Kapitel 9: Azraels Schwert

Nach dem nervenaufreibenden Trip in die Winkelgasse konnte es man mir wirklich nicht verübeln, dass ich am Tag meiner Rückkehr nach Los Angeles nicht viel zustande brachte, außer ein paar einfache Tränke zu brauen. Am Abend lockte mich schon früh der Gedanke an mein warmes, weiches Bett und ich gab mich dieser Sehnsucht hin. Lio tat es mir gleich und rollte sich am Fußende des Bettes ein. Ich schloss erschöpft meine Augen und ließ mich vom wohligen schwarzen Schlaf übermannen.

In meinen Träumen spürte ich eine Hand in meinem Haar, die mir immer wieder sacht über den Kopf strich.

„Serafina…", murmelte eine Stimme an meinem Ohr.

Ich drehte verwirrt den Kopf beiseite. War das überhaupt ein Traum? Die Stimme klang so echt und ein bisschen wie… Lucifer? Aber warum sollte der denn in meinem Bett sein? Ich musste wohl doch träumen…

„Sera!", hörte ich wieder Lucifers Stimme, diesmal energischer. Ich runzelte die Stirn und schob schmollend die Unterlippe vor. Konnte denn nicht mal der Traum-Lucifer etwas Zweisamkeit mit mir genießen?

Die Hand in meinem Haar wanderte über mein Gesicht, strich langsam meinen Hals entlang, über mein Schlüsselbein und blieb schließlich auf meiner Schulter liegen. Ich erschauderte leicht und seufzte wohlig. Wenn mir schon der echte Lucifer unerreichbar war, dann konnte ich ja wenigstens diesen Traum genießen… —Doch dann schüttelte die Hand plötzlich meine Schulter und ich riss abrupt die Augen auf.

„Was- Wer-?" Ich starrte angestrengt in die Dunkelheit meines Schlafzimmers und versuchte etwas zu erkennen. Ich hob meine Hand und murmelte: „Lumos!".

Eine kleine Lichtkugel erschien darauf hin in meiner Handfläche und füllte den Raum mit einem schummrigen Licht. Ich blinzelte noch einmal und stieß einen spitzen Schrei aus, als ich erkannte, dass Lucifer tatsächlich auf meiner Bettkante saß und mich schelmisch angrinste. Vor lauter Schreck warf ich die kleine (vollkommen harmlose) Lichtkugel auf ihn, die wirkungslos an ihm abprallte und dann erlosch. Wieder war das Zimmer in Schwärze gehüllt, doch diesmal konnte ich Lucifers Augen in der Dunkelheit glimmen sehen.

„Guten Morgen, Liebes", sagte Lucifer mit seiner verführerischen dunklen Stimme, die ich schon wieder gefährlich nah an meinem Ohr vernahm.

„Was in Merlins Namen machst du hier?", fragte ich und wich etwas zurück. „Wie bist du überhaupt hier reingekommen? Und wie viel Uhr ist es überhaupt?"

Ich griff zu meinem Zauberstab, der links auf meinem Nachttisch lag und deutete damit in Richtung der Stehlampe. Diese erhellte sich augenblicklich und endlich konnte ich Lucifer komplett erkennen. Er sah so schön aus, wie ich es immer von ihm kannte- mit maßgeschneidertem Anzug und perfekt frisierten Haaren saß er an meinem Bett und blickte auf mich herunter. Ich kam mir in meinem dünnen Nachthemd auf einmal schrecklich underdressed vor.

„Ich versuche dich zu erreichen, schon seit gestern. Aber an dein Smartphone gehst du nicht, daher dachte ich, dass ich wohl persönlich vorbei kommen muss."

„Mitten in der Nacht?", fragte ich ihn leicht verärgert.

„Liebes, es ist fünf Uhr morgens! Eine perfekte Zeit zum aufstehen, wenn es viel zu tun gibt."

„Ich habe heute aber eigentlich gar nicht so viel zu tun!"

„Ah, doch", entgegnete Lucifer und lächelte mich wieder mit seinem charmanten Lächeln an. „Ich habe einen Auftrag für dich."

Ich blinzelte ihn fassungslos an.

„Einen Auftrag? Und das kann nicht warten, bis ich ausgeschlafen bin?!"

„Tatsächlich… nicht", meinte Lucifer und verzog sein Gesicht. „Es könnten zu viele Menschen gestorben sein, wenn wir warten bis du ausgeschlafen bist."

Ruckartig setzte ich mich in meinem Bett auf.

„Was? Wie, Menschen gestorben? Ist Voldemort wieder da?"

Lucifer blickte mich verwirrt an.

„Voldemort? Was für ein merkwürdiger Name… Der Arme wird sich wohl jeden Tag wünschen, dass seine Mutter ihn anders genannt hätte."

„Nun ja, eigentlich heißt er Tom…", murmelte ich leise.

Diese Auskunft schien Lucifer allerdings nur noch mehr zu verwirren. Er schüttelte kurz den Kopf, wie um seine Gedanken zu sortieren und sah mich dann wieder an.

„Nein, es geht nicht um Tom, oder Voldemort, oder wie auch immer dieser Mensch auch heißen mag. Es ist viel schlimmer." Er machte eine dramatische Pause. „Ich habe etwas verloren."

Unbeeindruckt zog ich eine Augenbraue in die Höhe.

„Und das soll schlimmer sein als Voldemort?"

„Hörst du jetzt bitte auf mit diesem Voldemort?", entgegnete Lucifer etwas genervt und ich sah, wie es in seinen schönen Augen wieder rot glimmte.

Ich hob beschwichtigend die Hände und wich etwas mehr zurück. Einem wütenden Teufel wollte ich nicht zu nahe sein.

Er stieß einen Schwall Luft aus und schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatten sie wieder ihre gewöhnliche schwarze Farbe angenommen.

