"Harry, sieh dir das an!"

Hermine konnte spüren, dass ihre Wangen glühten, sie war völlig außer Atem. Seit sie dem Kauz den Brief von Snape abgenommen hatte, waren kaum zwanzig Minuten vergangen.

In dieser Zeit hatte sie sich an einem Stück Toast verschluckt, eine Tasse Kaffee verkippt, das daraus entstandene Chaos beseitigt und sich angezogen. Die Briefe hatte sie vorsichtig aufgerollt und in eine kleine Plastiktüte verpackt, wie sie sie dank ihrer Muggelmutter immer im Küchenschrank liegen hatte. Dann war sie nach London apperiert, hatte das Ministerium betreten und war die Flure entlang gehetzt. Sie durfte jetzt gut und gerne unter Schnappatmung leiden.

Harrys Augenbrauen zogen sich immer weiter zusammen. Schließlich sah er von dem Pergament auf. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie fertig er aussah. Seine Brille kaschierte für gewöhnlich Augenschatten, heute waren diese aber so ausladend, dass sie zwischen Brille und Wangenknochen auszulaufen schienen. Gerade als sie fragen wollte, ob er an seine gewöhnliche Arbeitszeit noch eine Nachtschicht gehängt hatte, kam er ihr mit der alarmierten Frage: "Was hast du ihm geschrieben?" zuvor.

Die Hexe zog die Tüte aus ihrer Handtasche.

"Angeblich das. Ich möchte, dass du die Pergamente untersuchst, der Brief, der vorgeblich von mir geschrieben wurde, ist nicht von mir."

Aufgeregt war sie bei diesen Worten. Es hing so viel von Harrys Reaktion ab.

Von Anfang an hatte Hermine Snapes Haft als gefährlich bewertet. Der Mann war dort ohne Zauberstab untergebracht und abhängig von den Kontrollen der Ministeriumsangestellten. Zwei mal hatten die schon versagt. Einmal war ein Angreifer in Gestalt von Snapes Verteidiger bis in die Zelle - die angeblich keine war - vorgedrungen und hatte Zauber wirken können. Erst dieser Angriff hatte einen Alarm ausgelöst

Seit Wochen war sie der Meinung, der Prozess des Professors wurde manipuliert. Immer wieder tauchten völlig unerwartete Zeugen auf, oder Dokumente, die vorher Belegtes wie bestellt widerriefen. Der Krieg war seit mehr das einem Jahr beendet und der Mann saß noch immer in Haft! Snape sollte in einem möglichst schlechten Licht dastehen. Harry war sich sicher, dass das selbst im allerschlimmsten Fall nicht zu einer Haftstrafe führen würde. Aber was würde es bedeuten, wenn Snape nicht freigesprochen würde? Haft hin oder her, darum ging es wohl wirklich nicht. Aber welches Wort würde in den noch ausstehenden Todesserprozessen wohl mehr Gewicht haben? Das eines Verurteilten oder das eines Mannes mit Freispruch erster Güte?

Harry nahm seine Brille ab und rieb sich müde die Augen.

"Das passt ins Bild. Und da seine Post kontrolliert wird, macht diese Andeutung nun sicher schon die Runde. Angriff von zwei Seiten."

Hermine seufzte ungeduldig.

"Was zum Henker redest du da? Jemand schafft gefälschte Post in seine Zelle! Jemand fälscht meine Handschrift und das eindrucksvoll! Welches Problem könnte denn gerade noch größer sein?"

Harry sah zu ihr auf und schüttelte zweifelnd den Kopf.

"Hermine, hier brennt die Luft! Kingsley wurde gestern Abend eine Phiole mit einer Erinnerung zugestellt. Es… Ich hätte dich nachher ohnehin in mein Büro zitieren müssen. Du bist vorerst von den Ermittlungen suspendiert."

Es gelang ihr, ein schrilles "Was?" auszustoßen, dann ließ sie sich auf den Stuhl Harry gegenüber fallen.

Sie brauchte ihn nur ansehen und er erklärte sich. Stockend und peinlich berührt.

"Diese Erinnerung… Sie zeigen dich und Snape. Und es passt zu dem Brief, den du nicht geschrieben hast."

Sie atmete tief ein. Es passte also, aber Harry glaubte es nicht. Das war viel Wert.

"Was genau, Harry?", fragte sie leise.

Er zuckte mit den Schultern. Suchte lange nach Worten und stieß dann schließlich aus: "Es erinnert sehr an einen Porno. Mit allen Details."

Sämtliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie schluckte dreimal und führte sich die Konsequenzen vor Augen. Die Erinnerungen waren an Kingsley gesandt worden. Wie viele Leute hatten sie wohl schon gesehen? So grün wie Harry gerade aussah war er mit Sicherheit ein Zeuge. Und Kingsley.

Harry glaubte die Geschichte nicht. Wenn er das dem Minister und Chefauror in Personalunion gesagt hatte, dann wurden die Erinnerungen nun wohl auf Fälschungsspuren untersucht.

"Harry, ich habe nie-", setzte sie an, doch der Freund hob sofort die Hände.

"In Merlins Namen! Natürlich hast du nicht! Aber es muss untersucht werden. Und du darfst vorerst nicht weiter ermitteln. Sonst steht am Ende der Verdacht im Raum, es gab Manipulationen aus persönlichen Motiven heraus."

Sie nickte. Natürlich, das war logisch. Aber nur, wenn nicht schnell bewiesen wurde, dass die Szenen gefälscht waren.

"Ich will sie sehen", sagte sie da leise.

Harry schüttelte den Kopf.

"Nicht jetzt. Kingsley bespricht sich gerade mit den Auroren, er hat dir für 1.00 Uhr einen Termin reserviert."

Da stützte Hermine ihren rechten Unterarm auf die Schreibtischplatte und lehnte sich Harry so entgegen.

"Jetzt pass mal auf, Mister Auror im Schnelldurchlauf und Verantwortlicher für Todesseraktivitäten und deren Verfolgung. Du bist Kingsleys Liebling und dein Wort hat Gewicht. Ich will diese Erinnerungen sehen, jetzt, nicht heute Mittag! Ich muss es, weil ich wohl diejenige bin, die eine Fälschung am ehesten als solche erkennen kann. Wenn es erst von der Presse veröffentlicht wird, wird es dramatisch. Hol ein Denkarium und die Erinnerungen her!"

Er schluckte, überdachte ihre Worte und nickte dann sichtbar widerwillig.

"Du wirst deinen Eifer bereuen! Frühstück wirst du heute nicht mehr essen. Vermutlich gar nichts", fauchte er und ging doch. Zehn Minuten später tauchte er mit dem Minister im Schlepptau wieder auf.

Der versicherte Hermine, dass sie für ihn über jeden Zweifel erhaben wäre, aber das natürlich trotzdem ermittelt werden müsse. In alle Richtungen. Natürlich könne sie das Material auch jetzt sichten. Er würde sich in der Zeit die Briefe ansehen.

Am Ende fragte er, ob sie Begleitung wünschte.

Harry schüttelte hinter dem Rücken des Ministers den Kopf, so lehnte auch sie ab.

Als das Denkarium vor ihr stand, zögerte sie nur kurz. Was würde das hinauszögern bringen? Wichtig war es nun, die Fälschung zu belegen.