Und dann kam die Nacht von Slughorns Party.

Severus brodelte innerlich während er sich fertig machte, gebrauchte jedes Schimpfwort, was er kannte, für Minerva (sie hatte es fertig gebracht, sich herauszureden, um nicht teilnehmen zu müssen) und warf ihr seinen besten bösen Blick zu, als er ihr in der Eingangshalle auf seinem Weg nach draußen begegnete.

„Du siehst heute Abend richtig gut aus, Severus", bemerkte sie und sah belustigt aus. Er sah sie finster an und fegte an ihr vorbei. „Dann viel Spaß!"

Die unhöfliche Geste, die sie als Antwort erhielt, hätte möglicherweise mehr Gewicht gehabt, wenn sie irgendwann mal Zeit in der Muggelwelt verbracht hätte, aber er war sich ziemlich sicher, dass sie den Sinn davon dennoch erfasste.

Er war herausgeputzt und trug gebügelte Hosen und eine seidene Weste unter seinem schweren Festumhang. Die Weste war grau. Die Roben waren aus schwarzem Brokat. Sie waren verdammt teuer gewesen und er versuchte immer noch herauszufinden, warum er sie gekauft hatte. Er hätte einfach dieselben Roben tragen können, die er zum Weihnachtsball im vorigen Jahr getragen hatte, aber er war zu Madam Malkins gegangen, um einen seiner Gehröcke, nach einem Vorfall mit einem Hufflepuff aus dem vierten Jahr, richtig reparieren zu lassen. Dann hatte er sie gesehen und durch das, was er für eine Laune hielt, hatte Malkin seine Maße für ihn genommen.

Verdammt noch mal, er hatte sogar eine neue Krawatte, die zu seiner Weste passte.

Er hatte immer noch finsteren Blick aufgesetzt, als er bei der Party ankam. Slughorns Haus war riesig, mit goldenen Lichterketten erleuchtet und sprudelte über vor Herzlichkeit. Es war in eine kleine irische Zauberergemeinde eingebettet und es war kein Versuch, welcher Art auch immer, unternommen worden, die Magie, die sich dort ereignete, zu verbergen.

Eisskulpturen in der Größe von Muggelautos posierten auf dem Hof und wechselten alle paar Minuten ihren Ort. Tablette mit Getränken schwebten von selbst durch die Menschenmenge. Sogar draußen war die Luft warm und angenehm und der leichte Schneefall hörte geheimnisvoller Weise an der Grundstücksgrenze und etwa einen Meter achtzig über Severus Kopf auf.

Es war wunderschön und es machte ihn sogar noch wütender als die kratzende Krawatte, die um seinen Hals gebunden war.

Severus ging nach drinnen. Es war genauso schrecklich feierlich.

Kiefergirlanden in sattem grün und mit rot gestreiften Zuckerstangen dekoriert wandten sich um das Treppengeländer. Im Hauptraum stand ein hoher Weihnachtsbaum, der mit weißen Kerzen und Bändern und Schleifen aus rotem Samt geschmückt war. Auf all den passenden Oberflächen waren weiße Tischdecken ausgebreitet. Essen stand auf glänzenden silbernen Serviertellern bereit.

Die Räume leuchteten vor Weihnachtsstimmung. Das ganze Haus war irgendwo zwischen geschmackvoll und üppig eingerichtet und es gab nur wenige Dinge, die überhaupt nicht hereinzupassen schienen.

Die Leute, die die Räume bevölkerten, waren weniger erfolgreich. Natürlich waren sie alle gekleidet, um die anderen zu beeindrucken. Die meisten Leute trugen schwarze oder weiße Roben mit roten oder grünen Akzenten. Wenige hatten sich für Silber und Gold entschieden. Da war ein Exemplar von grellem Gelb von dem er annahm, dass es Gold sein sollte. Eine Hexe trug Violett.

Und Hermine Granger war in Seide gekleidet, die wie Rauch um sie herum schwebte. Wenn er die Farbe des Stoffs hätte benennen müssen, hätte er dunkelgrau gesagt, aber das war schrecklich unzureichend. Die Roben veränderten ihre Farbe, wenn sich das Licht veränderte und er konnte nicht sagen, ob sie verzaubert waren oder ob sie einfach gut gemacht waren. Sie besaß einen kurzen Kragen, rein dekorativ, und lange Ärmel, die sich bis zu ihren Handgelenken an ihre Arme schmiegten, wo sie spitz zuliefen und die zarte Form ihrer Hände betonten. Das Mieder klammerte sich genauso eng an sie, wie die Ärmel und zeigte ihre schmale Taille und die weiblichen Kurven ihrer Hüften, während sich die Seide in einen Tellerrock ausbreitete. Die Farben reichten von hellgrau bis schwarz. Es war der Ausschnitt, der auffällig war – ein dünner Streifen Haut, der von dem Kragen bis zu dem Punkt, an dem der Rock begann, kurz über ihrem Bauchnabel, freilag und die inneren Kurven ihrer Brüste zeigte. Der Spalt war nicht groß genug, um zu prahlen und die Robe stand ihr so gut, dass es nicht billig aussah. Sie trug dunkles Augen-Make-up und hatte dunkelrote Lippen. Ihr Haar war zu kunstvollen Locken auf ihrem Kopf aufgetürmt. Sie sah wie eine verdammte Königin aus und jeder sah sie an.

„Was hast du gerade mit dem Lebkuchenmann gemacht?", fragte er und trat neben sie. Sie zuckte nicht zusammen, aber er wusste, dass er sie überrascht hatte, weil sie seine Gedanken erst einen Moment, nachdem sie ihn angegrinst hatte, zur Begrüßung streifte.

„Da wirst du einfach abwarten und zusehen müssen, nicht wahr?"

Der Lippenstift lenkte ihn ab. Er hatte ihren Mund noch nie so oft bemerkt.

Sich auf dem falschen Fuß ertappt fühlend, nahm er für sie beide ein Glas von einem der schwebenden Tablette und reichte ihr eins. Sie grinste wieder und drehte sich so, dass sie mit ihren Armen aneinandergedrückt dastanden ohne sich wirklich anzusehen. Für eine Weile standen sie einfach zusammen und sahen der laufenden Party um sie herum zu.

„Ich wurde angewiesen, geheimnisvoll zu sein", sagte sie zu guter Letzt. Er blickte sie an und hob eine Augenbraue, aber sie sah ihn nicht an.

„Oh?"

„Ja. Natürlich kennt mich niemand, also tauche ich in einem lächerlich verführerischen Kleid und Schuhen, wegen denen ich mir Sorgen um meine Knöchel mache, auf und ich lächele und bleibe unnahbar und spreche eigentlich nur wirklich mit den Mitgliedern aus dem Orden. Slughorn wird schlussendlich hereingezogen werden."

