Kapitel 8: In der Winkelgasse

‚Liebe Serfina,

Ich habe mich sehr über deinen Trank gefreut. Die Dursleys haben mir, wie immer, Brot zum Geburtstag gegeben, aber mit ein paar Tropfen deines Trankes hat das schon viel besser geschmeckt! Ich bin aktuell in der Winkelgasse, weil ich von den Dursleys abgehauen bin... sie haben Tante Magda eingeladen und die hat Mom und Dad beleidigt. Da habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich würde mich freuen, wenn du auch zur Winkelgasse kommst, dann kann ich endlich meine Schwester richtig kennenlernen.

Bis Bald

Harry'

Das war der Brief, der mich Ende August erreichte. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, als ich für mehrere Wochen keine Antwort von Harry auf mein Geburtstagsschreiben bekam. Es hätte ja sein können, dass er gar keinen Kontakt zu mir wollte... Darum war ich sehr froh, als mich Harrys Brief erreichte, obwohl mich der Teil über das Brot als Geburtstagsgeschenk wütend aufschnauben ließ.

„Kannst du das glauben?", fragte ich Lio, der sich neben mir auf dem Sofa eingerollt hatte. „Sie schenken ihm Brot zum Geburstag!"

Lio blinzelte mich vorwurfsvoll an, als ob er mir sagen wollte, dass ich diese Situation ganz einfach ändern könnte.

„Du hast ja Recht", meinte ich und strich ihm über sein orange-rotes Fell. „Ich könnte Harry auch einfach über die Ferien zu mir holen. Ich bin auch mit ihm verwand, soll Dumbledore doch seinen Blutschutzzauber einfach hier machen!"

Lio maunzte, vermutlich um mir zu zeigen, dass er die Idee auch gut fand. Ich blickte auf meinen Kalender, der schräg gegenüber vom Sofa hing. In vier Tagen war der 1. September, also der Tag an dem Harrys drittes Schuljahr beginnen würde. Wenn ich morgen nach England reisen würde hätte ich einen Tag um alles rechtliche zu regeln, damit ich Harrys neues Vormund werden und er über die kommenden Freien zu mir kommen könnte. Den anderen Tag könnte ich mit Harry verbringen, bevor er dann am 01. September wieder nach Hogwarts reisen müsste. Danach könnte ich nach Amerika zurück reisen.

Das hörte sich nach einem ziemlich guten, wenn auch sehr spontanen Plan an.

„Was hältst du davon, Lio? Wollen wir drei Tage nach England gehen?", fragte ich meinen Kater. Er schnurrte als Antwort.

„Dann ist das geklärt. Ich werde Lucifer eine kurze Nachricht schreiben, damit er sich nicht wundert, falls er spontan vorbei kommt."

In den frühen Morgenstunden stand ich mit einem kleinen Koffer und meinem (sehr großen und schweren) Kater im Arm vor dem Kamin. Auf den Tresen im Eingangsbereich meiner Apotheke hatte ich eine Notiz an Lucifer gelegt, falls er aus irgendwelchen Gründen spontan vorbeischauen und mich suchen sollte. Ich hatte sogar kurz mit dem Gedanken gespielt ihn mit nach England zu nehmen, aber diese Idee hatte ich dann wieder verworfen. Er würde mich mit seinem schönen Gesicht viel zu sehr ablenken und ich wollte mich in der kurzen Zeit, die ich in England sein würde, voll auf meinen Bruder konzentrieren. Lucifers Besuch in England musste also warten.

Ich warf etwas Flohpulver in die Flammen meines Kamins, welche sich augenblicklich grün färbten.

„Gut festhalten", sagte ich zu Lio, als ich in die Grünen Flammen stieg.

Dann rief ich:

„Zum Tropfenden Kessel!" und wurde sofort in einen schwarzen Strudel gezogen.

Nach kurzer Zeit verlangsamte sich der Strudel und ich stand in einem etwas schmutzigen Kamin, der sich in einer schummrigen Kneipe befand. Diese war, da es in England auch erst vormittags war, noch leer, nur ein glatzköpfiger Barkeeper stand hinter dem Tresen und wischte mit einem dreckigen Lumpen über ein paar verschmierte Gläser. Ich ließ Lio auf den Boden, packte meinen Koffer und ging auf den Barkeeper zu. Dieser blickte von seiner Arbeit auf und sah mich neugierig an.

