Der Fluch der drei Anker

Kapitel 1: Schlechte Nachrichten

Genn sah sich das Haus an, vor dem er stand. Natürlich war es diese Kneipe. Wo sonst würde er Falstad treffen können, wenn nicht hier?

Die Kneipe war eine der ältesten von Nebelhafen. Dementsprechend sah das Haus aus. An den meisten Stellen sah man kaum noch die ursprüngliche Farbe des Holzes sehen. 'Ein Wunder, dass es überhaupt noch steht.' dachte Genn. Die Fenster waren so schmutzig, dass man nichts darin erkennen konnte. Die Tür hing leicht schief in den Angeln und ließ so oben und unten Teile des Lichts von drinnen heraus. Genn wusste, dass sie deutlich neuer war als der Rest des Hauses. Aber man konnte wohl kaum erwarten, dass in Nebelhafen nie eine Tür aus den Angeln gerissen wurde.

Das letzte Mal, dass Genn es mitbekommen hatte, war vor etwa zwei Wochen gewesen. Er war durch die Stadt spaziert, nachdem er von einer kleinen Fahrt zurückgekommen war. Zwei Häuser weiter konnte er hören, wie zwei Piraten, schon sturzbetrunken, obwohl es erst Mittag war, den Hausbesitzer aufforderten, ihnen zu öffnen. Vermutlich suchten sie eigentlich eine Kneipe, konnten sich aber aufgrund ihres Zustandes nicht orientieren. Da der Bewohner des Hauses sich geweigert hatte, den beiden zu öffnen, holte der eine kurzerhand zum Tritt aus. Da sie direkt an der Küste waren, war das Holz schon sehr morsch, sodass ein Tritt ausreichte, sie zu zerschmettern. Die beiden Piraten waren allerdings kaum eingetreten, als der Besitzer sie mit lautem Geschrei und einer Flinte in der Hand wieder hinausjagte. Ihm folgte ein kleiner, graubrauner Hund mit lautem Gebell, das noch lange über den Hafen schallte.

Auch die Tür der Kneipe "Sturmauge" hatte mehrere solcher Begegnungen erlitten. Genn atmete noch einmal tief die salzige Abendluft ein, dann trat er durch die Tür. Sofort schlugen ihm der kräftige Alkoholgeruch und die noch kräftigeren Stimmen der Gäste entgegen. Er hatte solche Orte noch nie gemocht. Er war sowieso schon immer ein Einzelgänger gewesen. Genn hatte noch nie jemand anderen gebraucht. Er blickte sich um. Der ganze Schankraum war voller Piraten. Die meisten sangen und tanzten mit ihren Bierkrügen in den Händen, manche auf den Tischen, andere auf dem Boden. Genn war sich sicher, dass keiner von ihnen weniger als fünf Krüge Bier getrunken hatte. Er sah sich um, suchte nach dem bekannten Gesicht. Doch er hatte einige Schwierigkeiten, unter den vielen Männern in diesem engen Raum den Überblick zu behalten, zumal einige Gäste von anderen verdeckt wurden. Deshalb ging Genn zur Theke. Er bestellte beim Wirt ein Bier und blickte sich weiter um. „Sach, mal, Freundchen. Dich kenn` ich nich. Wer biste denn?" fragte ihn plötzlich der Wirt. Genn antwortete nicht, sondern suchte weiter. Irgendwo hier musste Falstad doch sein. Hammer war sich sicher gewesen, dass er hier war. Doch Genn konnte den kleinwüchsigen, weißbärtigen Pirat mit seiner Augenklappe und dem hohen, schwarzen Hut mit dem Totenkopf und der roten Feder nicht finden. „Hör ma her, Freundchen!" begann der Wirt neben ihm erneut, diesmal mit einem leicht aggressiven Unterton. Die meisten Bewohner von Nebelhafen hatten nur wenig Geduld, wenn etwas nicht nach ihrem Wunsch lief. Genn wandte ihm seinen Kopf zu. „Wisst ihr, ob Kapitän Falstad gerade hier ist, Wirt?" fragte er ihn. „Falstad? Der Typ mit dem riesen Papagei-Vieh, auf dem er sogar reiten kann?" antwortete dieser, deutlich ruhiger als vorher. „Ich glaub, der fliegt grad mit seinem Biest aus. Sollte aber bald wieder da sein." Genn nickte. 'Natürlich ist er jetzt gerade nicht da, und ich muss hier sitzen und warten, bis er kommt.' dachte er. 'Wenn es nicht so dringend wäre, würde ich einfach wieder von hier verschwinden. Aber es hilft nichts.' Genn saß schweigend an der Theke und trank langsam sein Bier. Mehr als einmal versuchte ein anderer Gast, ihn zu animieren, mit ihnen zu trinken und zu feiern. Genn beachtete sie kaum.