„Ist das der Grund, warum du deine Titten mit einem Zauber belegt hast?" Er bereute es in der Sekunde, in der er es gesagt hatte. Sie würde wissen, dass er sie angesehen hatte. Und nicht nur angesehen, sondern dass er genau und lange genug hingesehen hatte, um den Zauber zu bemerken.

Zu seiner Überraschung lachte sie. Sie hatte jedes Recht dazu, ihren Drink über seinem Kopf auszuschütten und ihn einen Lustmolch zu nennen, aber stattdessen lachte sie. Es war ein klingelndes, süßes Geräusch. Es ließ die Männer, in der sie umgebenden Menschenmenge, sich umdrehen und sie ansehen, während sie sie von oben bis unten betrachteten. (Sie sahen lange und genau genug hin, um den Zauber auch zu bemerken, aber er nahm an, dass sie ihn übersahen.)

Bitte, iss mich nicht!"

Der Schrei unterbrach, was eine peinliche Konversation hätte sein können. Jemand hatte sich schließlich zu dem Desserttisch begeben und einen Lebkuchenmann aufgehoben. Er hatte ihn fallen gelassen, als er zu schreien begann.

Die Leute lachten, als sie bemerkten, was passiert war und eine Menschenmenge versammelte sich um die Kekse.

„Nein, nein!"

„Wirklich, ich werde scheußlich schmecken."

„Iss ihn und nicht mich! Er hat mehr Zuckerguss!"

„Hilfe! Hilfe!"

Jeder von ihnen schien mit einem Satz verzaubert zu sein. Je kürzer der Satz, desto öfter wiederholten sie ihn bevor der Zauber nachließ. Da gab es den einen, der einfach nur kreischte und er wollte einfach nicht aufhören.

Severus unterdrückte ein Lächeln und drehte sich um, um zu Hermine nach unten zu blicken. Sie kicherte hilflos. Sie drehte sich weg, um ihr Gesicht zu verbergen – vermutlich um ihre distanzierte, geheimnisvolle Tarnung aufrecht zu erhalten – und drückte es letztendlich gegen seine Seite. Die Titten, die er beobachtet hatte, stellte er fest, waren gar nicht verzaubert, zumindest nicht auf die Art, wie er zuerst gedacht hatte. Nein, diese Kurve war komplett natürlich. Und sie bewegte sich angenehm gegen ihn wenn sie lachte.

„Nun, dann begrabsche sie gründlich, Sev", sagte sie und er bemerkte, dass er wieder gestarrt hatte. Und sie hatte aufgehört zu lachen. Und sie hatte ihn beobachtet, wie er sie angesehen hatte.

Er versuchte sich zu entschuldigen – Mist! Fast hätte er eine Freundin gehabt, aber er musste ja alles ruinieren, indem er ein beschissener Testosterongesteuerter gewesen war… - aber er schien sich nicht an die Worte erinnern zu können. Und dann überraschte sie ihn wieder, indem sie seine Hand nahm und seine Finger tatsächlich auf ihre Haut knapp unter ihrem Schlüsselbein positionierte. Er erstarrte. Sie lockerte ihren Griff, aber als er seine Hand nicht aus eigenem Antrieb wegbewegte, grinste sie ihn an und zog seine Finger weiter nach unten. Nach unten.

Oh, Götter…

Da war es. Seine Augen konnten nur schönes blasses Fleisch in komplett weiblichen Kurven sehen, aber seine Finger konnten eine glatte Erhöhung von altem Narbengewebe fühlen. Er erinnerte sich an eine erhöhte rote Linie neben ihrem Schlüsselbein und fragte sich, ob es dieselbe Narbe war.

Er blickte in ihr Gesicht hoch, eine Frage auf seiner Zunge, aber ihre Augen schlossen sich. Er hätte sie angestarrt, wenn er weniger Übung darin gehabt hätte auf seine Miene zu achten – sie genoss seine Berührung? - aber bevor er ihre Reaktion verarbeiten konnte, nahm sie seine Hand von ihrer Brust, aber sie ließ sie nicht los. Sie drückte seine Finger sanft, hielt seine Hand einen Moment lang fest und ließ ihn dann schließlich los. Sie stand immer noch sehr nah neben ihm und hatte ihren Rücken dem restlichen Raum zugewandt.

Die Menschenmenge konzentrierte sich immer noch auf diese schreienden Lebkuchenmänner.

Er hatte eine flüchtige Fantasie, die daraus bestand, dass seine Hand wieder auf ihrer Haut war, unter das Kleid rutschte und ihre Brüste umfasste. Hatte sie ihren Lippenstift verzaubert, damit er dort blieb, wo er sein sollte oder wäre er über sein Gesicht verschmiert, wenn er sie küssen würde?

Die Fantasie brach in sich zusammen, als er sich daran erinnerte, dass sie seine Schülerin war. Im Moment befand sie sich in Hogwarts, lernte für ihre Winterprüfungen und plante, was sie ihren idiotischen Freunden zu Weihnachten schenken konnte. Es war schlimmer, als auf ihrer Couch aufzuwachen und zu begreifen, dass das Antidepressivum, welches ihm aufgezwungen wurde, seinen Lauf genommen hatte und er zurück in einer Realität war, die nicht beinhaltete, ihr unzüchtige Lieder vorzusingen bis sie hilflos kicherte.

„Es tut mir Leid", sagte er schließlich, weil es so schien, als sollte er das sagen.

„Das war meine erste Narbe aus dem Krieg", sagte sie und ihre Stimme klang weit entfernt. „Der Angriff am Ende des fünften Jahrs… wir waren so verdammt jung."

„Am Ende des–du weißt, dass das in nur ein paar Monaten ist?"

Ihr Gesicht verschloss sich sofort. Sie sah mit falschem Lächeln ausdruckslos zu ihm hoch. „Tut mir Leid. Ignorier das. Ich hätte das nicht sagen sollen."

Ihre Hand fand den Punkt, an dem er wusste, dass sich dort die Narbe befand, und sie drückte ihre Finger dagegen.

„Wir könnten es ändern", schlug er vor. „Wir wissen, was passieren wird. Wir könnten es ändern."

„Nein, das können wir nicht. Das ist der Grund, warum Dumbledore sichergegangen ist, dass ich ihn heraushalten kann, damit er nicht in Versuchung geführt werden würde, zu versuchen die Dinge besser zu machen." Sie seufzte und sah ihm in die Augen. Ihre Augen hatten die Farbe von Milchkaffee und im Moment sahen sie sehr, sehr müde aus. Alt. Leidend. „Von zwei Übeln wählt man besser das, was man schon kennt."

„Jemand stirbt." Sie widersprach ihm nicht; genau genommen sah sie beinahe verwirrt aus. „Beim Angriff. Jemand wird dabei sterben."