„Entschuldige, Liebes. Aber die Sache ist leider nicht so einfach. Gestern früh wurde eine Leiche gefunden… eine junge Frau. Erstochen. Und die Mordwaffe gehört mir."

„Was, erstochen? Und du willst jetzt dein Messer wieder haben?"

Das ergab für mich alles wenig Sinn. Gewaltverbrechen waren in L.A. leider nicht unüblich, aber warum der Mord mit Lucifers Messer begangen wurde, war mir absolut nicht einleuchtend.

„Nicht Messer… Schwert. Und eigentlich ist es auch gar nicht mein Schwert, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Hör zu, ich muss dir für den Zusammenhang eine kurze Geschichte erzählen. Bitte dreh nicht durch."Er sah mir eindrücklich in die Augen. Ich nickte vorsichtig.

„Ich habe dir doch von meinem Bruder Uriel erzählt und dass ich eine Auseinandersetzung mit ihm hatte. Nun ja, am Ende dieser Auseinandersetzung musste ich ihn leider töten."

„Was? Wieso-", wollte ich entgeistert fragen, doch Lucifer legte mir die Hand auf den Mund.

„Du hast versprochen nicht durchzudrehen, Sera. Lass mich bitte aussprechen."

Ich blickte ihm lang in die Augen, konnte dort aber nichts als Aufrichtigkeit erkennen. Also nickte ich ihm abermals zu und er nahm seine Hand von meinem Mund.

„Er hat Menschen bedroht, die mir nahe stehen und ich habe schließlich keinen anderen Ausweg gesehen. Jedenfalls habe ich ihn mit einem Schwert umgebracht, genauer gesagt mit Azraels Schwert. Das ist eine göttliche Waffe, die dem Engel des Todes gehört. Sobald ein Sterblicher sie in die Finger bekommt, verfällt er in einen Mordrausch. Jemand hatte den Mord von gestern zufällig auf einem Touristenfoto festgehalten und die Mordwaffe war… Azraels Schwert. Leider wurde das Schwert aber nicht am Tatort gefunden."

Ich riss entsetzt die Augen auf.

„Das heißt hier irgendwo in L.A. befindet sich ein Schwert, das jeden zum Mörder macht?"

„Nur Sterbliche verfallen in den Mordrausch", berichtigte mich Lucifer.

Ich sah ihn kritisch an.

„Du hast damit deinen Bruder getötet."

„Das ist etwas ganz anderes und tut jetzt nichts zur Sache! Sera, das Schwert ist in Menschenhand! Ich muss es unbedingt wieder bekommen, bevor ganz L.A. sich gegenseitig umbringen will."

„Und ich soll dieses Schwert für dich finden?", fragte ich.

„Kannst du es nicht einfach herzaubern?", entgegnete er.

„Das ist nicht so einfach… Es gibt einen Spruch, aber damit dieser Erfolg hat, muss ich in der Nähe des Schwertes sein."

„Einen anderen Weg gibt es nicht?", fragte mich Lucifer und ich meinte einen verzweifelten Unterton in seiner Stimme zu vernehmen. „Der Gedanke daran, dass du in die Nähe des Schwertes kommst behagt mir gar nicht."

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist die einzige Möglichkeit."

Lucifer schien kurz mit sich zu ringen.

„Nun gut", meinte er schließlich. „Dann komm bitte um sieben zu der Zentrale des LAPD. Ich zähle auf dich und deine Hexenkünste."

Er war gerade aufgestanden, als er sich noch einmal umdrehte und zu mir herunterbeugte.

Seine Hand lag plötzlich schwer auf meinem Unterarm und sein Daumen begann sanft über meine Haut zu kreisen. Ich erstarrte und blickte erschreckt in seine Augen, in denen wieder etwas rotes zu flackern schien. Allerdings war das Flackern diesmal nicht von Wut begleitet, sondern eine ganz andere Emotion schien in seinen Augen zu treten. Lucifer fuhr mit seiner großen Hand meinen Arm entlang bis sie auf meinem Oberarm zum erliegen kam. Ich erschauderte leicht, doch dann bemerkte ich, wie Lucifer leicht am Träger meines Nachthemdes zupfte, der wohl irgendwie auf meinen Oberarm gerutscht war. Erschrocken blickte ich an mir herunter und bemerkte, das meine linke Brust fast komplett enthüllt war. Schnell schlug ich Lucifers Hand weg und verdeckte mit meinen Händen meinen Busen.

„Ein wirklich schönes Kleidchen hast du da an, Liebes. Da sollte ich dir doch öfter einen nächtlichen Besuch abstatten."

Die Röte stieg mir ins Gesicht und ich wollte gerade etwas böses erwidern (so etwas wie: „Ein Gentleman schaut einer Dame nicht ins Dékolleté"), aber da war Lucifer auch schon durch meine Türe hindurch und verschwunden. Ich schnaubte empört.

Um sieben Uhr stand ich pünktlich in der Zentrale des LAPD. Nur konnte ich leider Lucifer nirgendwo sehen. Dafür entdeckte ich Lucifers Kollegin Chloe Decker, die wie gebannt in ein anderes Zimmer zu starren schien. Vorsichtig näherte ich mich ihr und räusperte mich. Sie wirbelte erschrocken herum und lächelte dann als sie mich erkannte.

„Oh hi, Serafina, richtig? Was machen Sie hier?", fragte sie mich freundlich und lächelte.

„Hallo, ja genau. Ich suche Lucifer, wir sind verabredet."

Ein etwas merkwürdiger Ausdruck trat in ihr Gesicht.

„Lucifer ist gerade etwas… beschäftigt."