„Kundschaft so früh am Morgen? Was kann ich für dich tun, kleine Lady?", fragte er und warf mir ein zahnloses Grinsen zu.

Ich straffte meine Schultern und stellte mich etwas gerader hin (ich war keine kleine Lady!) und begann zu sprechen.

„Mein Name ist Serfina Evans und ich würde gern ein Zimmer für zwei Nächte nehmen."

Der Barkeeper blickte mich kurz abschätzend an und kramte dann einen Schlüssel irgendwo unter dem Tresen hervor.

„Zimmer 6, kleine Lady. Das macht zwölf Galleonen."

Ich legte ihm das Geld auf den Tresen und nahm meinen Schlüssel entgegen. Dann führte mich der Barkeeper eine enge Treppe hinauf, an deren Ende sich links das Zimmer mit der Nummer 6 befand.

„Hier wären wir. Falls du irgendwas brauchst, frag nach Tom."

Er grinste mich nochmal an und verschwand dann wieder die Treppe hinunter, bevor ich überhaupt danke sagen konnte.

Ich schloss die Zimmertür auf und ging in das Zimmer hinein. Drinnen befand sich ein gemütliches Bett, ein brennender Kamin und eine kleine Sofaecke. Ich legte meinen Koffer aufs Bett und öffnete ihn.

„Accio Samtumhang", murmelte ich und schon schoss mir mein luftiger schwarzer Samtumhang entgegen, den ich damals extra für warme Sommertage in England gekauft hatte. Das Wetter war zwar auch hier ziemlich angenehm, aber die englische Zauberermode bestand darauf, dass man edle Umhänge trug, wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs war. Ich warf mir also den Umhang über mein dunkelrotes Sommerkleid und befestigte die edlen silbernen rubinbesetzten Schnallen um meinen Hals. Ein kurzer Blick in den Spiegel neben dem Kamin zeigte mir, dass ich wie eine typische englische Hexe aussah. Ich würde also nicht auffallen.

Ich wollte mich gerade wieder vom Spiegel wegdrehen, als dieser begann mit mir zu reden: „So ein hübsches junges Ding! Aber was hast du denn nur für ein Kleid an? Man sieht deine Knöchel und deine Waden, junge Dame!"

Nachdem ich mich von meinem kurzen Schreck erholt hatte (ich hatte keinen magischen Spiegel zuhause und war darum sprechende Spiegel nicht mehr gewöhnt), antwortete ich etwas verärgert: „Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert!"

Der Spiegel schnaubte verächtlich, doch ich beachtete ihn nicht mehr und bückte mich zu Lio hinunter.

„Ich komme heute Abend wieder. Mach es dir gemütlich, erkundige die Winkelgasse... Aber stell ja keinen Unfug an!"

Lio maunzte und rollte sich auf dem Sofa zusammen. Er würde wohl erst noch ein kleines Nickerchen machen, bevor er auf Erkundungstour ging.

Ich schmunzelte kurz und ging dann zu Tür hinaus, die Treppe hinunter und an Tom, dem Barkeeper, vorbei in der Hinterhof des Tropfenden Kessels. Der Hinterhof war von einer Backsteinmauer begrenz und man musste auf den richtigen Stein mit dem Zauberstab tippen, um das Tor zum Eingang in die Winkelgasse, der magischen Einkaufsmeile in London, zu öffnen.

Nach kurzem Überlegen (und peinlichem auf-irgendwelche-Steine-klopfen) hatte ich den richtigen Stein angetippt und die Mauer öffnete sich und bildete einen großen Torbogen. Eine Pflastersteinstraße führte in die Einkaufsmeile, links und rechts der Straße reihten sich die buntesten und merkwürdigsten Gebäude, allesamt magische Geschäfte.

Am Horizont sah man die weißblitzende Fassade der Gringotts-Bank aufblitzen. Diese Bank war auch mein erstes Ziel für den Tag. Dort hatte ich meine Verließe, die mein magisches Geld enthielten. Gringotts galt als beste magische Bank, darum hatte ich mein Geld nie an eine amerikanische Zaubererbank übertragen. Die Kobolde, die dort arbeiteten, machten ihre Arbeit gut und gewissenhaft, insofern man richtig mit ihnen umzugehen wusste. Meine Großmutter, Dorea Potter, hatte mir als gebürtige Angehörige einer alten und ehrwürdigen Zaubererfamilie, den Blacks, schon früh beigebracht wie man seine Finanzen mit den Kobolden am besten regelte.