„Ja", sagte sie und ließ ihre Schultern hängen. „Aber ich hatte die schlimmste Verletzung. Wenn man alle Dinge bedenkt, die Anzahl der Kinder, die herumrennen… Ich habe die Arithmantik geprüft - so oft. Irgendeine Änderung, irgendeine Beeinflussung, irgendein Plan, der mir eingefallen ist… Damit verlieren wir viel öfter als nicht. Wenn wir lebend herauskommen, sind wir im größeren Umfang schlimmer dran. Die… Dinge verändern sich nach dem Angriff. Die Dinge bewegen sich an die Öffentlichkeit. Das Ministerium..." Sie holte tief Luft, nahm ihre Schultern zurück und sah ihn an. Stählerne Entschlossenheit hatte die alte Erschöpfung in ihren Augen ersetzt. „Es muss passieren. Es ist nicht angenehm und es ist nicht schön, aber es ist notwendig."

Du hörst dich ein wenig wie Dumbledore an, dachte er und sah weg. Sie hatte den Gedanken gehört; er konnte es in dem verletzten Ausdruck sehen, der, nur sehr flüchtig, über ihr Gesicht huschte, bevor ihre Okklumentikschilde wieder hochgezogen waren und ihr Gesicht so sorgfältig ausdruckslos geworden war.

„Ah, Severus", sagte Lucius und kam vom anderen Ende des Raums herübergeschlendert. Er trug Roben, komplett aus Samt und kunstvoll drapiert in einem satten Grünton. „Entschuldige. Es scheint, dass ich deine Freundin verschreckt habe."

Severus schmunzelte, obwohl er böse gucken wollte. Hermine war in der Menschenmenge verschwunden. Er fragte sich, ob es etwas mit seinem eigenen anzüglichem Verhalten zu tun hatte oder mit der Ankunft von Lucius Malfoy.

„Ich habe das Gefühl, dass ich sie später wiederfinden werde", erwiderte Severus und Lucius lächelte. Es war das warme, freundliche Lächeln, welches in den letzten paar Monaten sehr selten geworden war. Es war einfach zu vergessen, dass Lucius mal sein Freund gewesen war.

„Ihr zwei saht so aus, als stündet ihr euch… nahe." Er machte eine absichtliche Pause, eine Frage ohne zu fragen. Severus hob eine Augenbraue.

Sie ist vielleicht meine beste Freundin; manchmal nennt sie mich ‚Sev'. Sie ist auch meine Schülerin. Es ist verwirrend.

„Sie arbeitet in einer Apotheke, die ich ein paar Mal besucht habe. Bisher habe ich sie noch nie so gesellig erlebt, aber es scheint, dass sie sich eine Einladung durch eine Bekanntschaft verschafft hat."

„Bist du in sie verliebt?"

„Du hast das Taktgefühl von einem Gryffindor im ersten Jahr."

Was zur Hölle ist das für eine Art von Frage? Natürlich bin ich nicht in sie verliebt. Bei Merlins verdammten Altersflecken, sie ist meine Schülerin.

Lucius schmunzelte einfach und seine Augen tanzten vor Heiterkeit. „Dann komm mit. Wenn du sie nicht verfolgst, wirst du mit mir kommen und meine Frau begrüßen."

„Und wie geht es der lieben Narcissa?"

„Sie ist wütend auf mich. Schon wieder."

„Cissy? Auf dich? Sicherlich nicht."

„Ich hoffe, dass deine Schönheit ein besseres Temperament als meine hat."

„Was hast du dieses Mal getan?"

Lucius sah tatsächlich schuldig aus. Severus lächelte.

„Also war es etwas, was du getan hast."

„Halt den Mund, Severus", sagte Lucius gereizt und hörte sich für einen Augenblick wieder wie ein Siebzehnjähriger an. Dann waren sie bei Narcissa angekommen – sie trug cremeweiße Roben mit einem weißen pelzbesetzten Kragen und darunter ein schimmerndes weinrotes Kleid – und Lucius war ganz der zuvorkommende Ehemann für seine Frau. „Narcissa, Liebling, sieh mal wen ich schmollend in der Ecke gefunden habe."

Severus lächelte beinahe. Es war sehr wie damals, als sie jung waren und Lucius ihn in den Schoß seiner vielen Freunde und Bekannten mitgezogen hatte. Natürlich waren diese Freunde und Bekannten zum größten Teil Todesser gewesen, weshalb es nicht die beste Sache gewesen war – aber es war nett gemeint.

„Hallo Severus. Wie geht es dir?"

„Zu Tode gelangweilt. Und dir?"

Narcissa kicherte zurückhaltend. Natürlich kamen sie dazu, über Draco zu reden.

Viel später, nachdem er herausgefunden hatte, dass Narcissa Malfoy ein weiteres Kind wollte und es Lucius widerstrebte bei diesem Vorhaben zu helfen, fand sich Severus draußen wieder. Die Eisskulpturen posierten sich immer noch stolz. Die Luft roch nach Kiefern.

Hermine stand am Rand des Balkons und sah nicht nach unten in den Garten, sondern nach oben in den Himmel. Es war eine klare Nacht, es hatte schon lange aufgehört zu schneien. Der Mond war eine abnehmende Sichel und man konnte die Sterne sehen.

Rauch umhüllte sie und sie badete im Sternenlicht.

Etwas in seiner Brust verkrampfte sich und erinnerte ihn daran, dass er sich für… vorhin entschuldigen sollte.

„Ich nahm an, Fragen über mich wären einfacher zu beantworten, wenn ich nicht dabei bin", sagte sie und ließ ihren Blick nicht vom Himmel ab.

„Ich hätte dich den Malfoys vorstellen können", sagte er neckend. Die Ungezwungenheit verflog, als er bemerkte, dass sie die versteckte Narbe zwischen ihren Brüsten betastete. „Es tut mir Leid."

„Das muss es nicht. Es war nicht dein Fehler."

Sie sah nach unten, dann lächelte sie ihn an. Sie ließ ihre Lippen verschlossen und er hatte das plötzliche Gefühl, dass sie nicht annähernd so selbstbewusst war, wie das Kleid und das dramatische Make-Up suggerierten – sie war besorgt, dass sie vielleicht Lippenstift auf ihren Zähnen hatte. Das war unglaublich liebenswert.

„Kannst du gehen?", fragte er aus einem Impuls heraus. Er hatte den verrückten Gedanken ihr sein Haus in Spinners End zu zeigen. Dort hatte er Bücher, die sie mögen würde. Er hatte auch eine Zeit lang vorgehabt, sie zu den Schutzzaubern hinzuzufügen. Nur für den Fall. „Hast du Slughorn ausreichend interessiert bekommen?"

„Interessiert und argwöhnisch", sagte sie nickend. „Wir werden sehen, ob das funktionieren wird."

„Sollen wir?"

„Auf geht's."

Sie drehten eine Runde durch das Haus und verabschiedeten sich. Lucius warf ihm eine Art wissenden Blick zu und seine Augen folgten der in Seide gekleideten Figur, um die gerade Horace Slughorn noch ein letztes Mal herumschwänzelte. Er holte sich seinen Mantel zurück und schloss sich Hermine an der Eingangspforte an.

