- Kapitel 40 -
Epilog
Gloria
„Rica! Nochmal", drängte Mr McAllister seiner Tochter.
„Ja, nochmal, nochmal!", bestätigten Banefactor und Mrs McAllister.
„Ich kann nicht mehr", lachte Rica McNamara und taumelte in die Arme ihres Freundes. Ein talentierter Heiler namens Cutter, wie Gloria sich vage erinnerte.
„Wie wäre es denn stattdessen mit einem Eis?", schlug der junge Mann vor.
„Oh, ja. Eis!", bestätigte Mrs McAllister mit großen Augen.
„Eis und Karussell", nörgelte Banefactor. Gloria musste lächeln und fand, dass die Tarnung als weißhaariger alter Mann irgendwie süß wirkte. Er hatte so etwas Verschmitztes, Kindliches an sich.
„Entweder, oder!", forderte Rica McNamara entschieden und schubste dann alle verbal in die von ihr gewünschte Richtung. „Karussell sind wir ja schon fünf Mal gefahren. Eis jedoch…!"
„Eis, Eis, Eis!", erklang daraufhin der dreifache Schlachtruf.
Gloria musste beinahe laut lachen, was gar nicht zu ihrer Muggeltarnung gepasst hätte. Die meisten Muggel schauten das ungewöhnliche Quintett mit einer Mischung aus Mitleid und Widerwillen an – was sich zugegeben nicht allzu weit von der Zauberwelt unterschied. Zwei recht junge Erwachsene, welche zwei Middle Ager und einen Opa wie kleine Kinder über den Rummel führten, waren wohl in allen Welten eher unüblich. Das Schöne war für Gloria jedoch, dass Rica McNamara und ihr Freund sich nicht im Geringsten daran zu stören schienen.
„Nehmen wir Tarsuinn ein Eis mit?", fragte Banefactor.
„Nein, Opa", entgegnete Rica freundlich. „Das geht nicht."
„Warum?"
„Weil Eis viel zu schnell schmilzt!", erklärte Mrs McAllister mit dem Stolz eines Kindergartenkindes über sein bahnbrechendes Wissen.
„Richtig", pflichtete Rica bei. „Wir können ihm aber eine Zuckerstange mitbringen."
„Ja, Zuckerstange für Tarsuinn", freute sich Banefactor und klatschte in die Hände. „Schmilzt nicht."
„Da hast du Recht", lobte Rica. „Warum willst du denn Tarsuinn etwas mitbringen?"
„Tarsuinn hat mir Pancakes gemacht", erklärte der alte Mann. „Mit Honig!"
„Uns auch!", mischte sich Mr McAllister schnell ein.
„Aber mir zuerst!", beharrte Banefactor.
„Tarsuinn hat sie sicher gern für euch alle gemacht."
Gloria lachte leise in sich hinein und beschloss, ihre Beobachtungen einzustellen. Sie hatte nun mit angesehen und gehört, was mit ihrem alten Meister geschehen war. Sie war der Ansicht, Tarsuinn McNamara hatte für ihn eine bessere Lösung gefunden, als er für sich selbst. Sollte er doch als kindischer alter Opa seinen Lebensabend verbringen. Für jemanden, der ein Einhorn ermordet hatte, gab es bei weitem schlimmere Alternativen. Rica und Tarsuinn McNamara waren wirklich erstaunlich darin zu vergeben.
„Ich wäre da deutlich nachtragender…", murmelte Gloria bei sich.
„Hallo Rosa. Wie geht es dir?", begrüßte Gloria das Mädchen, welches vor Schreck vom Fenster wegsprang.
„Oh, hal… hallo, Gloria", stammelte sie erschrocken. „Ich hab dich gar nicht kommen hören."
„Das wäre auch sehr ungewöhnlich gewesen", amüsierte sich die Hexe. „Außerdem wollte ich sehen, wie schnell du dich fängst."
„Und habe ich bestanden? Wo ist eigentlich Caradoc?"
„Der ist zu Hause und spielt mit einer Hauselfe", grinste Gloria breit.
„Ich bin keine zehn mehr, Gloria", schaute Rosa sie scheel an.
„Leider", nickte die Anwältin. „Das würde einige Sachen vereinfachen."
„Und was?", fragte Rosa und kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Sie ziehen doch nicht etwa weg, oder?"
„Nein, nein", hob Gloria abwehrend die Hände. „Es ist nur - wärst du jünger, würde mir die nächste Frage nicht über die Zunge gehen."
„Und die Frage wäre."
„Möchtest du noch immer wissen, was ich mache?"
Gloria gab sich Mühe dem Mädchen mit Ton und Augen klar zu machen, dass dies eine ernste Angelegenheit war.
„Ist es was Verbotenes?", fragte das Mädchen stirnrunzelnd. „Du bist doch nicht etwa eine Killerin im Auftrag der Regierung – oder der Mafia?"
„Deutlich schlimmer", lachte Gloria. „Erstens, ich bin Anwältin."
„Oh, mein Gott", spielte Rosa Entsetzen.
„Zweitens bin ich eine Hexe", fuhr Gloria fort und hatte inzwischen gelernt, dass ein solches Geständnis einem geistig gesunden Muggel gegenüber überhaupt kein Verstoß gegen die Geheimhaltung der Magie darstellte. Für Rosa bedeutet eine Hexe sein, einer esoterischen Religion anzuhängen, sich mit Kräutern und Kristallen auszukennen und eventuell nackt im Mondschein um ein Feuer zu tanzen. Sie lernte in der Schule, dass Hexen in der Vergangenheit intelligente, emanzipierte und hilfsbereite Freuen gewesen waren, welche von patriarchalisch, religiösen Eiferern auch auf Scheiterhaufen verbrannt wurden.
„Und drittens?", fragte Rosa lächelnd.
„Für drittens bist du bereit, wenn dir die Bedeutung von eins und zwei wirklich klar geworden ist."
„Was gibt es denn da noch zu verstehen?", fragte Rosa unbekümmert. Wahrscheinlich tanzte Gloria in ihren Gedanken gerade um ein Lagerfeuer.
„Einfach alles!", schaute Gloria jetzt ernst das Mädchen an. „Gib mir deine Hand, Rosa."
Ein wenig zögerlich angesichts von Glorias Anblick, kam das Muggelmädchen der Bitte nach.
„Hab keine Angst", zwinkerte Gloria aufmunternd und zog ihre Halskette unter ihrer Bluse hervor. Vorsichtig führte sie Rosas Hand zu dem kleinen Medaillon.
„Öffne es."
Das Mädchen tat wie ihr geheißen und einen Augenblick später riss der Portschlüssel Rosa und Gloria davon. Es wirbelte beide herum und sie hatte einige Probleme, die nun panische Jugendliche festzuhalten, bis sie ihr Heim erreichten.
„Willkommen im Wunderland, Alice", sagte Gloria freundlich zu dem erstarrten Mädchen. Bewundernd sah sie zu, wie Rosa sich wieder fing. Die Atmung beruhigte sich und die weit aufgerissenen Augen entspannten sich. Nur ihre Hand zitterte noch ein wenig.
„Das hier, Rosa, ist das Heim einer wahren Hexe. Mein zu Hause."
„T… träume ich", stotterte Rosa.
Zur Antwort ließ Gloria ihren Zauberstab kreisen. Sie entzündete farbige Lichter, erschuf aus herumliegenden Blättern unzählige Schmetterlinge und ließ die Zweige des Baumes eine Melodie spielen.
„Sag du es mir", flüsterte sie lächelnd.
„Es fühlt sich echt an", murmelte Rosa und streckte die Hand nach einem Schmetterling aus.
„Solange die Magie wirkt", erklärte Gloria. „Komm, ich zeig dir Caradoc."
„Ist der auch nicht echt?", fragte Rosa und stolperte ein wenig, als sie abgelenkt Gloria folgte.
„Der ist so echt wie jeder kleine andere Windelpuper der Welt. Aber eigentlich möchte ich dir jemanden vorstellen."
Sie verließen den Innenhof des Hauses und gingen zum Kinderzimmer. Hier warteten schon Caradoc und eine auf Hochglanz polierte Lucy, welche sich tief vor dem Mädchen verbeugte.
„Rosa. Darf ich dir Lucy vorstellen. Sie ist meine Freundin, Babysitter und Hauselfe. Außerdem ist sie der Grund, warum du Caradocs magische Ausbrüche nicht bemerkt hast."
„Erfreut Sie kennen zu lernen, Miss", staunte Rosa und streckte wohl aus Reflex die Hand aus.
„Ro'a", krähte Caradoc begeistert, streckte seine Ärmchen dem Mädchen entgegen und tapste vorwärts.
„Heh, kleiner Racker", lachte Rosa, ging in die Knie, nahm ihn in den linken Arm und hielt dabei aber immer noch Lucy die Hand hin.
Im Rücken des Mädchens musste Gloria Lucy heftig zuzwinkern, damit diese sich zu der abgesprochenen Reaktion durchrang und die Geste passend erwiderte.
„Lucy freut sich sehr. Miss war immer gut zu kleinem Meister."
Ein wenig verwirrt schaute Rosa auf.
„Das erkläre ich dir bei Gelegenheit", amüsierte sich Gloria. „Vorerst genügt, dass Lucy eine Elfe ist und hier die Rollen der Nanny und Beschützerin übernommen hat."
„Ma, flie', flie'!", bettelte Caradoc.
„Ja, du kannst jetzt Rosa zeigen, wie gut du fliegen kannst", versprach Gloria. „Aber bitte im Garten. Lucy, könntest du bitte. Ich hab hier mit Rosa noch viel zu klären."
Zwei Stunden und viele Zauber später saß Gloria mit einer stillen Rosa allein im Garten. Sie hatte dem Mädchen einen groben Überblick über die magische Welt gegeben und hatte dabei auch nicht die unschönen Sachen ausgelassen.
„Dieser Voldemort hasst also normale Menschen wie mich?"
„Nein, er hasst muggelstämmige Hexen und Zauberer oder ihre Freunde. Einfacher Muggel sind für ihn nur Ungeziefer."
„Und um mich zu töten…"
„Reichen zwei einfache Worte."
„Und ich darf es niemanden erzählen?"
„Wer würde dir das schon glauben?"
„Aber warum erzählst du mir das dann alles? Das verstehe ich nicht."
„Diese Frage bringt uns nun zu meinem dritten Punkt im Was-bin-ich-Rätsel", nickte Gloria dem Mädchen zu. „Das ich eine echte Hexe bin, scheinst du ja akzeptiert zu haben. Anwältin bin ich auch, aber nun mal für magische Angelegenheiten. Meine dritte Funktion ist eine Mischung aus Arzt, Schicksal, Händler, Erpresser, Richter und Henker."
Aufmerksam beobachtet sie Rosa bei der langsam ansteigenden Reihenfolge ihrer Stellenbeschreibung. Sie sah, wie das Mädchen abwartete, spürte aber auch gleichzeitig ein wenig aufsteigende Angst.
„Du fragst dich sicher, wie das alles zusammen passt, nicht wahr?"
Rosa nickte nur.
„Nun, ich werde es am besten mit Beispielen aus der Muggelwelt zu erklären. Stell dir vor ein kleines Kind braucht eine Niere, doch der einzige mögliche Spender ist ein Mörder und sitzt im Gefängnis. Aber der weigert sich zu helfen, es sei denn, er kommt dadurch frei."
„Diese Frage ist nicht fair", fand Rosa.
„Das ist korrekt. Weder für das Kind, noch für die Angehörigen des Toten oder den zukünftigen Opfern. Der Einzige, der fast nur gewinnen kann, ist der Mörder."
„Er gewinnt nicht, wenn er eingesperrt bleibt."
„Doch, denn er könnte ein Leben retten. Er hat die Macht selbst aus dem Gefängnis heraus jemanden umzubringen."
„Ich verstehe nur nicht, was das mit dir zu tun hat, Gloria? Überzeugst du diese Leute das Richtige zu tun? Mit Magie?"
„Nein", schüttelte Gloria den Kopf. „Ich tue einfach, was nötig ist – ohne zu fragen."
„Du tötest sie einfach?!", war Rosa entsetzt.
„Nein, ich tausche. Gute Niere, gegen schlechte Niere. Manchmal auch bei Unschuldigen, wobei ich in diesen Fällen versuche zu kompensiere und niemals eine tödliche Krankheit übertrage. Es gibt manchmal Freiwillige – aber ich frage nur selten."
In den Augen des Mädchens stand blankes Entsetzen. Sie schien kein Wort mehr herausbringen zu können. Gloria entschloss sich, offen zu sein.
„Vor einiger Zeit war da ein Muggelmädchen. Ihr Vater trank und schlug sie und ihre Mutter. Noch ein oder zwei Jahre mehr, und es wären viel schlimmere Dinge geschehen. Dieses Mädchen hatte eine Stimme, passend zu einer anderen Frau, welche Drachenodem eingeatmet hatte. Sie war die einzige mögliche Spenderin und wurde nicht gefragt. Doch da sie eine Unschuldige war, holte man sie auch aus dieser Familie, brachte sie in ein Heim, in dem man sich um ihr Wohlergehen und ihre Ausbildung kümmerte – und sie eventuell glücklich wurde."
„Du?", brach es endlich krächzend aus Rosa hervor. „Du hast mir das angetan?!"
„Das Schlechte, wie auch das Gute."
„Warum erzählst du mir das dann?", tränen füllten ihre Augen. „Ich dachte, du wärst meine Freundin."
„Ich bin deine Freundin und ich erzähle dir das, weil ich dich brauche und ich dir einen Ausgleich anbieten möchte."
„Und was soll ich dir diesmal dafür geben? Meine Sehkraft, meinen Arm… Oh mein Gott!"
Rosa sprang auf und trat ein paar Schritte zurück, was Gloria nicht weiter wunderte.
„Ja, alle Kinder im Heim", bestätigte sie ungerührt. „Du hast dich mit den anderen darüber unterhalten, wie es ihnen ging, bevor sie zu mir kamen, oder?"
Hinter der Stirn von Rosa arbeiteten sehr widersprüchliche Gefühle, was nicht sonderlich überraschend war, denn Gloria hatte mit einem kleinen magischen Schubs die anderen Kinder dazu gebracht sich dem Mädchen anzuvertrauen.
„Der kleine Malcolm wurde…", begann Gloria.
„Ich weiß, was ihm passiert ist!", fauchte Rosa sie an.
„Wenn du möchtest, mache ich es rückgängig", bot Gloria an. „Bei dir und bei den anderen Kindern."
„Warum solltest du das tun? Warum solltest du auf mich hören, wenn ich das von dir verlange!"
„Weil ich eine zweite Stimme brauche. Jemanden, der mich hinterfragt, der meine Macht begrenzt, der auf mich aufpasst."
„Auf dich aufpasst? Wie meinst du das?"
„Genauso, wie ich es sage", betonte Gloria. „Macht ist gefährlich. Vor allem wenn man sich an sie gewöhnt, wenn man beginnt sich für unfehlbar zu halten."
„Und wenn ich jetzt sagen würde: Mach alles rückgängig! Du würdest es tun?"
„Ja, wenn du meine Aufgabe nicht komplett ablehnst."
Natürlich hatte Gloria das nicht wirklich vor. Rosas Erinnerungen würden den Tag nicht überleben, wenn sie ablehnte. Das Angebot war nur zum Ablehnen gedacht – was Rosa aber aus freien Stücken machen müsste.
„Du kannst mir viel versprechen, Gloria. Aber das ist egal", meinte Rosa nach einer Weile. „Aber am Ende könntest du immer tun, was du willst, ohne dass ich was dagegen unternehmen kann."
„Seltsam, dass du darauf zu sprechen kommst", triumphierte Gloria innerlich. „Ich will dir jemanden zeigen."
Sie führte das Mädchen erneut durch ihr Heim und zu ihrem ehemaligen Ehebett, in dem Famulus, ihr Ehemann und Gedankensklave lag. Er hatte die Augen geschlossen, sah sterbensbleich aus und atmete flach.
„Was ist mit ihm? Wer ist das?", fragte Rosa leise.
„Das ist mein Ehemann. Er hat mich mehrfach verraten. Er wollte mir Caradoc wegnehmen, mich an Voldemort verraten, hat mir vorgespielt mich zu lieben, mich jahrelang mit seiner Cousine betrogen. Er hat Menschen getötet, um ein Todesser zu werden – und er hat vor einigen Tagen geholfen Lucys Mutter umzubringen."
„Warum ist er dann nicht im Gefängnis?", fragte Rosa entsetzt.
„Man würde ihn innerhalb eines Jahres befreien, meine Karriere wäre ruiniert, mein Kind stigmatisiert und das Schlimmste ist, viele würden den Tod einer Elfe und von ein paar Nichtmagiern nur als Kavaliersdelikt sehen. Im Moment jedoch, ist er ein treusorgender, heldenhafter Familienvater, der seine Familie beschützte und sich so einen schlimmen Fluch zugezogen hat."
„Und damit willst du ihn davonkommen lassen?"
„Nun, ich hatte da eine Strafe im Sinn – und Lucy war damit einverstanden – aber da du etwas dagegen hast…"
Rosa stand da und erschauerte.
„Was hattest du mit ihm vor?"
„Nun, da er recht bekannt ist und ich ihn noch brauche, kann ich ihn nicht zu offensichtlich schädigen, aber ich dachte mir, sein magisches Wissen wäre bei dir besser aufgehoben."
„Bei mir?!"
„Ja, natürlich. Es wäre eine gute Strafe und er wäre deutlich ungefährlicher. Außerdem wüsstest du von Start weg besser, wie du mit deiner Zauberkraft umgehen könntest, welche du dann schon hast."
„Von jemanden anderen?"
„Ja, von der Cousine meines Mannes."
„Die spezielle…?"
„Korrekt. Sie versuchte mir Caradoc rauben!". Gloria gestattete sich, ihre kalte Wut durchblitzen zu lassen. „Sie hat schon einem Jungen in Schottland ein Leben ohne Rollstuhl ermöglicht und eine Frau in Frankreich kann nun Kinder bekommen – aber ihre Zauberkraft habe ich für dich aufgehoben, Rosa. Alternativ dachte ich an Drachenpocken und einem Raum aus Spiegeln."
„Ich weiß zwar nicht, wie Drachenpocken aussehen, aber es klingt grausam."
„Mag sein. Es ist diesmal persönlich. Ich kann dir auch einem Dementor zeigen – das sind die Wachen in unserem Gefängnis Askaban – und danach wirst du mich für sehr gnädig halten."
„Sind die so schlimm?"
„Stell dir vor, jeder glückliche Moment deines Lebens wird dir genommen und du durchlebst jahrelang immer wieder deine schlimmste Erinnerung. Keine Hoffnung, keine Freude, kein Fantasieland, in das man seine Gedanken flüchten kann. Selbst die Stabilsten werden nach fünf Jahren völlig wahnsinnig. Und viel länger als fünfzehn Jahren überleben nur die wenigsten."
„Und wie lange überleben deine Opfer, Gloria?"
„Deutlich länger und das meistens auch sehr gut, denn wenn ein Spender stirbt, dann wird alles rückgängig gemacht. Jeder Empfänger ist also an einem langen Überleben seines Spenders interessiert. Das erreicht man nicht, wenn man diesen in die Gosse schubst."
„Es gibt sicher genug Leute, denen der Spender egal ist."
„Ja, auch die gibt es. Aber dann reichen die Hinweise auf die Kosten und wie schwer es ist einen passenden Spender zu finden und das ich entscheide, was ein angebrachter Unterhalt ist."
„Aber es ist illegal, nicht wahr?"
