Kapitel 4: Geschichten und Pläne
Mit einem Stöhnen öffnete Genn seine Augen. Sofort spürte er sein linkes Bein und seinen rechten Arm schmerzen. `Was ist passiert?` fragte er sich. Langsam erinnerte er sich. Er war Falstad und seinem Entführer gefolgt. Dieser hatte sich als „der Admiral" herausgestellt. Irgendetwas, das er zu Falstad gesagt hatte, hatte dafür gesorgt, dass der kleine Pirat wie erstarrt dastand. In letzter Sekunde hatte Genn ihn zur Seite gestoßen. Und dann? Genn blickte sich um. Er lag nicht in der Höhle, in der sie den Admiral angetroffen hatten. Stattdessen lag er in einer Kajüte auf einem Schiff. Und es war bereits Tag. „Was ist passiert?" fragte er sich leise. Plötzlich hörte er vom Fußende seiner Liege eine unbekannte Stimme: „Ah, der Schläfer hat endlich die Augen geöffnet!" Genn blickte sich um. Am Fußende stand eine Frau. Sie hatte blonde Haare, die unter ihrem roten Kopftuch hervorragten. In ihrem linken Ohr hatte sie einen goldenen Ohrring. Am Oberkörper trug sie nur ein altes blau-weiß gestreiftes Oberteil. Ihre Beine konnte Genn nicht erkennen. „Wer bist du? Wo bin ich?" fragte Genn langsam. „Ganz ruhig, mein Lieber. Mit deinen Verletzungen solltest du dich noch etwas ausruhen. Kein Wunder also, dass du mehrere Tage geschlafen hast. Ich sag mal den Käptns Bescheid, das du aufgewacht bist. Vor allem er sollte sich darüber sehr freuen." Mit diesen Worten stand sie auf und verließ die Kajüte.
Falstad blickte seinem Gegenüber unschlüssig an. Sie hatte Genn und ihn gerettet. Das hieß aber noch nichts. Falstad war weithin bekannt und unbeliebt bei den meisten Piraten. Es war also gut möglich, dass sie etwas vorhatte. „Also, wer seid Ihr genau?" fragte er erneut. Sei Gegenüber war eine relativ große Frau, offensichtlich eine Piratin. Sie trug einen kurzen, braunen Kapitänsmantel, der von einem Gürtel mit einer Schnalle in Form eines Schädels gehalten wurde. Darunter hatte sie ein weißes Oberteil, von dem allerdings kaum etwas zu sehen war. Ihre Beine steckten fast komplett in dunklen Lederstiefeln Dazu trug sie eine ehemals weiße Stoffhose. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden. Dazu hatte sie ein kleines rotes Kopftuch, und in ihrem Zopf steckte eine lange grün-blaue Feder. Auf ihrem Rücken trug sie eine Art Köcher, in dem sie mehrere Säbel aufbewahrte. Ihre eigentliche Waffe allerdings war eine Art Speer, dessen Spitze in einem großen Anker endete. Dieser lehnte neben ihr an der Wand. Direkt davor lag ein hölzerner Rundschild. Die Frau blickte Falstad an. „Ich bin die Piratenkönigin, Cassia!" „Piratenkönigin?" fragte Falstad verächtlich. „Mit welchem Recht nennt Ihr euch so?" „Nun, ich bin vielleicht noch nicht die Königin aller Piraten, aber meine Männer tun es, und bald wird Nebelhafen es auch tun." „Pah. Nebelhafen braucht keine Piratenkönigin! Der Rat der Drei Anker ist alles, was sie brauchen!" Falstad funkelte Cassia bedrohlich an. Sie antwortete in der gleichen Weise. Bevor sie jedoch etwas tun konnten, öffnete sich die Tür. Beide Kapitäne drehten ihre Köpfe zur Tür. Dort stand eine kleine Frau in einem blau-weißen Hemd und rotem Kopftuch. „Ach, Hammer, gibt es was Neues?" fragte Cassia. „Nun ja, der andere Mann ist aufgewacht." „Genn!" rief Falstad. „Er ist aufgewacht?" „Jo, ist er. Es scheint ihm ganz gut zu gehen." „Also gut, sehen wir einmal nach Eurem Freund." meinte Cassia, während sie aufstand.
Als die drei in die Kajüte kamen, lag Genn mit geschlossenen Augen auf der Liege. Noch während sie eintraten öffnete er sie. „Falstad." sagte er. „Bin ich froh, dass es dir gut geht." „Genn..." Er wurde unsanft von Cassia unterbrochen. „Also gut, Falstad! Ich habe versprochen, nicht zu fragen, bis Euer Freund aufwacht. Also, was ist passiert?" „Gut, Cassia. Ich werde es erzählen." Hammer brachte zwei Sitze, und die beiden Kapitäne setzten sich. Dann begann Falstad.