„Nun dann", sagte sie und hakte sich bei ihm unter. „Nichts wie los."

„Gestatten."

Er apparierte mit ihr Seite an Seite nach Manchester und sie blickte zu ihm auf, neugierig, als sie bemerkte, dass sie nicht in London oder Edinburgh waren.

„Wo sind wir?" Sie war angespannt und trat von ihm weg um ihnen beiden gerade genug Bewegungsfreiheit zu geben. Sie hatte ihren Zauberstab in ihrer Hand und er hatte gar nicht bemerkt, wie er dorthin gekommen war.

„Manchester."

„Absichtlich?"

Er blickte sie böse an, bemerkte dann aber, dass sie nicht den Ort an und für sich beleidigt hatte, sondern sich nur fragte, ob er sie absichtlich nach Manchester gebracht hatte und nicht irgendwie von ihrer Route abgekommen war.

Severus führte sie aus der Gasse, um eine Ecke herum und dort war es. Sein heruntergekommenes kleines Haus. Braun und beschädigt. Das Eingangstor schwang im Wind hin und her (In Irland hatte es aufgehört zu schneien, aber in Manchester war es eine verschneite, trübselige Nacht). Der große Baum an der vorderen Ecke des Hauses würde seine Zweige gegen das Fenster seines ehemaligen Kinderzimmers reiben. Auf den Stufen und über dem Eingangstor lag eine Verwehung von dreckigem Schnee, welche in einem Fleck quer vor der Eingangstür endete.

Hässliches Ding. Warum hast du sie hierher gebracht?

„Willkommen in Spinner's End", sagte er, öffnete das sich bewegende Tor so, damit es nicht quietschte. Knorrige Stöcke von verwilderten Büschen, die momentan recht tot aussahen, stachen auf jeder Seite des Tors aus dem Schnee heraus.

„Hier bist du aufgewachsen?" Ihr Zauberstab war nicht länger in ihrer Hand. Sie sah ruhig und interessiert aus. Sie wickelte ihren Mantel enger um sich und lief durch das Tor, um neben ihm zu stehen.

„Ist es nicht entzückend?"

„Es sieht wie ein Spukhaus aus einem Geschichtenbuch aus."

„Ich glaube das ist die Geschichte, die sich die Kinder aus der Nachtbarschaft gegenseitig erzählen."

„Hast du jemals die Vorhänge verzaubert, damit sie unheilvoll wehen?"

„So etwas würde ich niemals machen."

„Natürlich nicht. Solche Streiche liegen unterhalb des Niveaus des großen und mächtigen Severus Snape."

„Ich arbeite in einem Internat. Ich habe mit unheilvollen Kindern zu tun. Das letzte, was ich brauche, wenn ich hier bin, sind Kinder, die sich gegenseitig dazu herausfordern hinaufzulaufen und die Tür oder etwas Ähnliches zu berühren."

„Ich werde deine Vorhänge verzaubern, damit sie unheilvoll wehen. Und dann werde ich das Tor so verzaubern, dass jedes Kind, welches es berührt, das plötzliche Verlangen verspürt sich hinter dem Baum auf der anderen Straßenseite zu verstecken. Du kannst einfach an deinem Fenster sitzen und sie beobachten."

„Kein Wunder, dass du so eine Kriminelle bist."

„Dabei weißt du bis jetzt noch nicht einmal, was Dolores Umbridge passiert ist."

„Was passiert mit der Kröte?"

„Das werde ich nicht verraten."

Sie lächelten sich an. (Sie hatte keinen Lippenstift auf ihren Zähnen.) Dann drehte er sich um und schnippte mit seinem Zauberstab in Richtung des Hauses, bewegte ihn in den vertrauten, wenn auch komplexen Formen, um sie zu den Schilden hinzuzufügen. Als er fertig war, verwendete er seinen Zauberstab, um den vorderen Weg und die Veranda vom Schnee zu befreien. Dann wies er sie an, zuerst hineinzugehen.

Er zeigte ihr alles. Den schmalen Eingangsbereich, der wirklich einen Läufer oder etwas Ähnliches gebrauchen könnte, um die ausgeblichenen Dielen zu verstecken. Die Wände der ersten Wohnstube waren voller Bücherregale. In der winzigen Ecke, welche eine Küche darstellen sollte, und dem Essbereich, der dazu gehörte, war der Tisch mit mehreren Lagen alter Flecken und Furchen bedeckt. Der Keller erweiterte sich magisch, um Platz für seine Zaubertrankexperimente zu bieten, die Tische und Schränke waren leer, da sich ihr gewöhnlicher Inhalt gerade in Hogwarts befand. Sie gingen die klapprige Treppe nach oben zu einem breiten Treppenabsatz mit einem großen Fenster, welches auf den verdorrten Rasen vor dem Haus, die Straße und die verbundenen Häuser gegenüber blickte. Zwei Schlafzimmer, beide waren kahl bis auf das Nötigste. Die Möbel hingen durch und waren abgenutzt. Ein kleines Badezimmer mit fürchterlichen erbsengrünen Fliesen auf jeder erdenklichen Oberfläche.

Er bemerkte die Art, wie sie von nichts wegsah. Die zerbrochenen Streben des Geländers von einer der vielen Male als sein Vater betrunken die Treppe heruntergefallen war. Die Art, wie der Arbeitstisch im Keller nicht ganz den Schimmelfleck an der Wand verdeckte. Die blanke Matratze in dem größeren Schlafzimmer; das muffige Bettzeug auf dem schmalen Bett, auf welchem er als Junge geschlafen hatte.

Severus wünschte sich, dass er sie nicht hierher gebracht hätte.

„Severus", sagte sie ruhig, während sie von hinten an ihn herantrat. Sie waren im Wohnzimmer und sie hatte sich seine Bücher angesehen. Irgendwann hatte sie ihr Haar aus dem kunstvollen Dutt gezogen und es umfloss ihr Gesicht und ihre Schultern in sonderbar sanften Wellen.

„Ja?"

„Ich muss dich etwas fragen. Weil du mein Freund bist – vermutlich mein bester Freund – und ich… muss es einfach wissen."

„In Ordnung." Ihm graute vor der Frage durch den Blick auf ihrem Gesicht, selbst als sein Blut in bei dem Gedanken in Fahrt geriet, dass sie ihn als ihren besten Freund betrachtete. (Selbst wenn es nur mutmaßlich war.)

