Helsinki
Ein Rumpeln ging durch das Flugzeug, als das Fahrwerk auf der Landebahn aufsetzte. Feng, die bis dahin vor sich hingedöst hatte, wurde wachgerüttelt. Sonnenlicht fiel durch die schmalen Fenster herein und raubte ihr für einen Moment die Sicht. Sie hob die linke Hand.
„Guten Morgen, du Morgenmuffel"
Feng drehte den Kopf auf die andere Seite und schaute in Kates grinsendes Gesicht, wie immer fröhlich, wie immer gut gelaunt.
„Wir sind da." Kate zeigte an Feng vorbei und aus dem Fenster hinüber auf den Flughafen. Die warmen Braun- und Olivtöne Italiens waren einem frischen Dunkelgrün und hellem Grau gewichen, anstatt der Pinien säumten Tannenbäume das Rollfeld und die kahle Wiese brach nur an manchen Stellen durch den kalten Schnee. „Willkommen in Finnland."
Feng gähnte. „Sind wir schon da?"
„Ja, Dummchen, habe ich doch gerade gesagt." Kate zog die Augenbrauen nach oben, lehnte sich dann an ihr vorbei und schaute aus dem Fenster. „Nächste Station, Helsinki."
Es dauerte nicht lange, bis der Flieger zum Stehen gekommen war und sich die Flugbegleiter von den Passagieren verabschiedeten. Feng stand auf, langte nach oben und hievte ihren Koffer nach unten. Dabei unterschätzte sie allerdings dessen immenses Gewicht. Das schwere Ding wäre ihr beinahe auf den Kopf gefallen und Kate musste helfend einschreiten.
„Whoa, pass auf, sonst wirst du noch erschlagen."
Feng rieb sich die Augen. „Danke"
Zur Antwort drückte Kate ihr einfach einen Kuss auf die Wange. Vorsorglich hatte sie sich bereits jetzt eine Wollmütze auf den Kopf gesetzt und einen Schal um den Hals geschlungen. Den nahm sie nun wieder ab und reichte ihn Feng.
„Verkühl dich nicht, da draußen. Die Kälte sind wir nicht mehr gewohnt."
„So schlimm wird´s nicht sein."
Doch einmal mehr sollte Kate recht behalten. Es war so schlimm und als auf halbem Weg zum Terminalgebäude auch noch eine Windböe mit voller Kraft über den kahlen Beton preschte, wurde es sogar noch schlimmer. Innerhalb weniger Sekunden waren Fengs Ohren und Nase rot von der Kälte. Mit der rechten Hand zog sie ihren Koffer hinter sich her, mit der linken schützte sie sich vor dem eisigen Wetter. Ihr Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Luft.
„Puh, das war erfrischend", sagte Kate, nachdem sie das warme Gebäude erreicht hatten. Sie drehte sich zu Feng und schloss deren Hände in ihre. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst dir Handschuhe kaufen."
„Ja, ja."
„Aber wir haben Glück, schau dort."
Feng folgte Kates Blick und erblickte ein Kleidergeschäft gleich außerhalb des Terminals. In den Schaufenstern standen Puppen mit verschiedensten Winterbekleidungen, manche für Männer, die meisten für Frauen.
„Die haben wohl Erfahrung mit unvorbereiteten Touristen", murmelte Feng und gemeinsam marschierten sie durch die große Eingangshalle. Die Boutique war nicht besonders groß. Der Umfang an angebotenen Kleidern blieb überschaubar. Feng und Kate schlenderten ziellos durch die Reihe und hatten nach einer Minute schon alles gesehen. Zumindest glaubte Feng das.
„Was hältst du von der hier?"
„Was?" Sie schaute zur Seite und bemerkte, dass Kate nicht mehr neben ihr herging. Also drehte sie sich weiter und erblickte die blonde Sängerin ein paar Meter hinter ihr mit einer ungemein komischen Mütze auf dem Kopf.
„Wie sehe ich aus?" Kate stemmte die Arme in die Seite und warf sich in Pose.
„Bescheuert"
„Wunderbar. Hier, setz mal auf."
