Kapitel 5: Lio
Es war schon sehr spät in der Nacht, doch ich konnte mal wieder nicht schlafen. Mich plagten die Gedanken an Harry, an Lucifer, an eigentlich so ziemlich alles, was in den letzten Wochen passiert war. Also beschloss ich kurzerhand einfach einen nächtlichen Spaziergang durch die Straßen von Los Angeles zu unternehmen.
Ich befestigte also meinen Zauberstabholster an meinem Gürtel -nur zur Sicherheit natürlich- und begab mich hinaus in die kalte Nacht. Ohne ein bestimmtes Ziel im Kopf begann ich durch die Straßen zu laufen. Meine Wohnung lag in einem Viertel mit Clubs und Bars, daher waren einige Menschen unterwegs, die meisten von ihnen in teure Ausgehkleider gehüllt. Ich fiel also mit meiner Leggins und meiner Lederjacke kaum auf.
Ich merkte gar nicht, wie meine Schritte mich automatisch in Richtung des LUX trugen, bis ich tatsächlich vor dem Nachtclub stand. Ob Lucifer wohl gerade hier war? In beiden Situationen, in denen ich ihn bis jetzt gesehen hatte, war immer auch das LUX zumindest erwähnt worden. Beim ersten Mal war er mit seiner Begleiterin aus dem LUX in meinen Laden gekommen und das zweite Mal hatten wir uns ja persönlich im LUX gesehen. Es schien also so etwas wie sein „Stammlokal" zu sein. Vermutlich war er auch jetzt in diesem Augenblick in dem Nachtclub und flirtete mit einer hübschen jungen Frau, die wahrscheinlich nicht mal ahnte, wie leicht er sie um den Finger wickeln konnte, wenn er ihr nur einmal in ihre Augen sah. Beim Gedanken daran wurde mir unbehaglich zumute und ich erschauderte kurz.
Ich beschloss, dieses Gebiet zu verlassen und in einen Teil Los Angeles zu laufen, der ruhiger war. Falls ich mich verlaufen sollte konnte ich ja immer noch nach Hause apparieren. Als ich mich von den Nachtclubs entfernte, wurde die Gegend um mich herum immer schäbiger. Ich hatte jedoch keine Angst, ich war ja mit meinem Zauberstab gut gerüstet, auch wenn ich natürlich hoffte, ihn nicht einsetzen zu müssen. So genoss ich die Ruhe und hing wieder meinen Gedanken nach, bis ich auf einmal Stimmen aus einer dunklen Seitengasse wahrnahm.
„Was bist du denn für ein hässliches Vieh?", sagte eine hämische Stimme.
„Das ist 'n kleines Kätzchen, Pete", kam die Antwort von einer ebenso unangenehm sprechenden Person. „So klein und so wehrlos"
Es ertönte schallendes Gelächter.
„Na Jungs, wollen wir ein bisschen unseren Spaß haben?", fragte die erste Stimme. Ich hörte nur zustimmendes Stimmenwirrwarr und wieder Gelächter. Und dann auf einmal ein hohes Quietschen von einem verschreckten Tier.
Ich musste etwas unternehmen! Ich konnte nicht zulassen, dass diese Rowdys einfach so ein unschuldiges Tier quälten! Also packte ich kurzentschlossen meinen Zauberstab und lief in die dunkle Gasse hinein. Kaum hatten meine Augen sich etwas an die Dunkelheit gewöhnt, sah ich vier dunkle Gestalten, die ein kleines dreckiges Etwas in eine Ecke gedrängt hatten.
„Hey! Legt euch gefälligst mit jemandem an, der euch gewachsen ist!", rief ich ihnen entgegen. Augenblicklich merkte ich, dass das vielleicht keine so gute Idee gewesen war. Die vier waren vermutlich Muggel, ich konnte sie ja nicht einfach verhexen! Das würde großen Ärger mit dem amerikanischen Zaubereiministerium geben.
Die vier drehten sich zu mir um und ich konnte erkennen, dass es junge Männer, geschätzt um die 25 Jahre alt, waren.
„Und wer ist uns dann gewachsen? Du etwa, Puppe?", sagte einer der Jungs mit einem fiesen Grinsen im Gesicht.
„Wir können unseren Spaß auch gern mit dir haben, wenn du das kleine süße Katzenbaby retten willst", rief mir ein anderer zu.
„Glaub aber nicht, dass du dann gut davonkommst, Kleine!"
Innerlich zuckte ich zusammen. Ich hätte mir vermutlich einen besseren Plan überlegen sollen, bevor ich blindlings in eine Gasse mit gewalttätigen Männern marschierte. Ich wich also ein paar Schritte zurück und überlegte fieberhaft, wie ich mich und das kleine Fellknäul, dass zitternd in der Ecke saß, aus dieser Situation retten konnte. Ein Ablenkungsmanöver musste her! Ich konzentrierte mich also auf eine große Mülltonne hinter den Männern, während diese langsam und mit überlegenem Gesichtsausdruck auf mich zu kamen. Mit einem unauffälligen Zauberstabschnipsen ließ ich die Mülltonne ein paar Zentimeter in die Luft fliegen und mit einem lauten Knall wieder auf den Boden fallen.
