die beste Darbietung war, die sie seit Jahren gesehen hatte. Er hatte eine schöne, tiefe, surrende Stimme. Sie wusste das schon; sie hatte unzählige Schulstunden durchgestanden und ihm zugehört. Trotzdem hatte sie ihn seine Stimme noch nie auf diese Art benutzen gehört.
„Come over the hills, my bonnie Irish lass. Come over the hills to your darling. You choose the rose, love, and I'll make the vow. And I'll be your true love forever."
Und dann war es vorbei, aber die Darbietung ging weiter. Er sagte etwas Unhöfliches über Iren und fuhr dann fort auf dem Tisch zu stehen, stampfte mit seinem Fuß und klatschte den Rhythmus, während er Rocky Road to Dublin immer schneller und schneller sang. Danach kam Seven Drunken Nights, von denen das Radio nur fünf spielte; empört, schaltete Severus es aus und sang die letzten zwei Verse. Am Ende davon lag sie wegen der völligen Ausgelassenheit von Severus Snape lachend auf dem Boden. Von allen Leuten war gerade er es, der ihr dieses bestimmte Lied vorsang.
„Ich habe Lily dieses Lied einmal vorgesungen", erzählte er ihr und sprang vom Tisch, nachdem er sich schauspielerisch verbeugt hatte. „Sie ist rot geworden und hat zwei Tage lang nicht mit mir geredet."
„Du hast sie schockiert?"
„Wir waren dreizehn."
Hermine kicherte, hielt ihm ihre Hand hin und zog ihn neben sich an die Wand, wo sie gesessen hatte, seitdem ihre Möbel alle zu klein und in der Ecke gestapelt waren, da sie das Klavier herausgeholt hatte. Sie fragte sich, wer Lily war, aber das war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn danach zu fragen.
„Wusstest du überhaupt, worum es in dem Lied ging?"
„Oh, ja. Mein lieber alter Vater hat es mir gezeigt."
„Er hat es dir gezeigt?"
„Allerdings." Er seufzte und es war eine Art müder, gleichgültiger Ton. „Mutter hat zuerst versucht in abzuwehren, sie hat gesagt, dass es unangemessen sei und mir gesagt, dass ich wegsehen, weggehen sollte. Aber er wollte das nicht – natürlich war er voll wie 'ne Eule. Sie hat sich letztendlich gefügt. Sah mich eine ganze Weile danach nicht mehr an. Er konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, dass er es getan hatte."
„Dein Vater hört sich wie ein richtiger Knaller an, Sev", sagte sie so leicht, wie sie konnte und fragte sich, ob er nahe genug neben ihr saß, um zu fühlen, dass sie zitterte. Sie wollte die Gebeine seines Vaters finden, sie ausgraben und sie verbrennen. Oder auf sein Grab spucken. Irgendetwas.
„Reizender Mann", sagte Severus und grinste düster. „Götter, ich verhungere. Hast du noch mehr Curry?"
Und er war wieder weg, den Kühlschrank plündern. Sie hatte kein Curry mehr, aber er fand Zutaten für ein Sandwich und begann sich eins zuzubereiten.
„Was ist die beabsichtigte Dosis deines Tranks, den du für Mrs. Goyle gemacht hast?", fragte sie, weil Severus Snape anfällig dafür war, zu grübeln und zu schmollen. Besonders, wenn ein unangenehmes Thema aufkam.
„Ein Tropfen, der im Morgentee aufgelöst wird", antwortete er sofort und stopfte sich dann das Sandwich in den Mund.
„Kein Wunder, dass du–"
„Im Höhenflug bist?"
„Ja."
Er kicherte fröhlich und verputze sein Sandwich mit drei Bissen. Sein Teller gesellte sich zu der Schüssel vom Curry in der Spüle.
„Willst du, dass ich dir etwas gebe?"
„Natürlich nicht. Ich will es genießen. Das ist der Grund, warum ich hierhergekommen bin."
„Wirklich?" Das war beinahe schmeichelhaft.
„Du bist die einzige Okklumentikerin, die ich neben Dumbledore kenne. Ich kann für dreißig Stunden glücklich sein und niemand wird es bemerken." Er lächelte sie schläfrig an runzelte dann die Stirn. „Außer du erzählst es weiter."
„Niemand würde mir glauben."
„Ein gutes Argument", sagte er, wies mit seinem Finger in ihre Richtung und hielt dann inne, um seinen Finger anzusehen, als wenn er etwas Merkwürdiges tat.