„Was, nein…" Doch Feng hatte keine Chance. Ehe sie sich wehren konnte, hatte Kate ihr die rosarote Wollmütze mit dem riesigen Bommel und den gigantischen Ohrenschützern über den Kopf gezogen. Das kitschige Teil war ihr viel zu groß und rutschte ihr fast über die Augen. Aber es war angenehm warm.
„Nicht schlecht", murmelte Kate und legte nachdenklich eine Hand ans Kinn.
„Wollten wir uns nicht nach Handschuhen umsehen?"
„Ah ja, genau."
Kate machte kehrt und verschwand zwischen den Regalen. Feng folgte ihr nur widerwillig. Sie genoss die Freude, die Kate so ungebrochen ausstrahle, doch es fiel ihr zunehmend schwer, sie zu teilen. Seit dem Anruf in Rom vor ein paar Tagen hatte sie eine Fassade aufrechterhalten müssen. Und Kate zuliebe hatte sie es bisher geschafft, auch wenn es schwierig war.
„Versuch die mal."
Kate tauchte wieder vor ihr auf und hielt ihr ein Paar brauner Fäustlinge hin. Sie waren angenehm flauschig gefüttert, aber passten nicht ganz.
„Zu groß" Feng schüttelte den Kopf.
„Warte, ich hab´s gleich."
Noch ein paar Mal verschwand Kate und kehrte wieder zurück, bis sie ein passendes Paar gefunden hatten. Auf dem Weg zur Kasse wollte Feng dann die rosarote Wollmütze wieder ablegen, doch Kate hinderte sie daran.
„Nein, nein, die bleibt auf."
„Echt jetzt?"
„Ich bestehe darauf."
Feng wusste, dass es keinen Zweck hatte, Widerstand zu leisten. Sie kannte den Blick in Kates Gesicht nur zu gut und so schleppte sie sich mitsamt der grauenvollen Mütze zur Kasse. Anschließend verließen die beiden den Flughafen. Die Kälte schlug ihnen mit aller Härte in die Gesichter, aber auf der Straße war es lange nicht so schlimm wie auf dem vollkommen ungeschützten Rollfeld. Außerdem war auch Feng jetzt zur Genüge eingepackt und blieb warm, auch wenn sie dabei seltsam aussah.
„Dass ich dich so leicht rumkriege, hätte ich nicht gedacht", sagte Kate: „Aber die Mütze steht dir gut."
„Sehr witzig."
„Ich mein´s ernst. Du bist süß genug, um so was tragen zu können." Kate kicherte und als Feng ihr einen weiteren misstrauischen Blick zuwarf, fügte sie hinzu. „Also ich steh drauf. Und nur damit du´s weißt: beim nächsten Mal bleibt die Mütze auf."
„Oh Gott…"
„Aber jetzt bringen wir dich erst Mal ins Hotel. Du siehst wirklich müde aus. In einem Flugzeug zu schlafen ist wohl wenig erholsam, schätze ich." Kate drehte sich um und hatte innerhalb weniger Sekunden ein Taxi herbeigerufen. Der Fahrer brachte sie direkt an ihr Hotel, das etwas außerhalb des Stadtzentrums lag und unterhielt sich dabei angeregt mit dem Blonden seiner beiden Fahrgäste. Feng hörte ihnen kaum zu. Am Hotel angekommen checkten sie ein, begaben sich geradewegs auf ihr Zimmer und fielen in die Betten.
„Ahhhh", verlieh Kate ihrem Genuss in einem langen Seufzer Ausdruck. Feng sagte gar nichts. Sie blieb einfach ruhig liegen und schloss die Augen. Die weiche Matratze und die hohe Temperatur ließen das Blut zurück in ihre unterkühlten Adern fließen und brachten wieder etwas Leben in ihre Glieder. Die leichten Kopfschmerzen, die sie seit dem Flug geplagt hatten, verebbten.
„Hey, du?" Ein Kuss berührte ihre Stirn. „Bist du noch wach?"
Feng öffnete die Augen. Kates Gesicht schwebte direkt über ihrem und in ihren Augen lag nichts weiter als Liebe und ein kleines Quäntchen Sorge.