Die Jungs zuckten alle zusammen und drehten sich zu der Geräuschquelle um. Das verschaffte mir die Zeit einen schnellen Tarnzauber zu sprechen. Als die Vier sich schließlich wieder zu mir drehten, hatte ich mich fest gegen eine Hauswand gepresst und war somit so gut wie nicht mehr sichtbar.
„Wo ist sie hin?", fragte einer der Männer verärgert.
„Sie muss abgehauen sein, als es so laut geknallt hat! Los hinterher! Weit kann sie nicht gekommen sein!"
Die vier Männer sprinteten los, die Gasse entlang. Als sie außer Hörweite waren lief ich zu dem zitternden Bündel in der Ecke der Gasse, nahm es ohne zu zögern sanft in meine Arme.
Doch ich erstarrte, als ich wieder Schritte hinter mir hörte.
„Na, da bist du ja. Wohl doch nicht einfach weggerannt, wie die anderen dachten.", hörte ich einen der Männer von gerade eben sagen. Mein Tarnzauber hatte wohl ungemerkt seine Wirkung verloren.
Ich drehte mich langsam zu ihm um. Er hatte sich ein paar Meter hinter mich gestellt und spielte scheinbar gelangweilt mit einem Klappmesser in seiner Hand.
„Weißt du, ich hatte mir gedacht, dass du nicht einfach abhaust, ohne die Flohschleuder mitzunehmen. Deshalb bin ich auch nochmal zurück gekommen."
Er blickte mir in die Augen und grinste, sodass ich seine bräunlichen Zähne selbst im schummrigen Licht der Gasse erkennen könnte. „Das war schlau von mir, findest du nicht?"
Er kam mir langsam näher und ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte, außer ihn mit einem Schockzauber außer Gefecht zu setzen. Der Ärger mit dem Zaubereiministerium war mir immer noch lieber, als mit einem Messer angegriffen zu werden. Ich zückte also meinen Zauberstab und sah den Mann grimmig an.
„Komm nicht näher!", warnte ich ihn und hoffte, dass er mich Ernst nehmen würde. Was er natürlich nicht tat.
„Was willst du denn tun, Puppe? Den Stock nach mir schmeißen?", sagte er hämisch grinsend.
Ich wollte gerade zum Schockzauber ansetzten, als eine andere Stimme hinter dem Mann ertönte: „Mit Stöcken hab ich's nicht so, ich nehm lieber meine Messer!"
Und noch während der Mann sich zu der Stimme umdrehte, zuckte er vor Schmerz zusammen und ließ sein Klappmesser fallen.
„Scheiße!", schrie der Mann. „Wer wirft denn da mit Messern?"
„Ich.", antwortete die Stimme. Plötzlich trat eine Frau aus dem Schatten hinaus in das sehr schwache Straßenlicht der Gasse. Bei genauerem Betrachten bemerkte ich, dass ich diese Frau kannte! Es war die Barista aus dem LUX!
„Komm mit mir mit", sagte sie an mich gewandt. „Ich bring dich hier weg. Das ist kein Ort für zarte Menschenmädchen."
„Ich bin kein zartes Menschenmädchen!", antwortete ich grummelnd, während ich ihr aber trotzdem entgegen lief. „Ich hatte die Situation unter Kontrolle!"
Die Frau schnaubte verächtlich und schüttelte nur den Kopf.
Ich hatte zwar die Situation wirklich (mehr oder weniger) unter Kontrolle gehabt, allerdings war ich doch sehr froh über das plötzliche Auftauchen der Barista. Auch wenn sie gruselig gut im Messerwerfen war. Ich folgte ihr also mit der kleinen dreckigen Katze in meinen Armen aus der Gasse hinaus, aber dann hielt ich inne.
„Warte! Wir können doch den Typen nicht einfach mit dem Messer in der Hand liegen lassen!", zischte ich der Barista zu.
„Du hast Recht", antwortete diese und drehte sich nochmal um. Sie lief zurück zu dem Mann, der Immer noch in der Gasse kniete und seine Hand, aus der ein seltsam geformtes Messer ragte, umklammerte.
„Ich kann doch nicht einfach so mein gutes Messer hier zurück lassen", meinte die Barista an mich gewandt, während sie dem Mann mit einem Ruck das Messer aus der Hand zog.
Dieser stieß einen spitzen Schmerzensschrei aus und sackte in sich zusammen. Die Barista zuckte mit den Schultern.