„Warum hast du dich den Todessern angeschlossen?" Er atmete scharf ein und fühlte sich, als hätte sie ihn geschlagen. Natürlich fragte sie sich das, natürlich würde sie das fragen. Er nahm an, dass es ein berechtigtes Anliegen war; wie konnte er sie als Freundin erachten, wenn er Muggelstämmige hasste? „Bevor du dich aufregst! Ich möchte es einfach wissen, weil ich Muggelstämmig bin..." Er fragte sich, was für einen Gesichtsausdruck er gemacht hatte, weshalb sie sich so auf ihn stürzte. Sie legte eine Hand auf seinen Arm und drückte ihn sanft. Er setzte einen neutralen Ausdruck auf und blinzelte zu ihr herunter. Sie stand sehr nahe bei ihm. „Ich möchte nur nicht, dass es später peinlich ist, wenn ich herausfinde, dass du mich nur wegen der Sache ausgehalten hast."

„Hermine, hör auf", sagte er und seine Hand berührte ihre auf seinem Arm. Es war nicht leicht für ihn. Er war es nicht gewohnt, durch Berührungen getröstet zu werden. Verdammt, er war es nicht gewohnt, so oft berührt zu werden. „Ich hasse Muggel nicht, ich hasse keine Muggelstämmige. Ich habe meinen betrunkenen Muggelvater gehasst, ja, aber… Ich habe mich ihnen angeschlossen, weil ich ein wütender Teenager war und ich dachte, dass sie die Einzigen wären, die mich haben wollten. Ich–"

„Du musst mir nicht mehr erzählen. Das reicht. Das ist alles, was ich wissen muss."

„Ich war in Lily Evans – Lily Potter – verliebt." Die Worte sprudelten aus ihm heraus und er konnte nicht aufhören. „Wir sind zusammen aufgewachsen; sie war der einzige Freund, den ich vor Hogwarts hatte. Ich habe mich in sie verliebt, aber sie hat sich in James Potter verliebt. Lange davor haben wir aufgehört befreundet zu sein, aber ich… hing an ihr."

„Das wusste ich nicht."

„Niemand weiß das."

Niemand außer Dumbledore und er hat sein Versprechen gehalten.

Sie verstand es nicht. Sie sah zu ihm auf und er konnte ihre Neugier in ihrem Gesicht erkennen und die Frage in ihrem Gedanken spüren.

Wer A sagt, muss auch B sagen.

„Ich war wütend, dass sie sich verlobt hatten. Nach dem Ende des siebten Jahres ging ich nach Hause. Ich kam hierher und die beiden saßen im Park, in dem ich Lily zum ersten Mal getroffen hatte, redeten und lachten." Er gestikulierte in Richtung der westlichen Wand, hinter welcher der Park lag. Er war seit Jahren schon nicht mehr dort gewesen. „Und dann trat ich durch die Eingangstür und mein Vater war wieder betrunken. Ich bin gegangen. Ich ging zu Lucius. Er ist ein paar Jahre älter, hatte damals schon Hogwarts verlassen und war mit der jüngsten Schwester der Blacks verheiratet. Er war ein Freund während meiner Schulzeit und selbst, nachdem er den Abschluss gemacht hatte, gewesen. Sein Vater, Abraxas, war einer der ersten Anhänger des Dunklen Lords. Ein Geldgeber und dann einer der ersten, die das Mal erhielten.

So traf ich den Dunklen Lord an diesem Tag und er war sehr vereinnahmend. Die Malfoys überzeugten ihn, dass ich es wert war, selbst wenn ich nur ein Halbblut war, und sie finanzierten meine Ausbildung. Ich ging für ein Jahr nach Norwegen und versuchte, das alles zu vergessen. Dann kam ich zurück und die Todesser waren keine – besonders erbitterte – politische Fraktion. Sie waren nähern an dem dran, was sie heute sind. Und ich war zu verschuldet, um auszusteigen, ohne getötet zu werden, und ich war immer noch wütend.

Ich kehrte kurzzeitig nach Hause zurück und fand heraus, dass sich mein Vater in seinen wohlverdienten Tod gesoffen hatte und meine Mutter mittellos und allein zurückgelassen hatte. Die Princes – das ist ihre Familie – hatten sie enterbt, als sie einen Muggel geheiratet hatte, weißt du? Sie fanden es passend, dass sie sich selbst überlassen war, als er starb.

Danach lebte ich zuhause, sah eine Weile nach ihr, während ich für den Dunklen Lord braute. Überwiegend Zaubertränke. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht – habe mir vorgestellt, wie jeder einzelne davon die Kehle meines Vaters oder James Potters hinunterliefen.

Meine Mutter hat sich Mitte des Sommers an einem Tag umgebracht. An irgendeinem zufälligen Tag. Ich wusste nicht, weshalb es dieser Tag war und um ehrlich zu sein spielt das auch keine Rolle. Am Tag danach erhielt ich das Mal. Niemand anderes hätte mich haben wollen und es gab mir das Gefühl, als würde ich es meinem Vater und Potter und der neuen Mrs. Potter anhängen.

Für eine Weile war es… ertragbar. Ich würde nicht behaupten, dass ich es gemocht habe, aber es hat mich auch nicht auf die Weise angewidert, wie es das hätte tun sollen." Er blickte beschämt von ihr weg. Er sprach zu dem dunklen Treppenschlund, der zu den Schlafzimmern hoch führte. „Innerhalb der Gruppe hatte ich wegen den Tränken, die ich braute, Einfluss. Leute taten mir Gefallen, um meine Gunst zu gewinnen. Diese Kameradschaft und der Austausch waren komplett neu für mich.

Als Slughorn in den Ruhestand ging, schickte der Dunkle Lord mich für die Stelle. Er vertraute darauf, dass ich Dumbledore ausspionierte und ich habe mich in diesem Vertrauen geweidet. Ich wäre loyal geblieben, absichtlich blind den Gräueltaten gegenüber, abgesehen von der Prophezeiung. Weil er dachte, dass es bedeutete, Lily töten zu müssen, und, weil ich sie immer noch liebte. Er versprach, sie nicht zu töten, wenn er es nicht musste, aber ich war ihm nahe genug. Ich hatte genug gesehen, während ich an seiner Seite stand, mit meinem kleinen Schrank voller Giften, um zu wissen, dass er nicht zögern würde. Er würde sich später entschuldigen; mir erzählen, dass ich sowieso etwas besseres verdienen würde.

Also ging ich zu Dumbledore. Ich habe alles gebeichtet. Ich habe ihn angefleht die Potters zu verstecken. Ich habe zugestimmt für ihn zu spionieren. Ich habe ihm alles angeboten, wenn er sie einfach beschützten würde.

Aber sie starb. Er hat sie nicht beschützt.

Er hatte es dennoch probiert, was mehr war, als der Dunkle Lord getan hatte. Er hatte einen anderen Spion gehabt, einen von dem ich nichts gewusst hatte. Pettigrew. Er hatte mehr Angst vor dem Dunklen Lord, als er den Potters gegenüber loyal gewesen war. Das hat mit die Augen geöffnet, der… Schmerz sie zu verlieren. Ich erkannte wovon ich ein Teil gewesen war, was die Todesser geworden waren, während ich versteckt war, als ich braute."

„Das tut mir Leid."

