Kapitel 1
Die Sonne stand strahlend am Himmel. Es schien Jahre gewesen zu sein, als wir sie das letzte Mal so strahlend gesehen hatten. Es schien, als wüsste auch sie, dass nun ein neues Leben begann. Für mich, für Harry und Ron und für all die anderen Hexen und Zauberer, die seit Jahrzehnten in Angst und Schrecken gelebt hatten. Dieser Tag war wie eine Wiedergeburt. Wir spürten es alle. Die Angst, die Jahre auf unseren Schultern gelegen hatte, war fort. Es war ein unglaublich befreiendes Gefühl.
Zum ersten Mal seit ich erfahren hatte, dass ich eine Hexe war, stand ich an diesem Morgen auf und zog strahlend die Vorhänge der Fenster zurück. Die Sonne traf mich mit ihren warmen Strahlen, als wolle sie mich begrüßen und mir ebenfalls sagen, dass alles vorbei war. Ich lächelte mit dem Gedanken. Draußen vor dem Fenster schienen sogar die Tiere aus ihren Nestern und Höhlen, aus Schutt und Asche und Trümmer hervorzukommen und sich neugierig der Sonne entgegenstrecken. Die alte, peitschende Weide streckte genüsslich ihre Äste und schüttelte ein paar lockere Blätter ab.
Ich holte einmal tief Luft und legte den Kopf schräg, verlor mich in dem bizarren Schauspiel des Friedens zwischen den Trümmern des vergangenen Krieges. Auch wenn ich wusste, dass Voldemort nun endlich tot war und nie wieder zurückkehren würde, konnte ich es dennoch noch nicht ganz glauben. Zu lange hatte ich mit seiner ständigen Gegenwart gelebt.
„Guten Morgen, Hermine.", flüsterte Ginny, als sie sich neben mich stellte, ihre Arme schützend vor ihrem Körper verschränkt, ihre Schultern nach vorne gebeugt. Ihre Augen waren angeschwollen und rot, auf ihrem Gesicht waren die Spuren der Tränen immer noch zu sehen.
Mein Lächeln verschwand und ohne ein Wort zu sagen, nahm ich sie in meine Arme. Worte waren überflüssig. Ich konnte mir nur den Schmerz vorstellen, in dem sich Ginny befinden musste. Freds Verlust, war auch für mich kaum erträglich. Während des Krieges hatte ich viele Menschen sterben sehen, doch Fred… es schüttelte mich und trieb mir die pure Gänsehaut den Rücken hinauf, als ich an Freds leblosen Körper unten in der Großen Halle dachte, immer noch ein Lächeln auf seinem Gesicht.
„Guten Morgen, Gin.", flüsterte ich also nur und versuchte mich dennoch an einem aufmunternden Lächeln. Ich musste jetzt für sie stark sein.
„Es ist vorbei.", sagte sie als sie aus dem Fenster auf die Trümmer sah. Trümmer, die nun einer Erinnerung angehörten. Eine Erinnerung, die wir nie vergessen werden, aber die langsam verblassen würde. Zumindest dachte ich das zu diesem Zeitpunkt.
Ich nickte. „Endlich." Es war kurz still zwischen uns, als wir auf das hinuntersahen was einmal unser geliebtes Hogwarts gewesen war. „Fühlst du das, Gin?", fragte ich sie leise. „Fühlst du diese Erleichterung?" Ich versuchte etwas von der positiven Stimmung wieder zu gewinnen, die ich noch kurz vorher empfunden hatte und wollte Ginny an ihr teilhaben lassen.
Sie nickte. „Ich kann es aber immer noch nicht ganz glauben. Seitdem ich klein war, war er eine ständige Bedrohung. Ich erinnere mich kaum an die Tage, an denen noch alles gut war und auch damals waren die Leute vorsichtig.", hauchte sie und sah mich mit ihren blauen Augen an. Augen die stets Feuer gesprüht hatten und nun so leer und resigniert aussahen. Die letzten Tränen glänzten, noch nicht geweint. „Es ist… als würde ich das alles träumen."
Ich wusste, wovon sie sprach. „Ich hoffe, dass wir nie wieder in einer solchen Welt leben müssen."
„Gin!", ertönte eine uns beiden nur zu bekannte Stimme. Fast panisch. Sofort drehte sich die Rothaarige neben mir um und rannte zur Tür und die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter. Ich war nur dicht hinter ihr. Doch als sie die letzte Stufe erreichte blieb sie so ruckartig stehen, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen.
