Kapitel 4: Der Basilisk

Ich stand vor einem qualmenden Kessel in meinem Labor. In ein paar Minuten würde mein Trank für schöne Träume fertig werden. Er war eine Erfindung von mir, für Menschen, die nicht nur einen festen ruhigen Schlaf brauchten, sondern auch einen schönen Ort, den sie im Traum besuchen konnten.

Getestet hatte ich meinen Trank natürlich schon und zwar an mir selbst. Denn seit dem Vorfall im LUX ließ auch die Qualität meiner Träume zu wünschen übrig. Nicht selten erwachte ich und hörte noch im Nachklang meines Traumes die Schreie der brennenden Menschen.

Katie hatte ich selbstverständlich am nächsten Morgen angerufen, mich für mein überhastetes Gehen entschuldigt und ihr erzählt, dass ich den Typen wiedergesehen hatte, der damals nachts in meiner „Apotheke" aufgetaucht war. Die Halluzinationen, seine Manipulation und auch mein Disapparieren musste ich ihr natürlich verschweigen.

Katie war nicht sauer gewesen. Sie erzählte mir, dass sie, nachdem sie mich nicht mehr gefunden hatte, mit ihrem Fang für den Abend nach Hause gegangen war und die beiden dort eine schöne Zeit miteinander verbracht hatten. Also musste ich ihr gegenüber auch kein schlechtes Gewissen haben. Was mir aber weiterhin Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass ich einfach vor Lucifers Augen disappariert war. Er wusste nun also, dass auch ich nicht war, was ich vorzugeben schien. Allerdings war der Vorfall jetzt schon einige Zeit her und ich hatte nichts von Lucifer gehört oder gesehen. Ich hoffte also darauf, dass ihn meine Fähigkeiten einfach nicht interessieren würden.

Auf einmal wurde ich von einem Geräusch erschreck, das aus dem Kamin links neben mir ertönte.

„Miss Evans? Sind sie da?", hörte ich eine scharrende Stimme fragen.

Ich ging zu meinem Kamin und erblickte Severus Snapes Gesicht in den Flammen. Etwas verwundert sah ich ihn an. Snape und ich hatten eine ziemlich neutrale Beziehung zueinander. Er wusste natürlich, dass ich Lily und James Potters Tochter war, was mir anfänglich den Zaubertränke Unterricht in Hogwarts ziemlich mühselig machte, da er irgendein Problem mit meinem Vater gehabt hatte. Allerdings war er nach dem Tod meiner Eltern etwas umgänglicher geworden und begann mein Talent für Zaubertränke wertzuschätzen, auch wenn er das natürlich niemals zugeben würde.

Als ich mein Geschäft für Zaubertränke und Zaubertrankzutaten hier in Los Angeles eröffnete, wurde er einer meiner Stammkunden, der mich regelmäßig aufsuchte, um neue Zutaten zu kaufen. Allerdings schickte er mir immer eine Eule, bevor er sich persönlich bei mir meldete. Daher war ich sehr überrascht, sein Gesicht nun hier in den Flammen zu sehen.

„Ja, ich bin hier, Professor Snape.", antwortete ich ihm und stellte mich so vor den Kamin, dass er mein Gesicht sehen konnte. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"

„Es wurde heute ein Basilisk in Hogwarts getötet. Ich könnte Hilfe beim Zerlegen des Tieres gebrauchen, um Zaubertrankzutaten daraus zu gewinnen. Sie können sich selbstverständlich so viel davon für sich selbst mitnehmen, wie Sie möchten.", sprach er und blickte mich auffordernd an.

„Ein Basilisk? In Hogwarts?", rief ich schockiert aus.

„Das ist eine sehr lange Geschichte. Flohen Sie in fünfzehn Minuten in das Büro von Professor Dumbledore, ich hole Sie dort ab.", entgegnete Snape knapp. Und dann war sein Gesicht auch schon wieder aus den Flammen verschwunden.