Sie deutete auf das Zimmer, in das sie eben noch gestarrt hatte. Ich trat neben sie und erkannte Lucifer und Ella, die gerade etwas zu besprechen schienen. Lucifer beugte sich zu Ella hinunter, während sie ihm etwas ins Ohr flüsterte. Ein ganz kleines Monster der Eifersucht begann in meinem Magen zu knurren. Ich schluckte dieses mehr als nur unerwünschte Gefühl herunter und blickte Chloe an, die nur mit den Achseln zuckte und sich dann abwandte.

In diesem Moment verließen Lucifer und Ella das Zimmer. Ella strahlte über das ganze Gesicht als sich mich erkannte und ich bekam ein schlechtes Gewissen, da ich eben noch eifersüchtig auf sie war. Sie kam auf mich zu und schloss mich beherzt in ihre Arme.

„Hi Serafina! Was machen Sie denn hier?"

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte Lucifer schon geantwortet.

„Sera wird auch mitkommen bei unserem kleinen Ausflug."

Er griff Ella und mich am Arm und lief schnellen Schrittes in Richtung Ausgang des Gebäudes.

„Auf Wiedersehen, Detective!", rief er noch über seine Schulter in Chloes Richtung und da hatten wir die Zentrale des LAPD auch schon verlassen.

Nach einer kurzen Autofahrt in Lucifers schickem Oldtimer kamen wir in einem Waldstück außerhalb von L.A. an. Lucifer führte uns noch etwas tiefer in den Wald, bis wir schließlich vor einem grabähnlichen Loch standen.

„Beinhaltet ihr Gefallen Serafina und mich umzubringen?", fragte Ella sarkastisch, als sie in das Loch hinunter blickte.

Lucifer lachte verschmitzt und stieß Ella und mir in den Rücken, sodass ich tatsächlich das Gefühl bekam, gleich in die Grube hineinzufallen. Ich kreischte erschrocken auf, doch Lucifer hatte uns an den Armen gepackt und bewahrte uns vor einem Sturz in die Grube.

„Sehr witzig", fauchte ich und funkelte ihn böse an. Er zwinkerte mir zu und wandte sich dann an Ella, um ihr zu erklären, dass sie alles rund ums Grab forensisch untersuchen sollte.

„Und was genau mache ich jetzt hier?", fragte ich Lucifer leise, als Ella sich an die Arbeit machte.

„Du kannst nachsehen, ob das Schwert wieder hier ist und irgendwo versteckt wurde. Wie heißt es so schön: Ein Täter kehrt immer zum Tatort zurück, richtig?"

„In deinem Fall stimmt das ja", sagte ich und blickte vielbedeutend auf das leere Grab, in welchem er vermutlich mal seinen Bruder begraben hatte.

Wieder verdunkelte sich seine Miene und er warf mir einen bösen, rot-glimmenden Blick zu.

„Jetzt mach dein Hexen-Ding, Sera. Dafür bist du schließlich da."

Etwas beleidigt verschränke ich meine Arme vor der Brust, ging dann aber doch ein paar Schritte hinter einen Busch und zückte dort meinen Zauberstab.

Accio Azraels Schwert!", murmelte ich leise und spürte wie die Magie durch meine Hand in den Zauberstab floss. Allerdings fand sie nicht was sie suchte. Das Schwert schien nicht hier zu sein.

Seufzend kam ich wieder hinter dem Busch hervor und ging auf Lucifer zu.

„Das Schwert ist nicht hier", berichtete ich ihm.

Er nickte resigniert, als ob er mit dieser Antwort schon gerechnet hätte.

„Allerdings ist mir ein Gedanke gekommen: Wenn ich das Schwert rufe und es in der Nähe ist, dann kommt es ja auf mich zu und ich muss es auffangen. Ich bin auch sterblich, dann verfalle ich ja in einen Blutrausch, sobald ich es in den Händen halte, oder?"

Lucifer blickte mich entsetzt an.

„Du hast nicht gesagt, dass dein Zauber beinhaltet, dass du das Schwert zu dir rufen musst! Das ist zu gefährlich!"

Ich grinste.

„Hast du etwa Angst, dass ich dich umbringe, wenn ich das Schwert habe?"

„Sera, das ist kein Witz", sagte Lucifer eindringlich.

„Ja, ist ok, ich habe es verstanden. Dann muss halt immer jemand in der Nähe sein, der das Schwert aus der Luft fängt, falls ich es finde."

Lucifer nickte grimmig.

„Ja, das scheint mir die einzige Lösung zu sein… Übrigens hat Ella ein paar interessante Brandspuren gefunden, die sie analysieren wird. Wir beide können also wieder zurück fahren."

Und da war es wieder, das verführerische Lächeln, das mich innerlich dahin schmelzen ließ.

Da Ella noch an dem leeren Grab geblieben war, befand ich mich nun allein mit Lucifer in seinem Auto.

„Ich werde mit Detective Decker das Yoga-Zentrum besuchen, in dem das Mordopfer von gestern gearbeitet hat. Du kannst ja währenddessen etwas essen, ein paar Tränke brauen, Dämonen beschwören… Was auch immer Hexen in ihrer Freizeit so machen."

Er grinste mich an und ich streckte ihm kindisch die Zunge raus.

„Ich soll dann also auf Abruf bereit stehen, bis du mich wieder brauchst?", fragte ich verärgert.

„Richtig", entgegnete Lucifer.

„Schön! Aber du schuldest mir was", sagte ich und hob anklagend den Zeigefinger.

„Gefallen sind meine Spezialität", meinte Lucifer und zwinkerte mir zu.