Harry stand nur wenige Meter vor ihr. Dreckig, blutig und verschwitzt aber vermutlich lebendiger als jemals zuvor. Eine ganze Zeit lang, sahen sich beide nur an. Brauchten die Gewissheit, dass der andere echt war, nicht mehr im Traum verschwinden würde. Es war als würde der ganze Gemeinschaftsraum die Luft anhalten. Alle Gryffindors, die in der Schlacht von Hogwarts - so würde der vergangene Tag in die Geschichtsbücher eingehen – beobachteten beide wie zum Reißen gespannt.
Ich lächelte.
„Harry…", flüsterte Ginny schließlich. Es war nur ein Hauch ihrer Stimme, doch im stillen Turm der Gryffindors war dieser Hauch dennoch gut zuhören. Er klang atemlos und dennoch hoffnungsvoll. Hoffnungsvoll und glücklich, weil Ginny ihren Freund nun endlich wiedersah. Richtig wieder sah.
Ich hörte, wie ihre Atmung beschleunigte und das leise Stocken. Sie weinte. Aber dieses Mal nicht vor Trauer. Harry lächelte sie an, seine grünen Augen wurden zu einer warmen Sommerwiese und er breitete seine Arme aus. Eine Einladung, die Ginny nie im Leben abschlagen würde.
„Harry!", rief sie und stürzte sich in seine Umarmung. Er hielt sie fest. Ich glaubte sogar, dass Harry noch nie in seinem Leben einen Menschen so festgehalten hatte, wie er in diesem Moment Ginny festhielt. Und zu meiner großen Überraschung, begann auch er zu weinen. Er weinte, still, und übersäte Ginnys Gesicht mit tausenden von kleinen Küssen.
„Ich… Ich habe gedacht du wärst tot.", flüsterte Ginny und wiederholte Harrys Namen immer und immer wieder unter seinen Küssen, als wäre es ein Gebet.
„Nein.", sagte er und schüttelte den Kopf, trennte sich nun ein wenig von ihr, um ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen. „Ich habe dir versprochen, dass ich wiederkomme. Ich halte meine Versprechen, Gin.", flüsterte er und strich ihr die Tränen aus dem Gesicht.
„Lass mich nie wieder alleine, Harry. Bitte.", sagte Ginny. Das war das erste Mal seit sehr langer Zeit, in der Ginny mir wieder klein vorkam. Klein und unschuldig, wie die Ginny, die ich vor so vielen Jahren kennengelernt hatte. Die kleine Schwester von Ron Weasley, die hoffnungslos in Harry verliebt gewesen war. Und nach all der Zeit Harry immer noch liebte.
Und dann wandte sich Harrys Blick zu mir und er brach in ein strahlendes Lächeln aus, das mich ansteckte. Seine Tränen versiegten. Ich erkannte die Erleichterung und dieses unendliche Glück in seinen Augen. Endlich bekam er all das, was er verdiente. Doch in diesem Moment bahnte sich die Erinnerung in meine Gedanken. Harry, wie er in Hagrids Armen lag und Voldemort, wie er verkündete, dass er Harry geschlagen hatte. Für einen kurzen Moment wurde mir schwindelig, als diese Angst erneut in mir aufstieg und dann war Harry bei mir. Strich mir durchs Haar und zog mich an seine Brust.
„Wir haben es geschafft, Hermine.", flüsterte er mir zu und sah mir dann in die Augen. „Und ich hätte es niemals ohne dich und Ron geschafft."
Tränen stiegen mir in die Augen. Diese grünen Augen hinter dieser runden Brille… Wie sehr ich diese Augen liebgewonnen hatte. Ich nickte nur. Unfähig irgendwas zu sagen. Ich war so froh, dass wir überlebt hatten. Das Harry überlebt hatte. Ich liebte ihn. Er war mein bester Freund. Harry zu verlieren hätte ich vielleicht nicht überstanden. „Ich hab dich lieb, Harry.", flüsterte ich schließlich doch in seine Brust und er lachte leise. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist."
„Denkt ihr nicht, dass das Leben jetzt ziemlich langweilig sein wird?", ertönte schließlich noch eine Stimme und Harry und ich sahen auf. Da stand er. Da stand Ron, lebendig und fröhlich wie immer. Ich atmete erleichtert auf und spürte, wie Harry es mir gleichtat. Ron trat zu uns und riss zuerst Harry in seine Arme. „Jag mir nie wieder einen solchen Schrecken ein, Harry.", sagte er.