„Natürlich, ich habe sogar das Gesetz geschrieben."
„Verstehe! Damit es die passenden Lücken hat."
„Überhaupt nicht. Ich hab es wasserdicht gemacht." Gloria fühlte sich wie bei ihrem Gespräch mit Banefactor vor einiger Zeit. „Wenn es legal wäre, würden es viel zu viele machen wollen und niemand würde angemessene Preise zahlen, geschweige denn lebenslange Gebühren. Wie schon gesagt, für viele ist ein Muggelleben billig."
„Also können es sich nur reiche Leute leisten!"
„Reiche oder die, welche willens sind, für uns zu arbeiten. Manchmal auch einfach Leute, die es sich verdient haben."
„Und du kannst sie alle erpressen, weil es illegal ist", folgerte Rosa und Gloria war sehr stolz auf die Intelligenz des Mädchens.
„Ich habe dadurch Spione bei den Todessern, im Zaubereiministerium, bei wichtigen Muggeln und Zugriff auf vielfältige Ressourcen. Ich habe Mittel gegen Voldemort, wie kein Zweiter und ich bin bereit, sie einzusetzen."
„Warum? Wenn dieser Voldemort so gefährlich ist, warum musst du ihn dann mit diesen Mitteln bekämpfen?"
„Weil die Wenigen, die wirklich ernsthaft kämpfen werden, so extreme Idealisten sind, dass sie nicht ihr eigenes Seelenheil riskieren. Sie sind mutig, findig, aber sie verzichten auf die Mittel, die nötig sind, um zu gewinnen. Ich werde mir für sie die Hände schmutzig machen und hoffen, das reicht damit sie siegen."
„Und die anderen?"
„Haben zu viel Angst, um sich selbst die Wahrheit einzugestehen. Im Moment wollen sie nichts unternehmen, weil sie sonst zugeben müssten, dass der Untergang nah ist. Und sobald er da ist, werden sie sich klein machen und hoffen, dass der Sturm sie und ihre Familie verfehlt."
„Wenn ich dein Angebot also annehme, wäre ich genau da mitten drin?"
„Du bist so oder so in Gefahr. Ich werde kämpfen und wenn ich dabei draufgehe, geht dem Waisenhaus das Geld aus. Sollte Voldemort gewinnen, geht es allen Muggeln schlecht. Dann ist eine schadhafte Stimme dein geringstes Problem."
„Und wären meine Aufgaben als deine Assistentin?", fragte Rosa und Gloria unterdrückte ein siegessicheres Lächeln.
„Wir würden Spender und Empfänger zusammen aussuchen. Nur wenn wir beide einer Meinung sind, wird der Transfer durchgeführt. Nach ein paar Jahren würdest du dann die Geschäfte führen, während ich meine Rolle als Anwältin spiele. Des Weiteren braucht Caradoc eine große Schwester und ich vermute, zumindest über diesen Job würdest du dich freuen?"
„Ja, aber Zauberkraft klingt schon cool…", gestand das Mädchen und wurde hochrot. „Was kann man damit so alles machen?"
„Komm, ich zeig dir einige der nützlichen Dinge…"
„Es ist mir wie immer eine Freude, Sie in Hogwarts begrüßen zu können, Gloria", begrüßte Dumbledore sie freundlich. „Gratulation zur Janos Verteidigung und der neuen Stelle.
„Und ich bin Ihnen dankbar, dass sie Zeit für mich haben.", entgegnete sie höflich. Für ihre Verhältnisse war sie leger gekleidet, damit der Direktor von Hogwarts nicht dachte, sie wäre in offizieller Mission unterwegs.
„Ihre Bitte enthielt einige interessante Formulierungen", spielte Dumbledore wohl auf die Worte Voldemort, Todesser, Familie, Ministerium und Informationen an. „Tee?"
„Gern."
Der alte Mann bot ihr einen sesselähnlichen Stuhl an einem kleinen Tisch an auf dem unverzüglichen Tee und Gebäck erschienen. Dumbledore rückte ihr sogar den Stuhl persönlich zurecht, als sie sich setzte. Neugierig schaute sie sich dabei im Büro um.
„Ich hatte nie Zeit mich hier richtig umzusehen", gestand sie ein.
„Wenn ich mich erinnere, waren sie während ihrer gesamten Schulzeit nur einmal für wenige Minuten hier."
„Ich war wohl zu brav", nickte Gloria und bewunderte kurz das Teleskop. „Im Moment bedaure ich das ein wenig."
„Nur weil die Sammlung der Direktoren so interessant ist?"
„Nein, weil ich jemanden gebraucht hätte, der mir den Kopf früher zurechtrückt."
„In dem Alter hört man maximal auf bärtige Typen, wenn sie rot gekleidet sind und Geschenke bringen."
„Möglich. Aber es hätte mich vor einigen Dummheiten bewahren können. Köstlicher Tee übrigens. Kompliment an die Hauselfen."
„Ich werde es ausrichten", versprach der Direktor. „Aber entschuldigen sie meine Unterbrechung der üblichen Höflichkeiten, suchten Sie etwas Bestimmtes, Gloria?"
„Um ehrlich zu sein, ja", gestand sie. „Haben Sie die Stille Klinge zusammengesetzt?"
„Bei nur zwei Teilen…", log Dumbledore, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Bitte, Professor", schüttelte Gloria den Kopf. „Ich weiß, dass Maria Ihnen alle Teile gegeben hat, und ich bezweifle, dass sie die Klinge nicht zusammengesetzt haben."
„Sie wollen sie zurück?"
„Bloß nicht", wehrte Gloria ab und unterstrich die Worte, indem sie ihm ihre Handflächen abwehrend entgegenhielt. „Ich hoffe, sie wird Ihre Chancen verbessern. Ich habe inzwischen begriffen, dass meine Fähigkeiten nicht ausreichen, um allein zu kämpfen. Ihnen jedoch, könnte die Klinge den entscheidenden Vorteil gewähren."
„Sie glauben also an Lord Voldemorts Rückkehr?"
„Ein Lord ist er nicht und war es nie", blitzte kurz die alte Gloria in ihr auf. „Aber lebendig ist er auf jeden Fall."
„Im Tagespropheten steht zwei Todesser hätten Sie nur angegriffen, weil diese mir geglaubten."
„Persönliche Erpressung des Zaubereiministers, der mir außerdem befohlen hat, Sie konspirativ aufzusuchen und mein Leid darüber zu klagen."
„Was unerwartet hinterhältig für Minister Fudge ist."
„Den Gedanken verdankt er wohl eher Untersekretärin Umbridge", stellte Gloria richtig. „Der Zaubereiminister ist in einer Mischung aus Angst, Paranoia und Realitätsverweigerung gefangen."
„Das mag wohl sein, doch welche Beweggründe bringen Sie dazu, mir davon zu berichten?"
Gloria nahm einen kleinen Schluck Tee und lehnte sich ein wenig zurück.
„Warum ich nach deren Pfeife tanze, statt alle Welt die Wahrheit zu erzählen?"
„So in etwa."
„Weil mir viel fehlt, um das zu überstehen", blieb Gloria nahe der Wahrheit. „Meine Familie besteht im Grund aus Todessern. Meine Freunde sind tot oder mit mir zerstritten. Was mich wertvoll für alle macht, ist meine neue Stellung im Ministerium. Stelle ich mich gegen das Ministerium, verliere ich diese und hab gar nichts mehr."
„Außer zwei oder drei kleine, jedoch sehr wichtige Unternehmen."
„Ich will hoch hinaus, Professor Dumbledore", erklärte Gloria ehrlich. „Da braucht ein Mädchen zuallererst Geld für die Garderobe. In der zweiten Instanz bin ich aber bereit mein Kleingeld auf sie zu setzen – und es ihnen unauffällig zur Verfügung zu stellen."
„Das ist überraschend großzügig von Ihnen, Gloria", staunte Dumbledore.
Und dabei kannte er nur ihre legalen Mittel. Sie lehnte sich ein wenig nach vorn und fixierte den Mann fest.
„Aber Sie trauen mir natürlich nicht, nicht wahr?"
„Nun, ich bin durchaus davon überzeugt, dass sie Voldemort bekämpfen wollen", lächelte Dumbledore freundlich. „Aber Ihre Beweggründe zu begreifen ist nicht leicht. Eine so ehrgeizige Frau wie sie, in einem so selbstlosen Kampf."
„Es ist alles andere als selbstlos", schaute Gloria ihn amüsiert an. „Aber ich dachte, Sie hätten damals begriffen, warum ich früher schon gegen ihn gekämpft habe."
„Ich ging davon aus, dass sie mehr gegen ihre Familie angekämpft haben."
„Auch ein Grund", gab Gloria zu. „Aber mein Hauptanliegen war schon immer, dass ich Zaubereiministerin werden wollte. Und zwar keine Marionette, sondern eine mit echter Macht, mit Zauberern und Hexen, welche mir aus Überzeugung folgen. Ich habe nichts zu schaffen mit diesen Zuchthengsten und –stuten, die nicht merken, dass sie in ihrer Inzucht immer weniger werden. Ich will jedes magische Talent in Großbritannien entdecken, ausbilden, anführen. Ich will unsere Zahl erhöhen, unsere Vielfalt und unserer Gesellschaft einen Sinn geben. Wir Zauberer und Hexen existieren als Gemeinschaft nur noch so dahin, Albus!" Die vertrauliche Anrede rutsche ihr einfach unbemerkt von den Lippen. „Wir haben keine wirklichen Ziele mehr, erforschen nichts, wagen nichts, sind so fixiert auf die Geheimhaltung, dass wir die Muggel nicht mal mehr heimlich anleiten oder vor groben Unfug bewahren. Stattdessen lassen wir einen besoffenen Kapitän mit seinem Tanker auf Grund laufen."
„Die Sache mit dem göttlichen Wundern ist leider zu oft schief gegangen, Gloria."
„Dann sollten wenigstens wir uns selbst weiterentwickeln. Wir brauchen Verbindungen zu anderen magischen Gemeinschaften, um nicht weiter im eigenen Saft zu schmoren! Wir brauchen Zauberer und Hexen, die in beiden Welten zu Hause sind. Wir brauchen Muggelgeborene, um uns nicht selber einzusperren."
„Die Todesser sind der Ansicht, dass wir die Muggel einfach beherrschen sollte", hielt der Professor pro forma entgegen.
„Und das Ergebnis wäre dann was, Albus?", verwendete Gloria diesmal absichtlich den Vornamen. „Irgendwann wird es ein Muggel schaffen, ein Mittel gegen Magie zu finden, und dann stünden plötzlich tausende gegen einen von uns. Abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen die Zaubergemeinschaft noch mehr spalten würde. So, und noch offener kann ich nicht mehr werden, Professor."
„Albus reicht völlig, Gloria", sagte Dumbledore freundlich und Gloria atmete tief durch. „Und nach dieser Rede denke ich wirklich ernsthaft daran, Ihnen nächstes Mal vielleicht meine Stimme zu geben."
„Nur vielleicht", gestattete Gloria sich ein leichtes Lächeln.
„Na ja, es könnte ja jemand eine noch bessere Rede halten."
„Aber wird der- oder diejenige auch so gut aussehen?"
„Das halte ich für unmöglich."
„Sagen Sie das nicht. Auch ich werde nicht jünger", schränkte Gloria ein. „Sie sollten mal mein Arsenal an Cremen und Mittelchen sehen. Was mich darin erinnert, dass Ihre Zeit ja noch deutlich beschränkter ist als meine. Eigentlich wollte ich Sie nur vor dem Ministerium warnen. Man plant etwas gegen die Schule. Ich persönlich denke, man will Ihnen einen Spion bzw. Aufseher unterschieben."
„Und wie?"
„Nun, wenn ich recht informiert bin, wird dem berühmten Showduellanten Vincent Florentino die Einreise verweigert werden und Jane Halley wurde bedeutet, dass die Sache mit dem Kometen noch nicht vergessen ist. Charles Luger hat man mit der Überprüfung seiner Sammlung gedroht und Klaus Ostwald wurde ein besseres Angebot in Amerika gemacht. Hab ich jemanden vergessen?"
Dumbledore sah sie fragend an, doch sein Lächeln war verschwunden.
„Ah, Veronice", erinnerte sich Gloria zum Schein. „Sobald ihr Name auf den Tisch kommt, werden einige besorgte Elternvertreter Amok laufen, weil ihr Veelaeinfluß die Kinder in einer kritischen Entwicklungsphase treffen würde."
„Sie sind gut informiert, Gloria."
„Was kein Wunder ist. Florentino hat sich offiziell beschwert, Jane Halley hat leider mit ihrem Angebot angegeben. Luger hat es seiner Frau erzählt, welche vor Angst dann die Wände hochgegangen sein soll – wortwörtlich, wenn man den Berichten glauben darf. Bei Ostwald war es eventuell wirklich nur Pech und Veronice war so besorgt um ihr Verhältnis zum Ministerium, dass sie vorsorglich in der Rechtsabteilung um Erlaubnis gefragt hat. Man hat es so durchsichtig abgelehnt, dass sie wusste, woher der Wind weht."
„Das muss nichts bedeuten", sagte Dumbledore, klang aber nicht gerade überzeugt.
„Möglich, wenn man diesen Ministeriumserlass außer Acht lässt", nickte Gloria und zog eine Abschrift von diesem Dokument hervor. „Mir wurde gestern befohlen, ihn zu entwerfen."
Dumbledore nahm das Schreiben entgegen und las es aufmerksam durch. Danach gab er es ihr zurück
„Gibt es denn mehr davon?", fragte er dabei und sein verschmitztes Lächeln schlich sich wieder auf seine Lippen.
„Keine Ahnung, aber ich wette, die 22 steht da nicht zum Spaß.", bestätigte Glenn.
„Und Sie haben vor, mich auch weiterhin vorab zu informieren?"
„Deshalb bin ich hier. Schließlich soll ich mich ja in ihr Vertrauen einschleichen. Ich bin aber gern bereit, Lücken hineinzuschreiben, falls Sie eine brauchen, Albus."
„Das Angebot nehme ich gern an. Aber auch wenn Ihre Vorwarnungen sehr willkommen sein werden, so habe ich eine andere Bitte an Sie, Gloria."
„Was immer Sie wünschen."
„Können Sie mir eine Erbaufstellung beschaffen? Sie haben sicher Zugang zu diesen Akten, oder?"
„Ja, habe ich", bestätigte Gloria sofort, obwohl so etwas illegal war und ihr die Anwaltslizenz kosten konnte. „Von wem?"
„Hepzibah Smith."
„Noch nie gehört. Schnell oder hat es ein paar Tage Zeit?"
„Es hat etwas Zeit. Unauffälligkeit ist wichtiger."
„Gut, das kommt mir entgegen. Ich denke, in zwei Wochen bekommen Sie ihre Abschrift."
„Das freut mich sehr zu hören und da dies geklärt ist, möchte ich mich erkundigen, wie es ihrem Mann und Sohn geht..."
Tarsuinn
Langsam und sorgfältig fühlte Tarsuinn die Runen nach, welche er gerade in die nagelneuen Ziegel gebrannt hatte.
„Was denkst du?", fragte er unsicher Marie-Ann. „Wenn ich diesmal Mist gebaut hab…"
„Könntest du bitte aufhören, dein Talent in Frage zu stellen, nur weil du ein paar Mal nicht ganz perfekt warst?", tadelte ihn das Geistermädchen und stemmt empört die Hände in die Hüfte.
„Ohne dich würde das Haus kein Luftmolekül hier rein lassen und ohne Rica würde die Tür jeden Maskierten erschlagen – auch an Halloween."
„Mag sein. Aber die letzten Tage habe ich das Gefühl, du bist absichtlich ein wenig zu gründlich."
„Das stimmt", gab Tarsuinn ehrlich zu. „Du gehst, wenn du hier fertig bist."
„Du wirst es aber nicht übertreiben, oder?", fragte sie ein wenig drohend.
„Ich werde dein Versprechen, uns zu helfen, nicht missbrauchen", beruhigte er sie. Eine saure Marie-Ann konnte ihm richtig Angst machen. Er hatte es erst gestern erleben dürfen. „Nur ein paar Stunden länger."
„Warum?", fragte sie verwundert. „Ich habe dir und deiner Schwester das Wichtigste beigebracht."
„Darum geht es doch gar nicht", schüttelte Tarsuinn den Kopf. „Ich war nur der Meinung, nach allem was dir passiert ist, stehen dir auch ein paar schöne Erinnerungen zu."
Er schaute das Mädchen offen an. Sie wusste, er hatte ihr Tagebuch gelesen und sie hatte etwas Besseres verdient. Für einen Moment sah Marie-Ann ihn verwirrt an, doch dann breitete sich ein warmes Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
„Du und Rica, ihr seid neben Nanny die liebsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe."
„Kannst du nicht bleiben?", bat er inständig.
„Ich bin müde, Tarsuinn", sagte sie leise und berührte ihn an der Wange. „Und meine Aufgabe ist erledigt, seit wir Sir Oliver durch den Schleier geworfen haben und dein Direktor Dumbledore die Hütte zu Staub verwandelt hat. Ich bin nur noch geblieben, um euch zu zeigen, wie sich eure Eltern reinigen können, wenn sie wieder weit genug sind, um es zu verstehen."
„Aber willst du nicht noch ein paar schöne Sachen mit uns erleben?"
„Die Antwort hast du dir eben selbst gegeben, Tarsuinn."
Einen Moment dachte er darüber nach und senkte dann traurig seinen Blick, der nur Geister und starke Magie sehen konnte.
„Erleben!", flüsterte er mit einem dicken Kloß im Hals.
Marie-Ann lächelte ihn freundlich an.
„Geister sind nicht wirklich kreativ und sie erinnern sich nur, sie lernen nicht. Und das Schlimmste ist, man empfindet kaum etwas. Im Grunde fühlt man immer nur so viel, dass man sich daran erinnert, was man vermisst. Möchtest du so existieren?"
„Nein", schüttelte er den Kopf und spürte Wasser in seine Augen steigen.
„Möchtest du, dass ich so weiter existiere?"
Zur Antwort wandte sich Tarsuinn wieder der Wand zu und kniete sich hin. Dann schrieb er die Endrune und aktivierte sie.
„Danke!", sagte Marien-Ann glücklich. „Sag deiner Schwester, ich habe die drei Wochen bei euch genossen und ich bin sehr dankbar, dass ihr es wart, die es beendet haben."
„Sehen wir uns wieder?", fragte Tarsuinn traurig.
„Vielleicht", meinte Marie-Ann. „Das ultimative Abenteuer wartet auf mich. Dahin zu gehen, woher noch nie jemand zurückgekommen ist."
Dabei spreizte sie die Finger zum Vulkaniergruß.
„Du hast viel ferngesehen, während wir geschlafen haben, nicht wahr?"
„Es ist echt hilfreich, ein Poltergeist zu sein, wenn man eine Fernbedienung rumliegen sieht."
„Und das, wo Rica es dir ausdrücklich verboten hat."
„Ich bin ein böses, viel älteres Mädchen!", lachte Marie-Ann.
„Ich hoffe, es gibt wirklich sowas wie Wiedergeburt und du wirst Rica zugeteilt."
„Das hat sie nicht verdient", kicherte das Mädchen. „Aber du solltest auf deine Kinder achten. Ich werde Himmel, Hölle und Magie in Bewegung setzen und dir ein wenig Stress machen."
„Wenn du das schaffst, bekommst du deinen Namen wieder."
Eine einzelne Träne rollte aus seinem Auge und bildete eine Linie, auf der weitere folgende konnten.