„Ja" Sie langte nach oben und legte ihre Arme um Kates Hals. Dann zog sie die blonde Schönheit nach unten in einem sanften, doch verlangenden Kuss. Kate ließ sich nicht zweimal bitten und ließ sich vorsichtig nach vorne fallen, bis sie neben Feng im Bett lag. Beide hatten sie die Augen geschlossen. Sie wollten sich nicht sehen, sie wollten sich fühlen. Feng führte ihre Finger durch Kates blonde Mähne und nahm ihren lieblichen Duft tief in sich auf. Schließlich öffnete sie die Augen wieder.
„Du bist die Liebe meines Lebens", hauchte Kate und ihr Blick verkündete nichts als die Wahrheit. Feng machte die Augen wieder zu und ließ sich in den nächsten Kuss entgleiten. Erst eine ganze Weile später ließen sie voneinander ab. Allerdings nur so weit, dass sie miteinander flüstern konnten. Ihre Körper waren immer noch fest umschlungen.
„Feng"
„Hm?"
„Seit ein paar Tagen wirkst du etwas… still. Ist etwas nicht in Ordnung?"
„Nein, alles bestens."
„Wenn dich etwas bedrückt, dann musst du mir das sagen."
Einen Moment lang spielte Feng mit dem Gedanken, ihr Geheimnis preiszugeben.
„Ich bin nicht wie du", flüsterte sie schließlich: „Ich glaube, meine eigenen vier Wände fehlen mir mehr als ich dachte."
„Du hast Heimweh?" Kates Augen weiteten sich, bevor sie Feng etwas näher an sich heranzog. „Wenn du zurückwillst, dann musst du es nur…
„Nein, nein. Ich will nicht zurück. Ich kann mir keinen Ort vorstellen, an dem ich lieber wäre als hier mit dir. Ich bin nur etwas erschöpft, das ist alles."
„Dann bleiben wir heute hier", verkündete Kate. Ihr Lächeln schimmerte durch das Halbdunkel der zugezogenen Vorhänge.
„Aber wir wollten uns doch die Stadt…"
„Gar nichts wollten wir. Heute machen wir nichts anders als uns auszuruhen. Und für den Abend habe ich schon eine gute Idee, die dich wieder auf die Beine bringen wird."
Rin Yamaoka saß in dem großen Anwesen, das einst ihrer Familie gehört hatte und nun nichts weiter als eine formgewordene Erinnerung im Nebel war. Sie hatte die Beine überkreuzt, die Hände in den Schoß gelegt und den Rücken gerade durchgestreckt. Ihr Kopf war etwas nach unten geneigt und ihre Augen geschlossen. Vor ihr lag das Schwert ihres Vaters.
Es war bereits Jahre her, wahrscheinlich schon Jahrzehnte, dass ein buddhistischer Mönch ihre Schulklasse in Japan besucht hatte. Sie war noch ein kleines Schulmädchen gewesen, Rin kam es wie eine Ewigkeit vor. Der Mönch hatte den Kindern gezeigt, wie man richtig meditierte, war dabei allerdings auf weitgehend taube Ohren gestoßen. Wie sollte man auch von einem jungen Schulkind erwarten, dass es sich für das Stillsitzen begeisterte?
Aber dann war Rin gestorben, ermordet von ihrem eigenen Vater. Der Entitus hatte sie in den Nebel gezerrt, sie hatte grauenvolle Dinge durchlebt und war schließlich von Sally gerettet worden. Selbst jetzt noch tat die alte Dame alles in ihrer Macht Stehende, um ihr zu helfen. Sie hatte ihren Körper weitgehend repariert, sodass ihre Gliedmaßen wieder unversehrt zusammenhingen und ihre Stimmbänder geheilt, sodass sie wieder sprechen konnte. Jetzt blieb nur noch ihre blaue Haut, die weißen Augen und das schwebende Haar. Aber diese Dinge waren halb so schlimm.
Was Rin jedoch immer noch größtes Unbehagen bereitete und was Sally nicht so einfach heilen konnte, waren die Schäden in ihrem Inneren. Wenn sie schlief, wurde sie von furchtbaren Albträumen heimgesucht. Manchmal kamen die Phantome sogar zu ihr, wenn sie wach war. Dann brach sie in kalten Schweiß aus und rang nach Atem. Immer wieder geschah es auch, dass sie die gezackte Klinge aus ihrem Arm fahren ließ, ohne dass sie es wollte. Es war regelrecht gefährlich.