„Nie wieder.", versprach unser Freund und sah dann in die Runde. Das Goldene Trio… Wir… Harry, Ron und ich… Wir hatten es geschafft und überlebt. Wir waren zwar übersät mit Schrammen, größeren und kleineren Wunden, aber diese würden heilen. Die wahren Wunden, die tief unter unserer Haut saßen… nun daran dachte zu diesem Zeitpunkt niemand von uns.
„Versprecht mir etwas, Jungs.", sagte ich und sah beide flehend an. „Versprecht mir… Versprecht mir, dass wir immer beste Freunde bleiben und uns nie verlieren." Ich wusste nicht, wo das auf einmal herkam. Vielleicht war es die Angst vor dem Ungewissen. Die Welt hatte sich verändert. Wir konnten es alle spüren. Es war die Angst vor dem, was morgen geschehen würde. Würden wir uns auch weiterhin sehen, auch wenn wir nicht auf der Suche nach Horkruxen waren und auf der Jagd nach Voldemort?
Doch sie lächelten mich nur an und jeder nahm eine Hand von mir. „Für immer.", sagten sie dann gemeinsam und in diesem Moment viel auch der letzte Stein von meinem Herzen. Wenn Harry und Ron bei mir waren, konnte kommen was wollte. Zusammen würden wir alles überstehen…
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„Mr Potter…", hörten wir eine autoritäre Stimme hinter uns in der Halle sagen. Harry drehte sich als erster von uns um und sah in das vertraute Gesicht von Professor McGonagall.
„Professor.", sagte er und neigte leicht in Anerkennung den Kopf, bevor er sie anlächelte und sich verlegen durchs Haar strich.
Die alte Hexe trat die letzten Schritte auf ihn zu und legte ihm, wie eine stolze Mutter es bei ihrem Kind tat, eine Hand auf die Schulter. Sie öffnete kurz den Mund, schien etwas sagen zu wollen, doch kein Ton schien ihre Lippen verlassen zu wollen. Sie schloss die Augen und neigte dann selbst ihr Haupt. Doch anders als Harry, war diese Geste nicht nur Anerkennung, sondern auch Ehrfurcht. Dann öffnete sie ihre Augen wieder und legte ihm ihre andere Hand auf die Wange. Sie lächelte ihn an. „Gut gemacht, Mr Potter. Ich kann Ihnen nicht sagen wie stolz ich bin, sie unterrichtet zu haben."
Harry wurde leicht rot und ich kicherte in meine Hand. Ron zwinkerte mir zu und stupste mich an.
„Ihre Eltern, Mr Potter, - wo auch immer sie sind – sind stolz auf Sie. Sie sind ein großartiger Mann geworden. Bitte vergessen Sie das niemals."
„Niemals.", versprach er und lächelte. „Danke."
„Wir passen schon auf, dass er das nicht vergisst, Professor.", sagte ich schließlich und hackte mich unter Harrys linkem Arm ein. „Das können Sie mir glauben."
McGonagall wandte sich nun zu mir und Ron und nickte uns ebenfalls zu. „Ihr drei habt großes vollbracht. Etwas, was nicht einmal Dumbledore vollbringen konnte. Doch all dies konntet ihr nur schaffen, weil ihr euch habt. Vergesst niemals eure Freundschaft und was sie euch vollbringen ließ.", sagte sie mit ihren weisen Worten und aus irgendeinem Grund sah sie mich dabei sehr durchdringend an. Ich schluckte einmal und nickte.
„Natürlich nicht.", sagte ich leise und dann wandte sie sich von uns ab und machte sich auf den Weg.
„Na das war doch mal wieder was, oder?", sagte Ron und nahm dann meine Hand. Überrascht sah ich ihn an. Ich konnte nicht richtig sagen, was nun zwischen mir und Ron war… Immerhin hatten wir uns in der Kammer des Schreckens geküsst und ich hatte schon seit Jahren starke Gefühle für ihn… Aber sollte er wirklich dasselbe empfinden wie ich? Sollte ich nun auch endlich mein Glück bekommen?
Und dann machte mein Herz Purzelbäume und Schmetterlinge brachen in meinem Bauch aus als Ron mich anlächelte und meine Hand leicht drückte.
Ich spürte wie Harry sich von meinem Griff befreite und sich Ginny leise und verstohlen widmete, doch Augen hatte ich nur noch für Ron.