„Der ist umgekippt. Wohl doch nicht so ein harter Kerl. Kann nicht mal Blut sehen."
Ich lief nochmal in die Gasse hinein, während die Frau sich schon von dem Mann entfernte und wieder Richtung Eingang der Gasse lief. Mit einem stummen Zauber stoppte ich den Blutfluss aus der Wunde an der Hand des Mannes. Ich würde es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können, ihn einfach so zurück zu lassen, egal was für ein Monster er sein mag. Dann lief ich der Frau hinterher, die mir mittlerweile einige Meter voraus war.
Ich blieb noch einmal stehen und drehte der Frau den Rücken zu. Dann zückte ich ein weiteres Mal meinen Zauberstab und säuberte das kleine Kätzchen in meinen Armen von dem ganzen Dreck, der in seinem Fell festsaß.
„Kommst du jetzt endlich mal? Wir haben nicht ewig Zeit!", rief die Frau mir genervt zu. Sie hatte wohl bemerkt, dass ich stehengeblieben war.
„Zeit wofür? Wer bist du überhaupt? Und was machst du hier?", fragte ich.
Wir waren mittlerweile wieder an einer etwas größeren Straße angekommen und die Frau blieb vor einem schicken schwarzen Oldtimer stehen, der dort geparkt war.
„Ich bin Maze und ich bin hier, weil Lucifer mir aufgetragen hat, dich aufzuspüren und zu ihm zu bringen. Irgendwas an dir scheint ihn wohl zu interessieren, auch wenn ich überhaupt nicht verstehen kann, was das sein soll…"
Sie warf mir einen abschätzenden Blick zu, den ich etwas perplex erwiderte.
„Aber… es ist mitten in der Nacht! Ich hab grad eine kleine Katze gerettet! Ich muss mich jetzt um sie kümmern! Ich geh sicherlich nirgendwo hin!", antwortete ich entrüstet.
„Tja, dann hast du wohl Pech gehabt.", antwortete die Frau, Maze, und schloss das Auto auf. Ich wich zurück und überlegte, ob es sich wohl lohnen würde einfach davon zu rennen. Doch ich konnte den Gedanken nicht mal zu Ende denken, da hatte sie mich auch schon am Arm gepackt und mitsamt der kleinen Katze auf den Beifahrersitz des Wagens verfrachtet.
„Das ist Entführung!", schimpfte ich aufgebracht.
„Mir ist egal, wie ihr Menschen das nennt.", antwortete sie gelangweilt. „Wenn Lucifer mir einen Auftrag gibt, muss ich den wohl oder übel erfüllen."
„Was bist du denn, seine Sklavin?", antwortete ich bissig.
Maze warf mir einen sehr bösen Blick zu und beschleunigte das Auto ruckartig, sodass das kleine Kätzchen in meinem Schoß erschrocken miaute.
Die Katze hatte sehr schöne dunkelorangene Fellfärbung, wie ich nach der Säuberung festgestellt hatte, und war außerdem ein Kater.
„Du kannst echt froh sein, dass du das Viech noch irgendwie sauber bekommen hast.", meine Maze mit einem Blick auf den kleinen Kater.
„Lucifer hätte dich höchstpersönlich in die Hölle verfrachtet, wenn du sein Auto dreckig gemacht hättest." Sie grinste mich an und ich bekam das Gefühl, dass ihr die Vorstellung, dass Lucifer mich in die Hölle verfrachtete, gefiel.
Was mich jedoch ein wenig stutzig machte, war die Tatsache, dass Maze aufgefallen war, dass ich den kleinen Kater gereinigt hatte. Sie war wohl doch aufmerksamer, als ich angenommen hatte. Aber sie konnte auch erstaunlich gut mit Messern umgehen, also sollte mich das wohl nicht verwundern. Ich hoffte bloß, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie genau ich den kleinen Kerl gereinigt hatte…
„Ich glaub, ich werde ihn Lio nennen.", murmelte ich gedankenverloren, den Blick auf den Kater in meinem Schoß gerichtet, der mittlerweile selig schlief.
„Das ist ja wirklich schön für dich", antwortete Maze sarkastisch.
Ich verdrehte die Augen und fragte mich, wohin Maze mich wohl genau bringen würde. Und warum Lucifer mitten in der Nacht seine Spionin/Barista nach mir aussandte. Aber das würde ich wohl, mehr unfreiwillig als freiwillig, gleich erfahren.
Seufzend griff ich nach meinem Zauberstab, der sich wie immer unauffällig in seinem Holster an meiner Hüfte befand. Ich konnte also wenigstens wieder Disapparieren, wenn mir die Situation zu unheimlich wurde. Das war ja nichts neues für Lucifer, das hatte ich ja so wie so schon mal vor seinen Augen getan.
Ich seufzte erneut und schloss für einen kurzen Moment die Augen, während Maze mich ins Ungewisse fuhr.