„Mir auch." Er atmete tief ein und fuhr mit seinen Händen durch sein Haar oder versuchte es zumindest. Er hatte es für die Party zurückgeflochten. Genervt zog er das Band heraus und fuhr mit seinen Fingern hidurch. Er wusste, dass sein Haar durch den Zopf kraus sein würde, aber das war ihm egal. „Wie auch immer." Sie standen noch immer nah nebeneinander. „Das ist der Grund, weshalb ich mich den Todessern angeschlossen habe. Ich hasse Muggel nicht im Allgemeinen, nur ein paar Individuen. Ich habe eine Vorgeschichte, was meine Liebe für muggelgeborene Hexen betrifft, also hast du bisher nichts zu befürchten, abgesehen von der Peinlichkeit, die daher kommt, mit mir befreundet zu sein. Zumindest keine Peinlichkeit, was den Blutstatus betrifft. Ich bin mir sicher, dass ich einen anderen Grund finden kann, der das vermasselt."

Guter Gott, hast du gerade angedeutet, dass du sie lieben könntest? Blöder Wichser, was hast du dir dabei gedacht?

Sie lächelte und stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Wange zu küssen. Er blinzelte zu ihr herunter und ihm fiel beim besten Willen nichts ein, was er sagen konnte. Dann errötete sie und lachte und rieb ihm mit ihrem Daumen über die Wange.

„Tut mir Leid. Ich bin nicht gut im Umgang mit Make-Up; ich habe dich überall mit Lippenstift beschmiert."

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Sie war nicht da, als er das nächste Mal nachsah. Er war gestern direkt nach dem Abendessen gerufen worden. Stunden bevor Arthur Weasley angegriffen worden war. Es hatte Kaffee und Minzlikör gegeben und er hatte nicht bemerkt, dass er beschäftigt gehalten worden war, bis es nach Mitternacht war und die verdammte Schlange mit blutigen Fangzähnen in den Raum zurückgeschlängelt kam.

„Ah, Nagini. Erfolgreich, wie ich sehe", sagte der dunkle Lord. Er und die Schlange zischten sich eine Weile an. Severus sah sich im Raum um und bemerkte die Anzeichen von Nervosität bei den anderen. Lucius sah selbstgefällig aus, was vermutlich bedeutete, dass er dazu beigetragen hatte, die Schlange auf ihre Position zu bringen.

Also werde ich aus dem Verkehr gezogen, damit mich Dumbledore nicht darum bitten kann, das Gegengift zu brauen. Er warf Pettigrew einen bösen Blick zu und schmunzelte dann wegen der Art, wie der Trottel um die Schlange herumhuschte. Das war der Grund, weshalb es Severus überhaupt erlaubt worden war, ein Gegengift zu entwickeln – Nagini konnte die Ratte an Pettigrew riechen und war dafür bekannt zu beißen.

Es ging auf Mitternacht zu, als der Dunkle Lord ihn mit Lucius und einer Handvoll anderen zum Ministerium schickte. Sie alle hatten vage Entschuldigungen für den Fall, dass sie ein Problem bekommen sollten, aber es handelte sich um eine Regierungseinrichtung, die sich außerhalb der regulären Öffnungszeiten befand, und Fudge hatte es abgelehnt die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen, da er es nicht wahrhaben wollte, dass es einen Grund dafür gab.

Sie fanden den offenen Eingang zur Mysteriumsabteilung nicht direkt und er war froh darüber. Er wollte mit dieser verdammten Prophezeiung nichts zu tun haben.

Statt leeren Fluren und einem toten Ordensmitglied stand dort Kingsley Shacklebolt, der Porträts befragte, und bei ihm befand sich ein Nachwuchsauror, der müde und genervt aussah. Eine Notbesetzung von Beamten war schon eingetroffen. Sogar ein mürrisch aussehender Zauberer befand sich hinter dem Kontrolltisch für Zauberstäbe, wenngleich er seinen Kopf gesenkt hielt als sie hereintraten und er Lucius sah.

„Ich glaube, du hattest etwas, was du mir zeigen wolltest?", fragte Severus, als sie den Flur entlang an Shacklebolt vorbeiliefen.

„Hab Geduld, Severus", sagte Lucius ruhig.

Sie vertrieben sich für etwas weniger als eine Stunde in einem zufällig ausgesuchten Gerichtssaal die Zeit. Lucius schmollte fast. Die anderen liefen auf und ab und fluchten. Severus setzte sich auf eine der niedrigeren Zuschauerbänke und wartete einfach, während er ihnen zusah. Es war beinahe unterhaltsam gewesen.

Severus klopfte Lucius auf die Schulter als sie gingen. Der arme Bastard musste zurückgehen und dem Dunklen Lord erklären, dass sie getäuscht worden waren. Severus beneidete ihn keineswegs, besonders nicht, da er eine viel angenehmere Alternative hatte.

„Du bist auf dem Weg zu der Apothekerin von Slughorns Party", sagte Lucius feixend.

„Möglicherweise."

Lucius hätte dazu womöglich einen vulgären Kommentar gemacht – oder schlimmer, Leitfragen über seine Absichten ihr gegenüber gestellt, auf die Severus keine Antworten wusste. (Oder vielleicht doch, aber er wollte sie sich nicht einmal selbst eingestehen, geschweige denn Lucius.)

Und dann kam er in Edinburgh an, aber sie war nicht dort gewesen. Es war eigenartig gewesen. Er war nie da gewesen, während sie unterwegs war.

Er ging auf und ab. Plünderte ihren Kühlschrank. Machte ein Nickerchen. Er zog es in Betracht, zu duschen, aber das erschien ihm zu aufdringlich. Er lief weiter auf und ab; es war beinahe vier Uhr morgens. In drei Stunden musste er für den letzten Unterrichtstag in Hogwarts zurück sein, bevor die Schüler über Weihnachten nach Hause fuhren.

Er schlief wieder ein und wachte gerade rechtzeitig auf, um zu den Schultoren von Hogwarts zu apparieren und zum Schloss hoch zu sprinten. Sein Erholungsmangel, ganz abgesehen von einem merkwürdigen Vorahnungsjuckreiz an der Rückseite seiner Gedanken, von dem er wusste, dass es mit Hermine zu tun hatte, bedeuteten einen harten Tag für seine Schüler. Er gab Aufsätze auf, die er nie plante zu lesen, und verteilte Nachsitzen bei Filch als wären es Bonbons. Er starrte die jüngere Granger die ganze Zeit während des Mittags in der Großen Halle wütend an und stocherte in seinem Essen herum.

Seine Nachmittagskurse waren noch schlimmer als seine Morgenkurse. Er verbrachte viel Zeit damit, die Schüler von seinem Schreibtisch aus wütend anzustarren und ihnen beim Brauen zuzusehen, während er eine Tasse Tee nach der anderen trank.