Nachdem ich den ganzen Nachmittag nichts mehr von Lucifer gehört hatte, war ich in mein Büro gegangen, um dort ein paar Tränke für meine Kundenbestellungen zu brauen. Ich war gerade vertief in das Umrühren eines Verkleinerungstranks, als die Tür zu meinem Labor aufgestoßen wurde. Vor lauter Schreck machte ich eine hastige Bewegung mit meinem Zauberstab, sodass mir eine guter Schwall des Trankes ins Gesicht gespült wurde. Augenblicklich spürte ich, wie meine Muskeln zusammenschrumpften und die Welt um mich herum immer größer wurde. Als ich schließlich, inmitten eines Berges von Klamotten, die Augen wieder öffnete, erblickte ich Lucifers (nun riesiges) Gesicht über mir.

„Lucifer!", schimpfte ich mit einer piepsigen Stimme. „Hast du noch nie was von anklopfen gehört?"

Ich verkroch mich im Ausschnitt des T-Shirts, das ich zuvor getragen hatte. Leider waren meine Klamotten nicht mit mir geschrumpft.

Lucifer brach in schallendes Gelächter aus.

„Du schaffst es immer wieder mich zum Lachen zu bringen, Liebes", meinte er und stupste meinen Körper mit einem riesigen Zeigefinger an.

„Hey", machte ich empört. „Hilf mir lieber, statt nur zu lachen! Auf dem Tisch steht ein kleines blaues Fläschchen, da ist der Gegentrank drin. Du musst mir nur einen Tropfen geben."

Immernoch schmunzelnd holte Lucifer das besagte Fläschchen vom Tisch und gab einen Tropfen auf seinen Zeigefinger. Dann beugte er sich wieder zu mir hinunter und hielt mir den Finger vors Gesicht.

„Mach schön weit auf für den Teufel", sagte er und grinste dabei anzüglich.

Ich trank den Tropfen (der für mich eher ein ganzer Mund voll war) von seinem Finger und biss ihm zu guter Letzt noch einmal kräftig in diesen hinein. Etwas Rache für seine blöden Sprüche musste schon sein.

„Oh, bissig, die kleine Dame", meinte Lucifer grinsend.

„Dreh dich um!", entgegnete ich wütend, während ich zu spüren begann, wie meine Gliedmaßen wieder länger wurden.

Tatsächlich folgte Lucifer einmal meiner Anweisung und drehte mir den Rücken zu, sodass ich ohne Scham wieder meine Klamotten anziehen konnte, als ich meine ursprüngliche Größe erreicht hatte. Wobei… Der Rock, den ich vorher getragen hatte, war nun ganz schön knapp geworden und mein T-Shirt ging nur noch bis zu meinem Bauchnabel.

„Was in Merlins Namen…", murmelte ich, als ich an mir hinunterblickte.

Bei meinem Ausruf drehte sich Lucifer um und beäugte mich kritisch von oben bis unten. Dann kam er auf mich zu, bis er direkt vor mir stand. Dabei fiel mir auf, dass ich ihm fast direkt in die Augen schauen könnte, ohne aufzublicken.

„Da hat wohl jemand zu viel Wachstums-Trank abbekommen", meinte Lucifer und schmunzelte.

„Also, ich möchte nicht sagen, dass es mir nicht gefällt."

Auffällig glitten seine Augen von meinem Gesicht zu meinem Bauch und zu meinem kurzen Rock.

„Bleibt das jetzt so?", fragte er interessiert.

„Nein", antwortete ich energisch und trat einen Schritt zurück. „Spätestens morgen hab ich wieder meine normale Größe, aber für jetzt… wird das wohl so bleiben." Ich schnaubte verärgert.

„Warum bist du überhaupt hier? Brauchst du wieder meine ‚Hexen-Dienste'?"

„Oh, ich würde jeden Dienst annehmen, den du mir bietest, Liebes", antwortete Lucifer, während seine Augen immer noch meinen Körper auf und ab glitten. Ich wurde rot und schnappte meinen Zauberstab.

„Schluss jetzt!", sagte ich und verwandelte meine Klamotten in eine lange Robe.

Nicht, dass es mir nicht gefallen würde, wenn er mich so ansah… Aber jeder dieser Blicke machte meinem Herzen Hoffnung, dass er mir irgendwann, vielleicht, unter besonderen Umständen, doch einmal eine Chance geben würde. Aber ich war eine alte Romantikerin und wusste, dass mir ein Mann wie Lucifer wohl oder übel das Herz brechen würde.

„Ich habe meine Mutter besucht", fing Lucifer an zu erzählen, doch ich unterbrach ihn.

„Die, die alle Zauberer und Hexen erschaffen hat?", fragte ich aufgeregt.

Lucifer zuckte elegant die Schulter.

„Soweit ich weiß, habe ich nur eine Mutter. Also ja, genau die. Jedenfalls war sie diejenige, die die Sterblichen zu Azraels Schwert gelockt hat. Sie wollte damit wohl Vaters Aufmerksamkeit bekommen, kannst du das fassen? Als würde er je auf so etwas Erbärmliches reagieren…"

Er schüttelte kurz den Kopf.

„Nun ja, auf jeden Fall gibt es Anhaltspunkte dafür, dass das Schwert im Yoga-Zentrum ist. Du musst ganz schnell mit Maze und meinem Bruder dort hin und nach dem Schwert suchen, bevor Detective Decker und ich dort ankommen."

„Moment mal… Ich dachte, dass du deinen Bruder getötet hast?", fragte ich verwirrt.

„Mein anderer Bruder, Sera!", entgegnete Lucifer etwas genervt.

„Aha… und wo ist dieses Yoga-Zentrum?"

„Ich habe bereits alles organisiert. Detective Decker wartet draußen in meinem Auto und denkt, dass ich mir ein paar… Mittelchen aus der Apotheke besorgen will. Ist übrigens echt praktisch, dass dein Laden für Sterbliche wie eine Apotheke aussieht…" Er grinste wieder sein teuflisches Grinsen. „Nun gut, auf jeden Fall holen dich Maze und mein Bruder hier ab, sobald der Detektive und ich weg sind. Dann müsst ihr so schnell wie möglich ins Yoga-Studio kommen, aber des wird schon irgendwie gehen."