So fragte ich auch direkt nachdem ich die Bank betreten hatte nach dem Manager der Potter Verließe, dem Kobold Griphook. Nach kurzem Warten in der pompösen Eingangshalle der Bank trat mir eine kleine Gestalt mit einer langen Nase und spitzen Ohren entgegen.

„Seid gegrüßt, Miss Evans", sprach Griphook, als er schließlich vor mir zum stehen kam.

„Ihr wart schon lange nicht mehr anwesend. Was verschafft mir die Ehre?"

Er grinste mich an, wobei seine kurzen scharfen Zähne ihm ein schauriges Bild verliehen.

„Seid gegrüßt, Kobold Griphook. Ich möchte das Vormund meines Bruders Harry Potter werden und möchte mir hierzu euren Rat einholen", antwortete ich ihm.

Sein Grinsen verstärkte sich und ein Funkeln trat in seine Augen. Man konnte die Galleonen-Zeichen in seinem Gesicht förmlich sehen.

„Gewiss, Miss Evans. Doch alles hat seinen Preis..."

Ich schnaubte.

„Ihr kennt den Betrag des Goldes in den Potter-Verließen. Ich kann zahlen."

„Natürlich, natürlich", antwortet der Kobold. „Bitte, folgt mir in mein Büro!"

Ich lief hinter Griphook in ein großes Zimmer, ausgestattet mit einem Ledersessel und einem wunderschönen Schreibtisch aus Mahagoni. Griphook nahm auf dem Ledersessel Platz.

„Seid so frei euch einen eigenen Stuhl zu beschwören. Oder steht", meinte Griphook mit abwertendem Tonfall.

Es war kein Geheimnis, dass die Kobolde keine Zauberei mochten. Immerhin hatten die Zauberer sie zu Geschöpfen zweiter Klasse ernannt und ihnen einige Rechte abgesprochen.

Ich beschwor mir also einen einfachen Holzstuhl und nahm vor Griphooks Schreibtisch Platz. Dieser faltete seine Hände auf dem Tisch und betrachtete mich einen Augenblick lang unergründlich.

„Also", begann er schließlich. „Ihr möchtet die Vormundschaft für Euren Bruder Harry Potter übernehmen? Warum wendet Ihr euch an uns und geht nicht gleich ins Zaubereiministerium?"

Das war natürlich eine Fangfrage. Der Kobold wollte ein Lob für seine gute Arbeit hören.

Vorsichtig antwortete ich: „Die Kobolde sind unabhängig von den Zauberern und damit auch von Albus Dumbledore. Er möchte nicht, dass ich die Vormundschaft für Harry übernehme. Er ist der Meinung, dass Harry bei unseren Verwandten in Surrey bleiben soll. Die letzten Ereignisse haben mir jedoch gezeigt, dass ich besser für ihn sorgen kann. Würde ich direkt ins Ministerium gehen, hätte ich keine Chance. Professor Dumbledore hat über das Ministerium zu viel Einfluss. Die Kobolde sind unabhängig. Darum bin ich hier."

Griphook blickte mich weiter über seine lange Nase hinweg an.

„Sehr gut", sagte er schließlich. „Dann kommen wir zum geschäftlichen. Um die Vormundschaft für Harry Potter zu bekommen müsst Ihr zunächst einmal Lady Potter werden. Danach habt Ihr als Oberhaupt des Hauses Potter das Recht dazu sein Vormund zu sein. Diese Recht kann Euch auch nicht abgesprochen werden. Die Frage ist also ganz leicht, Miss Evans. Wollt Ihr Lady Potter werden?"

Ich blickte Griphook verdutzt an. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht... mein Großvater war Lord Potter gewesen. Dass ich nach seinem Tod das Oberhaupt des Hauses Potter werden konnte, hatte ich nicht in Erwägung gezogen.

„Was würde das für mich bedeuten?", fragte ich vorsichtig.

„Nicht viel, eigentlich", antwortete Griphook. „Die Repräsentation des Hauses Potter nach außen, die Verwaltung aller Anwesen und Hauselfen, insofern es welche gibt. Und natürlich der soziale Austausch mit anderen Oberhäuptern eines Hauses. Lord Malfoy veranstaltet zum Beispiel jedes Jahr einen Weihnachtsball."