Die Chance einen Basilisken zu zerlegen konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Aus diesen Tieren konnten die wertvollsten Zutaten gewonnen werden! Also stellte ich nur schnell meinen Kessel vom Feuer, ließ meine Schürze direkt an und schnappte mir eine Hand voll grünem Flohpulver von meinem Kamin. Es waren natürlich noch lange keine fünfzehn Minuten vergangen, aber ich wollte unbedingt nach Hogwarts und hören, warum dort ein toter Basilisk war. Vielleicht konnte mir Dumbledore in der gewonnenen Zeit erzählen, was geschehen war, während ich auf Snape warten würde. Also warf ich mein Flohpulver in die Flammen, die augenblicklich grün wurden, stieg in den Kamin und sprach: „Professor Dumbledores Büro, Hogwarts!"

Nach einem kurzen, unangenehmen Transport stieg ich aus Professor Dumbledores Kamin und fand mich, nicht überraschend, in seinem Büro wieder. Was mich allerdings überraschte war, dass Dumbledore nicht allein war. Ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß ein schmächtiger Junge mit rabenschwarzen Haaren und grünen Augen, das gleiche Grün wie die meinen, die mich jetzt verwundert anstarrten. Zu meinem Entsetzen waren die Klamotten des Jungen mit Blut und Schleim getränkt.

„Serafina? Ich hatte erst in ein paar Minuten mit dir gerechnet!", sprach Dumbledore zu mir. Doch ich hatte weder Augen, noch Ohren für ihn.

„Harry?", flüsterte ich und ging langsam auf den Jungen zu. „Oh Merlin, was ist mit dir geschehen, Harry?"

Ich ging langsam auf ihn zu und streckte meine Hand nach ihm aus. Er zuckte auf seinem Stuhl vor mir zurück und etwas in mir zerbrach. Mir stiegen die Tränen in die Augen und mich überkam die Verzweiflung wie eine dunkle Welle, die mich in den Abgrund riss.

„Sie müssen es ihm sagen, Professor Dumbledore! Bitte, ich flehe Sie an! Er ist doch mittlerweile alt genug!" Mit Tränen in Augen, die drohten überzulaufen, sah ich Dumbledore an. Dieser kniff die Lippen zusammen.

„Professor?", fragte da Harry auf einmal. „Wer ist diese Frau?"

Dumbledore stieß einen langen Seufzer aus und es schien, als würde alle Luft aus ihm weichen.

„Harry, ich glaube eigentlich nicht, dass du schon bereit bist es zu hören…", begann Dumbledore vorsichtig, doch ich unterbrach ihn.

„Natürlich ist er bereit es zu hören!", rief ich mit erstickter Stimme. Dann wandte ich mich an Harry, kniete mich vor ihn und nahm seine Hand in meine.

„Harry, ich bin deine Schwester", sagte ich während ich ihm in seine grünen Augen sah, die sich vor Schock weiteten. Er zog mir abrupt seine Hand weg und mir war, als hätte man mir ein Messer ins Herz gestochen.

„Meine Schwester? Nein, das glaube ich nicht. Meine einzigen Verwandten sind die Dursleys", sagte Harry, während er von mir zu Dumbledore blickte. In mir stieg wieder die Verzweiflung hoch und ich blickte Dumbledore flehentlich an.

„Doch, Harry, es ist wahr. Das ist deine Schwester Serafina Evans.", sprach Dumbledore und blickte Harry durch seine Halbmondbrille ernst an.

Harry wandte sich mir zu und ich konnte den Zorn in seinen Augen sehen.

„Aber… Wenn das wirklich stimmt, wieso bist du dann nie gekommen und hast mich geholt? Wieso muss ich bei den Dursleys leben?", fragte er mit anklagender Stimme.

„Es tut mir so Leid, Harry!", antwortete ich kraftlos. „Ich wollte ja Kontakt zu dir, aber ich konnte nicht… Ich durfte nicht… Man hat es mir verboten."

„Verboten? Was soll das denn für eine Ausrede sein? Du wolltest dich bestimmt nur nicht um mich kümmern!", rief Harry wutentbrannt.