Fünfzehn Minuten nach diesem Vorfall stand ich tatsächlich mit Maze und Lucifers Bruder Amenadiel ein einem Büro innerhalb des Yoga-Zentrums. Die beiden waren sofort an meiner Türe gestanden, als Lucifer wieder gegangen war, sodass ich kaum Zeit hatte, meine verwandelte Robe in eine dehnbare Sportleggins und eines meiner oversized Ravenclaw-Quidditch-Trikots einzutauschen. In etwas anderes hätte mein nun einen Kopf größerer Körper nie hineingepasst.

Maze hatte mich kritisch beäugt, als ich ihr die Tür geöffnet worden.

„Du bist größer geworden", meinte sie nur. Dann wies sie auf den großen dunkelhäutigen Mann, der neben ihr stand.

„Serafina, Amenadiel. Amenadiel, Serafina. Das muss ausreichen."

Damit drehte sie sich wieder um und begann auf ein schwarzes Auto zuzulaufen, dass vor meiner Eingangstüre geparkt hatte.

Etwas eingeschüchtert blickte ich immer noch auf den beeindruckenden Mann vor mir. Wenn das Lucifers Bruder war, dann musste er ja ein… Engel sein?

„Freut mich sehr Sie kennenzulernen. Lucifer hat schon viel von Ihnen erzählt."

Das war eine Lüge, aber dem Mann zu sagen, dass ich bis vor fünf Minuten keine Ahnung hatte, dass er überhaupt existierte, war auch keine Option.

Amenadiel sah mich mit einem durchdringenden Blick an, dann lachte er schnaubend.

„Das hat er sicher nicht, aber die Freude ist ganz meinerseits. Ich habe noch nie eine Hexe getroffen, Mutter war es immer wichtig ihre Schöpfung von uns fern zu halten."

„Ah, ja", sagte ich und wollte gerade zu weiterem belanglosem Smalltalk ansetzten, als mich ein genervtes „Kommt ihr jetzt endlich, oder was?!" unterbrach.

Schnell eilten Amenadiel und ich zu dem schwarzen Auto, in dem Maze schon an der Fahrerseite Platz genommen hatte. Nach einer sehr wilden Autofahrt waren wir im Yoga-Zentrum angekommen und hatten dort das besagte Büro betreten.

„Also, dann tu' mal dein Hexenwerk", forderte Maze mich auf.

Ich atmete einmal kurz durch und zückte meinen Zauberstab.

„Ihr fangt das Schwert aber schon ab, wenn es auf mich zufliegt?", fragte ich nervös.

„Wenn du weiter so blöde Fragen stellst und unsere Zeit verschwendest, durchsteche ich dich eigenhändig damit", zischte Maze.

Als Antwort zog ich eine Grimasse in ihre Richtung, welche sie direkt erwiderte.

„Keine Sorge, ich passe schon auf", beruhigte mich Amenadiel.

„Okay, ich nehme dich beim Wort. Accio Azraels Schwert!"

Wieder spürte ich, wie meine Magie suchend durch den Zauberstab entfloss, doch auch diesmal fand sie nichts.

„Das Schwert ist nicht hier", sagte ich.

„Kann nicht sein! Bist du sicher, dass dein Hokuspokus funktioniert hat? Sah für mich nicht gerade beeindruckend aus", entgegnete Maze skeptisch.

„Klar hat es funktioniert", antwortete ich, etwas beleidigt, dass sie meine Fähigkeiten bei so einem leichten Zauber anzweifelte.

„Hm", machte Maze. „Amenadiel, wir nehmen das Büro auseinander. Los!"

Amenadiel verdrehte zwar die Augen, begann dann aber mit Maze gemeinsam alle Schränke zu durchwühlen. Beleidigt, dass sie mir nicht glaubten, stellte ich mich ins Eck und schmollte ein bisschen. Nach einer Weile wischte Maze frustriert ein paar Akten vom Schreibtisch.

„Nichts zu finden", sagte sie und kniff die Lippen zusammen.

„Ja, ich hab auch nichts", erwiderte Amenadiel.

„Hab' ich's euch nicht gesagt?", fragte ich mit Genugtuung.

„Jaja, du bist super schlau", äffte Maze.

Daraufhin drehte ich ihr die kalte Schulter zu und rümpfte die Nase (wir Ravenclaws waren leider kleine Besserwisser).

Maze wandte sich Amendiel zu und begann mit ihm über seine Mutter zu streiten. Mittlerweile glaubte ich, dass die Dämonin eine Art Streitsucht hatte. Ob ich wohl einen Trank dagegen brauen könnte? Nachdenklich kniff ich die Augenbrauen zusammen, wurde dann aber aus meinen Gedanken gerissen, als wir Lucifers Oldtimer vorfahren hörten.

Wir verließen fluchtartig das Büro und liefen die Treppe hinunter zum Eingang des Yoga-Zentrums. Dort kam uns auch schon Lucifer entgegen.

„Und?", fragte er etwas gehetzt.

„Da ist kein Schwert", antwortete Amenadiel.

Lucifer seufzte.

„Alles klar, ihr müsst sofort von hier verschwinden. Sera, du weißt was zu tun ist."

Er schenkte mir ein kurzes Lächeln, das mein Herz direkt etwas höher schlagen ließ. Dann drehte er sich um und eilte Chloe entgegen, die gerade auf den Eingang des Yoga-Zentrums zukam.

„Gut festhalten", raunte ich Maze und Amenadiel zu, während ich beide am Arm packte. Sie tauschten etwas verwirrte Blicke aus, doch da hatte ich uns schon mit einem Knall aus dem Yoga-Zentrum disappariert.