Ich verzog die Miene. Auf einen Weihnachtsball mit den Malfoys, die zu den schlimmsten Blutpuristen in ganz England gehörten, hatte ich eigentlich keine Lust. Aber wenn das bedeutete, dass ich Harry von den Dursleys wegholen konnte, dann war es mir das wert. Wer weiß, vielleicht würde ich ja Lucifer als Begleitung zu diesen Bällen mitnehmen können? Das würde zumindest für Aufsehen sorgen.

Mit diesem Gedanken sagte ich zu Griphook: „Okay, ich werde das Oberhaupt des Hauses Potter. Was muss ich tun?"

Griphooks Mund verzog sich wieder zu einem spitzzähnigen Grinsen.

„Sehr gut. Wir brauchen nichts weiter als einen Tropfen Blut."

Mir wurde etwas flau im Magen.

Griphook öffnete eine Schublade an seinem Schreibtisch und zog eine edelsteinbesetzte Kiste aus Gold hervor. Diese öffnete er und stelle sie vor mich hin. In der Schachtel befand sich ein goldener Ring.

„Dies ist der Ring des Potter Oberhauptes. Ein Tropfen Blut muss auf den Ring geträufelt werden. Dann verändert sich der Ring und passt sich dem neuen Oberhaupt des Hauses an."

Griphook reichte mir eine Nadel und sah mich auffordernd an. Ich schluckte und stach mir zögerlich mit der Nadel in den Finger. Ein Tropfen Blut quoll aus der Kuppe meines Fingers hervor, den ich vorsichtig auf den Ring fallen ließ. Dieser begann hell zu glühen, sodass ich meine Augen schließen musste. Als ich die Augen wieder öffnete, lag in der Schachtel ein zierlicher goldener Ring, in den drei Rubine stilvoll eingefasst waren. Es war ein wirklich sehr schöner Ring. Behutsam nahm ich ihn aus der Schachtel.

„Ihr müsst ihn Euch an den anziehen, um das Ritual zu vollenden", sprach Griphook.

Ich nahm den Ring und steckte ihn mir an den Ringfinger meiner linken Hand. Wieder leuchtete der Ring kurz auf und passte sich dann an meinen Finger an. Ich spürte, wie von diesem Ring eine Magie ausging, die viel älter als meine war. Sie schwebte um mich herum und in meinen Körper hinein, um sich dort mit meiner Magie zu verbinden.

Griphook schien meinen erstaunten Gesichtsausdruck zu bemerken, denn er sagt: „Das ist die Magie des Hauses Potter. Mithilfe dieser Magie habt Ihr Zugang zu allen Potter-Anwesen und allen Potter-Verließen. Ihr könnt außerdem den Verteidigungsmodus aktivieren, falls eines der Häuser angegriffen werden sollte."

Griphook zog ein Blatt Pergament aus seiner Schublade.

„Hier sind alle Potter-Anwesen und die zugehörigen Hauselfen aufgelistet."

Er übergab mir das Pergament und ich betrachtete es eingehend:

‚Haus Potter - Anwesen

Potter Manor, London, England

Potter Family Home, Godrics Hollow, England

Potter Urlaubsdomizil, Wien, Österreich

Potter Urlaubsdomizil, Trieste, Italien

Haus Potter - Hauselfen

verstorben

Haus Potter - Verließe

Potter Vertrauensverließ: Harry James Potter

Potter Vertrauensverließ: Lady Serafina Poppy Evans-Potter

Potter Verließ: Lady Serafina Poppy Evans-Potter

Evans geschäftliches Verließ: Lady Serafina Poppy Evans-Potter'

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. Wir hatten Ferienhäuser in Italien und Österreich? Ich war mit meinen Großeltern nie dort gewesen. Diese Häuser würde ich bei Gelegenheit besuchen wollen. Dann fiel mir mein Name ins Auge.

„Lady Serafina Poppy Evans-Potter? Ist das jetzt mein Name?", fragte ich Griphook.

„Offiziell, ja", antwortete dieser. „Aber Ihr könnt euch selbst aussuchen, ob Ihr lieber mit ‚Potter' oder ‚Evans' angesprochen werden wollt."

Ich atmete erleichtert aus. Ich hatte meinen Namen schon einmal ändern müssen, ich wollte das nicht nochmal tun. Es sorgte einfach für zu viel Verwirrung.

