Kapitel 2: Besuch in der Nacht
Es war schon sehr spät in der Nacht, doch ich konnte noch nicht schlafen gehen. Mein Trank gegen Hippopocken könnte jede Stunde fertig sein, deshalb durfte ich mir jetzt keinen Fehler mehr erlauben. Darum hieß es jede halbe Stunde rühren, einmal im Uhrzeigersinn, fünf mal dagegen, bis der Trank im Kessel aussehen würde wie perlmuttschimmerndes Wasser. Und bis dahin musste ich einfach meine Müdigkeit weiter bekämpfen.
„Hallo? Sind Sie da?", hörte ich auf einmal eine tiefe, männliche Stimme mit britischem Akzent rufen. Verwundert stand ich auf, ich hatte niemanden erwartet, meine Kundschaft kündigte sich normalerweise immer mindestens einen Tag früher an.
„Ich bin hier", antwortete ich, während ich in meinen Verkaufsraum hinaus ging, der vor dem Labor lag. Dort stand ein hochgewachsener Mann in einem sehr edlen Anzug, der eine sehr betrunken wirkende, leichtbekleidete junge Frau in seinen Armen hielt. Zugleich schallten meine Alarmglocken im Kopf.
„Wer sind Sie? Sie sind kein Kunde von mir. Wie sind Sie hier rein gekommen? Wie haben Sie mich entdeckt?", fragte ich den Mann, während ich mit der Hand an meinen Zauberstab griff, der an meiner Hose mit einem Holster befestigt war.
„Wie meinen Sie das denn?", fragte der Mann mich verwirrt. „Draußen steht ein Schild mit der Aufschrift: Tränke für jedes nur vorstellbare Problem und andere Dinge. Sie haben hier doch eine Apotheke oder? Was sonst sollten Sie mit Tränken bitte meinen?"
Ich musterte den Mann durchdringend. Er schien kein Zauberer zu sein, sonst hätte er mein Geschäft nicht mit einer Apotheke verglichen. Aber wie konnte es dann sein, dass er meinen Laden entdeckt hat? Ich hatte einen Anti-Muggel-Bann gelegt, der eigentlich genau solche Situationen verhindern sollte.
„Nun", sprach ich, während ich meine Situation abwägte. Das Schlauste würde sein, dem Fremden einfach vorzuspielen, dass er wirklich in einer Apotheke sei. „Sie haben Recht. Allerdings ist es sehr spät und ich habe nicht mehr mit Kundschaft gerechnet."
Der Mann wollte grad zu einer Antwort ansetzen, als sich die Frau in seinen Armen etwas regte.
„Wo sind wir, Lucifer? Nicht mehr im LUX? Oh, mir ist so schlecht, Lucifer… Dabei wollte ich doch eigentlich den Abend mit dir genießen…", sprach sie lallend, während sie den Mann mit großen Augen ansah.
„Es wird dir gleich besser gehen, Liebes. Wir holen dir schnell was zur Besserung und dann kann der Abend weiter gehen", sagte der Mann zu ihr in einer verführerischen Stimme. Halt. Moment. Wollte dieser Mann hier tatsächlich ein Anti-Kater-Mittel für seine Freundin, damit er sie diesen Abend noch flachlegen konnte? Das war ja wohl die Höhe!
„Ich werde dieser Frau sicher kein Anti-Kater-Mittel geben, nur dass Sie heute Abend noch Ihren Spaß haben!", sagte ich entrüstet zu dem Mann. Er blickte von der Frau in seinen Armen wieder zu mir. Dabei bemerkte ich zum ersten Mal sein elegant geschnittenes Gesicht und seine dunklen Augen, die mir direkt in die Seele zu blicken schienen. Wieder klingelten Alarmglocken in meinem Kopf. Etwas an der Art, wie er mir in die Augen sah, schrie: Gefährlich! Er konnte unmöglich ein Muggel sein, aber ein Zauberer war er auch nicht, so viel war klar. Aber was war er dann?
„Ach, kommen Sie schon. Ich möchte doch nur meiner Freundin hier helfen, damit sie nicht so leiden muss", sagte er mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht, das mich ahnen lies, dass er eigentlich doch andere Intentionen hatte. Er half seiner jungen Begleiteten, sich auf den Sessel zu setzten, der in meinem Verkaufsraum stand. Dann kam er auf mich zu. Meine Hand glitt wieder zu meinem Zauberstab.
„Bitte. Helfen Sie mir, dass meine Begleiterin noch einen schönen Abend verbringen kann.", sprach er, während er mir tief in die Augen sah. Und irgendwas in mir wollte ihm helfen. Warum sollte ich diesem schönen Mann etwas verwehren? Er sah wirklich unglaublich gut aus.
Und während er mir in die Augen sah, trat wieder dieses teuflische Lächeln in sein Gesicht, was mich aus meinen Gedanken schrecken lies. Was passierte hier? Hatte er mich verzaubert? Aber er war doch offensichtlich kein Zauberer.
„Was sind Sie? Eine männliche Veela? Hören Sie sofort auf, mich zu beeinflussen!", zischte ich, während ich einen Schritt von ihm zurück wich. Sein Gesicht spiegelte Verwirrung wieder.
„Eine Veela? Was soll das denn sein? Ich bin der Teufel, Liebes. Und du wirst mir nun helfen."
Er kam wieder einen Schritt auf mich zu, doch diesmal war ich vorbereitet. Ich griff zu meinem Zauberstaub und zauberte unausgesprochen einen Schild, der ihn nicht näher an mich heran lies.
„Nein! Ich werde Ihnen nicht helfen! Fahren Sie Ihre Freundin nach Hause und geben sie ihr Kamillentee, dann spuckt es sich leichter. Und jetzt raus aus meinem Geschäft!"
Mit einem unauffälligen Wisch mit meinem Zauberstab sprang die Eingangstüre auf. Kalte Nachtluft wehte herein. Der Mann schien meine Ernsthaftigkeit zu bemerken, denn er wich zurück.
„Nun, wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann kann ich das leider nicht ändern. Dann setz ich die liebe Pamela in ein Taxi und such mir anderweitig Vergnügung für heute Nacht. Es gibt genug Frauen im LUX" Er zwinkerte mir zu, doch seine Augen wirkten kalt.
„Etwas an dir stimmt nicht, Liebes", sagte er zu mir. „Und ich werde noch herausfinden was das ist." Er sah mir direkt in die Augen und ich konnte schwören, dass ich etwas Rotes in ihnen glimmen sah. Und dann bekam ich auf einmal furchtbare Angst. Bilder von brennenden Menschen erschienen vor meinem inneren Auge. Und sie schrieen unerbittlich nach Gnade. Ich griff mit meinen Händen zu meinem Kopf.
„Hören Sie auf!", schrie ich. „Verschwinden Sie aus meinem Laden!"
Und dann war er weg. Und mit ihm auch die Bilder und die Schreie.