Ich ließ uns vor Mazes schwarzem Auto wieder auftauchen und wurde augenblicklich von Schwindel und Übelkeit übermannt. Es war immerhin nicht so leicht zwei weitere Personen, dazu noch eine Dämonin und einen Engel, mal eben so zu transportieren. Ich stütze meine Hände auf meine Knie und atmete tief durch.

„Wow, was war das denn?", hörte ich Maze durch das Rauschen in meinen Ohren hindurch fragen.

„Echt praktisch, damit ist man noch schneller als mit Flügeln", kommentierte Amenadiel beeindruckt. „Echt eine super Erfindung von Mutter."

„Jaja, alles was deine Mutter macht ist genial. Sterblichen übermenschliche Kräfte geben? Perfekt! Ein tödliches Artefakt auf die Menschheit loslassen? Noch viel besser!"

Während die beiden sich noch weiter stritten, ließ der Schwindel und die Übelkeit langsam nach. Ich richtete mich vorsichtig auf und wandte mich dann an Maze und Amenadiel.

„Also", unterbrach ich die Kabbelei der beiden. „Da ihr mich ja hier nicht mehr braucht, würde ich jetzt nach Hause gehen."

„Ach, macht doch alle, was ihr wollt!", zischte Maze und stieg wieder in die Fahrerseite des Autos hinein.

Ich warf einem ziemlich verdutzt dreinschauenden Amenadiel noch ein schüchternes Lächeln zu, dann disapparierte ich erneut und landete schließlich wieder in meinem Labor, wo ich mich direkt ans Werk machte, um die angefangenen Kundenbestellungen fertigzustellen.

Abends hatte ich mich zufrieden mit einem Butterbier und meinem Kater Lio auf dem Sofa eingekuschelt, als Lucifer plötzlich in das Wohnzimmer stürmte.

Erschrocken fuhr ich hoch und verschüttete dabei mein halbes Butterbier über mich selbst und das Sofa. Lio miaute empört.

„Bei Merlins Bart, Lucifer, du kannst hier doch nicht einfach so reinstürmen! Wie kommst du überhaupt in meine Wohnung? Ich habe abgeschlossen!", fragte ich entgeistert.

Lucifer ignorierte meine Frage komplett und sagte stattdessen: „Ich weiß, wo das Schwert ist. Die Yoga-Lehrerin hat es. Du musst sofort mit mir mitkommen und es holen!"

„Aber…", etwas bedauernd blickte ich auf mein halb leeres Butterbier.

„Komm schon, Sera", sagte Lucifer, trat einen Schritt näher und sah mir tief in die Augen (welche übrigens immer noch in etwa auf Augenhöhe mit seinen waren). Und mal wieder bekam ich dieses Gefühl, das es mir verwehrte, diesem schönen Mann auch nur den kleinsten Wunsch zu verweigern. Ich wandte den Blick ab.

„Du tust es schon wieder", murmelte ich.

„Was denn?", fragte Lucifer mit einem unschuldigen Lächeln im Gesicht.

„Du beeinflusst mich!", warf ich ihm vor.

„Hat es denn funktioniert?", fragte er.

„… Ich zieh mir schnell was anderes an."

Lucifer lachte sein dunkles Lachen, wovon mir plötzlich ganz heiß wurde.

„Du bist ein Engel, Serafina", rief er mir nach, während ich schon in mein Schlafzimmer gegangen war.

„Eher eine Hexe", entgegnete ich trocken.

Kurze Zeit später standen wir im Haus der Yoga-Lehrerin.

„Hallo? Ist da jemand?", rief Lucifer, während wir durch den Flur des Hauses liefen.

Als wir um die Ecke bogen, sahen wir eine Frau in einem modern eingerichteten Wohnzimmer stehen und hinter ihr lag… eine Leiche mit einem Messer in der Brust. Oder besser gesagt, einem Schwert. Azraels Schwert. Ich zog entsetzt die Luft ein.

„Das wäre dann wohl ein schallendes ‚Ja'", beantwortete Lucifer seine Frage sarkastisch.

Die Yoga-Lehrerin versuchte, entsetzt durch ihr eigenes Verhalten, eine Erklärung für ihre Tat zu finden, doch mir war längst klar, dass das Schwert seinen Einfluss auf sie ausgeübt hatte. Selbst jetzt, als es in der Brust des Mannes steckte, konnte ich sein Flüstern hören: „Nimm Rache an jedem, der dir Unrecht getan hat… die Dursleys… Dumbledore… Maze…Sirius Black… die Dursleys…"

Unwillkürlich ging ich einen Schritt auf das Schwert, und damit auch die Leiche, zu.

„Sera!", flüsterte Lucifer eindringlich und nahm fest meine Hand in seine. „Reiß' dich zusammen!"

Ich blinzelte und nickte, während ich versuchte, das verführerische Flüstern des Schwertes in meinem Kopf auszublenden. Dabei musste ich mich so konzentrieren, dass ich kaum dem Gespräch zwischen Lucifer und der Yoga-Lehrerin folgen konnte. Lucifer musste meine Anspannung irgendwie gespürt haben, denn sein Daumen fing an beruhigend über meinen Handrücken zu kreisen.

So war ich auch überrascht, als plötzlich Chloe Decker, ein anderer Detective und weitere Polizisten in das Zimmer stürmten.

„L.A.P.D! Nehmen Sie die Hände hoch!", rief Chloe, ihre Waffe auf die Yoga-Lehrerin gerichtet.

Lucifer schob mich etwas hinter sich und ging dann langsam auf seine Kollegin zu, um ihr die Situation zu erklären. Gespannt blickte ich dem Geschehen zu, dabei wurde die Stimme des Schwertes in meinem Kopf tatsächlich immer leiser.

Die Yoga-Lehrerin wurde festgenommen und abgeführt. Schließlich drehte sich Lucifer wieder zu der am Boden liegenden Leiche um und stutze dann.