Deshalb hatte Rin sich dazu entschlossen, die Lehren des alten Mönchs von vor so vielen Jahren zu befolgen und sich in der Meditation zu üben. Zuerst hatte sie nicht wirklich daran geglaubt. Viel eher war sie verzweifelt gewesen. Aber schon bald war sie überraschend leicht in eine angenehme, ausgeglichene Ruhe hinübergerutscht. Seitdem verbrachte sie kaum einen Tag, ohne im Schneidersitz vor dem Schwert ihres Vaters, dem Objekt all ihrer Furcht, zu sitzen und zu meditieren.
Da war es wieder. Dieses Mal war sie sich absolut sicher. Sie hatte es genau gehört.
Rin öffnete die Augen und das Weiß stach gespenstisch leuchtend durch das Halbdunkel. Ihre Brust hob und senkte sich unter langsamen, kontrollierten Atemzügen. All ihre Finger lagen ruhig in ihrem Schoss, keiner zuckte umher. Draußen war es vollkommen still.
Sie stand auf. Rin wusste selten, wie lange sie meditierte hatte, doch dieses Mal schätzte sie so um die drei Stunden. Mit höchster Sorgfalt hob sie die dunkle Klinge vom Boden auf, wickelte sie in ein samtenes Tuch und legte sie zurück auf den Altar. Dann drehte sie sich um und verließ den Raum.
Während sie den Flur entlanglief, wanderten ihre Gedanken umher. Es war kein wildes, panisches Nachgrübeln. Die Meditation hatte ihren Geist beruhigt und auch wenn das, was sie gehört hatte, sie im höchsten Maße besorgte, so verliefen ihre Gedanken dennoch in geregelten Bahnen. Der Mönch hatte damals geraten, sich auf einen Schritt nach dem anderen zu konzentrieren. Und Rin wusste genau, was ihr nächster Schritt sein würde.
Mit mäßig eiligen Schritten ging sie hinaus auf die Wiese vor ihrem Anwesen. Sie war zielstrebig unterwegs, aber nicht hastend. Ihr Weg führte sie zwischen die Bäume, die zur Hälfte asiatischen, zur Hälfte amerikanischen Ursprungs waren. Nach ihrem Sieg über Freddy hatte Sally die Umgebung im Nebel schon bald dahingehend geändert, dass sich ihre Hütte und das Anwesen der Yamaokas viel näher aneinander befanden. So dauerte es auch kaum eine Minute, bis Rin den kleinen Teich in der Ferne plätschern hörte. Einem schmalen Pfad folgend gelangte sie geradewegs an die Hütte und klopfte an die Tür.
„Herein"
Rin legte eine Hand auf die Türklinke und betrat das niedliche Gebäude.
„Ah, guten Morgen Rin."
Wie immer zauberte Sallys Anblick ein Lächeln auf die Lippen des blauhäutigen Mädchens. Sie würde ihr niemals sagen können, wie dankbar sie für ihre Hilfe war. Die Begrüßung erwiderte sie mit einer leichten Verbeugung.
„Guten Morgen"
„Meg hat heute hier bei mir gefrühstückt", erzählte Sally, während sie einen Teller abwusch. Natürlich hätte sie die Arbeit auch mit einem Fingerschnipsen erledigen können, aber wenn man den ganzen Tag im Nebel saß, war man dankbar über jede Beschäftigung. Rin verstand Sally nur zu gut. „Aber ich fürchte, sie ist vor zehn Minuten wieder gegangen", sprach die Krankenschwester weiter: „Wenn ich gewusst hätte, dass du vorbeischaust, hätte ich dir etwas aufbehalten."
„Danke. Wie spät ist es eigentlich?"
Sally krempelte ein schwarzes Handy aus einer Tasche an ihrem Rock hervor. Es war erstaunlich wie ungeschickt sie mit dem modernen Gerät umging. Geradezu untypisch.
„Kurz vor halb zehn. Bist du gerade erst aufgestanden?"
Rin schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin schon seit Stunden wach."
„Was hast du denn getrieben bis jetzt?"