Anstatt zum Abendessen zu gehen, entließ er seinen letzten Kurs früher (informierte sie alle darüber, dass sie völlige Schwachköpfe waren) und schlug die Tür seines Büros hinter sich zu. Gnade ihnen, wenn sie hinter sich nicht aufräumten, bevor sie den Raum verließen.

Was zur Hölle ist los mit dir?, fragte er sich, aber dann entschied er, dass alles, was er wirklich brauchte, ein Schläfchen war.

„Hallo Sev."

„Hermine."

„Ich wollte dich nach dem Abendessen in deinem Wohnzimmer überraschen, aber dann habe ich festgestellt, dass ich das Passwort zu deinen Räumen nicht kenne."

Er starrte sie einen Moment lang an und war nur froh darüber, dass seine Teetasse nicht gegen die Untertasse in seiner Hand klapperte. „Die Schilde an meinen Räumen sind auf die Schilde an meinem Haus abgestimmt."

„Meinst du damit, dass mein jüngeres Ich also jeden Moment in deine persönlichen Räume platzen könnte?"

„Wenn dein jüngeres Ich irgendeinen Grund dafür hätte, meine Räume zu betreten, sollte ich wohl annehmen, dass es eine gute Idee wäre sie – dich – herein zu lassen." Er stellte den Tee ab und versuchte nicht darauf zu achten, dass sie auf seinem Stuhl hinter seinem Schreibtisch saß und, was viel wichtiger war, dass es ihn nicht störte. So ein Eindringen in seine persönlichen Orte, sollte ihn eigentlich stören. „Du standest schon immer im Mittelpunkt."

„Das tue ich immer noch", sagte sie, legte ihren Kopf schief und lächelte ihn beinahe an.

Er saß auf dem Schülerstuhl, den er so verzaubert hatte, dass er nicht bequem war, überschlug träge seine Beine und sah sie an. Er war sich merkwürdig darüber bewusst, dass sich seine schlechte Laune bei ihrem Anblick in Luft aufgelöst hatte. Er war sich ihrermerkwürdig bewusst.

„Also hast du schon von Mr. Weasley gehört?"

„Von welchem?"

„Oh. Ich habe angenommen, dass du das schon hättest. Arthur Weasley wurde letzte Nacht angegriffen."

„Von der Schlange."

„Ja."

„Hat er überlebt?"

Sie blinzelte ihn an. „Ja, natürlich. Das ist der Grund, weshalb mich Dumbledore den ganzen Morgen in seinem Büro hatte. Er wollte etwas über mein Eingreifenwissen."

„Oder dessen Mangel? Er war wütend, dass du ihn nicht vorgewarnt hast." Severus rollte mit seinen Augen.

„Nein, eigentlich nicht", sagte Hermine und fuhr mit ihrem linken Daumen über die weiße Narbe auf dem Zeigefinger, der sich daneben befand. Sie sah ihrer eigenen Bewegung zu und runzelte die Stirn. „Ich wusste natürlich, dass es passieren würde. Ich habe mit einem Kontakt im Hospital, Albert Clooney, Briefe gewechselt. Kennst du ihn? Er ist der ansässige Zaubertrankmeister im Hospital."

„Ich habe von ihm gehört, ihn aber noch nicht getroffen."

„Auf jeden Fall habe ich ihm erzählt, dass ich an einem Gegengift-Projekt arbeite und konnte ihn davon überzeugen, ihm einige Proben vorbei zu bringen, um seine Meinung dazu zu hören. Ich habe das Treffen passenderweise für den Tag angesetzt, an dem ich wusste, dass das Hospital Gegengifte brauchen würde."

„Und der Schulleiter war wütend, dass du dich eingemischt hast", sagte Severus nickend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er hatte sich bis jetzt genug entspannt, dass er die Kälte, die von ihr in Wellen ausging, spüren konnte – sie okkludierte wie in jener Nacht, als sie eine Show für Moody auf die Beine gestellt hatten. Als ihr aufgetragen worden war, im Hauptquartier zu brauen, nachdem sie den Drachen gespielt hatte und er dort gebraut hatte, als Dumbledore den Hinweis fallen gelassen hatte, dass Black weg sein würde.

Verdammter, manipulativer Bastard.

Sie lächelte ihn an und er sah weg; der Gedanke war zu ihr durchgedrungen.

„Zornig." Die Gläser auf dem nächsten Regal bebten auf ihren Plätzen.

Er musste das Verlangen, sie auf seinen Schoß zu setzten und wie ein Kind zu wiegen, unterdrücken. Das war etwas, was er noch nie zuvor gefühlt hatte, dieses überwältigende Verlangen, einen Erwachsenen zu trösten. Es würde viele überraschen zu erfahren, dass er Kinder mochte, dass er es mochte zu unterrichten, dass er es mochte, der Hauslehrer der Slytherins zu sein, aber das tat er. Verdammt noch mal, er bewahrte eine Dose mit Schokoladenkeksen in seinem Schreibtisch für den Fall auf, dass ein Taschentuch zu unpersönlich war, aber eine Umarmung keinem von beidem nützen würde. (Ja, er war dafür bekannt gewesen, Kinder zu umarmen, wenn sie es brauchten.)

„Hat er–?"

„Natürlich hat er das."

„Möchtest du etwas gegen die Kopfschmerzen haben?"

„Ich habe bereits etwas aus deinem Schrank geklaut."

Severus nickte.

„Lass uns über etwas anderes reden."

„Worüber?"

„Das ist egal." Sie seufzte, setzte sich in seinem Stuhl zurück und lehnte ihren Kopf gegen die Rückenlehne. Severus war zu groß, um das zu tun. Sein Kopf hing immer über den oberen Rand der Rückenlehne und verursachte ihm Nackenschmerzen. Sie sah so aus, als fühlte sie sich wohl. „Warum hasst du Harry Potter so sehr?"

„Weil er ein eingebildeter kleiner Softie ist." Sie lachte, also fuhr er fort. „Er rennt immer nur mit halben Informationen und keinerlei Fähigkeiten auf die Probleme zu. Und er sieht wie sein Vater aus, aber diese Geschichte habe ich dir bereits erzählt."

„Hmm", brummelte sie zustimmend und er hob deshalb eine Augenbraue. Sie zuckte mit den Schultern und schien kein bisschen verlegen, da sie ihm zuzustimmen schien, dass ihr bester Freund – jedenfalls bester Freund ihrer Jugend; sie hatte ihm erzählt, dass er jetzt ihr bester Freund war und hatte ihm das nicht eine Gänsehaut verursacht? – ein Idiot war. „Jetzt sieh mich nicht so an. Du hast dich oft genug an uns herangeschlichen, um zu wissen, dass ich den Großteil meiner Zeit damit zugebracht habe, den Jungs irgendeine Dummheit auszureden."

„Und ich weiß, dass ihr drei nur selten erwischt wurdet, wenn du in die Planung involviert warst."

„Danke."

„Das war kein Kompliment."

„Natürlich war es das."