„Wo ist die Mordwaffe?", fragte er angespannt.

„Die Kollegen hätten sie nicht entfernen dürfen, ohne vorher Fotos zu machen!", entgegnete Chloe verwirrt.

„Oh, sie konnten nicht anders…", murmelte Lucifer düster, während er schnellen Schrittes aus dem Zimmer lief.

„Was machen Sie eigentlich hier?", fragte Chloe mich, als ob sie mich erst jetzt wirklich wahrgenommen hätte. „Und sind Sie gewachsen?"

Sie musterte mich eindringlich. Ich zuckte nur hilflos mit den Schultern und eilte dann Lucifer hinterher.

Ich fand ihn schließlich mit dem anderen Detective auf der Terrasse, neben einem großen Pool stehend. Lucifer und der Detective schienen miteinander zu streiten, dann begann der Detective mit einem Messer nach Lucifer zu stechen. Ich schlug mit entsetzt die Hand vor den Mund. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass die Waffe in der Hand des Detectives gar kein Messer war, sondern… Azraels Schwert! Kein Wunder war die Stimme in meinem Kopf immer leiser geworden, dieser Mann musste unbemerkt das Schwert aus der Brust der Leiche gezogen haben und damit nach draußen gegangen sein!

Das Gerangel zwischen Lucifer und dem Detektive wurde immer hitziger, der Detektive stach unerbittlich immer wieder nach Lucifer, während dieser den Hieben auswich. Kurz war ich verwirrt- war Lucifer nicht unverwundbar? Aber Azraels Schwert, das Schwert des Engels des Todes war immerhin ein göttliches Artefakt… so wie Lucifer den Stichen auswich, musste es wohl oder übel die Macht haben ihn verletzen zu können.

Als einer der Stiche Lucifers Brust besonders knapp verfehlte, reagierte mein Körper wie von selbst. Ich riss meinen Zauberstab aus meinem Arm-Holster und schrie:

Accio Azraels Schwert!"

Und diesmal fand meine Magie was sie suchte. Das Schwert wurde aus der Hand des Detectivs gerissen und rauschte durch die Luft auf mich zu.

—Lucifers P.O.V.—

Lucifer sah noch wie das Schwert aus Dans Hand rutschte und in Seras Richtung flog. Diese stand mit ausgestrecktem Zauberstab da und fing das Schwert mit der anderen Hand aus der Luft. Sie blickte kurz mit vor Schrecken geweiteten Augen auf ihre Hand, die nun das Schwert hielt und ihr entsetzter Blick traf den Lucifers. Dann änderte sich ihre Miene. Ihre strahlend grünen Augen verdunkelten sich und ihr Gesicht formte eine Fratze des Hasses. Lucifer wusste, was auch immer sie vorhatte, er musste die (aktuell nicht ganz so) kleine Hexe schnell aufhalten. Mit einem mächtigen Sprung hastete er an Dan vorbei, der nur verwirrt blinzelte. Lucifer bekam gerade noch so Seras Arm zu fassen, als er auch schon in einen Strudel aus bunten Farben gezogen wurde. Sera brachte sie wohl an einen anderen Ort. Der Teufel in Lucifer fragte sich, auf wen sie wohl einen solchen Hass hatte, dass sie ihn, natürlich durch den Einfluss des Schwertes, umbringen wollte. Dieser Frage konnte er aber nicht weiter nachgehen, da er wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Der bunte Strudel löste sich langsam auf und Lucifer sah sich aufmerksam um.

Sera hatte sie in ein Wohngebiet gebracht, seiner Meinung nach ein ziemlich langweiliges. Jedes Haus glich dem anderen, die kleinen Gärten waren akkurat gerichtet. Lucifer war klar, welche Art von Menschen in so einer Gegend wohnen würden. Die triste, langweilige Art. Aber so sehr er selbst alles, was trist und langweilig war verabscheute, war ihm doch nicht klar, weshalb Sera einen (oder mehrere?) dieser Menschen wohl umbringen wollte. Beim Gedanken an die Hexe fiel Lucifer auf, dass diese sich wohl aus seiner Umklammerung gelöst haben musste, denn sie stand nicht mehr neben ihm. Er konnte sie weiter vorne erkennen, wie sie durch ein Gartentor in eines der Grundstücke trat. Azraels Schwert hielt sie immer noch fest umklammert, genau so wie ihren Zauberstab. Eilig lief Lucifer ihr hinterher. Im Garten fing er sie ab und hielt erneut ihr Handgelenk fest.

„Sera, hör mir zu, du willst diese Menschen doch gar nicht erstechen- "

Sera drehte ihm den Kopf zu und ihr hübscher Mund verzog sich zu einem Lächeln, welches Lucifer unter normalen Umständen sehr attraktiv gefunden hätte, wäre da nicht der wahnhafte Ausdruck in ihren Augen gewesen.

„Wer hat denn was von erstechen gesagt? Diese Familie soll BRENNEN!"

Und bevor Lucifer auch nur ein Wort entgegen konnte, hob sie die Hand, mit welcher sie ihren Zauberstab umklammerte und zischte: „Fiendfyre"

Augenblicklich schossen lodernde Flammen aus ihrem Stab hervor. Lucifer meinte sogar, dass er einige Wesen, wie etwa Drachen, in den Flammen erkennen konnte. Solche Flammen hatte er schon einmal gesehen, aber nicht auf Erden. Nein, solche Flammen gab es eigentlich nur in der Hölle.

„Sera!", sagte Lucifer eindringlich und versuchte irgendwie den Verstand der Hexe zu erreichen. „Du hast Höllenfeuer gerufen! Es wird die ganze Nachbarschaft zerstören, wenn du es nicht aufhältst!"

Kurz flackerte etwas in Seras Blick.