„Ich werde nun die zugehörigen Papiere an das Ministerium schicken. Offiziel seid Ihr nun das Oberhaupt der Potterfamilie und damit auch das Vormund von Harry Potter. Aber das Ministerium braucht ja immer alles nochmal schriftlich... In der Zwischenzeit würde ich empfehlen, dass Ihr euch formelle Umhänge kauft, die das Potter-Wappen zeigen. Die werdet Ihr auf sozialen Events brauchen."

Griphook stand auf und ich tat es ihm gleich. Er verbeugte sich leicht und sagt: „Viel Glück auf diesem neuen Weg, Lady Serafina Poppy Evans-Potter. Möge sich Ihr Reichtum stetig vermehren."

Ich verbeugte mich vor Griphook und antwortete: „Vielen Dank, Griphook, Manager der Potter Verließe. Möge Ihr Goldfluss stetig fließen."

Dann drehte ich mich um und verließ schnellen Schrittes die Bank.

Draußen angekommen musste ich erst einmal durchatmen. Ich konnte es kaum fassen, dass ich spontan den Titel ‚Lady' Potter angenommen hatte! Damit gehörte ich zur magischen Oberschicht, genau so wie die Malfoys, die Parkinsons und wie sie alle hießen. Ich grinste verschmitzt. Unter den ganzen Blutpuristen fiel ich mit meiner liberalen Meinung auf wie ein bunter Hund. Aber das war gut so! Vielleicht könnte ich dann endlich etwas dagegen unternehmen, dass muggelgeborene Hexen und Zauberer als „minderwertig" betrachtet wurden.

Mein nächster Halt war bei „Madame Malkins: Roben für jeden Anlass". Dort erklärte ich Madame Malkins höchstpersönlich, was mein Anliegen war. Diese freute sich darüber, schicke Umhänge anfertigen zu dürfen (und natürlich über den Preis den sie dafür bekam). Nachdem ich also gefühlte fünf Stunden für die Anprobe der neuen Umhänge stramm stand, war auch dieser Aufgabe erledigt.

Als nächstes holte ich mir einen kleinen Happen zum Mittagessen und dann ging ich, wie man es eben macht, wenn man das erste mal seit Jahren in einer magischen Einkaufsmeile ist, shoppen.

Abends kam ich sehr erschöpft im Tropfenden Kessel an. Darum rieb ich mir erstmal verwundert die Augen, als ich einen schmächtigen Jungen mit verwuschelten schwarzen Haaren an einem Tisch in der Kneipe sah. Zu seinen Füßen lag, als ob es selbstverständlich wäre, mein Kater Lio.

War das etwa Harry, der da gemeinsam mit Lio gemütlich zu Abend aß? Nicht, dass es seltsam wäre Harry hier anzutreffen, er hatte ja schließlich geschrieben, dass er aktuell im Tropfenden Kessel übernachten würde. Aber das Lio bei ihm ist? Die beiden hatten sich ja noch nie zuvor gesehen!

Ich näherte mich vorsichtig dem Tisch und der Junge blickte zu mir auf. Die grünen Augen hinter der runden Brille zeigten mir, dass es eindeutig Harry war. Er sah mich überrascht und auch ein bisschen schüchtern an. Er erinnerte sich bestimmt an unsere letzte Begegnung, die ja nicht ganz so vorteilhaft verlaufen war.

„Serafina? Was machst du denn hier? Ich hab nicht mit dir gerechnet", sagte Harry leise und senkte seinen Blick wieder auf den halbleeren Teller vor ihm.

„Hallo, Harry", sagte ich und schenke ihm mein freundlichstes Lächeln. Er rutschte etwas tiefer in seinen Stuhl hinein, als ob er sich verstecken wollte. Na super. So viel zum Thema ‚Gute Beziehung zu Harry aufbauen'.

„Darf ich mich setzen?", fragte ich vorsichtig und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber.

Er nickte und ich nahm Platz. Lio streckte sich und sprang dann auf meinen Schoß.

„Ist das dein Kater?", fragte Harry leise.

„Ja, das ist Lio. Er ist eigentlich noch ziemlich jung, auch wenn er nicht so aussieht. Ich weiß echt nicht, wie groß er einmal wird...", antwortete ich uns strich Lio über sein geschmeidiges Fell.

