Hermines Hände zitterten, ihr Magen rumorte. Sich das ganze anzusehen, mit Harry und Kingsley im Raum, war schrecklich. Zumal sie wusste, dass die beiden Männer auch schon in diese Erinnerung eingetaucht waren. Doch sie musste die Nerven behalten, wenn sie verhindern wollte, dass sich der Kreis der Zeugen noch weiter vergrößerte.
"Eine Lüge... sehr offensichtlich", stotterte sie befangen.
Kingsley seufzte.
"Ja, alles wirkt sehr inszeniert. Allerdings, meine Erfahrung als Ermittler...", er schluckte, suchte nach Worten, "Wird etwas bezeugt, was dem Beobachter gefällt, ist ein verfälschender Fokus durchaus möglich. Ich halte es natürlich für eine Fälschung. Aber allein die Szenerie erklärt sie nicht perse als solche."
Nun war es an Hermine zu seufzen. "Ach nein, Herr Minister, darauf wäre ich nicht gekommen! Ich bin ja aber auch völlig ahnungslos." Ihre Stimme hatte einen derart sarkastischen Ton angenommen, dass selbst ein Mensch, der sie nicht kannte, erkennen musste, wie wenig ernst sie ihre Worte meinte. Ihre Unsicherheit war wie weggeblasen. Sie hasste es, wenn man ihre Meinung nicht wirklich ernst nahm. Sie hatte kaum von einer offensichtlich Fälschung gesprochen, wenn sie genau das nicht genauer belegen konnte.
"Zwei Punkte sprechen sehr klar für eine Fälschung. Snape war mein Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, als ich 17 war. Im Klassenraum für Zaubertränke regierte damals schon Slughorn."
Sie sah, dass Kingsley auch diesen Einwand wegwischen wollte, doch sie kam ihm zuvor.
"Meine Narbe hatte ich zu der Zeit allerdings noch nicht. Die verdanke ich Lestrange. Bekanntermaßen folterte sie mich im Haus von Malfoy. Als ich 18 war. Snape war danach nie wieder mein Lehrer."
Nun seufzte der Minister auf gänzlich andere Art. Auf eine, die offenbarte, wie sehr ihm die gesamte Situation zuwider war. Vermutlich wollte er nicht einräumen, dass er die besagte Narbe auf der Brust von Hermine Granger gesehen hatte, während diese es mit Severus Snape auf dessen Schreibtisch trieb. Ja, vermutlich wollte er nicht einmal bestätigen, dass er überhaupt etwas gesehen hatte. Und dabei hatte es so furchtbar viel zu sehen gegeben hatt. Alles von Hermine. Schließlich redete er doch.
"Das ist tatsächlich ein handfester Beweis. Eine Fälschung muss definitiv nicht von anderen bezeugt werden." Seine Miene verzog sich gequält bis angewidert. "Es ist wichtig, Hermine und ich muss es fragen. Mein Pflicht, du verstehst?"
Die Hexe nahm einen tiefen Atemzug und sammelte sich. Denn natürlich ahnte sie, was da nun kommen würde.
"Hast du eine solche oder eine ähnliche Szene je wirklich erlebt? Egal mit wem. Gerade im Hinblick auf deine Narbe ist es nicht unerheblich zu erfahren, wer von ihr weiß."
Die Hexe schloss kurz die Augen und sammelte sich. Dann sprach sie die wohl abgewägten Worte.
"Von meiner Narbe weiß seit drei Wochen nahezu jeder, der den Tagespropheten liest. Kimmkorn hat den Ausschnitt meiner Robe zu den Feierlichkeiten zum ersten Jahrestag kommentiert. Sie meint, wenn ich meine knabenhafte Figur auch noch betonen will, sollte ich doch zumindest einer Glamourzauber benutzen, der die zusätzlich entstellende Narbe kaschiert. Es sei denn, ich will jedem unter die Nase reiben, dass ich auch einen Sectionifluch habe verkraften müssen. Ein Foto gab es auch, passend zum Artikel. Jeder, der den Fluch kennt, und das Bild gesehen hat, kann sich ausrechnen, wie die Narbe verläuft. Darüber hinaus gibt es Zauber, die einem jedwedes Detail eines Menschen sehen lassen. Wenn irgendjemand mit manipulativen Absichten wissen wollte, wie ich aussehe, dann hat er das sehr leicht hinbekommen."
Sie seufzte tief, ehe sie ausstieß: "Ich hatte nie im Kerker Sex, schon gar nicht auf einem Schreibtisch. Und um ganz sicher zu gehen: Ich hatte nie was mit Snape. Es ist kein Wunder, dass Sexualdelikte so selten zur Anzeige gebracht werden. Notwendig oder nicht, deine Fragen sind mehr als unangenehm."
Sie hoffte, dass sie gerade mit den letzten Worten, jede weitere Nachfrage im Keim erstickt hatte. Alles weitere konnte nur wirklich unschön werden! Das Auslassen von Details war keine Straftat. Das selektive Aussprechen der Wahrheit auch nicht. Würde sie aber an dieser Stelle alle Männer nennen, die auf legalem Weg von der Narbe wussten, dann wäre genau das ein echter Schock für Harry und den guten Kingsley. Ja, verflucht, sie schützte auch die beiden. Und für Erkenntnis würde die Wahrheit auch nicht sorgen. Ganz sicher hatte keine ihrer Affären diese Szene entworfen.
Der Minister wich ihrem Blick kurz aus und nickte dann ergeben.
"Ich denke, von deiner Seite sind das genug Informationen. Die Erinnerung bleibt unter Verschluss, ich gebe dir mein Wort darauf. Nur einer muss sie noch sehen. Ich werde gleich zu Severus gehen. Es muss sein, vielleicht hat er eine Idee, wer zu einer derartigen Verleumdung fähig ist. Ohne meinem alten Haus zu nahe treten zu wollen, das ganze erscheint sehr Slytherin. Dann werden wir wohl eine Ermittlung in Richtung Betrug und Verleumdung beginnen. Harry, frag am besten gleich nach, ob Spuren auf dem Briefumschlag gefunden werden konnten. Und nimm Hermines Brief gleich mit. Auch der sollte sich im Labor angesehen werden."
Hermine konnte fühlen, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich. Natürlich musste Snape das sehen, es war logisch und auch sein gutes Recht, denn er war genauso betroffen wie sie selbst. Er würde es sehen, mit allen Facetten.
Die Hexe biss sich auf die Unterlippe, kurz wirklich schmerzhaft, dann besann sie sich darauf, was es in dieser Situation vor allem zu tun galt.
"Dieser verdammte Prozess muss enden. Das wird nicht der letzte Angriff sein. Und, machen wir uns nichts vor, ein unbewaffnetter und gefangener Snape ist für jeden Angriff ein sehr leichtes Opfer. Er kann sich nicht wehren. Jeder ätzende Bericht von der Kimmkorn ist neue Nahrung für Verleumdungen. Denkst du, sie würde noch einen Satz über den Mann schreiben, wenn sie wüsste, dass er sie einfach in der Redaktion aufsuchen kann?"
Kingsley dachte kurz darüber nach, dann nickte er. "Ja, du hast recht und diese Farce hätte schon längst beendet sein müssen." Er sah auf seine Uhr und stand dann hektisch auf. "Ich werde beim Gamot vorsprechen und die Schließung der Beweisaufnahme verlangen. Es ist schon schlimm genug, dass Severus Snape leiden muss. Aber wenn nun auch Außenstehende auf derart absurde Art und Weise in den Dreck gezogen werden, sollte das uns allen ein Zeichen sein."
