Kapitel 2: Das dritte Opfer

Es war noch früh am Morgen, als das kleine Boot den Hafen erreichte. Sein Insasse blickte die Häuserreihe entlang und strich sich die braunen Haare aus dem Gesicht. Noch war Nebelhafen komplett ruhig. Doch er wusste, dass bald der tägliche Trubel einsetzen würde. Er zog sein rotes Stirnband enger und steuerte dann langsam an den großen Schiffen vorbei. Eines viel ihm sofort ins Auge. Es war eines der größten Schiffe, die hier vor Anker lagen. Es bestand fast komplett aus Fichtenholz. Der Besitzer dieses Schiffes musste viel dafür gezahlt haben, denn solches Holz war in Nebelhafen und seiner Umgebung kaum zu finden. Das Schiff besaß außerdem drei Masten. Auf dem mittleren konnte man einen Ausguck erkennen. Am Bug erhob sich die Figur eines großen Vogels. Niemand war sich ganz sicher, was für ein Vogel es war. Derselbe hatte jedoch auch seinen Weg in den Jolly Roger der Crew gefunden, das sowohl auf den Segeln als auch an den Seiten des Schiffes zu sehen war. In diesem waren zwei dieser Vögel zu sehen, jeweils in entgegengesetzte Richtungen blickend. Zwischen ihnen befand sich ein Hammer. Jeder Einwohner Nebelhafens und der Umgebung kannte dieses Symbol. Für manche hieß es Freundschaft und Schutz, für andere Kampf und Feindseligkeit. Die Wildhammer-Piraten waren gleichzeitig die am meisten gefürchteten und die am meisten verehrten Piraten.

Ihr Kapitän hatte sicher keinen geringen Anteil daran. Als ein Mitglied des Rates der drei Anker hatte er dazu beigetragen, den Piratencodex einzuführen. Er und seine Crew hielten sich noch immer streng daran, auch wenn der Rat längst aufgelöst war. Viele Piraten hielten sich nicht mehr an den Codex, und einige betrachteten ihn weniger als Pflicht, sondern eher als Richtlinien. Nicht so die Wildhammer-Piraten. Sie waren in gewisser Weise die Bewahrer des Codex.

Dieses Schiff steuerte der einsame Schiffer nun an. Er prüfte, ob sein Säbel und seine Pistole noch in seinem Gürtel hingen, und rückte sein Hemd zurecht. Manche behaupteten, dass er sich zu viel um sein Äußeres kümmere. Aber Genn hatte noch nie wirklich auf andere gehört. Er benötigte keine Ratschläge. Wie immer trug er sein rotes Stirnband, das die braunen Haare einigermaßen im Zaum hielt. An diesem Stirnband hatte er mehrere Schnüre mit Holzperlen befestigt. Sein Bart war kurz und gut gepflegt. Genn trug, wie fast immer, ein beigefarbenes Unterhemd und darüber eine dunkle Lederweste mit goldenen Verzierungen. Darunter trug er die typischen hellbraunen Seemanns hosen und feine Lederstiefel. Die Gürtelschnalle zeigte einen stilisierten Wolfskopf. Genn steuerte sein Boot langsam auf das Schiff der Wildhämmer zu. „Hey, ihr da oben!" rief er. Nachdem er einige Zeit gewartet hatte, rief er erneut, und schließlich blickte ein bärtiges Gesicht über die Reling. „Wer is da unten? Was willste?" rief eine halb verschlafene Stimme. „Ich bin hier, um mit Kapitän Falstad zu reden." „Der Käpt´n hat keine Zeit für dahergelaufene Typen wie dich!" „Ich bin ein alter Freund und Bekannter des Kapitäns. Also, ruf ihn her oder lass mich an Bord!" rief Genn zurück. „Ach ja? Kann ja jeder herkommen und behauptn. Haste nen Beweis dafür?" „Wenn du deinen Kapitän herrufst, wird er dir sagen, dass ich Recht habe. Wenn du weiter hier stehen bleibst, werde ich dafür sorgen, dass er herkommt!" Nach diesen Worten verschwand der Pirat von der Reling. Kurze Zeit später kehrte er zurück. Neben ihm kam ein weiteres Gesicht zum Vorschein. „Das ist doch Genn! Komm, mein Freund, steig an Bord!" rief Falstad freudig herunter.