„Er ist mir heute den ganzen Tag gefolgt. Hast du ihn auf mich angesetzt?"

Ich blickte Harry überrascht an.

„Nein, hab ich nicht. Er scheint dich wohl einfach zu mögen."

„Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich herkommst", murmelte Harry.

„Natürlich bin ich gekommen! Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe, dich endlich wieder zu sehen?"

Harry wich meinem Blick aus. Ich atmete tief durch.

„Ich habe Neuigkeiten", sagte ich und wartete, bis er mich wieder ansah.

Dann griff ich über den Tisch nach seiner Hand.

„Ich bin das Oberhaupt des Hauses Potter geworden. Das bedeutet, dass ich ab heute offiziell dein Vormund bin und du in den Ferien zu mir kommen kannst... insofern du das möchtest."

Harry blickte mich mit großen Augen an.

„Im Ernst? Ich dachte, Professor Dumbledore hätte das verboten?"

Ich schnaubte.

„Das hat er zwar, aber ich werde nicht länger zusehen wie die Durselys dich schlecht behandeln. Ich hätte schon viel früher etwas sagen sollen. Ich bin sehr wohl auch in der Lage dich zu beschützen! Und außerdem… habe ich in Amerika sehr mächtige Freunde", entgegnete ich mit dem Gedanken an Lucifer.

Wenn jemand Harry beschützen konnte, dann war das er. Meine Magie hatte fast keine Auswirkungen auf ihn, da würde auch Voldemort nicht viel ausrichten können.

„Ich würde mich riesig freuen, wenn ich von den Durselys weg könnte", sagte Harry leise, den Blick auf den Tisch zwischen uns gerichtet.

„Sie machen Mom und Dad immer schlecht. Das ist auch der Grund, warum ich hier bin. Tante Magda war zu Besuch und hat Dad als faulen Rumtreiben bezeichnet… Ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten. Und dann ist sie plötzlich angeschwollen, wie ein Luftballon, und davon geflogen."

Harry hatte den Blick immer noch auf den Tisch gerichtet, als ob er Angst hatte, dass ich ihn ausschimpfen würde. Aber im Gegenteil. Ich brach in prustendes Gelächter aus, sodass mich die anderen Gäste im Tropfenden Kessel verwirrt ansahen. Auch Harry sah verwundert auf, als ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.

„Was ist so witzig? Ich dachte, du würdest mich schimpfen"

Ich sah ihn, immer noch lachen, an.

„Wahrscheinlich sollte ich das auch, aber mal im Ernst? Das hat die alte Magda mehr als verdient. Und die Vorstellung, wie sie davon fliegt… das ist einfach zu gut!"

Ein kleines Grinsen schlich sich in Harrys Gesicht, das ich strahlend erwiderte.

„Du bist echt okay", meinte er. „Ich würde gerne in den Ferien zu dir kommen."

„Das freut mich, Harry! Du bist bei mir immer willkommen!", sagte ich. „Aber jetzt sollten wir in unsere Zimmer gehen, morgen ist dein letzter Ferientag, den solltest du ausgeruht genießen."

Am nächsten Tag ging ich mit Harry gemeinsam frühstücken und dann trennten sich unsere Wege. Er wollte nach seinen Freunden Ron und Hermine suchen, während ich noch ein paar Apotheken abklappern wollte, um neue Trankzutaten zu kaufen.

Als ich am Abend wieder im Tropfenden Kessel ankam, sah ich die ganze Familie Weasley (abzüglich natürlich Bill und Charlie) gemeinsam mit Harry und einem Mädchen mit buschigen Haaren, vermutlich Hermine, an drei zusammengeschobenen Tischen sitzen.

„Serafina!", rief Molly Weasley, als sie mich erblickte. „Dich habe ich ewig nicht mehr gesehen! Setz dich zu uns!"

Ich nahm ihr Angebot dankbar an und setzte mich auf einen Stuhl neben Harry, den mir die Zwillinge Fred und George schnell vom Nebentisch organisiert hatten. Die Weasleys begrüßten mich erfreut, abgesehen den beiden Jüngsten, Ron und Ginny, die sich vermutlich nicht mehr an mich erinnerten. Sie waren zu klein gewesen, als ich die Wealseys als Kind besucht hatte, um mit Bill und Charlie zu spielen.