„Bleib, wie du bist, und mach deiner Schwester nicht zu viel Ärger. Ich bin dann nicht mehr da, um deinen Hintern zu retten."
„Alles Gute", schniefte Tarsuinn.
Sie umarmte ihn und dank ihrer Polterexistenz konnte er das richtig fühlen. Danach lösten sie sich voneinander und er sah sie nur still an. Minuten vergingen, ohne dass etwas geschah. Irgendwann verlor derjenige mit begrenzter Zeit die Geduld.
„Ich will dich nicht drängen, aber solltest du nicht langsam verblassen, oder so?"
„Vielleicht geht es nicht, wenn jemand zuschaut?!"
Tarsuinn drehte sich um und wartete.
„Hat es geklappt?", fragte er, nachdem er bis hundert gezählt hatte.
„Offensichtlich nicht!", maulte Marie-Ann. „Das ist anstrengender als Sterben."
„Aber eigentlich sollte es doch von alleine gehen, oder? Plopp, Puff – in deinem Fall Schwefelgeruch."
„Ich poltere dir gleich eine. Es müsste funktionieren, ich hab alles erledigt."
„Bis du dir da sicher?"
„Ich wüsste nicht, was da noch fehlt."
„Zähl einfach mal auf."
Tarsuinn sah, wie das Mädchen genervt die Augen verdrehte.
„Sir Oliver – erledigt. Die Hütte – pulverisiert. Wissen – vererbt. Den Abkömmling – beschützt. Einhorn – zurückverwandelt. Meine Schulden sind bezahlt."
„Irgendwas ist aber noch?"
„Nur was!?"
Tikki meldete sich vorwurfsvoll.
„Herzlichen Dank für die netten Worte", ätzte Tarsuinn.
„Was hat sie gesagt?", fragte Marie-Ann.
„Also, wenn man mal die freundlichen Kommentare über unsere Intelligenz herausfiltert, dann bleibt, dass wir an den Zuviel-Sehenden denken sollen."
Zwei Stunden nachdem Marie-Ann gegangen war, klingelte es an der Tür zu Cutters Zuflucht. Tarsuinn war allein zu Hause, trotzdem vertraute er darauf, dass Todesser nicht die Klingel benutzen würden, sondern mit einem magischen Vorschlaghammer eintraten. Außerdem half sein Bauchgefühl ihm sehr weiter.
„Guten Tag, Professor Dumbledore", war Tarsuinn ein wenig enttäuscht. Er hatte gehofft, seine Abwehrmaßnahmen an dem Professor testen zu können. „Professor Dumbledore ist hier willkommen", verwendete er die Erlaubnisphrase, um die Runen für den Direktor Hogwarts zu deaktivieren.
„Guten Tag, Tarsuinn. So förmlich heute?"
„Rica würde mir Brennnesseljäten in Ewigkeit aufbrummen, wenn ich an einem Gast die Verteidigung austeste."
„Welche Verteidigung?"
„Möchten sie Tee oder etwas essen?", ignorierte Tarsuinn die Frage, solange die Tür offen stand.
„Tee wäre schön."
„Gut, ich hab Stühle in den Garten gestellt."
„Woher wusstest du, dass ich heute komme?"
„Wusste ich nicht. Ich hab nur jeden Tag die Stühle rausgestellt. Irgendwer sitzt immer gern im draußen."
Er führte den Professor einen kleinen Umweg durch den Neubau. Das war Absicht. Schließlich war er selbst für den Abriss und einen guten Teil des Aufbaus zuständig gewesen. Auf den zweiten Teil davon war er auch sehr stolz.
„Es sieht gelungen aus", merkte der Professor pflichtbewusst an. „Erinnert mich irgendwie ein wenig an Hogwarts – obwohl es nicht danach aussieht."
Tarsuinn grinste breit.
„Marie-Ann hat uns einige Runenzauber beigebracht, welche auch für die Schule verwendet worden."
„Uns?", versuchte es der Professor erneut und diesmal befürchtete Tarsuinn keine Lauscher.
„Rica und mir. Sie ist viel besser als ich darin, auch wenn sie mehr als sechs Runen am Stück nicht aktiviert bekommt."
„Immerhin", erklärte Dumbledore und klang ehrlich erfreut.
„Was nichts ist, was Sie wirklich überrascht, Professor", war Tarsuinn ein wenig enttäuscht.
„Wenn eine Squib, ein blinder Junge, ein Mungo und ein Poltergeist gemeinsam einen Zauberstab kaufen – und sei es in Frankreich – dann ist das auch für Zauberer ungewöhnlich."
„Und wir sind dummerweise Ann über den Weg gelaufen?", fügte Tarsuinn hinzu.
„Dummerweise?", fragte der Professor und klang ein wenig unzufrieden.
„Na ja, es war schon toll, sie zu treffen. Aber sie hat sich so gefreut, dass halb Beauxbaton es mitbekommen hat."
„Dein Freund zu sein, hat ihr viel Sympathie in ihrer Schule gebracht und sie hat sich große Sorgen um dich gemacht. Sie hat mir sogar Briefe geschrieben und mir mitgeteilt, ich solle mich gefälligst um meine Schüler kümmern."
„Oh, sie ist eine wahre Diplomatin", lachte Tarsuinn. „Ich muss ihr meinen Dank schreiben."
„Könntest du dabei bitte erwähnen, dass ich meiner verdammten Pflicht nachgekommen bin? Sonst schickt sie mir beim nächsten Mal gleich den angedrohten Fluch."
„Ich hoffe, es wird in Zukunft nicht mehr nötig sein", gestand Tarsuinn. „So eine Renovierung ist kostspielig und nochmal nimmt uns die Nachbarschaft das mit der Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg nicht so einfach ab."
„Ich bin erstaunt, dass Sie es überhaupt haben – laut einiger Auroren musste sie nicht einmal nachhelfen."
„Bei dem, was das Ministerium alles nicht versteht, verstehe ich nicht, warum die Rica nicht mehr einstellen wollen."
„Vielleicht ist es im Moment besser so."
„Das sehe ich auch so", nickte Tarsuinn. „Aber Rica und Tikki sind sauer darüber."
„Warum deine Tikki?", erkundigte sich der Professor ernsthaft interessiert.
„Sie nennt Rica seit kurzen Mutbringerin, oder so ähnlich. Das Bild ist schwer zu erklären. Aber laut Tikki ist sie genau das, was das Ministerium gerade braucht. Sie hält die Leute da für ... na ja ... nett ausgedrückt, tollwütig."
„Ich bin sehr froh, Tikkis Weisheit erhalten geblieben ist und deine Verbindung zu ihr weiter besteht.", meinte der Professor. „Wie fühlst du dich so im allgemeinen?"
„Gut."
„Und die Träume?"
„Sind nicht komplett weg", gestand Tarsuinn verlegen. „Die Erinnerungen sind alle noch da und ein paar Neue sind dazu gekommen. Aber ich zerlege nicht mehr die Einrichtung. Ab und an habe ich sogar schöne Träume."
„Wie lange schläfst du?"
„Fünf, manchmal sechs Stunden. Ich bin dann aber auch wirklich ausgeschlafen."
„Das ist doch schon einmal ein Anfang – wahrscheinlich braucht es jetzt nur noch Zeit", freute sich Professor Dumbledore nur um dann leicht erstaunt zu sagen: „Kann es sein, dass ein Minderjähriger in diesem Raum Zaubern kann, ohne dass das Ministerium darüber informiert wird?"
„Wenn ja, ist rein zufällig und nicht mit Absicht herbeigeführt", kicherte Tarsuinn.
„Dir ist bewusst, dass du dieses Privileg nicht missbrauchen darfst – und das auch gefährlich sein könnte."
„Seien Sie ehrlich, Professor. Bei dem, was auf uns zukommt, spielt das da noch eine Rolle?"
Eine kleine Pause folgte.
„Nicht wirklich", sagte der alte Mann nach einer Weile.
„Kommen Sie jetzt mit in den Garten, Professor? Ich bin mit Angeben erst einmal fertig."
„Ich folge dem Hausherrn."
„Dann bitte hier entlang."
Tarsuinn führte den alten Zauberer durch die Terrassentür. Er vermutete, dass der Professor nicht wirklich von dem Irritationszauber betroffen war, aber er würde das versteckte Kompliment an Rica weitergeben.
„Wo ist denn Tikki?", fragte Dumbledore, nachdem er sich gesetzt und einen Schluck Eistee getrunken hatte.
„Sie versucht, Shy an die Zivilisation zu gewöhnen. Oder sich an Shy zu gewöhnen. Ich bin mir nicht sicher. Die Auswahl an Jagdgefährten ist hier sehr begrenzt."
„Eine pragmatische Einstellung. Du bist ihr durchaus ähnlich."
„Denken Sie?"
„Sicher. Nicht so sehr wie deine Schwester, aber doch mehr als üblich. Deshalb frage ich mich auch, was sich wirklich in der Hütte abgespielt hat, bevor Professor Vaughan und ich aufgetaucht sind. Silvio Adimere in die Familie aufzunehmen zeugt von…"
„…Großmut…"
„…Schuld!"
Da konnte Tarsuinn nicht widersprechen. Also stritt er es nicht ab. Er kommentierte es aber auch nicht.
„Wie hast du das gemacht?", fragte der Professor. „Um ehrlich zu sein, ich frage mich dies schon seit Wochen. Es braucht Jahre, nein, Jahrzehnte, um das zu bewerkstelligen, was mit deinen Eltern und vor allem deiner Schwester geschehen ist."
„Sie wissen von Rica?"
„Sie hat mich nachzusehen lassen. Ihre Träume fühlten sich verändert an."
„Ich hatte den Narren gebeten, eine Kleinigkeit aus ihrer Vergangenheit vergessen zu machen."
„Gebeten?", zweifelte Dumbledore.
„Okay", gab Tarsuinn nach. „Ich hab es mit ihm ausgehandelt."
„Es wäre sehr nett, wenn du das genauer erklären könntest."
„Na ja, der Narr verlangte, dass ich ihn umbringe."
„Ähem, verzeih einem alten Mann", fragte der Professor erstaunt. „Er wollte was?"
Tarsuinn musste tief durchatmen.
„Er wollte sterben und weder Dementor noch eine verfluchte Seele werden. Er hat ein Einhorn getötet und sein Blut getrunken, er hat Grigori Noiturspa ermordet, dessen Erinnerung gestohlen und seinen Unberührbaren Zauberstab an sich genommen."
„Er wollte, dass du ihn tötest?"
„Ja."
„Warum du?"
„Weil nur ich ihn von der Magie trennen konnte. Er hat selbst dafür gesorgt, dass ich es kann. Er hat mir das Buch geschenkt, in dem die Zauber stehen. Ich hab mich bereit erklärt, es zu tun, und im Gegenzug musste er einige Gedächtniszauber ausführen. Beim Letzten – den für Jean – habe ich ihn betrogen. Der Zauberstab hat den Amnesie-Zauber reflektiert und die Stille Klinge seine Schutzzauber unwirksam gemacht."
Der Professor saß einige lange Minuten schweigend neben Tarsuinn. Er konnte den Widerwillen des Mannes spüren.
„Du hast verlangt, dass deine Eltern… zurückgestuft werden."
„Ja, ich hab sie töten lassen", sprach Tarsuinn die Wahrheit laut aus. „Im Grunde genommen."
„Warum?"
„Weil Sie es waren, die Rica entführt haben. Weil sie Banefactor bei seinem Tun geholfen haben. Weil sie das Ritual in meine Schwester eintrichterten. Weil sie es selbst nutzen wollten. Weil sie Einhornblut getrunken haben. Und weil sie höchstwahrscheinlich Regina, Vivian und Jean getötet hätten, nur um nicht gefunden zu werden. Sie waren so voller Angst und ihnen drohte Askaban oder – noch schlimmer – Banefactor", Tarsuinn spürte, wie er ein wenig zornig wurde.
„Sie haben alles versaut, sie hätten sich nicht geändert und sie hätten denselben Fehler immer und immer wieder gemacht. Außerdem wären sie aufgewacht, sobald ich den Narren von der Magie getrennt hätte – und was hätte ich dann machen sollen?! Sie umbringen? Bis auf Tikki war da niemand, um mir zu helfen, und Sir Oliver lauerte im Hintergrund. Also werfen Sie mir nicht…"
„Ich werfe dir gar nichts vor, Tarsuinn", unterbracht Dumbledore ihn unerwartet sanft.
„Nicht?", war der Junge verwirrt. Sein Zorn verflüchtigte sich ein wenig. Er erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte all das Rica zu erzählen und wie schwer es seiner Schwester gefallen war, den Umstand zu verkraften, dass ihre Eltern dank Tarsuinn Kinder waren.
„Wieder bist du in einen Schlamassel geraten, den Erwachsene angerichtet haben. Und auch wenn ich ein wenig geschockt bin, weiß ich im Moment nicht, was du hättest anders machen können."
„Ich hätte gleich den ersten Gedächtniszauber reflektieren können", gestand Tarsuinn leise ein. „Nicht den Vierten."
„Möglich", fand auch Dumbledore. „Aber Silvio zu schwächen, war keine dumme Idee. Du hast viele Stunden Zeit geschunden und ohne die Stille Klinge und den Zauberstab den er missbrauchte..."
„…hätte es niemals geklappt. Außerdem musste auch noch Shy die Seite wechseln, denn er hat meinen Zauberstab von Banefactor zurückgestohlen und ihn mir gebracht."
Wieder entstand eine längere Pause.
„Wie passen eigentlich…", begann Dumbledore.
„Woher wussten Sie…", sagte Tarsuinn gleichzeitig.
„Du zuerst", lachte der Professor freundlich.
„Woher wussten Sie, dass ich die Stille Klinge brauchen würde? Sie lag so offen herum, als würde sie auf mich warten."
„Um ehrlich zu sein, sie lag nicht für dich bereit. Ich hatte sie herausgelegt, falls sie gegen Voldemort gebraucht wird."
„Tut mir leid, dass sie wieder zerbrochen ist und die Teile verschwunden sind."
„Sie hatte ihren Nutzen und sogar, ohne jemanden zu töten. Mach dir deshalb keine Sorgen. Gegen Voldemort wäre sie nur teilweise hilfreich gewesen."
„Aber nützlich."
„Nun, ich denke, ein lebender Tarsuinn ist mehr wert als ein weiteres Tötungsinstrument auf dieser Welt."
„Es wäre ein Schuss ins eigene Knie, wenn ich das abstreite, oder?"
„Tarsuinn!", offensichtlich beugte sich der Professor ein wenig nach vorn. „Du bist am Leben. Dein Geist ist frei, du hast eine liebevolle Familie und tolle Freunde. Du solltest nicht so bedrückt sein."
„Ich bin nicht wirklich traurig. Ich…" Tarsuinn suchte die richtigen Worte. „…ich denke, die ganze Zeit an Jean und ob es nicht besser gewesen wäre ihn auch zu lobotomisieren."
„Weil er dich töten wollte?"
„Sie wissen davon?"
„Vivian hat es mir erzählt."
„Jean ist ein Sadist", sagte Tarsuinn flüsternd. „Er macht mir Angst, weil ich ihn nicht verstehen kann. Und er ist…"
Hätte Shy nicht herkommen können? Er brauchte dringend Tikkis Rat und das ging über mehrere Kilometer Entfernung einfach nicht. Wie sollte er irgendjemanden sagen, wer Jeans Mutter war? Wie sollte er es nur Tante Glenn… sollte er überhaupt?
„Ja?", fragte Professor Dumbledore leise.
„…er ist so, wie der Narr war. Primitiver, aber auch brutaler."
„Hast du je seine Eltern kennen gelernt?"
Beinahe hätte Tarsuinn ja gesagt.
„Ich hatte noch nicht das Vergnügen."
„Von Vergnügen kann sicherlich keine Rede sein", korrigierte Dumbledore. „Der Familie Leraux zu treffen, ist wie ein Notbesuch beim Zahnarzt ohne Betäubung – nur nicht so erfreulich. Und in Zukunft sind sie wahrscheinlich noch gefährlicher!"
„Todesser?"
„Noch nicht. Weißt du, was ein Opportunist ist?"
„Jemand der beim jeweils gerade Mächtigen brown-nosing betreibt?"
„Deine Wortwahl ist zwar recht unerfreulich, aber trifft den Punkt durchaus. Bei den Lerauxs bin ich sogar sicher, dass sie sich in beide Richtungen absichern. Was bei ihnen jedoch viel mehr Sorgen macht, ist, dass sie ihre sogenannte Ehre sehr ernst nehmen und in jedem Widerspruch oder anderer Meinung gleich eine persönliche Beleidigung erkennen. Sie haben die Hogans und Kosloffs bedrängt, gegen dich und deine Familie Klage zu erheben."
„Offensichtlich ohne Erfolg. Haben wir das Ihnen zu verdanken?"
„Nein. Eher Vivian und ihrer Familie."
„Wir sind ein Clan", verstand Tarsuinn.
„Korrekt. Und Vivian hat Regina von ihrer Meinung überzeugt. Die Mädchen haben beide felsenfest behauptet, dass es nur ein Spiel gewesen wäre und sie sich alles nur ausgedacht hätten. Eine Hütte aus Zweigen war ihr Dunkle Akademie. Ein streunender Köter ihr Höllenhund, Reginas Hausgeist der Evil Overlord™ und ein paar Gartengnome die gegnerische Armee. Aber dann hat Jean das Spiel irgendwie ein wenig zu ernst genommen. Was auch an ein paar Beeren liegen könnte, welche sie im Wald gegessen haben."
„Und das wurde ihnen geglaubt?"
„Wohl kaum. Aber die Mädchen haben angedeutet, dass Jean zudringlich geworden ist. Das fanden dann ihre Väter nicht so toll – und wollten sich irgendwelche zusammenfantasierten Geschichten nicht anhören."
„Vivian ist der wahre Evil Overlord, Professor", war sich Tarsuinn sicher und auch ein wenig bewundernd. „Sie hat es also abgebogen, Jean diskreditiert und Regina im Griff?"
„Im Moment. Trotzdem wissen alle drei mehr, als gut ist. Für sie selbst und für dich."
„Meine Lösung kommt nicht in Frage, oder?"
„Du kannst nicht die ganze Welt korrigieren, indem du das Gehirn manipulierst."
„Mit mir sollte es doch auch gemacht werden und sie wollten es zulassen."
„Ich gebe zu, das ist ein wunder Punkt in meiner Argumentation. Aber bei dir wäre es von einem wahren Fachmann ausgeführt wurden. Es sind diese schnellen Zauber, die Probleme bereiten. Vor allem, wenn sie einen langen Zeitraum umfassen. Es schädigt das Hirn und kann Verhaltensänderungen auslösen. Egal wie gründlich und vorsichtig Silvio bei deinen Eltern war, es hat ihr Gehirn geschädigt und wahrscheinlich werden sie nie wieder ganz normal."
„Ich weiß", gestand Tarsuinn. „Medir hat es mir schon in aller Ausführlichkeit erklärt."
Mit einem gewissen Unterton. Zum Glück hatte Rica ihm nicht die komplette Geschichte erzählt. Das hätte sicherlich noch einem Vortrag über Moral und Ethik nach sich gezogen. Aber er war deutlich gewesen. Nathara und Dour hatten die Chance wieder erwachsen zu werden. Banefactor hatte sich bei ihnen Zeit genommen, trotzdem würden seine Eltern wohl das werden, was man schusslig nannte. Mindestens. Beim Narren sah es schlimmer aus. Leraux hatte ein sehr schnelles Tabula rasa bekommen sollen. Und den hatte nun sein neuer Opa selbst abbekommen. Laut Medir hatte es den größten Teil seines Erinnerungsvermögens wortwörtlich weggebrannt.