Bevor ich zu den Ereignissen von gestern komme, muss ich etwas weiter ausholen. Vor zwei Jahren gab es in Nebelhafen einem Mann, von allen nur `der Admiral` genannt. Er war ein Pirat und hatte die Insel mit seinen Leuten erobert. Er war brutal und gemein. Niemandem auf der Insel ging es gut, nur ihm. Nicht einmal seine Leute hatten es gut. Aber aus einem Grund hielten sie noch zu ihm: Sie fürchteten ihn. Zu diesem Zeitpunkt kam ich mit meinen Jungs in diese Gegend. Ich bin zwar ein Pirat, aber kein brutaler. Ich bin, was die Marine einen „falschen Piraten" nennt. Ich bin Pirat geworden, um die Welt zu bereisen und Schätze zu finden. Deshalb wollte ich den Admiral besiegen, um die Bewohner zu befreien. Zufälligerweise traf ich zwei weitere Kapitäne, die das gleiche Ziel hatten: Burghy und Derrick. Zusammen schmiedeten wir einen Plan, und tatsächlich konnten wir den Admiral bezwingen. Aufgrund seiner Verbrechen haben wir ihn über die Planke geschickt. Dann gründeten wir den Rat der Drei Anker, und schufen den Codex, nach dem ich noch immer lebe. Nun, wie gesagt, dass war vor zwei Jahren. Mit der Zeit sahen Burghy, Derrick und ich uns immer seltener. Dann, vor etwa zwei Monaten, erreichte mich die Nachricht, dass Burghy verschwunden war. Ich machte mir ein wenig Sorgen, aber ich wusste auch, dass er auf sich selbst aufpassen konnte. Aber dann, einen Monat später, kam Genn zu mir und erzählte, dass nun auch Derrick verschwunden war. Doch ich konnte mich nur wenig darum kümmern. Zu der Zeit war der berüchtigte Pirat Schwarzherz aufgetaucht, und ich und meine Jungs hatten viel zu tun.
Vor ein paar Tagen schließlich kam Genn wieder zu mir. Er schien einen Plan zu haben, und bat mich, zu tun was er sagte. Am Abend begleitete ich ihn zu seinem Haus außerhalb der Stadt. Dann trug er mir auf, alleine zum Schiff zurückzugehen. Es war bereits dunkel. Als ich in Sichtweite meines Schiffes kam, sprang eine Gestalt aus dem Wasser und zog mich hinab. Sie brachte mich in eine Höhle auf der anderen Seite der Insel. Dort zeigte sich mir ein Mann mit einem Tentakelarm und dem Gesicht eines Kraken. Bei sich hatte er die Kreatur, die mich entführt hatte, eine Mischung aus Mensch und Hai. Der Krakenmann gab sich als der Admiral zu erkennen. Irgendwie ist er zurückgekehrt und hat mich angegriffen, aber Genn kam mir zu Hilfe. Er schien so etwas erwartet zu haben. Während er das Monster beschäftigte, sprach ich mit dem Admiral. Er erzählte mir, dass er Burghy und Derrick angegriffen hatte. Burghy hatte er der Marine ausgeliefert, und nach seiner Hinrichtung wieder erweckt. Darüber hat dieser den Verstand verloren, und wurde zu Schwarzherz. Derrick hingegen hat der Admiral zu seinem persönlichen Sklaven gemacht, Dehaika. Das ist das Monster, das mich entführt hatte. Als er mir das erzählte, konnte ich nichts tun, als dazustehen und zuzuhören. Währenddessen griff Dehaika mich an, aber Genn konnte mich retten, dabei erhielt er allerdings die Wunde in seinem Bein.
Doch Genns Zustand half mir, mich wieder zu fangen. Ich kämpfte, um meinen Freund zu beschützen. Ich wusste nicht, wie es enden würde, aber als der Tag graute zogen der Admiral und Dehaika sich ins Meer zurück. Dann nahm ich Genn und brachte ihn zu seinem Boot, was nahe der Höhle lag. Und dort habt ihr uns gefunden, Cassia.
Sie alle schwiegen. Dann fragte Genn: „Verzeihung, aber ich glaube, wir wurden noch nicht vorgestellt. Cassia ist Euer Name?" „Cassia, die Piratenkönigin!" antwortete sie. „Und das hier ist Hammer, mein erster Maat." „Nun gut, Cassia. Ich hätte noch ein wenig zu Falstads Geschichte zu ergänzen. Schon als Derrick verschwand fiel mir auf, dass es etwa einen Monat her war, das Burghy verschwand. Das kam mir seltsam vor. Ich stellte Nachforschungen an, und stieß auf eine alte Überlieferung über ein altes Wesen namens C'thul. Es hieß, dass C'thul auf dem Meeresgrund lebt und verdammte Seelen in seinen Dienst stellt. Vermutlich ist genau das mit dem Admiral geschehen. In der Überlieferung heißt es, besonders rachsüchtige Seelen könnten jeder Vollmondnacht an die Oberfläche zurückkehren, um Rache zu üben." Er schwieg eine Weile. Dann meinte Falstad: „Es war eine Vollmondnacht, als der Admiral zu mir kam. Vier Wochen nachdem Derrick verschwand. Und vier Wochen davor verschwand Burghy. Das ergibt alles Sinn. Weißt du, ob man C'thuls Diener irgendwie bezwingen kann?" „Vielleicht. Aber ich benötige noch etwas Zeit. Wie viele Tage habe ich geschlafen?" „Heute ist der dritte Tag nach Vollmond." „Also haben wir etwa 26 Tage Zeit, bis der Admiral wieder zuschlägt." Cassia hatte still zugehört. Dann sagte sie: „Kapitän Falstad, Genn. Ich glaube nicht, dass es Euch gelingen wird, zu zweit den Admiral zu besiegen. Wenn es Euch genehm ist, werde ich Euch helfen." „Jede Hilfe ist mir willkommen, Kapitänin Cassia."
„Also gut. Wir müssen unsere Vorbereitungen treffen." meinte Genn.
Da bin ich wieder! Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, aber ich hatte viel zu tun und andere Dinge im Kopf. Also dann, das vierte Kapitel von " Der Fluch der drei Anker". Falstad und Genn treffen auf Cassia, die ihnen ihre Hilfe anbietet. Können die beiden der 'Piratenkönigin' trauen? Das werden wir (hoffentlich) bald erfahren!
bis dahin,
Edeias