Als er fast eine Stunde gewartet hatte, knarrte die Tür, und ein neuer Gast trat ein. Das war in der letzten Stunde öfter passiert, und immer hatte Genn gehofft, dass es Falstad wäre. Doch immer wieder wurde er enttäuscht. Deshalb beachtete er den Gast zunächst nicht. Plötzlich spürte er eine Hand auf seine Schulter. „Na so was! Wenn das mal nicht Genn ist!" Er wandte sich um. Tatsächlich stand Falstad hinter ihm. Der kleinwüchsige Mann mit dem langen, braunen Mantel mit umgeschlagenen Ärmeln hob seine Arme, um Genn zu umarmen. Dabei versuchte er, diesen nicht mit dem Haken, den er statt seiner linken Hand besaß, zu stechen. Sein rechtes Auge blickte freudig auf den alten Bekannten. Falstads weißer Bart war ungepflegt wie immer, und seine langen Haaren hingen in einem langen Zopf auf seinem Rücken, auf dem der Anker befestigt war, den er als Waffe nutzte. Der große Hut mit dem vorstehenden Totenkopf und der langen, roten Feder wackelte auf dem Kopf. „Nun sag mal, Genn. Ich dachte, du magst solche Orte nicht, an denen viele Menschen sind. Was machst du hier?" „Ich wollte mit dir sprechen, Falstad, am besten vertraulich." Die beiden Männer bestellten jeder noch ein neues Bier und setzten sich an einen Tisch in der hintersten Ecke. „Also, was wolltest du von mir?" fragte der kleinere. „Es ist etwas schlimmes passiert, Falstad. Du erinnerst dich doch noch daran, wie Kapitän Burghy plötzlich verschwunden ist?" Falstad sah ihn an. „Natürlich. Aber worauf willst du hinaus?" „Nun, wie es aussieht, ist Derrick Haika ebenfalls spurlos verschwunden. Du weißt, was das bedeutet?" „Natürlich weiß ich das." antwortete Falstad betrübt. „Das bedeutet, dass nur noch ich übrig bin." „Nicht nur das. Wenn das Verschwinden von Burghy vor einem Monat und das von Derrick vor ein paar Tagen zusammenhängen, bist auch du in Gefahr!" Falstad nickte stumm. In seinem Auge konnte Genn Trauer und Schrecken sehen, aber auch Entschlossenheit. Der Kapitän der Wildhammer-Piraten würde nicht ohne weiteres aufgeben. Davon war Genn überzeugt.


Also dann. Hiermit beginnt die erste Geschichte dieser Sammlung, "Der Fluch der drei Anker". Schauplatz dieser Geschichte ist Nebelhafen, eine Welt voller Piraten. Aber, wer sind denn Genn und Falstad überhaupt? Wer waren Burghy und Derrick? Und warum ist ausgerechnet Falstad in Gefahr? All das werden wir in den nächsten Kapiteln erfahren. Seid gespannt! Bis dahin,

Edeias