„Meditiert"
Sally war offenbar zufrieden mit ihrem Werk und stellte den nunmehr sauberen Teller in ein Abtropfgitter. Anschließend drehte sie sich zu Rin um.
„Hilft´s?"
„Und wie", bestätigte Rin: „Es war eine hervorragende Idee."
„Claudette ist eben clever."
„Sally" Rin trat einen Schritt nach vorne. „Ich muss dir etwas sagen. Etwas wichtiges."
Sally horchte auf und ihre Miene wurde erst. Mit der linken Hand deutete sie auf den kleinen Tisch und als die beiden platzgenommen hatten, schaute sie Rin aufmerksam an.
„Während meiner Meditationen…", begann Rin, etwas unsicher, wie sie das ganze erklären soll: „Während meiner Meditationen habe ich etwas wahrgenommen. Also zuerst eigentlich gar nichts… Aber sobald ich etwas ruhiger wurde, da habe ich angefangen, etwas zu hören."
Bisher hatte sie nach links unten auf den Boden gesehen. Jetzt hob sie den Kopf und schaute Sally direkt an. Die Krankenschwester hörte geduldig zu.
„Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was es ist, aber ich habe eine Vermutung."
„Ich höre."
„In unserer Familie gab es eine Legende, die mir mein Vater oft erzählt hat, bevor er…" Rin verstummte einen Augenblick und Sally nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. „Meine Familie ist sehr alt, musst du wissen, und hat eine lange Geschichte. Unsere Vorfahren waren Samurai, ehrenvolle Krieger. Zumindest die meisten. Einer war anders. Ich… ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber… Wenn es ganz leise ist und ich meditiere, dann kommt es mir manchmal so vor, als könne ich ihn brüllen hören."
„Du hörst einen deinen Vorfahren?"
„Ich glaube schon."
„Welchen?"
„Sein Name war Kazan Yamaoka. Er soll ein Ronin gewesen sein, ein herrenloser Samurai. Und in der Legende geht es darum, dass er in seinem Blutrausch ganze Dörfer vernichtet hat, weil er glaubte, sie hätten gegen einen Ehrenkodex verstoßen. Seine Zeitgenossen nannten ihn den Oni. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber wenn ja, dann war er definitiv ein Massenmörder."
„Und du hörst ihn brüllen?"
„Ja"
„Wie kommst du darauf, dass er es ist?" In Sallys Gesichtsausdruck lag nicht einmal ein Hauch an Unglauben. Die Frage war genau so gemeint gewesen, wie sie gestellt worden war.
„Ich weiß nicht genau", murmelte Rin: „Aber wenn ich ihn höre, muss ich sofort an diese Legende denken. Mehr noch. Es ist fast so, als wüsste mein Unterbewusstsein von ihm und wollte mich warnen. Ich weiß auch nicht."
„Vielleicht ist eine neue Form von PTSD."
„Nein", antwortete Rin sofort: „Ich weiß, wie sich das anfühlt. Das ist es nicht. Wenn ich ihn höre, bin ich ganz ruhig. Ich… ich bin nur besorgt, weil es doch sein könnte, dass er… dass er genau wie ich geholt wurde. Es kann doch sein, oder? Und vielleicht ist er jetzt wieder frei."
„Es kann definitiv sein", bestätigte Sally: „Aber über die Jahre hätte ich ihn doch spüren müssen?"
„Verläuft die Zeit im Nebel immer so, wie wir sie uns erwarten?"
„Nein", sagte Sally: „Du hast recht, das tut sie nicht." Sie überlegte für einen Moment. „Ich glaube, fürs erste, können wir nichts weiter tun, als abzuwarten und zu lauschen. Halte mich auf dem Laufenden Rin. Wenn etwas Neues passiert, komm sofort zu mir."
Feng war froh, wieder drinnen zu sein. Die Kälte steckte ihr immer noch in den Gliedern und dabei war sie kaum eine halbe Stunde draußen gewesen. Selbst unter die Fäustlinge, den Schal und die Wollmütze war der Frost hineingekrochen.