„Nein, ich… Harry, das stimmt nicht!", antwortete ich flehentlich.

„Sie hat Recht.", unterbrach uns Professor Dumbledore. „Ich habe Serafina verboten Kontakt zu dir aufzunehmen."

Harry blickte ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen an.

„Aber Professor… wieso?!"

„Weil ich wollte, dass du aufwächst ohne deine tragische Geschichte zu kennen. Ich wollte dir eine Kindheit fernab von der magischen Welt ermöglichen.", antwortete Professor Dumbledore.

Harry schien einen Augenblick zu überlegen und sah mich dann zögernd an.

„Warum muss ich dann immer noch bei den Dursleys leben, obwohl ich mittlerweile von der Zaubererwelt weiß und nach Hogwarts gehe?"

Dumbledore seufzte schwer.

„Das ist nicht so einfach, Harry. Ich habe mächtige Zauber gesprochen, die deinen Schutz nur gewährleisten, wenn du bei deiner Tante bist."

In Harrys Gesicht trat augenblicklich ein enttäuschter Ausdruck. Ihn so zu sehen tat mir in der Seele weh und deshalb warf ich schnell ein: „Aber er kann mich doch besuchen kommen, oder Professor? Ich habe genug Platz, um ihn in den Ferien ein paar Wochen unterzukriegen."

Ein leichtes Lächeln trat in Dumbledores Gesicht und seine Augen funkelten hinter der Halbmondbrille hervor.

„Wenn Harry das denn möchte?", fragte er.

Auch ich blickte wieder in Harrys Gesicht und sah, dass dieser ziemlich verstört wirkte.

„Das ist grad alles ein bisschen viel", murmelte er. „Erst rette ich Ginny vor Tom Riddle, der auch noch Voldemorts Geist oder so ist, dann taucht plötzlich meine Schwester hier auf, von der ich nicht einmal etwas wusste… Es tut mir Leid, ich muss das erst mal verdauen."

Harry stand von seinem Stuhl vor Dumbledores Schreibtisch auf. Ich sah ihn voller Entsetzen an. Voldemorts Geist? Was war hier nur geschehen?

„Ich gehe nach draußen zu meinen Freunden. Vielen Dank für das Gespräch, Professor Dumbledore." Dann wanderte sein Blick noch einmal zu mir und ich sah Ungewissheit in seinen grünen Augen. „Bis… irgendwann", murmelte er in meine Richtung.

Und dann ging er, ohne sich nochmals umzudrehen, durch die Türe hinaus.

Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

„Er hasst mich! Er wird es mir nie verzeihen können, dass ich ihn allein gelassen habe!", stieß ich verzweifelt hervor.

„Nein, Serafina, nichts davon ist deine Schuld.", sprach Dumbledore und ich schaute ihn durch meine Finger hindurch an.

„Harry ist noch sehr jung, die Situation hat ihn bloß überfordert. Er wird dir eine Eule schreiben, wenn er soweit ist."

„Meinen Sie wirklich?", fragte ich ihn zweifelnd.

In diesem Moment ging die Türe wieder auf und ich drehte mich in Sekundenschnelle um, halb in der Erwartung, dass Harry nochmal zurückgekommen war. Ich musste aber enttäuscht feststellen, dass es nur Snape war, der nun ins Büro eintrat.

„Ich bin hier, um Miss Evans abzuholen.", sprach Snape an Dumbledore gewandt.

„Ich schon da", antwortete ich und wischte mir noch einmal über die Augen, bevor ich aufstand und ihm entgegen trat. Dann drehte ich mich noch einmal zu Dumbledore um.

„Danke, dass Sie ihm wenigstens die Wahrheit gesagt haben. Ich hoffe wirklich, er kann mir verzeihen."

Dumbledore nickte mir zu. „Ich bin mir sicher, dass er das kann. Und jetzt solltest du erst mal auf andere Gedanken kommen und dich mit Professor Snape um den Basilisken kümmern, der in der Kammer des Schreckens auf euch wartet."

