Severus war von den Entwicklungen überrascht. Weder würde er das Kingsley gegenüber aber einräumen, noch würde er sich selbst eingestehen, dass Überraschung nicht im mindesten beschrieb, was er gerade empfand.

Er war frei! Nicht nur im Sinne der Möglichkeit, die verfluchte Glaszelle verlassen zu können, nein, er war freigesprochen worden, in einem Prozess, den er nach mehr als einem Jahr Dauer schon als unendlich eingeschätzt hatte.

Vor zwei Tagen hatte der Minister eine Rede vor dem Zaubergamot gehalten, in der er es als maßgeblich bezeichnet hatte, dass über Severus Snape endgültig gerichtet werden würde. Maßgeblich für die folgenden Prozesse, die ohne den einstigen Spion als Zeugen nicht beginnen konnten. Kingsley hatte in den Saal hinein gefragt, was in den letzten 10 Monaten dann tatsächlich an neuen Erkenntnissen durch Zeugen und Dokumente geliefert worden war. Ein Schachzug mit Risiken, denn die Regierung hatte sich nicht in die Strafverfolgung einzumischen. Niemand nahm es ihm aber übel. Er hatte die Pedanten mit der Frage wachgerüttelt, ob es an der grundsätzlichen Gesinnung von Severus noch Zweifel gäbe. Und ob eine mögliche, bisher unbekannte oder nicht beachtete Verfehlung des Mannes seine vollständige Demontage durch immer weiteres Hinhalten und dem Wecken von unberechtigten Zweifeln an ihm rechtfertigte. Scheinbar war diese Rhetorik mehrheitlich mit nein beantwortet worden. Nun war es vorbei.

Woher der plötzliche Sinneswandel des Ministers hin zu Tatendrang gekommen war, hatte Severus grübeln lassen. Der zeitliche Zusammenhang mit Grangers mysteriösen Brief hatte ihn schnell an eine Verkettung beider Ereignisse glauben lassen. Womit er recht behalten hatte. Der Brief war nicht von ihr. Aber das war noch nicht die ganze Geschichte. Jemand hatte eine Erinnerung gefälscht und an das Ministerium gesandt. Mit ihm in der Hauptrolle. Und einer überraschend lüsternen Hermine Granger.

"Was hältst du davon?", fragte der Minister und Chefauror in Personalunion da. Die Wahrheit wäre, dass derjenige, der die Erinnerung kreiert hatte, in Severus' Augen ein Talent besaß, mit dem in den einschlägigen Läden in der Nokturngasse gutes Geld verdienen ließe. Das war eine passable erotische Phantasie. Die Perspektive barg einen gewissen Reiz. Die Inszenierung war gelungen. Ja, wenn das nicht er und Granger wären, die es sich auf dem Schreibtisch gegenseitig besorgten, dann hätte selbst Severus dafür Geld investiert. Der Anstand hätte den Kauf mit dieser Rollenverteilung natürlich verboten, doch nun war er ja zum Ansehen verpflichtet worden. Und er fand Gefallen daran.

Seine ehrliche Meinung war, dass er sehr froh sein konnte, an einem Tisch im Büro des Ministers zu sitzen. Er hatte eine handfeste Latte und das nicht nur, weil er in den letzten Monaten erzwungenermaßen zölibatär gelebt hatte. Er hatte nicht mal Hand an sich selbst legen können, ohne dass eine überraschend eintretende Wache auf Kontrollgang es hätte sehen können. Nein, diese falsche Erinnerung traf durchaus seinen Geschmack. Erschreckend genau sogar. Nicht in Hermine Granger, wer die Frau war, war ihm relativ egal, in Phantasie wie in Praxis. Ihm ging es eher um den Szenenaufbau und seine persönlichen Vorlieben.