„Hast du es auch verstanden, Tarsuinn?", frage Dumbledore eindringlich. „Das ist sehr wichtig. Man kann sich nicht die Menschen mit Magie zurechtbiegen. Dies ist genau das, was die Todesser und Voldemort mit Angst und Hass versuchen. Wenn wir anfangen jede andere Meinung auf diese Weise zu ändern, dann sind wir nicht besser als sie!"
„Aber was soll man dann mit überführten Todessern machen? Einsperren und in Askaban in den Wahnsinn treiben? Macht sie das etwa zu besseren Menschen?"
„Ich sage nicht, dass ich Askaban für richtig halte. Einsperren und durch Überzeugung ändern, wäre meine Wahl."
„Und hat das schon mal funktioniert."
„Mehr als einmal. Direktor Karkaroff zum Beispiel."
„Und Professor Snape?"
„Ja, auch Professor Snape", bestätigte Dumbledore und klang nun ein wenig fröhlicher. „Doch nicht nur die beiden. Nehmen wir zum Beispiel eine gewisse Toireasa Keary. Dieses Mädchen hatte einen wirklich dunklen Weg betreten und fand dann mit ein wenig Hilfe wieder zurück. Am Ende war sie sogar bereit für einen ehemaligen Feind alles zu riskieren. Denkst du, sie wäre die Person geworden, die sie jetzt ist, wenn man einfach nur ihr Gehirn zurechtgewurschtelt hätte? Glaubst du, ohne ihre dunkle Seite, wäre sie in der Lage gewesen, dir zu helfen? Wäre sie dann überhaupt die Toireasa, die du kennst – und liebst?"
„Sie haben auch eine dunkle Seite, Professor", beschwerte sich Tarsuinn.
„Wenn ich nur so zu dir durchdringen kann?!"
Unangenehm berührt kaute der Junge auf seinen Lippen. Er wusste, er würde in einer Diskussion mit Dumbledore verlieren, aber ein kleiner böser Zwerg in seinem Kopf – nicht der Narr – hielt seine Lösung für Mörder für viel besser. Eine zweite Chance statt Rache – war der Gedanke nicht verführerisch und humaner? Aber andererseits zog das Toireasa-Argument ziemlich gut.
„Sie hatten vorhin auch etwas fragen wollen, Professor?", lenkte er ab.
„Ja, das hätte ich beinahe vergessen", erwiderte Dumbledore und schien unzufrieden, weil er keine eindeutige Antwort bekam. „Ich weiß noch immer nicht, wie einige Puzzleteile in deiner Geschichte zusammenpassen und bin dann doch recht neugierig, ob du alles etwas ordnen könntest."
„Was wollen Sie denn wissen?"
„Na wie zum Beispiel deine Eltern in die Hütte gekommen sind, was mit Rica in der langen Zeit passiert ist, warum sie auf die drei Slytherins zurückgegriffen haben? Wie sie alle täuschen konnten? Selbst deine Schwester, Tikki und dich."
Tarsuinn dachte einen Moment nach.
„Das meiste habe ich mir nur zusammengereimt. In der Hütte war ich nicht gerade an der gesamten Geschichte interessiert", gestand er. „Aber ein paar Fragen, kann ich relativ sicher beantworten. Wollen sie es hören?"
„Ich bitte darum. Vielleicht haben wir beide das Gleiche geschlussfolgert, wo unser Wissen nur Vermutung ist."
„Okay", sammelte sich kurz Tarsuinn. „Also, wenn ich es richtig verstanden habe, hatte Banefactor meine Eltern jahrelang gefangen gehalten und gefoltert. Letzte Sommer hat er sie dann freigelassen, wenn sie mich für ihn ausspionieren und mich beschützen. Genau wie zuvor Patsy.
Ich bin mir ziemlich sicher, das hätte er nicht gemacht, wenn ihm klar gewesen wäre, dass Rica das Ritual kannte."
„Moment", unterbrach Dumbledore. „Welches Ritual?"
„Banefactors Ritual der Übertragung natürlich. Meine Eltern haben es bei Rica ins Unterbewusstsein verankert, um das Wissen vor Banefactor zu verstecken. So konnte dieser es nicht finden, als er sie gefangen nahm."
„Das hat mir deine Schwester nicht erzählt", erklärte der Professor leise.
„Falls sie bei ihr waren, bevor ich aus St. Mungos raus war, konnte sie das gar nicht.", nahm Tarsuinn seine Schwester in Schutz. „Wir glauben im Übrigen, dass das der Grund ist, warum wir beide so gut mit Alten Runen umgehen können. Meine Eltern haben ihr das Wissen intensiv eingetrichtert und sie hat es ihrem kleinen Bruder wie bei einem Spiel weitergegeben. Ich weiß es nicht. Aber ich träume inzwischen manchmal davon."
Das diese Träume wohl Erinnerungen von Tary waren, verschwieg er lieber, denn er wollte nicht, dass schon wieder jemand dachte, er hätte einen kleinen Mann im Kopf.
„Und?", fragte Professor Dumbledore weiter, als Tarsuinn ihm wohl zu lange schwieg.
„Ich könnte mir in den Ar... Hinter beißen, weil ich es nicht vorher bemerkt haben", erklärte er. „Es war einfach so selbstverständlich für mich, dass Rica alles kann."
„Was meinst du?"
„Das Rica das Tagebuch lesen konnte", erklärte Tarsuinn beschämt. „Es war doch komplett in Runen geschrieben und da ist echt kompliziertes Zeug dabei. Mir ist nie der Gedanken gekommen, dass das sehr seltsam war. Was haben Sie denn gedacht, als sie es erfahren haben?"
„Ich wusste gar nicht, dass sie es gelesen hat", gestand der Direktor. „Ich hatte ihr nur eine grobe Zusammenfassung zukommen lassen und meine Meinung dazu mitgeteilt."
„Na ja, egal", zuckte Tarsuinn die Schultern. „Ich glaube nicht, dass dies viel geändert hätte. Was ich aber glaube, ist, dass meine Eltern am Anfang wirklich Banefactors Auftrag ausführen wollte und uns beschützten. Wahrscheinlich sahen sie keine andere Möglichkeit. Bis wohl Sir Oliver an sie herantrat und sich ihnen neue Chancen eröffneten."
Hier machte Tarsuinn eine kurze Pause und überlegte.
„Ja, ich denke, so rum war es. Ich hatte Sir Oliver mit den anderen Geistern freigelassen. Sie haben mich sicher beobachtet. Sie haben wahrscheinlich gesehen, dass das Verhältnis zu meinen Eltern eher kühl war. Dann die Todesser zur WM, das Dunkle Mal – ich kann mir vorstellen, dass das Versprechen, von Sicherheit und Schutz für uns, verführerisch gewesen sein muss."
Hier wusste Tarsuinn für einen Moment nicht weiter.
„Was glaubst du, haben sie als Nächstes gemacht?", forschte der Professor.
Innerlich wandt der Junge sich ein wenig.
„Ich denke, sie haben Vivian und Regina von der Dunklen Akademie und deren Möglichkeit begeistert und sie dann dazu benutzt, um Wissen aus Hogwarts, ihren Familien und Durmstrang zu stehlen. Immerhin haben wir damals deren Bibliothek vernichtet – oder zumindest Teile davon – und außerdem brauchten sie auch aktuellere Bücher. Die Mädchen haben dann aus irgendeinem dummen Grund Leraux eingeweiht. Und der…"
„Ja?", fragte Dumbledore nach einer Weile, als Tarsuinn nicht weitersprach.
Es tat Tarsuinn innerlich weh, es zu sagen.
„Ich glaube, meine Eltern haben Leraux damit geködert, er könnte zu ihrer Familie gehören. Er hat sowas gesagt, als wir… als mich Tikki dazu brachte, sie nicht zu verbrennen."
„Davon hast du bisher noch nichts erzählt", sagte der Professor sanft. „Und Vivian auch nicht."
„Wir alle waren ziemlich aufgeregt in dem Moment."
„Und es beschäftig dich noch mehr, oder?"
„Ja", bestätigte Tarsuinn. „Meine Eltern haben die drei nicht das Einhornblut trinken lassen und ich denke nicht, dass sie dies getan haben, weil sie die mochten. Meine Eltern wollten, dass Rica und ich lernen, mächtig werden. Sie wollten, dass Rica das Ritual richtig erlernt. An wen hätten wir das in dieser unauffindbaren Hütte ausprobieren sollen?"
„Du denkst, deine Eltern wollten…"
„Ja, das denke ich."
„Warum?", erkundigte sich Dumbledore und diesmal klang seine Stimme nicht mehr so sanft. Aber dies bezog sich zum Glück nicht auf Tarsuinn. Vielleicht verstand der Professor jetzt?
„Patsy", antwortet Tarsuinn und erklärte dann weiter. „Ich hatte ihr doch an Silvester befohlen, dass sie ab Mitternacht keine Befehle mehr annehmen soll. Nun, meine Eltern haben das erkannt und ihr noch vor Mitternacht einige Befehle gegeben, welche meine Anweisungen für Patsy aushebelten. Sie haben natürlich ihre Unsicherheit ausgenutzt und erklärt, es wäre alles zu meinem Schutz, weil ich doch so unvernünftig bin. Durch Patsy wussten sie immer, wo ich war und was ich tat. Sie haben ihre Gutmütigkeit komplett korrumpiert. Als ich sie dann losschickte, um sie, Professor und alle anderen zu informieren, apparierte sie nach Hause, wo sie zunächst Medir und den falsche Grigori fand und danach suchte sie meine Eltern auf. Sie befahlen ihr den Raum, in dem sie gerade waren, nicht mehr zu verlassen. Dadurch, dass sie Patsy befehlen konnten, musste sie durch diesen blöden Bindungszauber gehorchen."
„Ich kann mich aber deutlich daran erinnern, dass eine ziemlich aufgeregte Elfe mich von einem recht wichtigen Treffen wegzog", merkte der Professor an. „Wie hat sie das denn geschafft?"
„Na ja", gestand Tarsuinn und musste ein wenig Stolz grinsen. „Um diesen blöden Bindungszauber für Elfen auszutricksen, habe ich ihr Kleidung zur Verwahrung gegeben. Diese werden zu einem Geschenk, wann immer sie diese auspackt. Das hatten meine Eltern anscheinend nicht bedacht. Und sie haben auch nicht begriffen, dass Patsy nur unsicher, aber sicher nicht blöd ist. Sie hat sich nach einiger Zeit gefragt, was daran sinnvoll sein soll, niemanden mehr etwas zu sagen. Immerhin hatte ich betont, sie, Professor, sollen in ihrem Büro unbedingt etwas suchen. Es hat nur ein wenig gedauert, ehe sie sich dazu durchringen konnte frei zu sein und das Richtige zu tun."
„Das nenn ich mal eine wirklich kreative Aushebelung eines Schwurs", meinte der Professor und das ehrliche Lob tat Tarsuinn gut. „Ist deine Patsy immer noch frei?"
„Nein", schüttelte er traurig den Kopf. „Rica und ich haben uns tausendmal bei ihr bedankt und wollte ihr jeden Wunsch erfüllen, aber sie hatte leider nur den einen."
„Nun ja, vielleicht beim nächsten Mal", meinte Dumbledore. „So ein Gedanke muss reifen."
„Ja", nickte Tarsuinn. „Es hat auch Patsy gerettet, denn meine Eltern wollte nicht zurückkehren. Ich denke, ohne das Geschenk wäre sie ewig in dem Raum geblieben."
„Und deshalb vermutest du, deine Eltern hätten auch Vivian und die anderen beiden geopfert."
„Ja!"
„Denkst du nicht, dass du zu hart bist?"
„Nein", erklärte er fest. „Für meine Eltern waren nur sie selbst und ihre Angst wirklich wichtig. Sie haben mir gesagt, dass Ricas Glück mit Medir sie nicht interessiert. Es war ihnen egal, was wir beide wollten. Hauptsache weg vom Wohltäter, von Voldemort und sie hätten sogar auf mich verzichtet, wenn sie am Ende nicht so riesige Angst vor Rica gehabt hätten."
„Das musst du mir jetzt aber näher erklären", sagte der Professor erstaunt. „Du hast doch erzählt, deine Schwester kann maximal sechs Runen aktivieren. Soweit ich mich erinnere, entspricht das einen Zauber der ersten Klasse, wahrscheinlich eher weniger. Damit wären doch deine Eltern spielend fertig geworden."
„Wenn ich es ihnen sagen, versprechen Sie mir diese Information niemals in ein Denkarium zu tun, Professor?!", verlangte er fest.
„Ja", war die einfacher Antwort.
„Gut", sagte Tarsuinn. „Rica hat mich zwar gezwungen, es ihnen zu sagen, aber mit der Zusicherung ist es mir deutlich lieber. Also … es ist so ... für das Ritual braucht man eine Emphatin. Rica ist eine."
„Das vermutete ich fast."
„Auch das sie eine aktive Emphatin ist?", flüsterte Tarsuinn.
Es war das erste Mal, dass er einen geschockten und wirklich sprachlosen Professor Dumbledore fühlte. Er hörte, wie der Mann sich in dem Gartenstuhl zurücklehnte und mit diesem Wissen rang.
„Rica ist viel wichtiger als ich", sagte Tarsuinn nachdrücklich, ohne über ein Flüstern hinauszukommen. „Und sie will Ihnen helfen. Und sie kann es auch. Ich kann nur kämpfen und Zauber pervertieren. Rica kann überzeugen. Herzen und Verstand erobern."
„Ihre Hilfe anzunehmen, würde bedeuten, sie in Gefahr zu bringen", sagte Dumbledore nachdenklich. „Möchtest du das denn, Tarsuinn?"
„Was ich möchte, ist völlig irrelevant", erwiderte der Junge nur. „Wenn ich Rica sagen: Ich mach das! Das ist das Richtige! Dann lässt sie mich gehen. Wenn Rica es nun sagt, muss ich das genauso akzeptieren."
„Das ist keine leichte Entscheidung", brummte Dumbledore und Tarsuinn wusste, dass der Mann gerade wie ein Samurai aus alter Zeit zwischen Pflicht und Gefühl hin und her gerissen wurde.
„Sie brauchen sich nicht zu beeilen. Rica hat es noch nicht komplett unter Kontrolle, aber wir werden intensiv üben."
„Ich werde dabei helfen, wenn ich kann – und mein Rat willkommen ist", bot der alte Mann an. „Darf ich dich jedoch noch etwas fragen? Etwas, was damit zusammenhängt?"
„Ja."
„Warum bist du ins Koma gefallen? War das deine Schwester?"
„Ja", erwiderte Tarsuinn unangenehm berührt. „Um Rica möglichst leise zu entführen, haben Ma und Dad ihr einen Schlaftrank ins Trinken getan. Etwas, was sie mehr als nur schlafen lässt. Das hat auch gewirkt, aber recht langsam und als sie dann merkte, wie ihr Einfluss auf mich schwand und mir ohne ihre Hilfe die Kontrolle entglitt. Da hat sie mich instinktiv…"
Tarsuinn konnte nicht weitersprechen. Inzwischen hatte er erfahren, was er beinahe getan hatte und wenn er daran dachte, fand er es so erstaunlich, dass Toireasa trotzdem in seinen Alptraum getreten war.
„…schlafen geschickt", vollendete Dumbledore den Satz.
„Nein", schauderte Tarsuinn. „Sie hat mich abgeschaltet. Einfach so."
Er schnippte mit dem Finger.
„Sie hat damit dein Leben und mindestens das von Toireasa gerettet", betonte der Professor verständnisvoll. Seine Finger berührten ihn leicht an der Schulter. „Sie hat getan, was richtig war."
„Ich weiß", sagte er und entzog sich der Berührung. „Aber hätten sie gern einen Ausschalter?"
Tarsuinn stand auf und ging ein paar Schritte durch den Garten. Er wollte nicht mehr reden. Er wollte auch, dass Professor Dumbledore ihn im Moment in Ruhe ließ. Doch leider wusste er, dass es noch eine Sache gab, welche der Direktor hier erledigen musste.
„Können wir ein anderes Mal weiter darüber reden. Sie wollen heute doch eigentlich in meinen Kopf schauen, nicht wahr?", sagte Tarsuinn und bemühte sich um eine feste Stimme. „Nachsehen, ob der Narr wirklich weg ist oder wieder nur mich täuscht."
„Ich werde es nicht gegen deinen Willen tun", bestätigte Dumbledore. „Deine Schwester ist einverstanden und ich denke, auch dir würde es Sicherheit geben."
„Haben Sie Toireasa auch…"
„Ich werde sie übermorgen am Nachmittag aufsuchen. Dann…"
„Das geht nicht", unterbrach Tarsuinn schnell.
„Nicht?"
„Nicht übermorgen, bitte."
„Warum?"
„Na ja, weil…", Tarsuinn wusste, es klang seltsam. „…weil es dann regnen soll und weil es Toireasas erster Tag in Freiheit ist. Besuchen Sie sie doch einfach im Knast. Der genaue Zeitpunkt ist ja völlig unerheblich."
„Oh, ich verstehe", lachte der Dumbledore freundlich und Tarsuinn spürte, wie seine Ohren brannten. „Ich werde schauen, ob ich meinen Terminplan ein wenig umstellen kann."
„Dann bin ich jetzt bereit, Professor", versprach Tarsuinn im Gegenzug. „Bringen wir es hinter uns. Aber zerwurschteln sie mir nicht das Hirn. Rica hat mit drei Kleinkindern schon genug zu tun."
„Und was, wenn das meine zerwurschtelt wird?", beschwerte sich Dumbledore mit gespieltem Ernst.
„Ich denke nicht, dass der Unterschied irgendjemanden auffallen würde", musste Tarsuinn wider Willen lachen.
Kurze Zeit später verließ Tarsuinn Cutters Bruchbude, um Tante Glenn zu besuchen und Tikki wieder nach Hause zu holen. Er schloss hinter sich ab, formte die Sicherheitsrune, um sein Heim auch magisch zu sichern, und ging dann mit einem Blindenstock bewaffnet Richtung Bushaltestelle. Den Weg kannte er inzwischen so gut, dass er ihn auch ohne Tikki gehen konnte. Das mit dem Stock war zur Übung.
Er war gerade dabei einen dieser kleinen Anwohnerparks zu passieren, die es hier überall zwischen den Häusern gab, als eine leise Stimme und ein Gefühl ihn zögern ließ. Langsam betrat er den nächstgelegenen Park und setzte sich auf die erste Bank gleich hinter dem Eingang.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du nochmal mit mir reden willst", fand Tarsuinn.
„Ich musste einfach", erwiderte Vivian. „Nachdem Professor Dumbledore mir sagte, vor was du uns gerettet hast, blieb mir keine Wahl."
„Ich bin durch die Sache nur gestolpert und ohne Tikki wäre alles sicherlich übler ausgegangen. Ich hätte euch drei beinahe abgefackelt."
„Dann dank ihr von mir."
Das Mädchen klang seltsam ehrlich und irgendwie… bescheiden. Das war ihm sehr unangenehm.
„Ich muss dir auch danken. Wie ich hörte, hast du Jean und seine Eltern auflaufen lassen."
„Ich hätte dafür sorgen sollen, dass sie den Psycho in die Klapse verfrachte", fluchte das Mädchen plötzlich heftig. „Dieser Arsch! Aber seine Eltern sind keinen Deut besser. Eher im Gegenteil. Sie haben ihn mit Magie geschlagen, als Regina gewisse Andeutungen machte."