„Also, was führt dich hierher?" fragte Falstad seinen Gast. „Seit unserer letzten Begegnung ist fast ein Monat vergangen. Ich hätte dich gerne öfter gesehen." Genn blickte den kleineren Piraten ernst an. „Du erinnerst dich sicher, warum ich das letzte Mal zu dir gekommen bin, nicht wahr?" Falstad nickte. „Es war, als Derrick Haika verschwunden war. Ich sagte dir, dass auch du in Gefahr bist. Ist bisher etwas ungewöhnliches bei dir geschehen?" „Nichts, was auf eine Gefahr schließen lassen könnte. Hast du etwas herausgefunden?" „Nun, mir war bereits damals ein Verdacht gekommen. Warum lagen zwischen dem Verschwinden von Kapitäns Burghy und dem von Derrick vier Wochen? Derrick war nicht schwer zu finden. Jeder kannte ihn, genauso wie dich. Warum hat der Verantwortliche, wenn wir davon ausgehen, dass jemand dafür gesorgt hat, dass die beiden verschwinden, so lange gewartet? Hätte er sofort nach Kapitän Burghy auch Derrick und dich ins Visier genommen, hätte niemand etwas tun können. Aber so konnten wir uns vorbereiten." Die beiden schwiegen eine Weile. Dann meinte Falstad: „Es kommt mir noch eine Frage. Warum sollte jemand gerade uns ins Visier nehmen? Der Rat der drei Anker ist aufgelöst, und seitdem haben wir drei nichts mehr miteinander zu tun gehabt. Und wer hätte ein Interesse daran, den ehemaligen Rat ins Visier zu nehmen? Wir drei haben Ordnung in diese Gegend gebracht. Und die meisten Leute verehren oder fürchten uns dafür. Erstere hätten keinen Grund, uns verschwinden zu lassen, und letztere haben zu viel Angst vor uns. Also, wer könnte es sein?" Wieder schwiegen die beiden Männer. „Auf eine der Fragen habe ich womöglich eine Antwort." meinte Genn plötzlich. „Doch ich muss sie noch überprüfen. Deshalb bin ich hier. Ich brauche dazu deine Hilfe." „Wie kann ich dir dabei helfen, Genn?" „Zuallererst, frage mich nicht, was ich tue. Wenn ich dich um etwas bitte, hinterfrage es nicht, sondern tu es einfach. Du weißt, du kannst mir vertrauen. Ich werde dir alles zu gegebener Zeit erklären. Und jetzt, lass uns über andere Dinge sprechen."

Genn und Falstad saßen lange zusammen. Als es schließlich Abend wurde, sagte Genn: „Nun, mein Freund. Ich denke, es wird Zeit für mich, nach Hause zu gehen. Willst du mich nicht begleiten?" Es war eine klare Nacht. Die beiden Männer gingen von Bord und schlenderten die Hafenpromenade entlang. Langsam verebbte die Geschäftigkeit. Die beiden unterhielten sich auch weiterhin sehr angeregt. Schließlich verließen sie die Stadt, denn Genns Haus lag etwas abseits. Obwohl hier keine Laternen standen, konnten sie ohne Probleme den Weg erkennen, denn der Vollmond erhellte die Nacht. Langsam näherten die beiden sich dem einsamen Haus. Vor der Tür verabschiedeten sie sich. „Also dann, mein Freund. Ich werde in den nächsten Tagen versuchen, einige Antworten zu finden. Natürlich werde ich auch hin und wieder bei dir vorbeikommen. Ich hoffe, ihr bleibt erst einmal in Nebelhafen?" Falstad antwortete: „Nun, sofern nichts außergewöhnliches geschieht, bleiben wir ein paar Wochen hier." Dann drehte Falstad sich um und ging langsam den Weg zurück, den sie gekommen waren. Als er sich umdrehte, stand Genn noch vor der Tür und sah ihm nach. Dann machte der Weg eine Biegung, und Genns Haus verschwand hinter den Bäumen eines kleinen Wäldchens. Langsam näherte Falstad sich der Stadt. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, beobachtet zu werden. Er blickte sich um. Niemand war zu sehen. Trotzdem beschleunigte er seine Schritte, um schneller die Stadt zu erreichen. Dort war es inzwischen komplett still. Während Falstad durch den Hafen wanderte, überkam ihn öfter das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete, und einmal meinte er, einen Schatten zwischen den Häusern verschwinden zu sehen. Er wollte möglichst schnell sein Schiff erreichen, doch rennen wollte er nicht. Niemand sollte sehen, wie er, der Kapitän der berühmten Wildhammer-Piraten, vor etwas davon rannte. Schließlich kam das Schiff in Sicht. Falstad stieß einen erleichterten Seufzer aus, als plötzlich eine Gestalt aus dem Hafenbecken schoss. Bevor Falstad reagieren konnte, wurde er von einer großen Hakenhand ins Wasser gezogen. Verzweifelt versuchte er, sich loszureißen, doch sein Gegner hielt ihn fest im Griff. Langsam schwand Falstads Bewusstsein und alles wurde schwarz vor seinen Augen.


Das zweite Kapitel! Und es beginnt, dramatisch zu werden. Welche Vermutung hat Genn zu den Vorfällen? Kann er sie bestätigen? Und vor allem: Kann er es Falstad danach noch erzählen, oder wird dieser wie Burghy und Derrick verschwinden? Wir werden es bald erfahren, wenn wir erneut Nebelhafen besuchen.

Aber bis dahin, danke an alle, die diese Geschichte lesen, auch wenn es momentan noch wenige Leute sind. Ich hoffe, dass euch meine Geschichte gefällt.

Bis zum nächsten Kapitel,

Edeias