„Ihr kennt euch?", fragte mich Harry verwirrt und auch etwas anklagend.

„Ich war, bis ich nach Hogwarts kam, eng mit Bill und Charlie Weasley befreundet. Da habe ich die Weasleys oft besucht. Als unsere Eltern gestorben sind, durfte ich leider keine Freunde mehr besuchen, da ja verschleiert werden sollte, dass ich die Tochter der Potters. Molly und Arthur kannten mich aber schon davor, also wissen sie natürlich Bescheid. Und die älteren Weasley-Kinder wissen es auch…"

Harry warf Ron einen ungläubigen Blick zu.

„Keine Sorge, Ron kennt mich nicht", besänftigte ich ihn. „Er war damals viel zu klein, um sich noch an mich erinnern zu können."

Das schien Harry etwas zu besänftigen.

Nachdem dieses Thema erledigt war, aßen wir gemeinsam unser Abendessen. Dann wurden die Hogwarts-Schüler nach oben in die Zimmer geschickt, um ihre Koffer zu packen. Ich blieb mit Molly und Arthur am Tisch sitzen.

„Hast du Harry schon die Wahrheit gesagt?", fragte mich Arthur.

„Arthur, die Wahrheit würde ihm fürchterliche Angst einjagen! Es wäre besser, wenn sie ihm nichts sagt", entgegnete Molly mit schriller Stimme. „Willst du Harry mit dieser schweren Last in die Schule schicken? Um Himmels willen, er kann von Glück reden, dass er nichts weiß!"

„Was genau meint ihr?", fragte ich verwirrt. „Redet ihr von Sirius Black?"

„Ja", sagte Molly und blickte mich eindrücklich an. „Aber Serafina, du weißt noch nicht die ganze Wahrheit. Arthur, erzähl es ihr."

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch und blickte Arthur gespannt an. Dieser blickte grimmig drein und begann zu erzählen: „Vor seinem Ausbruch aus Askaban hat Black immer wieder wie von Sinnen gemurmelt: ‚Er ist in Hogwarts, er ist in Hogwarts'. Das Ministerium nimmt an, dass er Harry töten möchte, um sein Werk für Voldemort zu vollenden."

„Oh Nein", entgegnete ich bestürzt. „Dann ist er also hinter Harry her?"

„Ja", antwortete Molly. „Aber das braucht er nicht zu erfahren! Er ist in Hogwarts vollkommen sicher!"

„Das entscheide immer noch ich", meinte ich entschlossen.

Die beiden Weasley-Patriarchen blickten mich überrascht an.

„Ich hab gestern den Titel der Lady Potter angenommen, ich bin offiziell Harrys Vormund", erklärte ich.

„Dumbledore wird nicht erfreut sein", meinte Arthur mit gerunzelter Stirn. „Aber ich bin froh, wenn er nicht mehr zu euren schrecklichen Verwandten muss." Er warf mir einen Seitenblick zu. „Entschuldige meine Wortwahl."

Ich zuckte nur mit den Schultern und starrte gedankenverloren zur Türe, hinter welcher sich die Treppe zu unserem Zimmer befand. Sie war einen Spalt geöffnet und ich meinte dahinter einen Schatten zu erkennen… Ich kniff die Augen zusammen. War das etwa Harry, der dort an der Türe lauschte?

Ich wandte mich wieder den beiden Weasleys zu und schenkte ihnen ein kleines Lächeln.

„Wenn ihr mich entschuldigen würdet, ich würde gern ins Bett gehen. Es war ein langer Tag."

Wir verabschiedeten uns voneinander und ich ging zur Türe, während Molly und Arthur noch am Tisch sitzen blieben.

„Harry, ich hab dich gesehen. Ich weiß, dass du gelauscht hast", sagte ich leise, während ich die Türe hinter mir schloss.

Wir standen nun beide im Dunkeln vor der Treppe und blickten uns gegenseitig an. Harrys grüne Augen waren geweitet und er sah etwas verängstigt aus.

„Bist du sauer?", fragte er vorsichtig.

„Nein", erwiderte ich seufzend. „Hast du alles gehört?"

„Ja. Warum ist dieser Sirius Black hinter mir her? Was will er denn von mir? Und was für ein Werk für Voldemort?"

Ich seufzte erneut. Dann setzte ich mich auf die unterste Treppenstufe und klopfte auffordernd auf den Platz neben mir. Harry nahm Platz und sah mich weiterhin fragend an.