„Wenn ich mich recht erinnere, waren die gar nicht aus der Luft gegriffen."
„Ja, aber Regina hat das damals zugelassen, um Jean, na ja, damit er uns hilft. Doch Mr Leraux hat gar nicht erst gefragt, wie es wirklich war."
Betreten schwieg Tarsuinn eine Weile.
„Er hat Reginas Lüge gar nicht erst angezweifelt?"
„Keine Sekunde. Der Zauberstab saß ziemlich locker."
„Das ist heftig."
„Ja, meine Eltern sind auch sehr streng, nicht so weich wie deine, aber sowas würden sie nie tun. Ich hätte beinahe geschrien, vor allem da Mr Leraux mich und Regina angesehen hat, als er Jean mit seinen Zaubern schlug."
„Du hast Angst, nicht wahr?"
„Eine riesengroße Scheißangst.", sagte Vivian und ihre Stimme zitterte ein wenig.
„Kann ich dir helfen?", bot Tarsuinn zu seinem eigenen Erstaunen an. Blöder Dumbledore. Musste das Gespräch nur so kurz zurückliegen?
„Meinst du das ernst?"
„Wir sind ein Clan", lächelte Tarsuinn bitter. „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen."
„Hast du dir gut gemerkt", lachte Vivian kurz auf, doch das hielt nur eine Sekunde. „Nein, ich denke noch immer, dass es besser für uns beide ist, wenn wir uns nicht mögen. Ich wollte dich eigentlich nur warnen. Die Leraux sind allesamt ein kranker Haufen und mit meinen Eltern ist auch irgendwas los."
„Voldemort?!", dachte Tarsuinn einfach laut.
„Sprich nicht seinen Namen aus! Er merkt das!", fauchte Vivian ihn dafür an. „Ich weiß es nicht genau, ob er es wirklich ist. Aber nach Dumbledores Ansprache zum Schulende und Cedrics Tod ist alles irgendwie anders. Meine Eltern haben mir den Umgang mit Verwandten und Freunden zweifelhafter Herkunft verboten. Wenn Sie wüssten, dass ich mit dem Direktor gesprochen habe, würden sie mir wahrscheinlich zehn Jahre Stubenarrest geben."
„Tut mir leid für dich", meinte Tarsuinn ehrlich. Er konnte sich nicht vorstellen, von Rica jemals auf diese Weise eingeschränkt zu werden – zumindest nicht so lange. „Steht wer auf der Liste, den du magst?"
„Das geht dich nichts an."
„Aber du bist angepisst?!"
„Wer wäre das nicht? Ich meine, ich will ausgehen, mich mit Freunden treffen und nicht das meine Eltern mir eine gute Partie aussuchen."
„Sie haben sicher den perfekten Slytherin für dich rausgesucht, oder", grinste Tarsuinn.
„Natürlich. Du stehst auch auf der Wünschenswert-Liste."
„Ich?" Ihm lief es eiskalt den Rücken runter. „Sehr schmeichelhaft, aber nein."
„Gott, es tut gut dich mal ängstlich zu sehen", kicherte Vivian. „Keine Sorge, ich kann dich nicht leiden. Ich hab beschlossen, mich nur noch unter geistig stabilen Typen umzusehen."
„Na dann viel Glück in Slytherin. Mir fällt da außer William niemand ein."
„Okay - ist notiert."
Tarsuinn hatte das Gefühl, dass er da eben jemanden ans Messer geliefert hatte.
„Sei nett", bat er.
„Genau das ist mein Plan.", entgegnete Vivian.
„Bitte keine Details", murmelte Tarsuinn. Seine Träume überforderten ihn inzwischen mit sehr viel Fantasie.
„Du wärst nur neidisch!", lachte Vivian und er fand, es klang erschreckend angenehm.
„Wenn es dir dadurch besser geht."
„Ja, das tut es. Erstaunlicherweise!"
„Gut, wie verbleiben wir?", fragte Tarsuinn. „Bleibt es bei unserer Abmachung oder möchtest du Änderungen?"
„Nein, es ist okay. Einzig wenn es um Jean geht…"
„Ja?"
„Hilfst du mir, helf ich dir? Der Feind meines Feindes…"
„Geht klar." Tarsuinn streckte dem Mädchen die Hand entgegen. „Wir halten zusammen, falls Leraux Ärger macht."
„Heimlich?"
„Fragst du das ernsthaft?"
Sie schlug mit einem erstaunlich kräftigen Handschlag ein.
„Nun, da das geklärt ist, kann ich einen Gefallen bei dir einfordern?", fragte Tarsuinn freundlich. „Nichts Schlimmes und wenn du willst, kannst du es ablehnen, okay?"
„Und der wäre?"
Er atmete tief durch und drehte sich zu dem Mädchen damit sie sein Gesicht.
„Kannst du mir erklären, warum alle Welt meine Eltern mag?", sagte er leise. „Ich meine, wirklich jeder außer mir, scheint sie zu mögen. Rica, Medir, die gesamte erweiterte Familie. Ich verstehe es einfach nicht!"
„Deine Frage ist doch, warum selbst Regina und ich?"
„Ja, aber auch Leraux. Ich hatte das Gefühl, er war von euch am fanatischsten dabei, nicht wahr?"
„Das kannst du laut sagen", bestätigte das Mädchen düster und schwieg dann einen langen Moment.
„Wie gesagt, du musst nicht", drängte Tarsuinn ein wenig. „Nur kommt es mir gerade bei euch so seltsam vor. Oder haben sie mit Magie nachgeholfen?"
„Kein Zauber, kein Imperio", stellte Vivian klar.
„Was dann?", bohrte er sacht weiter. „Seit Wochen frage ich mich das. Ich wollte sie wirklich lieben, ihnen vertrauen, stolz auf sie sein – und alle anderen konnten das auch – aber jedes Mal, wenn ich meinen Eltern näher kam, stieß mich etwas ab."
„Vielleicht ist es genau das", vermutet Vivian nachdenklich. „Weißt du, deine Eltern sind unheimlich gut darin, anderen ein gutes Gefühl zu geben."
„Wie meinst du das?", fragte Tarsuinn. „Hab ich das nicht auch gesagt?"
„Nein. Du hast gesagt, dass du auf sie stolz sein wolltest. Nicht umgedreht."
„Ich versteh immer noch nicht", gestand er hilflos.
„Wie hält das Toireasa nur mit dir aus?", fragte Vivian, aber zum ersten Mal in seinem Leben, klang das bei dem Mädchen nicht bösartig.
„Weiß nicht", gestand der Junge ehrlich. „Dummerweise ist keiner meiner Freunde da, um mir die Welt der Emotionen zu erklären. Nur du bist verfügbar – und du verfügst über Insiderwissen."
„Mag ja sein, aber wenn ich es dir erzähle, dann geht das weiter, als ich es bisher jemanden erzählt habe. Und das würde uns ... quasi ... doch irgendwie vielleicht zu Freun... na ja ... zu irgendetwas mehr machen."
„Wenn das hilft, kann ich dir versprechen, niemanden davon zu erzählen. Nicht mal meiner Schwester, Toireasa oder Winona."
„Ein wenig würde es wirklich helfen."
„Dann bitte. Ich verspreche es. Du solltest wissen, dass ich meine Klappe halten kann."
„Ist ja gut", gab sie langsam nach. „Dir ist aber schon klar, wie nachtragend ich sein kann?"
„Das fragst du mich ernsthaft, nachdem wir uns drei Jahre lang auf den Nerv gegangen sind", kicherte Tarsuinn.
„Stimmt auch wieder", bestätigte Vivian. „Ich erzähl dir am besten, wie es letztes Jahr gelaufen ist."
Sie atmete tief durch und schien kurz ihre Gedanken zu ordnen. Der Junge gab ihr die Zeit, die sie brauchte.
„Also", begann sie schließlich. „Du hattest ja meinen Dad bei den Highlands Games sauber blamiert, was seine Stimmung stark vermieste und mir ein paar echt doofe Tage einbrockte. Schlimmer noch als das Scheitern von Schottland bei der WM. Du musst wissen, normalerweise habe ich Ruhe vor meinen Eltern. Mein älterer Bruder Donald ist der Favorit meines Vaters und immer der Gute. Mutter ist vernarrt in meine jüngere Schwester Rosalyn, die jeden um ihren kleinen Finger wickelt. Selbst mich – und ich hab den Teufel in Rosa schon vor Ewigkeiten durchschaut. Für meine Eltern existiere ich nur am Rande."
„Warum?", fraget Tarsuinn dazwischen.
„Ich bin ein Ausrutscher", entgegnete Vivian. Es sollte möglicherweise schnippisch klingen, aber es klang eher unsicher und ein wenig verletzt.
„Das solltest du nicht von dir sagen", stellte er ernst fest. „Es sagt nichts über dich aus."
Vivian blieb einen Moment still.
„Das meinst du ernst, oder?", erkundigte sie sich dann erstaunt.
„Natürlich. Was sonst?"
„Auch wenn... ach egal, lass ich dir Stelle halt nicht aus. Aber hör auf, mich zu unterbrechen, okay?"
Er nickte nur zur Antwort.
„Wie schon gesagt, ich hatte ein paar miese Tage, dann tauchten deine Eltern bei uns auf. Sie entschuldigen sich für dein Verhalten. Klagten, wie schwierig die Situation ist und wie wenig Einfluss sie auf dich und deine Schwester haben.
Danach jedoch, gingen sie recht schnell zum unterhaltsamen Teil über. Deine Eltern und meine hatten eine gemeinsame Vergangenheit in Hogwarts und anscheinend einiges erlebt, was sie echt sympathisch und lustig rüberbrachten."
„Mein Dad hatte was mit deiner Mom", rutsche es aus Tarsuinn heraus, weil er einfach nicht widerstehen konnte.
„Das wurde an dem Abend durchaus deutlich. Danke! Halt einfach die Klappe!", wies sie ihn zurecht. „Es war also ganz lustig, bis Großtante Elenor, die Schwester meiner verstorbenen Oma väterlicherseits und Schmerz am Arsch der Menschheit, unbedingt erwähnen musste, dass Mutter ihr Liebesleben in der Mitte ihres Leben ein wenig zu konsequent ausgeweitet hatte. Dabei hat die alte Doxy mich vielsagend angesehen. Das hat ziemlich die Stimmung gekillt, aber niemand aus meiner Familie hat es gewagt, der vertrockneten Pflaume die Meinung zu sagen. Nur deine Mutter versuchte, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Hat nicht geholfen. Die abgetakelte Fregatte hat weiter gestichelt und mir den gut gemeinten Rat gegeben, Verhütungszauber immer vor dem Genuss von Alkohol auszuführen. Da bin ich heulend rausgelaufen."
Tarsuinn war beeindruckt, mit wie vielen negativen Bezeichnungen man einer einzigen Person belegen konnte, ohne sich bei Adjektiv oder Substantiv zu wiederholen. Dieses Mal unterließ er jedoch einen Kommentar.
„Du musst wissen. Es geht gar nicht mal darum, dass Mutter mit jemand anderen was hatte. Meine Eltern hatte nach der Geburt von Donald eine schwierige Phase und lösten sie damit, einfach wild in der Gegend herumzuvögeln. Beide! Im gegenseitigen Einvernehmen. Es ist nicht mal ein Problem, dass ich daraus entstanden bin, denn Rosalyn hat mit Vater auch erstaunlich wenig gemeinsam. Das Problem ist, das Mutter bei mir anscheinend nicht rausrückt, wer der Erzeuger ist. Und so unterstellt die Sabberhexe immer indirekt, es muss wohl ein Muggel gewesen sein."
Hier machte Vivian eine kurze Pause, so als würde sie einen Kommentar von Tarsuinn erwarten. Doch ganz so instinktlos war er nicht mehr.
„Zumindest heule ich immer in der Bibliothek, weil da niemand aus meiner Familie freiwillig reingeht und ich Bücher liebe. Sie lenken mich normalerweise ab. Aber an dem Tag hat es nicht funktioniert, denn deine Ma kam – auf der Suche nach der Toilette – rein und war einfach nett zu mir. Sie hat mich auf mein Buch: Runenmagie, weder veraltet noch schwach, angesprochen. Keine fünfzehn Minuten später konnte ich wieder lachen und ich hatte eine Einladung, um doch mal vorbeizukommen. Immerhin befindet sich ihre Wohnung nur einen Kamin entfernt und sie möge Alte Runen selbst auch sehr. Das war eigentlich der Anfang vom Ende.
Ich hab sie wirklich zwei Tage später besucht und danach fast täglich irgendwann dann auch mit Regina. Die hat in ihrer Familie genau gegenteilige Probleme. Seitdem ihr älterer Bruder vor drei Jahren mit einem Muggelmädchen durchgebrannt ist und den Eltern gesagt hat, sie können sich das Erbe sonst wohin stecken, hängt da der Haussegen schief. Seitdem ist sie die Hoffnung der Dynastie Kosloff. Immer gute Zensuren, untadliger Umgang und ein perfektes Auftreten. Zwei- bis dreimal pro Ferien bricht sie darunter zusammen. Ich helfe ihr zwar, so gut ich kann, denn sie ist meine beste Freundin seit dem ersten Spielzeugzauberstab, aber sie ist nun mal nicht gerade die talentierteste Hexe. Das akzeptiert besonders ihr Vater nicht. Du glaubst gar nicht, wie viel sie in den Ferien lernen muss."
„Ich halte mit dem Nachholen durch vier Monate Koma gegen", kicherte Tarsuinn.
„Ja, okay. Aber dir fällt es leichter. Regina muss wirklich hart lernen, um überhaupt durchschnitt oder vielleicht sogar gut zu sein. Deine Eltern bekamen sie in die Finger, nachdem Reginas Mutter zu ihrem Vater gesagt hat: Na, wenigsten ist sie ganz hübsch."
„Das ist übel", verging Tarsuinn das Kichern.
„Genau", bestätigte Vivian trocken. „Es hat dasselbe bewirkt wie bei mir. Zu Regina hatte dein Vater den besseren Draht. Während Nathara und ich Runenzirkel entwarfen, hat Dour ihr Notenmagie gezeigt."
„Was ist denn das?", fragte Tarsuinn erstaunt.
„Man tanzt mit sich selbst und seinen Zauberstab zu magische erzeugter Musik. Das bringt einem eigentlich keiner mehr bei, weil es als völlig nutzlos ansehen wird. Doch dein Dad hat gesagt, in Indien würden viele Menschen so zaubern. Besonders die, ohne Talent oder Geld für eine formale Ausbildung. Durch die Musik erfährt man den Rhythmus, die Bewegung ersetzt die Gesten und der Gesang ist die Spruchformel. Dein Vater hat Regina nie getadelt, unter Druck gesetzt, sondern nur gelacht und Späßchen gemacht, bis es plötzlich funktionierte. Danach haben wir deine Eltern häufig gemeinsam besucht und das Einzige, was sie von uns wollten, war, dass wir dich ein wenig in Ruhe lassen. Oder zumindest nichts Gefährliches mit dir anstellen."
„Mehr nicht?"
„Nö. Erstaunlicherweise waren sie der Ansicht, du müsstest an Konflikten wachsen."
„Ich habe auch ohne euch genug am Hals", kommentierte Tarsuinn säuerlich und lachte dann trotzdem. „Aber wenn ich mir überlege, dass ihr mich im ersten Jahr zum Sterben im Wald zurücklassen wolltet, ist das doch ein großer Fortschritt."
„Ähem, sicher", war Vivian hörbar irritiert. „Ich seh jetzt nicht, was daran witzig ist, aber egal. Zumindest waren dann die Ferien um. Ich bin noch nie so widerwillig nach Hogwarts gefahren. Doch letzten Sommer habe ich mir gewünscht, es wäre immer August. Deine Eltern haben uns aber mindestens wöchentlich geschrieben. Mit Lern- und Spaßtipps. Wie du vielleicht gemerkt hast, haben wir dich und Toireasa wirklich größtenteils in Ruhe gelassen, nur um sie nicht zu verärgern.
Es war Ende September, als deine Eltern per Brief fragten, ob wir was ganz Besonderes erleben wollten, und wir schrieben zurück: Auf jeden Fall. Als Antwort bekamen wir eine Einladung am übernächsten Tag und die Anleitung für einen Geheimgang, der aus dem Schloss in den Honigtopf führte. Wir fühlten uns als etwas äußerst Privilegiertes, denn deine Eltern betonten, dass du nichts von dem Gang weißt. Natürlich gingen wir hin, trafen sie in Hogsmeade und sie brachten uns in die Dunkle Akademie. Es war wie ein Traum. Auserwählt zu sein, überall dienstbare Geister, die einen jeden Wunsch von den Augen ablas. Magische Geschenke, Anerkennung. Wir fühlten uns wie Prinzessinnen. Ich hab mich schon als Direktoren einer Schule größer und besser als Hogwarts gesehen. Regina sich sicherlich als Zaubereiministerin."
Vivian lachte zynisch.
„Wir sind von allen Seiten verarscht worden. Doch das begriffen wir da noch nicht und als deine Eltern uns sagten, dass eine Dunkle Akademie auch Wissen braucht, waren wir sofort bereit, die Lücken zu füllen. Es war ja zu unseren Nutzen. Also haben wir mit deinen Eltern angefangen, seltene Bücher zu kopieren. Wir hatten ja kein Geld sie zu kaufen. Am Anfang haben Regina und ich einfach nur die Bibliothek in Hogwarts heimgesucht und sobald er frei zugängliche Teil nichts Interessantes mehr hergab, haben wir mit ein paar Tipps deiner Eltern die Verbotene Abteilung geknackt. Das war hauptsächlich meine Aufgabe, während Regina das Wissen einiger Familie befreite."
Hier verkniff sich Tarsuinn endlich mal wieder einen Kommentar.
„Unseren größten Fischzug hatten wir aber zu Weihnachten auf dem Ball", fuhr Vivian fort und schon war es mit seiner Beherrschung auch wieder vorbei.
„Winona und ich sind euch aufs Schiff gefolgt", erklärte er amüsiert. „Wie ihr das mit Wassili gedreht habt, war echt clever."
„Ähem, danke. Aber das ich Regina war, ist euch nicht aufgefallen?"
„Du warst das?", war er nun selbst verblüfft.
„Klar. Vielsafttrank. Regina hatte nicht die Nerven dafür. Außerdem hatten wir so ein Alibi, wenn mich jemand gesehen hätte. Sie war die ganze Zeit auf der Party und ich offiziell zu Hause."
„Das ist ja noch besser", gestand Tarsuinn ein. „Ihr hättet einfach Aidan ans Messer geliefert und Regina hätte wahrheitsgemäß alles abstreiten können. Was kann sie dafür, wenn sich jemand ihre Haare besorgt."
„Ich bin erstaunt, dass du das so abfeierst", kicherte Vivian stolz.
„Es ist ein super Plan. Ich hab dich gegenüber Professor Dumbledore als den Evil Overlord bezeichnet. Es freut mich, dass ich recht hatte", er hob tadelnd den Zeigefinger. „Böse Vivian."
„Ist angekommen", lachte das Mädchen. „Darf ich fortfahren?"
„Musst ein Evil Overlord wirklich fragen?"
„Halt die Klappe, sonst unterstreiche ich deinen Namen auf der Liste doch!"
„Hab Gnade."
„Also, jetzt wird es weniger witzig", fuhr Vivian fort. „Es stellte sich heraus, dass die Akademie unter einen heftigen Bücherwurmbefall litt. Wir haben alles versucht, aber die Biester kamen ... Was?!"
Tarsuinn bis sich fest auf die Lippen, um nicht noch einmal laut zu lachen.