Und schon begleitete Snape mich zur Türe hinaus, bevor ich Dumbledore überhaupt fragen konnte, was es mit der Kammer des Schreckens auf sich hatte. Als ich mit Snape die langen Korridore entlang lief, wandte ich mich also an ihn.

„Die Kammer des Schreckens? Ich bin mir sicher, dass es die noch nicht gab, als ich hier zur Schule ging. Außerdem habe ich gerade irgendwas von ‚Voldemorts Geist' oder etwas in die Richtung gehört… Was ist hier denn passiert?"

Snape warf mir einen missmutigen Blick zu, erzählte mir dann aber doch in aller Knappheit, was dieses Schuljahr in Hogwarts vorgefallen war.

Ein Basilisk versteinerte wohl einige Schüler und eine andere Schülerin öffnete unter mysteriösen Umständen eine geheime Kammer tief im Untergrund von Hogwarts, die anscheinend Salazar Slytherin selbst dort gebaut hatte. Und in dieser Kammer lebte jener Basilisk, der schließlich von meinem Bruder mit einem Schwert getötet wurde, weil Harry gekommen war, um die Schülerin, die zudem noch die Schwester seines besten Freundes war, zu retten. Das war ganz schön viel Information auf einmal und ich musste erst mal schlucken.

„Und wie kommt es, dass gerade eine Erstklässlerin diese geheime Kammer öffnen kann?", fragte ich Snape verwundert.

„Wir wissen es nicht. Dumbledore hat wohl einen Verdacht, welchen er aber selbstverständlich für sich behält.", grummelte Snape.

Wir liefen also in die Mädchentoilette der heulenden Myrte (nicht gerade ein Geist, den ich unbedingt wieder sehen wollte) und gelangen durch die Rohrsysteme hinter dem dort angebrachten Waschbecken in den Untergrund. Dort erreichten wir nach kurzem Fußweg eine Art Halle, in welcher der riesiger Kadaver eines Basilisken lag.

Snape und ich machten uns ohne Umschweife an die Arbeit und begannen das riesen Vieh in seine Einzelteile zu zerlegen. Keine sehr schöne Arbeit, aber als Meister der Zaubertränke durfte man sich nicht davor scheuen, dreckige Hände zu bekommen.

Wir kamen zügig voran und nach einigen Stunden war nur noch der nicht mehr verwendbare Teil des Basilisken übrig geblieben. Ich hatte einige Taschen voll mit verwertbaren Basilisken-Überresten gesammelt.

Wir stiegen also nach getaner Arbeit wieder die Rohre empor. Snape brachte mich zurück in Dumbledores Büro und verschwand dann, ohne ein Wort des Abschieds zu sagen. Hätte mich allerdings auch gewundert.

Zu meinem Verdruss waren wir Harry auf den Gängen Hogwarts nicht nochmal begegnet. Nicht, dass ich damit unbedingt gerechnet hätte, aber unser „erstes" richtiges Treffen war leider wirklich nicht so verlaufen, wie ich es mir gewünscht hätte.

Nachdem ich also von Dumbledores Büro wieder zurück in meinen Laden in Los Angeles gefloht war, saß ich nun auf meinem Bett und blickte mit starrem Blick an die Decke. Es war ein sehr aufregender Tag heute gewesen. Ich hatte meinen Bruder gesehen, der jetzt wusste, dass er eine Schwester hatte. Außerdem hatte ich erfahren, dass ebendieser zwölfjährige Bruder mal einfach so einen Basilisken getötet hatte. Den ich dann später zu Zaubertrankzutaten weiterverarbeitet hatte.

Ich hätte also eigentlich hundemüde sein müssen, doch der Gedanke an Harry ließ mich nicht schlafen. Ich hoffte wirklich, dass Dumbledores Worte wahr werden würden und Harry mir einen Brief schickte. Ich wünschte mir nichts mehr, als eine gute Beziehung zu meinem kleinen Bruder.

Und mit diesem Wunsch im Kopf übermannte mich dann schlussendlich doch der traumlose Schlaf.