„Die… die ganze Nachbarschaft? Aber ich wollte doch nur die Dursleys…"

Dann wurde ihr Blick wieder dunkel.

„Sie haben Harry jahrelang misshandelt. Im Schrank unter der Treppe hat er gelebt! SIE SOLLEN BRENNEN!"

Angefacht durch ihren Zorn stiegen weitere Wesen aus den Flammen empor, während diese dem Haus unaufhaltsam immer näher kamen. Lucifer wurde langsam etwas unruhig.

„Sera, hör mir zu! Du kannst sie nicht einfach töten. Weißt du, was das für Konsequenzen haben würde?"

„Mich interessieren die Konsequenzen nicht!"

„Bitte, Sera, kämpf gegen das Schwert an! Lass es nicht eine solche Macht über dich haben! Du bist besser als das! Ich bin bei dir, siehst du?"

Lucifer hob seine Hand, in welcher er ihre umklammert hielt. Auch Sera schaute nun auf ihre miteinander verbundenen Hände. Wieder flackerte etwas in ihrem Blick.

„Lucifer… nimm mir dieses verfluchte Schwert ab!"

Unter augenscheinlich größter Anstrengung hielt sie ihm das Schwert hin. So schnell wie möglich entriss er es ihr und verwahrte es sicher in seiner eigenen Hand.

—Serafinas P.O.V.—

Ich blinzelte und sah mich verwirrt um. Es war, als ob sich plötzlich ein Schleier hob, der sich zuvor über meinen Kopf gesenkt hatte. Lucifer und ich standen im Vorgarten der Dursleys und waren umringt von-

„Ist das etwa Höllenfeuer?!", keuchte ich erschrocken auf.

„Ja", antwortete Lucifer mit zusammengebissenen Zähnen. „Du hast es gerufen, also bitte, ruf es auch wieder zurück!"

„Ich weiß aber nicht wie!", entgegnete ich panisch.

Lucifer sah mich entgeistert an.

„Was meinst du damit, du weißt nicht wie?"

„Höllenfeuer zu beschwören ist verboten, das lernt man nicht einfach in der Schule! Du bist der Teufel, hol du des doch zurück!"

„Ich habe es aber nicht beschworen!", presste Lucifer zwischen zusammengekniffenen Lippen hervor.

„Hör zu, Sera, das Feuer ernährt sich von deinen negativen Gefühlen, deiner Wut, deiner Angst… Atme durch. Lass das Negative los."

Ich lachte hysterisch auf.

„Warst du etwa zu lange in diesem Yoga-Zentrum?!"

„Das ist kein Witz", sagte Lucifer und griff nach meiner rechten Hand, mit der ich immer noch meinen Zauberstab umklammerte.

„Komm schon, Sera, wir schaffen das zusammen. Denk an was Positives. Ruf das Feuer zurück."

Noch etwas skeptisch blickte ich ihn an, doch dann schloss ich tatsächlich die Augen und atmete tief ein. Zuerst stieg mir nur der Geruch von verbranntem Gras in die Nase, doch dann spürte ich, wie Lucifer meine Hand sanft drückte. Meine Gedanken wanderten zum heutigen Morgen, als ich Lucifers Hand in meinen Haaren gespürt hatte… Dann dachte ich an Lio, meinen wunderbaren Kater, der sicher schon zuhause auf mich wartete… Dann dachte ich an Harry, der mir gegenüber langsam auftaute… Ich dachte an Ella, die mich einfach so akzeptiert hatte und sich immer aufrichtig zu freuen schien, wenn sie mich sah… und dann war da noch meine liebe beste Freundin Katie, mit der ich unbedingt mal wieder etwas unternehmen wollte…

Plötzlich merkte ich, wie das Knistern des Feuers immer leiser wurde, bis ich es schließlich gar nicht mehr hören konnte.

„Du hast es tatsächlich geschafft!", sagte Lucifer und ich meinte, einen etwas überraschten Unterton in seiner Stimme wahrzunehmen. Ich war allerdings viel zu erleichtert, um mich darüber aufzuregen. Im Gegenteil, ich ließ mich von meinen Gefühlen leiten und schlang meine Arme um seinen muskulösen Torso.

„Oh Merlin, zum Glück hat das funktioniert", murmelte ich in seine breite Brust hinein.

Lucifer lachte leise, wodurch sein Brustkorb leicht vibrierte.

„Es sieht außerdem so aus, als ob du deine normale Größe wieder erreicht hättest. Das hat auch seine Vorteile, finde ich", sagte er und ich spürte, wie sich seine Arme um mich schlangen und er sein Kinn auf meinem Kopf legte.

Als meine Gefühle ihr euphorisches Hoch überwunden hatten, bemerkte ich, dass ich wohl etwas stürmisch gewesen war. Ich wurde rot und löste mich aus seinen Armen.

„Äh… sorry", stammelte ich, doch Lucifer lächelte nur und strich mir sanft eine Haarsträhne hinter mein Ohr.

„Von mir aus kannst du dich jeder Zeit so auf mich stürzen", entgegnete er mit einem Augenzwinkern. „Aber… könntest du uns jetzt vielleicht wieder zurück nach L.A. bringen?"

Ich lachte und fasste seine Hand. Mit einem letzten Blick auf den verbrannten Garten der Dursleys apparierte ich uns zurück nach Hause.

Hallo:) nach einer langen Pause habe ich es endlich mal wieder geschafft ein Kapitel zu schreiben! Vielen Dank an alle, die ein Review hinterlassen haben:) Ich freue mich immer wieder, eure Meinungen zu Sera und ihrer Geschichte zu lesen. Außerdem möchte ich mich bei allen bedanken, die diese Story favorisiert oder zu ihren Alerts hinzugefügt haben!

Bleibt gesund!

Eure Tessa