„Bitte entschuldige", brachte er mühselig hervor. „Fahr fort."
„Jetzt sag schon!"
„Die Bücherwürmer hat Toireasa gezüchtet. Bei meinem zweiten Besuch dort haben wir sie da gelassen."
„Moment. Du warst schon mal da? Vor uns?"
„Im ersten Schuljahr."
„Ohne Magie?"
„Yep."
„Erzählst du mir davon."
„Nur wenn wir Freunde werden."
„Also niemals."
„Wer weiß", zwinkerte Tarsuinn.
„Liste?!", drohte Vivian nur halb ernst. „Rot umrahmen mit Herzchen?"
„Erzähl weiter", bat er und fühlte sich bei dem Gespräch immer wohler. „Der unschöne Teil."
„Okay, sonst werden wir hier nie fertig. Also, die Bücherwürmer. Wir haben sie einfach nicht tot bekommen. Keiner von uns, auch nicht deine Eltern, haben es so mit Tieren und die Geister waren genauso hilflos. Ich würde sagen: Geisterresistenz nahe hundert Prozent. Wir brauchten also einen Profi und der Einzige der uns da einfiel, war Jean. Ich weiß, ich weiß. Dumme Idee. Zu meiner Verteidigung, die stammte nicht von mir. Aber sie funktionierte. Regina machte ihn sich untertan und dann nutzten wir sein abartiges Talent. Wir brachten ihm einige Exemplare, aber nachdem er einen Weg gefunden hatte, die Biester großflächig auszuräuchern, wollte er uns nur helfen, wenn wir ihn einweihen. Regina und ich waren dagegen, deine Eltern jedoch meinte, sie bekomme das schon hin.
Das war dann der Moment, in dem ich langsam Zweifel bekam.
Jean kam in die Akademie und obwohl er furchtbar ist, waren Dour und Nathara so nett zu ihm, dass es irgendwie das entwertet, was ich glaubte mit ihnen zu haben. Nach drei Wochen war er deinen Eltern komplett hörig. Fast obsessiv, wenn du verstehst, was ich meine. Sie umarmten ihn, redeten ihn gut zu, gaben ihm Bücher über Anatomie. Während Regina und ich, Dour und Nathara als ältere Freunde sahen, wollte Jean sie als Eltern. Dadurch wurde er zwar ein wenig erträglicher, aber auch gefährlicher."
Vivian atmete tief durch und Tarsuinn spürte plötzlich eine Trauer bei dem Mädchen.
„Am Ende waren es deine Eltern, die das Fass bei mir zum überlaufen brachten. Ich weiß nicht, warum sie alle Pläne über den Haufen warfen. Eigentlich wollten wir die Dunkle Akademie eröffnen. Dich und ein paar andere dazu holen. Etwas Besonderes erschaffen und sein. Weg von dem ganzen Mist zu Hause. Stattdessen verschleppten sie deine Schwester. Zuerst hielten wir das für einen großen Anfang, aber als du zusammenbrachst und Rica nicht gerade nett zu uns allen war, wusste zumindest ich, dass hier was richtig schief lief. Ich war natürlich nicht so dumm, um zu protestieren, sondern habe weiter mitgespielt. Sobald sich die Gelegenheit ergab, habe ich jedoch mit meiner Oma gesprochen. Ich hab nichts Genaueres gesagt, aber angedeutet, dass deine Eltern sich nicht dem Clan entsprechend verhielten. Ohne Rücksicht auf ihre Kinder. Oma meinte, dann wäre es die Aufgabe des Clans, auf die Kinder zu achten. Also meine Aufgabe, um konkret zu sein. Deshalb habe ich weiter mitgespielt und eine Zeitlang dachte ich, es würde doch alles gut werden. Rica schien sich nach einiger Zeit mit ihrer Rolle abgefunden zu haben und behauptete stur, sie hätte mit deinem Einschlafen nichts zu tun. Sie stellte sich allen Geistern vor, war zwar distanziert zu uns, aber freundlich – bis sie mit der Hilfe von einem Geistermädchen zu fliehen versuchte."
„Das war Marie-Ann", erläuterte Tarsuinn. „Sie gehörte nicht zu der Bande von Sir Oliver. Rica meinte zu mir, sie hätte es fast geschafft, von euch rausgelassen zu werden, wusste aber nicht mehr, was genau schief gelaufen ist."
„Na ja. Es war auch seltsam. Deine Eltern waren nicht da, als Rica abhauen wollte. Wir sind hinterher und haben sie kurz hinter dem Ausgang abgefangen. Sie bettelte uns an, sie gehen zu lassen. Und glaub mir bitte, Regina und ich wollte es ihr auch erlauben. Rica tat uns in dem Moment dermaßen leid, ich hätte niemals einen Zauber auf sie gesprochen. Jean konnte sie aber nicht erweichen. Der hat nur gelacht und den dreckigen Squib geschockt. Regina hat geheult wie ein Schlosshund, als wir deine Schwester wieder reinbrachten. Erst als wir Rica den Trank der Lebenden Toten einflössten hörte das auf."
Ein Schniefen ließ Tarsuinn vermuten, dass Vivian gerade leise weinte. Er vermutet, dass er soeben eine unabhängige Beschreibung von Ricas Fähigkeit und deren Grenzen erhalten hatte. Außerdem schien die Nachwirkungen ziemlich lange zu halten.
„Ich denke, der Trank brachte deine Eltern leider auf den Gedanken, wie man dich wecken konnte."
„Weißt du, warum Rica mich schlafenlegen konnte?", fragte Tarsuinn vorsichtig. Er wollte wissen, was Vivian über seine Schwester mitbekommen hatte.
„Nathara sagten uns, sie hätte euch beide magisch aneinandergebunden, damit Rica dich abschalten kann, wenn dein Wildes Talent sie gefährdet. Sie hatten nur nicht erwartet, dass es nach all den Jahren noch funktioniert und sogar stärker geworden ist."
„Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du und Regina das nicht rumerzählen würdest", bat Tarsuinn, damit sie diese Geschichte weiter glaubte. „Es wird genug Ärger machen, dass Jean das weiß."
„Ja, wer hat schon gern einen Ausschalter", sagte Vivian verständnisvoll. „Nachdem deine Eltern also wussten, wie sie dich wieder einschalten konnten, mussten wir nur noch den richtigen Zeitpunkt abwarten und deine Freundinnen irgendwie ablenken.
Da kam es uns sehr gelegen, dass Toireasas Stiefmutter so eine paranoide Psychotante ist. Aidan und Regina verstehen sich ja gut. Sie geht ja nur offiziell mit Jean damit ihre Eltern sie in Ruhe lassen und eigentlich mag sie ihn wirklich. Zumindest schüttert er ihr immer sein Herz aus und als wir dann genug wussten, fingen wir einige Briefe ab, lasen sie und als einer richtig gut passte, haben wir ihn so manipuliert, dass der Eindruck entstand, Pádraigín hätte Rica entführt. Damit hatten wir die Ablenkung, die wir brauchten, plus einen Sündenbock. Den Rest weißt du ja. Ich hatte sogar die Hoffnung, es würde doch alles gut werden, aber dann hat Jean Regina überzeugt, in der Akademie auf dich zu warten. Ich bin natürlich mit. Wenn ich geahnt hätte, dass er dich umbringen will... Ach zum Teufel, den Mist überhaupt mitzumachen war selten dämlich."
„Du hast mir das Leben gerettet", sagte Tarsuinn dankbar.
„Ja, aber nur, weil du uns zuvor nicht umgebracht hast. Obwohl es dir ein Leichtes gewesen wäre."
„Ich hatte keinen Zauberstab. Tikki hat ihn mir weggenommen."
„Hättest du den überhaupt gebraucht?"
„Ähem ... möglicherweise nicht", gestand Tarsuinn. Darüber hatte er noch gar nicht nachgedacht. „Mir ist der Gedanke gar nicht gekommen. Es war falsch, das wurde mir in dem Moment klar."
„Ich bin froh, dass wir beide letztendlich vernünftig waren.", sagte Vivian und der Junge spürte, wie sie unsicher wurde. „Gilt unsere Abmachung von vorhin noch?"
„Ich denke schon", nickte er und erinnerte sich wieder an Professor Dumbledore und seine blöden Worte, dass man Menschen ändern könne, ohne ihnen das Gehirn zu zerwurschteln.
„Glaubst du, du kannst mir verzeihen? Für alles? Auch das mit dem Einhorn?", überraschte sie ihn, weil ihre Stimme ernst klang.
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht", schüttelte Tarsuinn den Kopf. „Ihr habt Toireasa, Winona und den Rest meiner erweiterten Familie den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Opa Samuel hat ein Auge verloren. Und die anderen haben auch einiges abbekommen. Verdammt, Oma Caitlin hat beinahe Toireasa mit einer Tür erschlagen!"
„Ich wusste nicht, dass es eine so große Sache ist", flüsterte Vivian beschämt. „Ich dachte nicht, dass es so viele betrifft. Und dass Pádraigín so weit geht. Ich hielt es für einen normalen Familienstreit. Es tut mir wirklich leid."
„Sag das Toireasa", half Tarsuinn. „Dann reden wir drüber."
„Okay, aber offiziell hasse ich dich noch immer klar?"
„Klar!", bestätigte er, doch dann beschloss, dass er trotz ihrer Entschuldung ein wenig gemein sein wollte. Allein schon wegen der Drohung mit der Liste. „Wenn wir Pech haben, sind wir ja noch anderweitig miteinander verbunden."
„Wie meinst du das?", frage das Mädchen verwirrt.
„Hast du nicht gesagt, deine Eltern hätten eine wilde Zeit gehabt, bevor du geboren wurdest?"
„Ja?"
„Und mein Dad war anscheinend die erste Liebe deiner Mutter?"
„Mir gefällt gar nicht, worauf du hinaus willst!"
„Und meine Ma war auch kein Kind von Traurigkeit. Vor allem, wenn sie glaubt, dass Dad fremdgeht."
„Das ist eklig!"
„Na ja, wenn man nur Zauberer und Hexen ausgeht, dann ist die Auswahl ja stark reduziert."
„Du bist gemein."
„Hat dein Dad auch gesagt, du sollst auf mich aufpassen? Oder deine Ma? Und wer hat eigentlich die Heiratsliste erstellt? Vielleicht dein Vater? Wenn ja, hat sie deine Ma abgenickt und ist sie bleich dabei geworden?"
„Hör bitte damit auf", fuhr sie ihn heftig an. „Du sagst das so, als würde das dich gar nicht stören."
Er lachte fröhlich und folgte ihrer Bitte.
„Ich nehm dich doch nur auf den Arm. Mein Dad hat mal gesagt, er hätte keine Andere seit meiner Mutter gehabt. Und auch wenn Dour viel in seinem Leben gelogen hat, das war definitiv die Wahrheit."
„Was ist mit deiner Mom?"
„Tja, da bin ich mir nicht so sicher", gestand Tarsuinn ein. „Ich weiß, um ehrlich zu sein, nicht, wie weit sie bei ihren Betrügereien gegangen sind. Aber sie ist total verliebt in Dour und auch ziemlich eifersüchtig."
„Wirst du sie fragen? Ich kann das nicht bei meinen Eltern", sagte Vivian und er war erstaunt, wie leicht sie diese Möglichkeit akzeptierte.
„Meine Eltern können sich an nicht mehr viel erinnern", schüttelte er den Kopf. „Sie sind wie Kinder und lernen gerade lesen und schreiben neu. Vielleicht in ein paar Jahren."
„Wie ist das denn passiert?"
„Keine Ahnung", log er ungerührt. „Als ich aufwachte, war ich in St. Mungos und meine Finger wuchsen wieder an." Er zeigte ihr seine beiden Hände und damit die Narben. „Ich vermute, ich bin ein wenig ausgetickt, als ich merkte, dass sie Rica entführt haben und mich mit ihr einsperren wollten. Wir hatten einen heftigen Streit. Ich kann sie also nicht fragen. Vielleicht in ein paar Jahren. Falls sie sich erholen."
„Schade."
„Ich hab das doch nur gesagt, um dir das mit der blöden Liste heimzuzahlen", erklärte er. „Ich glaub es nicht wirklich."
„Ja, aber der Versuch, es mir einzureden, war so gut. Aus dir hätte ein toller Slytherin werden können", kicherte nun endlich Vivian.
„Jetzt wirst du aber gemein", stimmte er in ihr Lachen ein. „Oder auch beleidigend. Ich überleg da noch."
„Wir werden sehen – Bruder."
Bitte lieber Gott, betete Tarsuinn im Gedanken, lass dies hier keine Seifenoper sein!
„Ich glaube, aus den beiden wird noch was", orakelte Tante Glenn.
„Wie kommst du darauf?", fragte Tarsuinn verblüfft. „Sie schimpft doch die ganze Zeit mit ihm."
„Ja, genau!", kicherte Tante Glenn.
„Das versteh ich nicht."
„Wirst du noch."
„Trotzdem glaube ich es nicht. Shy ist schon ziemlich alt für einen Mungo."
„Umso wichtiger ist, dass sie sich ranhalten."
Tarsuinn hatte das unbestimmte Gefühl, dass Tante Glenn ihn foppte.
„Und wie alt warst du nochmal?", fragte er spitzbübisch.
„Also ich hab da was am Start", lachte die Frau ihn nun aus. „Einen wirklich gutaussehenden, starken und soliden Mann."
„Solange er nicht Leraux oder Moody heißt…"
„Nein, nein. Ich bin noch nicht so alt und verzweifelt. Im Grunde ist er ein echter King – irgendwie."
„Wann stellst du ihn mir vor, damit ich ihm meinen Segen geben kann?", verlangte Tarsuinn nur halb im Scherz.
„Du nimmst dir ziemlich viel raus für jemanden, der noch nicht mal ein Date hatte", neckte Tante Glenn zurück.
„Ich hatte schon ein Date", verteidigte sich Tarsuinn, was Tikki unter der Couch hervorlockte und ihm pfeifend in den Rücken fiel. „Okay – ich hab zunächst nicht gemerkt, dass ich eins hatte, aber es ändert nichts daran, dass ich eines hatte, und ich hab einen richtigen Kuss bekommen."
„Toireasa hat dich geküsst? Herzlichen Glück…"
„Winona", korrigierte Tarsuinn und wurde schon wieder rot. „Zu Weihnachten. Sie hat sich dann mit Merton eingelassen."
„Ich dachte Toireasa…"
„IchhabübermorgeneinDatemitihr", sprudelte es aus Tarsuinn heraus. „Zumindest glaube ich das."
Wider Erwarten lachte Tante Glenn nicht, obwohl sie sicher lächelte. Das konnte er fühlen.
„Trefft ihr euch allein?"
„Ja."
„Geht ihr irgendwo hin?"
„Ja."
„Ein wichtiger Ort für dich oder sie."
„Ja."
„Voraussichtlich niemand der Euch kennt in der Nähe?"
„Ja."
„Und sie hat gesagt, dass sie sich drauf freut, egal wo es hin geht?"
„Sie hat es geschrieben."
„Dann hast du ein Date."
Tarsuinn musste schwer schlucken.
„Das hat dir eben nicht sonderlich weitergeholfen, oder?", vermutete Tante Glenn.
„Na ja, es ist irgendwie ganz anders als bei Winona", quetschte er hervor.
„Natürlich ist es das."
„Aber was soll ich tun? Was, wenn ich was falsch mache? Winona und Merton reden auch nicht mehr miteinander, obwohl sie verliebt waren!"
„Du hast Angst sie zu verlieren, falls es nicht hält."
„Ist das unnormal?"
„Nein. Im Gegenteil – na ja, höchsten das du daran schon jetzt denkst."
„Aber was…?"
„Tarsuinn!", seine Hände wurden ergriffen und festgehalten. „Toireasa mag dich. Jeder mit ein bisschen Grips konnte das seit Monaten erkennen."
„Ich will es nicht versauen."
„Dann sei einfach du selbst. Sie mag dich, wie du bist. Zeig ihr nicht irgendwas anderes als das, was sie mag."
„Aber ich habe mich in den drei letzten Wochen verändert."
„Nicht da, wo es drauf ankommt. Na ja – vielleicht auch da, aber das ist ein anderes Thema."
„Denkst du wirklich?"
„Vertrau mir. Sei wie immer, sei ehrlich und riskier was."
„Und was…?"
„Denk nicht darüber nach. Manchmal ist die erste Liebe die Richtige. Meist ist sie das nicht. Der Kummer danach gehört dazu und geht vorüber. Aber wenn du es nicht versuchst, wirst du dich ewig fragen, ob sie nicht die Richtige gewesen wäre."
„Und was denkst du?"
„Ehrlich? Lass Toireasa führen. Ist wahrscheinlich besser so…"
Marie-Ann
Jemand in Atlantis im Hotel der Sieben Meere zu finden, war gar nicht so einfach. Durch die ganze Sicherheit zu kommen war selbst für Marie-Ann nicht ohne Probleme gewesen.
„Jason", flüsterte Marie-Ann und schaute erstaunt auf den alten Mann in dem riesigen, luxuriösen Bett mit einem Spiegel an der Decke. „Jason!"
Sollte das wirklich der gutaussehende Junge von damals sein? Dieser arrogante A… Schweinehirte, dem sie das Grinsen aus seinem Gesicht gewischt hatte? Er sah im Schlaf so seltsam sanft aus, aber auch so aaalllttt. Gott, wie würde sie wohl aussehen, wenn sie so alt geworden wäre? Und wie konnte er nur so ruhig liegen, während sie neben ihn stand.
„JASON!", schrie sie ihn an und lachte herzhaft, als er von einer Sekunde zur anderen hoch aufgerichtet da saß, die Augen weit aufgerissen und beide Hände auf sein Herz gepresst. „Buh!", amüsierte sie sich. Immerhin war er wohl der Grund, warum sie noch hier war und wenn er den Löffel ab gab, war es vorbei.
„Marie-Ann! Was ist denn nun schon wieder!", schaute der alte Kerl einen imaginären Punkt in der Luft an. „Seit wann gibt es dich zweimal? Netter Trick! Oder hat das Zimmermädchen auf mich gehört und doch Whisky in die Vitamine gemischt. Vielleicht sollte ich die ins Testament schreiben…"
„Halt die Klappe, Jason", hauchte sie ihn mit Geisteratem an. „Wie kannst du es wagen, mich hier festzuhalten."
„Ddas haben wir doch schon ausdiskutiert, Kleines! Was? Du hast gar nichts gesagt! Aber ich hab es gehört."
„JASON!", wurde Marie-Ann wieder etwas lauter und schaffte es, endlich Zentrum seiner Augen zu werden – welche sie im Übrigen sehr an den jungen Schüler von damals erinnerten. „Ich bin es wirklich."
„Dafür bist du aber extrem transparent. Hehe – köstlicher Scherz. Transparent, offen, aber auch durchsichtig."
„Ich bin es wirklich, du durchgeknallter, alter Knochen. Oder zumindest ihr Geist."
„Ah, du bist nur ein Zauber meiner Enkel, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Keine Chance."
Marie-Ann runzelte die Stirn. Mit lebenden Menschen zu reden fehlte ihr ein wenig Erfahrung und alte lebende Menschen entzogen sich fast vollständig ihrem Verständnis. Alte Leute wurden selten Geister. Aber was sie wusste, war, dass sein Blick immer wieder zu einem imaginären Punkt hinter ihr wanderte.
„Beende den Zauber, alter Zausel!", verlangte sie nach einem kurzen Moment des Nachdenkens. „Ich hab die Runen mit zwölf geschrieben. Du warst schon damals gut. Du solltest inzwischen wissen, wie man den Zauber bricht."