Nun zog Feng eines nach dem anderen aus. Ihre Jacke folgte und hing schon bald an einem Kleiderhaken in einem Spind. Als nächstes waren die Schuhe an der Reihe. Ihre Socken stopfte Feng ordentlich ineinander und legte sie dann in denselben Spind. Sie zog ihren Pullover aus, ihr Hemd, ihren BH, ihre Hose und ihre Unterhose, bis sie schließlich splitterfasernackt dastand.
Obwohl es einigermaßen warm war in dem Gebäude, fröstelte Feng ein wenig und wickelte sich sofort in ihr weißes Handtuch. Dann sperrte sie den Spind mit dem Armband, das sie an der Kasse erhalten hatte, zu und ging hinüber zu Kate. Die blonde Sängerin band noch gemütlich ihre blonden Haare zusammen, bevor sie ebenfalls ihre reizenden Kurven hinter einem Handtuch versteckte.
„Wollen wir?"
Feng nickte nur in voller Vorfreude darauf was sie erwartete und zusammen betraten sie den gigantischen Wellnessbereich. Finnland war berühmt für eine Menge Sachen, doch an der Spitze stand mit Sicherheit das Saunieren. Und genau das hatte sich Kate für heute Abend überlegt.
Feng ließ den Blick die Runde gleiten. Sie befand sich in einer riesigen Halle aus Stein, dessen West- und Ostfassaden aus Glas bestanden. Überall gab es Liegestühle, Sitzsäcke und Wasserbetten. Whirlpools zogen sich außen an dem Bereich entlang und in der Mitte befand sich ein großes Schwimmbecken, das über eine kleine Brücke durch die gläserne Westfassade hinaus ins Freie führte.
„Wow", hauchte Feng. Sie machte einen Schritt in die große Halle und spürte sofort die warmen Fliesen unter ihren bloßen Sohlen. Eine wohlige Gänsehaut fuhr ihren Körper entlang. Kate tauchte neben ihr auf.
„Direkt in die Sauna?"
„Direkt", nickte Feng und so machten sich die beiden auf den Weg zu einer Treppe, die über wenige Stufen hinunter in eine grobe Steinhöhle führte. Das Brodeln der Whirlpools drang nur gedämpft in die Grotte vor, hallte von den Wänden wider und verlieh dem Halbdunkel zusammen mit der bunten Beleuchtung eine mystische Stimmung. Fünf schaufensterartige Glasfassaden boten Einblick in fünf verschiedene Saunas, vom Dampfbad zum finnischen Original war alles dabei.
„Okay, hier haben wir… sechzig Grad", Kate ging von einer Sauna zur nächsten: „Warte, dort drüben sind´s fünfundsiebzig. Ha, und hier in der finnischen hundert."
„Hundert Grad", staunte Feng und spähte durch die Scheibe. Drei Reihen an Holzbänken zogen sich in gestaffelter Form links und rechts die kleine Kammer entlang. Bis auf einen älteren Herr mit dickem Bauch war die Sauna leer. „Rein da"
Feng zog die Tür auf und ein Schwall heißer, trockener Luft schlug ihr entgegen. Sie kniff die Augen zusammen. Leichte Tränen bildeten sich zwischen ihren Lidern, während sie auf die oberste der drei Bänke klettert, das Handtuch auf das Holz legte und sich darauf niederließ. Nun war sie es, die einen genießenden Seufzer ausstieß.
Mit geschlossenen Augen lag Feng da und ließ die Wärme in ihren Körper fahren. Es dauerte nicht lange, bis sich kleine Schweißtropfen bildeten, größer wurden und über ihre Haut kullerten. Die Hitze verjagte die Erinnerung an die Kälte draußen. Selbst ihr Geheimnis rückte in die Ferne und ihre Gedanken wurden leichter. Am Ende war es doch besser so, warum musste sie sich also ein schlechtes Gewissen machen?
Mit geschlossenen Augen hörte Feng, wie der ältere Herr aufstand und die Sauna verließ. Nun waren sie allein. Ein paar Sekunden später richtete sich Kate neben ihr auf und berührte sie leicht an der Schulter.
„Du solltest dich aufsetzen, sonst kippst du nachher noch um."