„Es wird Zeit für eine kleine Geschichte", begann ich. „Sirius Black war einer der besten Freunde unseres Vaters. Er war oft da, als ich ein kleines Mädchen war und ich mochte ihn sehr gerne. Dann kam Voldemort an die Macht und der Krieg begann. Voldemort war hinter uns her, warum weiß ich leider auch nicht genau… Auf jeden Fall mussten wir uns verstecken. Also haben wir uns für den Fidelius Zauber entschieden. Bei diesem Zauber braucht man einen Geheimniswahrer, der als Einziger die Adresse deines Hauses kennt und diese an andere Leute weitergeben kann. Unsere Eltern haben sich für Sirius Black als Geheimniswahrer entschieden. Der hat aber Voldemort verraten wo wir wohnen… Er muss wohl die ganze Zeit ein Todesser gewesen sein, dieser Bastard!"

Ich merkte, wie mir Tränen der Wut in die Augen stiegen.

„Entschuldige. Das Ganze macht mich immer noch sehr traurig, ich hätte das nie von Sirius- nein, von Black erwartet. Auf jeden Fall ist er jetzt aus dem Gefängnis ausgebrochen und das Ministerium nimmt an, dass er hinter dir her ist. Hast du ja gehört. Und weißt du, was das beschissenste an der ganzen Sache ist?", fragte ich Harry aufgebracht.

Ich spürte, wie die Tränen über meine Wangen zu laufen begannen.

„Er ist dein Pate!"

Harry zog überrascht auf und ich sah ihm in die Augen. Auch in ihnen standen Tränen, die er mühsam versuchte wegzublinzeln. Für eine Weile saßen wir stillschweigend nebeneinander, jeder versunken in seine eigene Trauer und Wut. Dann überraschte mich Harry, indem er mir zaghaft die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Danke, dass du es mir erzählt hast. Ich hätte es nicht ertragen, es von jemand anderem zu erfahren."

Mit diesen Worten stand er auf und ging die Treppe hoch in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen herrschte Chaos. Die Hälfte der Weasley-Kinder (damit meine ich Fred, George und Ron) hatten ihre Koffer natürlich noch nicht gepackt und mussten das jetzt auf den letzten Drücker erledigen. Der Rest saß unten beim Frühstück. Dann fuhren die Autos des Ministeriums vor, die die Weasleys und Harry und Hermine zum Bahngleis 9 3/4 bringen sollten. Für mich hieß es also Abschied nehmen. Ich wurde von Molly, Arthur, Fred und George fest umarmt, während mir Percy fürstlich die Hand schüttelte. Er war ja immerhin Schulsprecher und konnte sich somit keine Umarmungen mehr leisten. Zumindest war das seine Meinung.

Auch Ron, Ginny und Hermine schüttelten mir schüchtern die Hand. Harry überraschte mich, indem er meine Umarmung fest erwiderte, was mich sehr glücklich machte. Dann stiegen sie alle in das magisch vergrößerte Auto ein und weg waren sie.

Ich seufzte wehmütig und blickte zu Lio hinunter, der neben mir stand und sich an meinen Füßen rieb.

„Es wird Zeit nach Hause zu gehen", sagte ich zu ihm.

Er maunzte. Also packte ich meinen Koffer und ging zum Kamin des Tropfenden Kessels, um zurück nach Hause zu flohen. Ich dachte mit einem kribbligen Gefühl im Magen daran, dass ich bald Lucifer wieder sehen würde. Ob er sich wohl fragte, wo ich war? Oder war ihm gar nicht aufgefallen, dass ich für ein paar Tage weg gewesen war?

Ich warf das Flohpulver in den Kamin und stieg, mit dem Koffer in der Hand und der Katze unter den Arm geklemmt, in die grünen Flammen.

„Evans Apotheke, Los Angeles!", sagte ich und wurde sofort in den schwarzen Strudel gezogen, der mich nach Hause bringen würde.

Hallo:) Es tut mir wirklich Leid, dass so lange nichts von mir kam, aber ich habe es endlich geschafft ein neues Kapitel zu schreiben! Vielen Dank an alle Reviews, alle Favoriten und auch an alle, die die Geschichte zu ihren Alerts hinzugefügt haben. Ihr motiviert mich wirklich sehr! Bis bald, eure Zwalt