„Ich werde niemals…"
„Jason Ingidius Prince!" Sein Blick zuckte zu ihr und seine Augen weiteten sich erschrocken. „Du wirst jetzt gefälligst den Zauber brechen, der überhaupt nicht mehr da wäre, wenn du meine Bitten erfüllt hättest!"
„Ich konnte nicht, ich hatte Angst. Es tut mir so…"
„Mach es!", befahl sie.
Jason holte seinen Zauberstab unter der Bettdecke hervor und mit einem kurzen Wink wirkte er Magie.
„Du bist nicht schlecht", fand Marie-Ann.
„Aber du bist noch da", meinte Jason verwundert. „Nur dein Spiegelbild ist weg."
„Natürlich bin ich noch da. Ich bin ein Geist und ich will, dass du mich endlich gehen lässt!"
„Du bist wirklich Marie-Ann", murmelte er nur und brach dann unvermittelt in Tränen aus. „Bitte lass mich endlich gehen."
„Warum hast du dann nicht meine Befehle befolgt?", fragte sie ihn kühl. „War das denn so schwer?"
„Du warst schon tot und ich wollte nicht auch noch sterben. Und später wollte ich nicht meine Frau und meine Kinder gefährden."
„Ich bin gestorben, weil man mich dazu getrieben hat. Hatte ich denn nicht das Recht auf Genugtuung? Hatten meine Eltern und Logan nicht einen Prozess verdient."
„Ich hab sie ruiniert."
„Mein unschuldiges Geschwisterchen hat also darunter leiden müssen?"
„Meine Mira hat das geregelt", sagte der alte Mann und ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Sie hat immer meine Fehler korrigiert. Ich wünschte, ich hätte sie nicht so lange überlebt."
„Warum hast du es dann nicht gemacht?"
„Weil du mich am Leben hältst!"
„Ich?", war nun Marie-Ann verwundert. „Ich wusste nicht einmal, dass du noch lebst!"
„Bitte, vergib mir, Mädchen", bat er und seine wässrigen Augen schauten sie an. „Bitte."
„Dir vergeben?" In ihren nicht vorhandenen Bauch zog sich alles zusammen. Sie musste sich abwenden. „Warum sollte ich? Du konntest dich ja nicht mal überwinden, meine Bitten zu erledigen."
„Ich weiß", sagte er halb erstickt und sie wollte gerade durch die Wand verschwinden.
„Es tut mir so leid, Marie-Ann", flüsterte Jason kaum hörbar.
Sicherlich war es gar nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen, aber ein Geist zu sein, hatte einige kleine Vorteile. Langsam drehte sie sich zu ihm um.
„Meinst du das ehrlich?", fragte sie, obwohl sein Gesicht ihr schon die Antwort gab.
Statt etwas zu sagen, weinte er leise in sein Betttuch. Sie glitt zu ihm zurück. Es war doch völliger Schwachsinn, dass sie ihm am Leben hielt. Sie hatte mit seinem Kopf gespielt und nicht mit seinem Herz. Vorsichtig umarmte sie ihn.
„Ich vergebe dir", sagte sie betreten. Es hatte keinen Sinn zu zürnen, wo sie doch selbst bald die Welt verlassen wollte und wenn es ihm half…
„Danke", flüsterte er und während er in ihren Armen lag, wurde er immer schwerer.
Marie-Ann bemerkte erschrocken, wie sie die Wärme des alten Mannes spüren konnte. Lange hielt sie ihn so fest und genoss dieses Gefühl.
„Du kannst mich jetzt loslassen", sagte plötzlich Jasons Stimme hinter hier.
„Was?", entfuhr es ihr und sie ließ einen leblosen Körper in das Bett zurückfallen.
„Es ist vorbei", sagte ein Mann im mittleren Alter, der sie deutlich mehr an den jungen Jason, aber auch ein wenig an den alten Kerl erinnerte. „Danke für deine Vergebung."
„Du bist jetzt auch ein Geist?"
„Nein, Marien-Ann. Ich bin eine Seele. Es ist Zeit zu gehen – für dich und für mich."
„Ich weiß nicht wie", gestand sie traurig. „Ich hab alles erfüllt und bin immer noch hier."
„Das liegt nur daran, dass dir jemand fehlte, der dir den richtigen Weg zeigt."
Er streckte ihr die Hand entgegen.
„Komm, wir sind beide schon lange überfällig…"
Toireasa
Noch einen verdammt langen Tag durchhalten!
Toireasa war nur froh, dass sie ihre Zeit nicht in ihrem Zimmer, sondern in den Verliesen im Keller absitzen durfte. Draußen und oben war es im Moment so heiß, dass selbst der Kühlzauber es nicht mehr schaffte. Hier unten jedoch war es, vielleicht auch aufgrund der deprimierenden Grundstimmung, angenehm kühl.
Sie goss sich ein wenig Limonade ein und überlegte ein Buch zu lesen. Aber stattdessen zog sie es vor, nach einem Schluck wieder die Wand anzustarren. Noch nie hatte sie einen solchen verschärften Hausarrest bekommen. Keine Besuche, keine Briefe – außer die, welche Keyx für sie schmuggelte – und nichts, was man als Vergnügen einstufen durfte. Und das alles für die heldenhafteste und selbstloseste Tat ihres Lebens. Sie fand, dass dies inzwischen einiges bei ihr zu bedeuten hatte. Bescheidenheit hin oder her.
Aber nein, sie durfte ausbaden, dass sie sich unüberlegt und waghalsig in ein Experiment gestürzt hatte, mit einem Trank, dessen Herkunft mehr als nur zweifelhaft gewesen war. Blablabla. Dass man sie den lieben langen Tag alleine hier im Haus ließ, nur um die halbe Welt mit Sicherheitszaubern zu überziehen, war aber okay?! Was wenn die Schritte die näherkamen jemanden gehörten, der Böses wollte? Sie war hier wehrlos, in einer Sackgasse, ohne Zauberstab!
„Ich wusste nicht, dass deine Großeltern so streng sind, Toireasa", sagte Professor Dumbledore erstaunt. „Magieverstärkte Gitterstäbe? Es gibt Leute, die das in Hogwarts gern wieder einführen würden."
„Kommen Sie herein, Professor", setzte sich sie überrascht auf und probierte, cool zu bleiben. „Die Tür ist offen."
„Danke", amüsierte sich der Professor mit einem verschmitzten Zug um die Augen. „Es zeugt von großem Vertrauen gegenüber den Gefangenen."
„Eher von hoher Strafandrohung", maulte Toireasa, konnte aber nicht anders und musste lächeln. „Setzen Sie sich, Sir. Leider gibt es nur die Pritsche."
„Es wird reichen", meinte der Direktor, nahm das dicke Buch, welches im Weg lag, zur Hand und setzte sich neben Toireasa. „Der Graf von Monte Christo. Ein Klassiker der Muggelliteratur."
„Hat mir Tarsuinn geschenkt.", erklärte das Mädchen. „Er hielt es für passend."
„Jemand wird unschuldig in ein Gefängnis gesteckt, flieht und kehrt Jahre später zurück, um Rache zu nehmen. Tarsuinn hat wirklich einen leicht bösartigen Humor. Hast du es gelesen?"
„Ja."
„Und? Hat es dir gefallen?"
„Na ja. Aus heutiger Sicht ist es etwas lahm und niemand zaubert, aber auf der anderen Seite zeigt es doch ganz schön, was man mit Intelligenz, Geld und Intrigen so alles anrichten kann – meine Rache wird furchtbarer noch sein."
„Aber bitte nicht in Hogwarts."
„Keine Sorge, Professor. Das ist ein familiäres Problem."
Um der Sache die Schärfe zu nehmen, versuchte sie mit einem Auge zu zwinkern, was bei einer einschüchternden Person wie dem Professor nicht unbedingt einfach war.
„Du verstehst aber schon, dass deine Großeltern sich Sorgen gemacht haben?"
„Sie sind halb wahnsinnig vor Angst gewesen, als ein großer Teil von Cutters Bruchbude explodierte und gleichzeitig unter Wasser gesetzt wurde. Ich weiß, wie es ausgesehen hat, als Rica mich weckte, und ich hab mir das jetzt fast jeden Tag anhören müssen."
„Aber du empfindest deine Strafe als unfair?!"
„Ja", gab sie ein wenig kleinlaut zu, denn der Tonfall des Professors legte eine wahre Antwort nahe.
„Nun, vielleicht hilft es dir, wenn ich sage, dass ich sie darum gebeten habe."
„Warum sollten Sie?", war Toireasa erstaunt.
„Nun, man bat mich, deinen und Tarsuinns Geist zu überprüfen. Nur leider war ich drei Wochen lang anderweitig beschäftigt."
„Aber warum darf dann Tarsuinn durch die Welt turnen und ich nicht?"
„Weil deine Großeltern besorgter sind als Rica McNamara."
„Weil sie mehr Angst haben also!"
„Weil sie besser wissen was kommen kann – und weil sie enttäuscht waren, da du sie nicht um Rat gefragt hast. Sie machen sich Sorgen über Tarsuinns Einfluss auf dich."
„Das ist doch…", im letzten Moment unterdrückte Toireasa ein paar unangebrachte Worte. „Ohne ihn wäre ich wie Regina geworden und würde mit meiner Stiefmutter losziehen, um Riesen zu jagen."
„Das mag sein. Aber sie glauben, als Tarsuinn schlief, hatte das einen unnatürlichen Effekt auf dich. Und seit deinem kleinen Abenteuer in den Tiefen seines Alptraums, fragen sie sich, was vielleicht in deinem Kopf überlebt haben könnte."
„Da ist nichts!", schüttelte Toireasa entschieden den Kopf. „Wir haben den Narren besiegt. Er hat sich aufgelöst."
„Man sagte mir, du hättest seitdem Alpträume?"
„Ja, und?", verfluchte Toireasa innerlich ihre Großeltern. „Ich kann schlecht vergessen, was ich in Tarsuinns Kopf erlebt habe. "
„Möchtest du, dass ich diese Erinnerungen löschen?", fragte Dumbledore mit einer seltsamen Stimme, was Toireasa aber nicht wirklich realisierte. „Dann wären deine Träume wieder normal."
„Nein, das will ich nicht!", widersprach sie entsetzt. Sie wollte ganz sicher nicht das Ende vergessen, auch wenn der Weg dahin nicht toll gewesen war.
„Aber wirst du es zulassen, dass ich deinen Kopf nach dem Narren durchsuche?"
„Werden meine Großeltern mir jemals erlauben das Haus zu verlassen, wenn ich es verweigere?"
„Ich denke, in fünf oder sechs Jahren vielleicht. Und in zehn kannst du dich dann sicher auch mal mit jemanden allein treffen – und nicht schon morgen."
„Sie wissen…?!", war Toireasa ein wenig geschockt und sehr verlegen.
„Man hat mir bedeutet, dass du morgen eventuell von einem charmanten, vernarrten und narrbefreiten Jungen ausgeführt wirst", lächelte Dumbledore.
„Er hat sich von ihnen testen lassen?"
„Er hat eingewilligt, auch wenn es für uns beide keine schöne Erfahrung war."
„Und er ist frei?"
„Genau wie du, hat er noch Alpträume, aber ansonsten hast du sehr gute Arbeit geleistet, Toireasa."
„Das ist riesig!", freute sich Toireasa. „Ich hatte ab und an Angst, dass…"
Sie verstummte. Meist hatten ihre Träume diese Angst geschürt. Jetzt Gewissheit zu haben war da unglaublich erleichternd. „Sie dürfen mich auch testen", erlaubte sie es nun den Professor. „Ich mache sicher weniger Schwierigkeiten."
„Na, das hoffe ich auch", erklärte er und zog seinen Zauberstab hervor. Fasziniert betrachtet Toireasa das aus seltsamem Holz geschnitzte Werkzeug.
„Ist der von Ollivander?", fragte sie verwundert. So nah vor ihrem Auge hatte sie dieses Kunstwerk noch nie betrachten können.
„Als ich meinen Zauberstab bekam, war der aktuelle Mr Ollivander kein Meister der Zauberstäbe", erklärte Professor Dumbledore schwammig. „Bereit?"
Sie nickte unsicher, dann sah und fühlte sie den Zauber. Sie spürte, wie vorsichtig der Professor seine Magie einsetzte, und trotzdem war es äußerst unangenehm. Erinnerungsfetzen flogen vor ihrem inneren Auge vorbei, Stimmen füllten ihre Ohren, aber nichts war wirklich konkret oder blieb haften. Natürlich war sie froh, als alles nach langen Minuten vorüber war.
„Na, das war doch gar nicht so schlimm", atmete Dumbledore tief durch. „Geht es dir gut?"
„Wenn das nicht schlimm war, wie ist es dann mit Tarsuinn gelaufen?", fragte Toireasa.
„Wie immer. Besser als befürchtet, schlechter als erhofft. Ist dir nicht aufgefallen, dass mein Bart kürzer geworden ist?"
„Es gibt Leute, die schneiden sich ihren Bart freiwillig", gestand Toireasa und wagte dann doch etwas. „Sie sehen so viel besser aus. Maximal hundertzehn, oder so."
„Netter Versuch", lachte Professor Dumbledore. „Beim nächsten Mal mehr Erfolg."
„Hatten Sie denn Erfolg, Professor?"
„Zum Glück nicht. Ich hab nichts gefunden, was da nicht hingehört. Ich werde das deinen Großeltern unmissverständlich mitteilen. Und sie vielleicht auch auf den Sinn der Geschichte von Tarsuinns Geschenk hinweisen."
„Wenn Sie das tun könnten, wäre ich ihnen dankbar", meinte Toireasa. „Und wenn Sie sie daran erinnern könnten, dass sie die Welt nicht nur Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch Enkel beinhaltet, die was erleben wollen, wäre ich ihnen noch viel mehr zu Dank verpflichtet."
„Ich werde mein Bestes geben."
„Gut. Darf ich Sie noch etwas über die Welt da draußen fragen, oder dürfen sie nicht über so was mit mir reden?"
„Niemand hat mir Verhaltensregeln gegeben", lächelte Dumbledore väterlich.
„Darf ich dann fragen, was mit meiner Stiefmutter geschehen ist? Und was ist Tarsuinn passiert?"
„Nun, Letzteres sollte dir Tarsuinn erzählen. Ich wette, er hat für dich noch ein paar Einzelheiten mehr, als er mir erzählt hat. Was deine Mutter angeht, nun, sie wurde zwar wegen der Toten und aufgrund des Riesenschmuggels zu Askaban verurteilt, befindet sich aber inzwischen in einer Klinik außerhalb Großbritanniens. Dein Stiefvater hat sie rechtzeitig außer Landes geschafft und entmündigen lassen."
„Das ist doch nur ein Trick!", brach es aus Toireasa heraus.
„Ich denke nicht", widersprach Dumbledore ruhig. „Die Ereignisse haben Sie völlig paranoid werden lassen. Sie glaubt, dass die ganze Welt jetzt gegen sie ist. Hat geschrien und getobt, sodass nicht mal mehr Beruhigungszauber gewirkt haben. Ich habe sie besucht."
„Wollen Sie damit sagen, Sie ist wahnsinnig geworden? Wahnsinniger als vorher!"
„Ich denke, die Dementoren hätten nicht mehr viel zu tun gehabt."
„Was wird, wenn Sie jemals frei kommt?", erkundigte sich Toireasa besorgt. „Wird sie dann nicht noch gefährlicher sein."
„Um ehrlich zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie frei kommt, ist bei Askaban deutlich höher", entgegnete Dumbledore ernsthaft und machte damit dem Mädchen noch mehr Angst, als es der Gedanke an ihre Stiefmutter gekonnt hatte.
„Sitzen da nicht all die alten Todesser?", fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte.
„Jeder, der dort gefangen ist, wird sich seinem Befreier anschließen, egal ob er ein Todesser war oder nicht."
„Es wird passieren?", stellte Toireasa schaudernd fest. „Wann?"
Der alte Mann schaute sie ernst an und zuckte die Schultern.
„Lass die Angst dich nicht verzerren, wie es bei deiner Stiefmutter geschehen ist, Toireasa. Sei vorsichtig, aber genieße das Leben."
„Das ist gar nicht so einfach mit so einer Gewissheit."
„Ich bin ja auch noch da", zwinkerte Dumbledore ihr zu. „Und selbst unsere Feinde halten mich für fähig."
„Und zu allem in der Lage", füllte sich das kalte Schaudern wieder mit etwas Wärme. „Aber schön ist dieses Gefühl nicht, am Abgrund zu stehen. Es fühlt sich ein wenig so an, wie damals in Askaban. An der Klippe…"
„Dann solltest du auch daran denken, wie der Sprung ins Ungewisse euch gerettet hat."
Am nächsten Tag wurde Toireasa freigelassen. Widerwillig zwar, jedoch mit viel Pomp durch Opa Samuel. Mit seiner Augenklappe machte er einen auf verwegenen Pirat, aber sie wusste nur zu gut, wann er sein Auge verloren hatte – und dass es für sie gewesen war. Oma Caitlin war deshalb noch immer sehr sauer. Samuel andererseits, machte sich eher einen Spaß daraus und hatte Toireasa schon einige Male zum Lachen gebracht, wenn er sich heimlich zu ihr in den Kerker geschlichen hatte. Wobei sie abends die Strafe immer in ihr Zimmer und in ein richtiges Bett verlegt hatten.
Trotzdem wollte Toireasa heute nur noch allein weg und so sprang sie freudig auf, als am Nachmittag die Innentür klingelte. Doch wider Erwarten warte im Innenhof kein Tarsuinn, sondern nur eine verlegene Patsy.
„Patsy!", entfuhr es ihr ein wenig enttäuscht, denn so hatte sie das sich nicht ausgemalt und um ehrlich zu sein, machte sie sich Sorgen. „Ist was mit Tarsuinn? Ist alles okay?"
„Nein… nein", schüttelte die Elfe den Kopf so heftig, dass man Angst hatte ihre Ohren würde gleich abfallen. „All… es… ist… gut… Pat… sy… wur… de… ge… be… ten… jun… ge… Miss… zu… ho… len."
Toireasa stoppte sanft das Kopfschütteln, indem sie die Hände auf die Wangen der Elfe legte.
„Warum?"
„Damit Miss niemand folgen kann, der das nicht darf."
„Ich weiß nicht…", begann Toireasa und dachte an die Ermahnung von Professor Dumbledore vorsichtig zu sein.
„Das ist okay", erklärte Oma Caitlin hinter ihr. „Wir wurden vorgewarnt."
„Und wann wolltet ihr das mir sagen?"
„Sobald du dieses Gesicht von eben gemacht hast", lachte Samuel amüsiert. „Und sag Tarsuinn, dass es richtig Ärger gibt, wenn er sich nicht wie ein Gentleman benimmt."
„Ich richte es ihm aus", log Toireasa ungerührt.
„Ja, klar", sagte Oma Caitlin und sah sie prüfend an. „Ich lasse dich nicht gern gehen. Schick deinen Keyx, wenn du in Cutters Zuflucht bist, und denk an den SOS-Zauber."
„Ich habe ihn stundenlang geübt", erklärte Toireasa. „Aber ohne Zauberstab wird die Anwendung problematisch."
„Oh, stimmt", meinte Samuel gespielt erschrocken und fing an, seine Taschen abzutasten. „Wo ist er denn nur?"
„Opa!", schimpfte Toireasa vorwurfsvoll.
„Ja, ja", beschwerte er sich. „Es verletzt ein wenig, dass du so schnell hier raus willst."