Er grinste sie an. Die Kälte ihrer Okklumentik war mit dem Scherzen verschwunden und die Gläser waren nicht mehr kurz davor zu explodieren. (Was gut war, denn sie standen hier schon so lange, dass es eine ganz schöne Sauerei wäre, das aufzuräumen.)

Er gewöhnte sich daran, zu reden, um sie vorsichtig von diesen kalten Schilden zwischen ihr und der Welt wegzuführen.

„Es ist natürlich keine einfach Sache. Ich hasste James Potter sehr erbittert, wie du ja weißt. Im ersten Schuljahr traf ich ihn im Zug und wir konnten uns auf Anhieb nicht leiden. Ich saß mit Lily in einem Abteil und wir lasen die Geschichte Hogwarts' zusammen, wenn ich mich richtig erinnere. Letztendlich gesellten sich andere aus dem ersten Jahr zu uns – Benedict Malfoy (ein Cousin von Lucius), Remus Lupin, Gretchen Goyle (obwohl sie zu dieser Zeit eine Prewett war; sie ist eine Art Cousine von Molly Weasley). Und dann traten James Potter und Sirius Black ein, schon damals klebten sie wie siamesische Zwillinge aneinander.

Lily und ich hatten entschieden, dass wir nach Ravenclaw gehen würden. Malfoy erwartete Slytherin. Lupin war einfach nur froh da zu sein. Goyle machte ein Schläfchen. Dann kamen Potter und Black herein, mit elf Jahren bereits selbstbewusst und charismatisch. Redeten dauernd über Gryffindor und wie Black die Erwartungen seiner Familie sabotieren würde.

Ich habe es nicht bemerkt, aber bereits damals hatte ich Lily schon verloren. Sie kam nach Gryffindor und ich entschied, dass es wegen Potter und Black gewesen war, die im Zug die ganze Zeit darüber geredet hatten. In meinen Gedanken schmiedete ich große Pläne, mich an ihnen zu rächen, während ich zugeteilt wurde und ich war nur froh, dass ich nicht ganz alleine in Ravenclaw geendet war. Oder in Gryffindor mit diesen beiden, selbst wenn Lily auch dort gewesen wäre.

Danach war es Slytherin gegen Gryffindor. Die Rumtreiber formierten sich recht schnell, wie ihre Abneigung mir gegenüber – ich sah immer ungepflegt aus und das störte sie. So begann es. Meine Eltern kauften meine Roben zu groß, damit sie mir länger passten, während ich wuchs und das war bevor wir zu den derzeitigen Uniformen mit Hosen und Krawatten gewechselt sind (das war nicht vor 85, vielleicht schon 83 – es war ein politischer Zug innerhalb des Direktoriums, Malfoy und sein Block unterstützten den Vorschlag, damit sich Muggelgeborene wohler in ihren Uniformen fühlten, indem sie Elemente der Uniformen von Muggelschulen einführten). Es war eine schlichte Robe, vom Kragen bis zum Knöchel. Meine war gebraucht gekauft, weshalb sie leicht gräulich und an den Manschetten ein wenig ausgefranst war. Und die Ärmel rutschten mir dauernd über die Hände, weil ich vergaß sie hochzukrempeln und am Saum wurde sie von Sicherheitsnadeln hochgehalten. Irgendwann werde ich für dich mal ein Bild heraussuchen; es war grauenhaft. Lily half mir dabei Schrumpfzauber zu finden und wir bekamen das bis Halloween geregelt.

Und dann kam Harry Potter in der Schule an und während ihm seine Uniform passte, waren ihm alle seine Anziehsachen, die er von zuhause mitgebracht hatte, viel zu groß. Alles, woran ich denken konnte, nachdem ich ihn an seinem ersten Wochenende gesehen hatte, war dass wenn Lily noch am Leben wäre und ihr Sohn nicht in viel zu großer gebrauchter Kleidung durch die Gegend laufen würde, hätte sein Vater seine Arbeit richtig gemacht, als es ums Verstecken ging und nicht dieser verdammten Ratte vertraut.

Aber du hast Recht und ich bin abgeschweift. Ich mag Harry Potter nicht, weil er nach seinem Vater kommt."

„Mit den Augen seiner Mutter wurde mir gesagt."

„Es ist verblüffend", sagte Severus und nickte nachdenklich. Sie okkludierte immer noch; die Kälte verstärkte sich sogar wieder. Das beunruhigte ihn zum Großteil, weil er nicht wusste, warum sie noch mehr geistige Schilde hochzog, obwohl sie doch über etwas so unverfängliches redeten. Oder zumindest unverfänglich für ihn. „Und ich habe es am Anfang ziemlich verpfuscht. Man könnte sagen, dass ich zusammengezuckt bin – ich sah ihn dort in meinem Klassenzimmer, wie er redete und lachte und genauso wie der Junge aussah, der mich während meiner ganzen Schulzeit gemobbt hatte, und ich… ich bin darüber nicht stolz."

Er konnte sich nicht vorstellen, das jemand anderem zu erzählen. Es fiel ihm wirklich schwer zu glauben, dass er es ihr erzählte. Und dass er sie liebte.

Mist! Seit wann?

„Das hat den Ton angegeben", sagte er und tat ganz zwanglos. Die ganze Zeit überschlugen sich seine Gedanken.

Scheiße, scheiße, scheiße, scheiße, scheiße. Seit wann? Spielt das eine Rolle? Aber ach du meine Güte, wie ist das passiert? Schon wieder beschissene Liebe?

„Ich lasse mich durch seine Anwesenheit verärgern, obwohl er davon keine Ahnung hat und sein Temperament hat diese Szenarien schön genährt."

Ich habe das schon einmal durchlebt. Es war schmerzhaft und endete entsetzlich.

„Und dann kehrte der Dunkle Lord zurück… Dumbledore redete die ganze Zeit auf mich ein, die Vergangenheit ruhen zu lassen und dem Jungen zu helfen, aber jetzt ist es gut, dass ich Erinnerungen an Potter habe, der mich durch Lilys Augen wütend anstarrt, denn der Dunkle Lord weiß, dass mir der Junge nicht genug vertraut, um mir einer stürmischen Nacht aus dem Schloss zu folgen und seinen Tod zu finden."

Es ist nicht so, dass die Augen seiner Mutter mir noch so viel bedeuten, anders als die Merkwürdigkeit, sie in James Gesicht zu sehen. Scheiße! Wie ist das passiert? Nein, natürlich nicht wie, das ist ganz einfach. Zur Hölle, es war praktisch unvermeidbar. Wie wäre es mit warum? Warum ist das passiert? Warum jetzt? Scheißdreck! Sie ist eine Schülerin, geschweige denn, dass sie laut Dumbledore tabu ist. Nun ja, nicht komplett ‚laut Dumbledore'; diese Konversation hatte noch nicht wirklich stattgefunden. Hoffentlich würde es niemals passieren. Jemals.

Scheiße.