Feng zog die Augenbrauen nach oben, doch als sie den Rat befolgte, wurde ihr tatsächlich einen Moment lang schwarz vor Augen. Mit hundert Grad war nicht zu spaßen. Mittlerweile floss ihr der Schweiß in wahren Sturzbächen über die Schultern und es dauerte nur noch ein paar Minuten, bis sie die Sauna wieder verließen. Draußen in der Höhle wandte Feng sich nach links, wo in einer kleinen Nische sechs Duschen aufgestellt waren. Doch Kate hatte andere Pläne.
„Komm mit."
Sie fasste Feng am Arm und zog sie hinüber zu einem steinernen Bottich, den die kleine Asiatin vollkommen übersehen hatte. Als sie die Eiswürfel in dem kristallklarem Wasser erblickte, riss sie sich sofort los.
„Oh nein, vergiss es."
„Komm schon", drängte Kate.
„Nein. Draußen ist es kalt genug."
„Pf, Schlappschwanz."
Ohne zu zögern drehte sich Kate herum, fasste nach dem Stahlgeländer und stieg mit einem beherzten Schritt in den Bottich. Feng konnte noch sehen, wie sie scharf die Luft einsog, bevor ihr Kopf unter der Wasseroberfläche verschwand. Kaum eine Sekunde blieb sie unten. Dann tauchte sie auch schon wieder auf und kletterte aus dem Eisbottich.
„Ahhh, fuck…" Zähneklappernd und triefendnass stieg Kate zurück auf die Fliesen. „Das war göttlich."
„Wenn du meinst." Feng drehte sich um und ging auf die Duschen zu, wo sie sich ihren salzigen Körper mit definitiv warmem Wasser abspülte. Kate stellte sich ebenfalls unter eine Dusche. Dann gingen sie zurück in die Haupthalle. Glücklicherweise war der Wellnessbereich sowohl groß als auch nur mäßig besucht, sodass sie einen kleinen Whirlpool ganz für sich allein fanden. Feng entfuhr der zweiter Seufzer des Tages, als sie bis zum Hals in das schäumende Wasser eintauchte.
„Verdammt, das müssen wir öfter machen."
„Gibt es so etwas überhaupt in Waltonfield?"
„Ich glaube schon. Aber wenn nicht, dann gründen wir´s."
„Super Idee, ich leg einfach etwas von meinem Kellnerinnengehalt auf die Seite, dann haben wir das nötige Kapital gleich zusammen." Kates Stimme troff nur so vor Sarkasmus, doch Feng war es egal. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf das wohlige Gefühl von tausenden Blubberblasen an ihrem Rücken. Ohne einen lästigen Badeanzug war das ganze gleich doppelt so angenehm.
„Noch Platz für eine mehr?"
Feng öffnete die Augen und erblickte eine junge Frau, die lässig auf sie herabblickte. Ihr Handtuch hatte sie bereits abgelegt, sodass Feng ihren beeindruckenden Körper in aller Pracht bestaunen konnte. Sie hatte eine perfekte Figur, schlank und sogar dezent muskulös. Pink gefärbte Haare fielen ihr in nassen Strähnen auf die hübschen Schultern und ihre schmalen, wohlgeformten Augen kennzeichneten sie als Asiatin.
„Aber natürlich" Kate, wie immer extrovertiert und zuvorkommend, rutschte ein Stück zur Seite, während Feng ihren Blick abwandte. Was war bloß in sie gefahren, jemanden einfach so anzustarren? Die heiße Asiatin ließ sich nun in einer schlangenartigen Bewegung zu ihnen ins Wasser gleiten und legte den Kopf gegen den Beckenrand. Ihr entfuhr ein Seufzer, der ähnlich klang wie jener, den Feng nur Sekunden zuvor ausgestoßen hatte.
„Sind Sie ebenfalls auf Urlaub hier?", begann Kate sofort ein Gespräch und die pinkhaarige Asiatin nickte.
„Europatour"
„Ganz allein?"
„Jep"
„Wow" Kate zog anerkennend die Augenbrauen nach oben. „Das ist mutig."
Die Asiatin lachte in sich hinein. „Danke"
„Mein Name ist Kate. Und das ist Feng."
Feng gab ein schüchternes Winken von sich, während sich die pinkhaarige Dame etwas aufrichtete.
„Sehr erfreut. Ich bin Yui."