„Ich hab drei Wochen lang das Haus nicht verlassen", erinnerte sie ihn. „Wenn ich nicht bald vor die Tür und…"
„…zu deinem Liebsten…", unterbracht er sie.
„Opa!", war sie jetzt deutlich mehr aufgebracht.
„Samuel, lass sie", eilte erstaunlicherweise Caitlin ihr zur Hilfe. „Die Kinder sollen einen schönen Tag haben. Sie haben ihn sich weiß Gott verdient."
„Ich behalte euch im Auge", versprach Samuel und zwinkerte mit seinem gesunden Auge.
„Lass sie in Frieden, sag ich."
„Na gut."
Ihr Opa gab Toireasa ihren Zauberstab.
„Wehe, er schaut dich schräg an", sagte er gespielt ernst.
„Tarsuinn schaut nicht schräg, sondern immer durch einen durch."
„Solange er dich komplett durchschaut ist alles gut."
„Bei Morgana. Hörst du wohl damit auf das Kind zu verwirren", schimpfte nun Caitlin etwas fester, griff nach oben zum Ohr ihres Mannes und zog ihn von der Tür weg.
Toireasa schaute zu der offensichtlich verwirrten Patsy hinunter.
„Die machen nur Spaß", erläuterte sie vorsichtshalber.
„Patsy sieht solchen Spaß auch zu Hause, aber sie versteht ihn immer noch nicht."
„Das wird", versprach Toireasa. „Können wir los?"
„Einen Moment noch." Die Elfe schnippte mit dem Finger und ein Regenschirm – einer dieser großen alten – erschien in ihrer Hand. „Es regnet da, wohin Patsy Miss bringt."
„Du weißt doch, dass ich Toireasa heiße", sagte sie und spannte den Schirm auf.
„Natürlich, Miss."
Wieder schnippte die Elfe mit den Fingern und Sekunden später – Toireasa konnte gerade noch ihren Großeltern ein Bye zurufen – stand sie im Regen in einem fast menschenleeren Park. Niemand schien ihre Ankunft bemerkt zu haben.
„Eine wirkliche angenehme Art zu Reisen, Patsy", lobte sie erstaunt. „Flohnetzwerk und Portschlüssel sind deutlich stressiger."
„Patsy ist nur froh keinen Fehler gemacht zu haben."
„Schön, aber wo sind wir und wo ist Tarsuinn?"
„Das ist die Grüne Insel", erklärte Patsy. „Und Tarsuinn wartet dort auf die Miss."
„Toireasa!"
„Patsy weiß das!"
Patsy schnippte mit dem Finger und verschwand. Dort, wohin die Elfe gedeutet hatte, erhob sich eine kleine Gestalt von einer Bank und drehte sich in ihre Richtung. Es war Tarsuinn. Er trug keinen Schirm, sondern nur eine vorn offene Regenjacke. Sein Gesicht wirkte ruhig, seine Lippen lächelten und seine Hand zitterte ein wenig, als er sich erhob und ihr unsicher zuwinkte. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen und hätte sich um seinen Hals geworfen, doch sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde. Stattdessen ging sie zu ihm hin und ergriff ohne ein Wort seine Hand. Vorsichtig zog er sie in eine willkürlich scheinende Richtung. Egal wo sie hier in Irland waren, es war ein verschlafenes Städtchen und überhaupt nicht erwähnenswert. Außer, dass es nicht viele junge Leute zu geben schien. So gingen sie schweigend durch die Straßen, durch einige schmale Gassen und standen plötzlich in einem kleinen, leicht verwilderten Hinterhof. Die Häuser ringsum schienen nicht bewohnt zu sein und hatten einen verfallenen Touch.
„Das ist mein Lieblingsort im Regen", sagte Tarsuinn leise.
Was immer er an diesem Ort fand, sie sah es nicht, aber da er sie hierher mitgenommen hatte, musste es etwas Besonderes für ihn sein. Ein schüchternes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Langsam ließ er ihre Hand los, trat unter dem Schirm hervor und streifte seine Jacke ab. Sekunden später war er klatschnass, aber er wirkte glücklich.
„Du hast mich doch Mal gefragt, warum ich es nicht schlimm finde, nichts zu sehen", sagte er immer noch sehr leise. „Ich will versuchen, es dir zu zeigen – wenn du es möchtest."
Eine Antwort fiel ihr nicht ein, aber sie schloss den Schirm und ließ ihn einfach neben sich fallen.
„Schließ die Augen!", sagte Tarsuinn und trat wieder ein Stück an sie heran. Seine Hände tasteten nach ihren und ergriffen sie sanft. „Entspann dich und fühl den Regen auf deinem Gesicht."
Sie schloss die Augen und entspannte sich so gut sie konnte. Er half ihr dabei. Mit weicher Stimme sprach er weiter.
„Ich kam zufällig hierher, als Rica mich damals aus dem Krankenhaus geschmissen hatte", sagte er leise. „Ich war verzweifelt, hatte mich verirrt, hatte Angst – und genau hier ließ mich Tikki vollkommen allein. Es regnete genau wie heute und während ich hier stand…"
Er machte eine Pause und schien selbst zu lauschen.
„Der Regen enthüllt den Ort", fuhr er nach einer Weile fort. „Hinter dir trommelte er auf einem umgestürzten Blecheimer. … links von dir auf eine Holzveranda, die leicht verrottet riecht… unter der Veranda ist eine Katze mit ihren Jungen und sieht uns aufmerksam an… rechts plätschert es in eine große Pfütze und ein kleiner Bach fällt in ein Loch."
Seine Stimme leitete ihre Ohren und alles, was er sagte, hörte sie plötzlich auch. Dinge, wie die Katzen und den Eimer hatte sie vorher nicht einmal gesehen.
„Jedes Blatt in der Eiche hinter mir wird von Tropfen berührt. Es ist, als würde der Baum sprechen, als würde er einen willkommen heißen. Als würde er dir versichern, dass nichts Schlimmes passieren kann."
Das war nicht unbedingt das, was Toireasa heraushörte, aber es war etwas Ähnliches. Sie spürte, wie ihr Atem ruhiger wurde, wie der Regen sie überhaupt nicht mehr störte, wie die Welt herum völlig unwichtig wurde. Alle Probleme, alle Ängste schienen beiseitezutreten.
„Dieser Ort ist erfüllt von Magie", hauchte sie in plötzlicher Erkenntnis.
Er antwortete nicht darauf und Toireasa sagte nichts mehr. Sie wusste jetzt, dies hier war einmal das Heim von Zauberern und Hexen gewesen. Vor sehr langer Zeit, so wie Haus und Garten aussahen. Fast war es ihr, als würde sie Kinder spielen und schreien hören. Eltern, die schimpften und lachten, nörgelnde und liebevolle Großeltern.
Das Tikki ihn hierher geführt hatte, war der Beginn seiner Reise nach Hogwarts gewesen. Hier hatte er die Ruhe gefunden allein, ohne Rica zu leben.
„Tropfen auf der Haut…", murmelte er und Toireasa hatte das sichere Gefühl, er wolle noch mehr sagen. Gänsehaut lief ihren Rücken herunter. Sie hielt die Augen geschlossen und obwohl sie nichts von ihm hörte, wusste sie, dass er nur noch Zentimeter von ihr entfernt war. Sein Atem, der ein wenig nach TicTacs roch, strich ihr warm über das Gesicht.
Mach schon, Tarsuinn, dachte sie, es wird Zeit und das hast du mir vor raus. Ich…
Seine Lippen fanden ihre und Toireasa war stolz, dass sie nicht zurückzuckte. Ein wenig war sie erstaunt, dass seine Zunge völlig tatenlos blieb, aber im Grunde war ihr das im Moment...
Sein regennasser, warmer Körper berührte sie, seine Hände ließen die ihren los und tasteten ihre Hüfte entlang. Zaghaft, fast fragend… Sie half ihm, indem sie seinem Beispiel folgte und sich an ihn drängte. Ihre Lippen lösten sich voneinander, doch die körperliche Nähe gaben sie nicht auf. Toireasa legte ihren Kopf auf seine Schulter und ihre Wange an die seine. So standen sie eine lange Zeit da und ließen den warmen Regen auf sich herunter prasseln.
„Bringst du mir bei…", flüsterte sie in sein Ohr und genoss die Wärme seines Körpers.
„Es ist am Anfang ein wenig eklig…"
So schlimm war es dann gar nicht, fand Toireasa nur Momente später. Nach dem dritten zaghaften Versuch wagte sie selbst mehr. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so in dem verlassenen Hof standen. Es war Tarsuinn, der es beendete.
„Du zitterst", sagte er besorgt.
Nicht nur wegen der Nässe, war sich Toireasa bewusste. Die Aufregung kribbelte unter ihrem Brustbein. Sie war ein wenig zu verkopft, um nicht zu wissen, dass sie eben die Tür zu etwas aufgestoßen hatte, dass als ein großes Abenteuer und Wagnis galt. Ein kleiner Spalt zwar, aber sie war gespannt darauf, was sie noch erwartete. Der Auftakt war wirklich schön – und furchteinflößend.
„Wir sollten gehen", sagte er, machte aber keine Anstalten sich von ihr zu lösen.
„Ich will noch ein wenig mit dir allein sein", flüsterte sie.
„Wir werden allein sein", erklärte Tarsuinn verlegen. „Mindestens ein paar Stunden."
„Ist meine Großeltern das bekannt?", schmunzelte Toireasa.
„Rica hat es wohl vergessen zu erwähnen."
„Hast du vor ein Gentleman zu sein?"
„Wenn du das möchtest?"
„Wären wir hier, wenn du ein Gentleman wärst?"
„Wohl kaum."
„Dann sei kein Gentleman. Sei Tarsuinn."
Diesmal war sie es, die die Initiative übernahm und ihn küsste.
Eine halbe Stunde später saß Tarsuinn auf einem bequemen Sessel in der Wohnstube von Cutters Bruchbude und Toireasa quer über seinen Beinen und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Er hatte ihr sein neues Zimmer gezeigt, aber da er noch außer Bett, Kiste und Rucksack nicht viel Einrichtung sein Eigen nannte, waren wie wieder nach unten gegangen.
Auf Patsys Drängen hin, welche sie hierher gebracht hatte, hatten sie ihre Kleidung gewechselt und etwas Anderes angezogen. Die kleine Elfin trocknete nun die nassen Sachen und da sie anscheinend noch immer furchtbare Angst vor ihrer Magie hatte, schaute sie der Wäsche beim Trocknen auf Muggelart zu.
Vielleicht wollte sie auch einfach längere Zeit aus dem Weg sein. Auf diese Weise störte sie nicht beim Kuscheln und gelegentlichen Küssen. Toireasa war froh darüber, dass dies nicht so ein Zungenringkampf war, wie es manche Pärchen in Hogwarts veranstalteten. Es fühlte sich so irgendwie richtiger an, romantischer, zärtlicher.
Liebevoll betrachtete sie ihn. Wann war das eigentlich mit ihr geschehen? Wann hatte sie ihre Schuldgefühle nicht mehr beachtet, wenn es um ihn ging? Manchmal hatte sie Angst gehabt, sie würde ihn nicht wiedererkennen, jetzt nachdem er vom Narren befreit war. Doch das war nun vergessen. Es war nicht so, als würde sie keine Änderungen bemerken, aber die waren eher… na ja… angenehm.
Sein Gesicht, das immer ein wenig müde ausgesehen hatte, war völlig entspannt. Sein Lächeln, früher meist ironisch, ab und an auch zynisch, war jetzt gewinnend.
Das Beste war jedoch die Veränderung an seine Augen! Sie blickten zwar immer noch durch einen hindurch und liebevoll angesehen zu werden war auch nicht drin, aber dafür hatten sie jetzt etwas Weiches. Die Wachsamkeit war im Moment vollständig verschwunden. Sie fand, sein Gesicht wirkte ohne die übliche Härte deutlich attraktiver und sie nahm sich vor, in Hogwarts ein wenig mehr auf ihn zu achten. Wenn das andere Mädchen auch bemerkten…!
„Toireasa?", fragte er leise und innerhalb eines Augenblickes tauchte wieder etwas vom alten Tarsuinn auf.
„Ja?", erwiderte sie verwundert und ein wenig besorgt.
„Ich hab Angst."
„Wovor?"
„Winona hat mir geschrieben, dass sie und Merton nicht mehr miteinander sprechen."
„Ja, die haben sich gekracht. Das wird schon wieder. Wie immer."
„Und Luna meldet sich auch nicht."
„Was hat das damit zu tun?"
„Ich möchte nicht, dass wir…"
„…uns verkrachen?"
„Ja", gestand er kleinlaut. „Tante Glenn meinte, es ist in unserem Alter normal, beim ersten Mal falschzuliegen."
„Denkst du denn, du liegst falsch?", fragte Toireasa beunruhigt.
„Nein!", sagte er fest. „Ich hab seit heute Morgen einen Puls wie eine Maus auf Speed und außerdem ist Tikki dermaßen begeistert… ich hab nur Angst dich zu verlieren. Ich meine, falls es doch nicht… falls… Ich will dich auf keinen Fall als Freundin verlieren, selbst wenn du nicht mehr meine Freundin sein willst."
„Das wird nie geschehen."
„Denkst du, wir kriegen das hin?"
„Wir sind vierzehn. Wir bekommen außer Chaos, Unsinn und knallende Hormone nichts hin", lachte Toireasa. „Was ich aber weiß, ist, wir sind und bleiben Freunde, selbst wenn die Hölle zufriert."
Sie schwiegen eine Weile.
„Bist du jetzt sauer?", fragte Tarsuinn.
„Der beste Zeitpunkt war es sicherlich nicht", sagte Toireasa ehrlich. „Auf der anderen Seite haben wir die Sache so schon mal geklärt."
Sie küsste ihn innig, um die dunklen Gedanken zu vertreiben, und sein Gesicht entspannte sich wieder. Danach schmiegte sie sich an ihn. Seine Worte hatten einen Stein ins Rollen gebracht. Die Welt um sie herum veränderte sich rapide und nicht unbedingt zum Besseren. Ihre Großeltern hatten Angst, waren ständig unterwegs und mehr als nur leicht gestresst. Die Sicherheitsvorkehrungen schränkten das normale Leben ein und fröhlicher Unsinn war selten geworden. Der Tagesprophet war nun ein Sprachrohr des Ministeriums und manche Zauberer und Hexen reagierten arg hysterisch auf gewisse Andeutungen oder Meinungen. Dazu die vielen Gespräche die verstummten, wenn Kinder in den Raum kamen. Wichtige Besprechungen bei verschlossenen Türen, anhaltende Ermahnungen und neue Verbote zu deiner Sicherheit. Kaum wurde ein Problem gelöst, schon war das Nächste im Anmarsch und so wie Toireasa es sah, würde es nach dem Ende der Ferien nicht besser, sondern nur anders werden. Tarsuinns Wildes Talent war für jede Seite eine Bedrohung und eine Chance. Ricas Fähigkeiten durften überhaupt nicht bekannt werden und Toireasa lebte quasi im feindlichen Lager. Nein – vielleicht würden jetzt weniger Leute nach ihrem Leben trachten, aber einfach würde es nicht werden. Und wer wusste, wann sie je wieder so privat sein konnten und durften?
„Was hältst du davon, wenn wir das Ganze auf einer höheren Ebene vorsetzen?", fragte sie und überraschte sich damit selbst am meisten.
„Okay", sagte er.
Sie erhoben sich und sie griff sich seine Hand. In ihren Bauch rumorte es wieder gewaltig, während er völlig gelassen schien. Ein paar Schritte später…
„Toireasa, was wollen wir denn auf dem Dachboden?", fragte er verwundert.
„Wir gehen nichts auf den Dachboden", lächelte sie über seine Naivität und ihre eigene Nervosität verflüchtigte sich ein wenig.
„Aber was bedeutet das dann?", wunderte er sich.
„Du wirst sehen", versprach sie ihm und streichelte seine Wange.
Tikki
Tikki verschwand durch ein Loch in der Wand. Sie hatte gesehen, was sie sehen wollte, und war zufrieden. Alles lief endlich wieder so, wie es richtig war. Dies hatte auch lange genug gedauert, fand sie. Und es war unnötig kompliziert gewesen, weil einige nicht immer auf sie gehört hatten!
Sie flog durch den Gang, den ihr Junges extra für sie geschaffen hatte, und schlüpfte durch eine geheime Tür nach draußen in den Garten. Ihr neuer Gefährte erwartete sie dort. Ein kleiner Teil von ihr wusste, dass sie ihn in ihrer Heimat niemals erwählt hätte. Natürlich war er kein Älterer, obwohl er schon alt war. Er würde nicht mehr allzu lange leben. Vielleicht ein oder zwei Sommer.
„Was ist mit meinem Bruder?", fragte er und schnüffelte an ihrer Nase. „Braucht er nicht unseren Schutz."
„Heute wird ihm nichts Schlimmes geschehen", versicherte sie ihm. Tikki war erfreut, wie er ihr Junges inzwischen nannte. Scheu war noch sehr klein gewesen, als man ihn seiner Mutter entrissen und ihrem Jungen gegeben hatte. Deshalb hatte er auch nicht verstanden, was damals passiert war, und sein Zorn war durchaus nachvollziehbar.
„Du bist sehr zuversichtlich, Ältere", betonte er ein wenig gehässig und spielte damit auf ihre vielen Sommer an. Sie biss ihm spielerisch ins Ohr.
„Hab ein wenig Respekt!", zischte sie.
„Vor jemanden, der nicht einmal einen Namen für sein Junges findet…"
Sie ließ von ihm ab.
„Das ist nicht einfach."
„Es ist einfach!", erwiderte er und drängte sich an sie. „Warum siehst du das denn nicht?"
„Er ist seit zehn Jahren mein Junges. Wenn ich keinen Namen finde, dann weil keiner ihm gerecht wird."
„Du bist wie ein Jäger, der alles sieht, nur nicht, worauf er tritt", unterstellte er keckernd und begann mit ihr zu balgen. Tikki war zu abgelenkt, um richtig gegenzuhalten. Scheus Gedanken waren einfach, nichts sonderlich tiefgründig – aber deshalb mussten sie nicht falsch sein. Sie ließ ihn ausnahmsweise gewinnen.
„Wie würdest du ihn nennen?", fragte sie unter ihm liegend.
„Man benennt einen Jäger nach seinen Fähigkeiten."
„Das weiß ich!", war sie ungehalten und wandt sich unter ihm hervor.
Da hatte sie es wieder – normal und männlich. Das Leben war nicht einfach für eine Ältere.
„Weißt du nicht!", neckte er sie und lief los. Sie folgte ihm.
Er wartete unter dem Gebüsch auf sie, in Lauerstellung und nervös zitternd. Seine Nase und seine Augen zuckten umher.
„Ich wünsche mir, Bruder wäre immer da", sagte Scheu und prüfte jede dunkle Ecke gründlich mit allen Sinnen. „Keine Furcht!"
„Ja", bestätigte Tikki und ein wenig Mitleid schlich sich in ihre Stimme. Die Panikattacken von Scheu kamen seltener, aber immer wieder überraschend.
Und dann plötzlich überkam sie die Erinnerung, wie sie innerhalb ihres toten Wurfes stand. Die kleinen verrenkten Leiber lagen neben ihr und ein blindes Junges weinte. Sie konnte das nicht noch einmal ertragen. Sie wollte… In ihrer Erinnerung berührte sie tastende Hände und die Furcht vor dem Leben schwand.
„Hoffnung", murmelte sie und schmiegte sich sanft an die Flanke ihres Gefährten. „Sein Name war schon immer Hoffnung."