Frauen waren ihm seit seinen Aktivitäten bei den Todessern zugeführt worden, schöne Frauen. Anfangs war es dabei sicher nicht um Freiwilligkeit gegangen. Seit jeher hatte er auf das andere Geschlecht auf den ersten Blick eine abschreckende Wirkung. Ja, zu Beginn waren es eher Belohnungen für Dienste gewesen. Eine Todessertochter für einen illegalen Trank, den Severus gebraut hatte, eine Schwester für eine glaubhafte Lüge, die er kreiert und im Geist eines Verbrechers mit Hilfe der Okklumentik manifestiert hatte.

Sex als Entlohnung. Eine Tatsache, die den damals noch jungen und vor allem noch jungfräulichen Mann überrascht hatte. Bald hatte er alles daran gesetzt, entlohnt zu werden. Je mehr Einfluss er gewonnen hatte, um so mehr tatsächlich Freiwillige hatte es allerdings auch gegeben. Sie vversprachen sich von einem Akt mit ihm gewisse Vorteile. Um ihn war es nicht gegangen, immer nur um das, was danach möglich wäre, was das Opfer erforderte, sich ihm hinzugeben. Er war ein stolzer Mann und so hatte ihn diese Art der Benutzung irgendwann, nach dem Verfliegen des Reizes gewurmt. Immer mehr hatte er sich bemüht, dem Schema zu entkommen.

Da er auf Sex im Allgemeinen nicht verzichten wollte, er aber gleichzeitig wollte, dass die Frauen ihr Empfinden größtmöglich betreuten, hatte es nur einen Weg gegeben. Sie mussten den Akt mit Severus im höchsten Maße genießen. Sie sollten im Nachhinein erkennen, dass sie sich unter der widerlichen Fledermaus, dem Ziel von vielfältigen Spott gewunden hatten. Wenn sie extatisch stöhnten, dann forderte er, ihre Laute in seinen Namen umzuartikulieren. Ja, er liebte es, wenn sein Name geschrien wurde.

Eine Interessante Wendung war in diesem Zusammenhang noch die Erkenntnis gewesen, dass die Höhepunkte der Frauen seinem ewigen Wunsch nach Dominanz auf apparte Art entgegen kam. Er herrschte über sie, ohne dass sie ihm entkommen oder sich gegen ihn auflehnen wollten.

Also, was hielt er von der Erinnerung, die er gerade gesehen hatte. In der Theorie kam sie der Realität erstaunlich nah.

Natürlich hätte er nie etwas mit einer Schülerin angefangen, aber eine Schwäche als Türöffner zu nutzen, war ganz seine Art. Wie auch die gezeigte Penetration. War es anfangs nur Mittel zum Zweck gewesen, inzwischen liebte er es, Frauen zu lecken und so zum Höhepunkt zu treiben. Und darüber hinaus. Eine überreizte Partnerin war willig.

"Es ist relativ offensichtlich eine Fälschung. Granger ist absolut nackt, während von mir nur die Kehrseite zu sehen ist und die auch noch falsch. Das ist nicht mein Hintern. Es lässt darauf schließen, dass - wer auch immer es war - weiß, wie sie nackt aussieht, gleiches gilt nicht für mich. Da für die Beschaffung der nackten Information ein einfacher Zauber genügt, können wir als Verdächtige all jene ausschließen, die in meine Nähe gelangen können."

Kingsley nickte es ab. So gleichgültig, dass klar war, dass ihm schon ähnliche Gedanken beschäftigt haben mussten. Severus neigte den Kopf.

"Bei der Vielzahl an Details ist die naheliegendste Lösung die, dass diese Szene so oder so ähnlich mit Granger stattgefunden hat-" Dieser Satz des Tränkemeisters beendete die Ruhe des Ministers. Er fiel Severus ins Wort.

"Ganz sicher nicht!"

Severus schnaubte darauf ehrlich amüsiert. "Ganz sicher? Soweit ich weiß, hast du Hogwarts auch einmal besucht und warst dabei nicht die Unschuld vom Lande. Die Regel, von der die Rede ist, gibt es tatsächlich. Und glaube mir, als Lehrer habe ich so einiges gesehen und gehört."

Doch Kingsley blieb bei seiner Meinung.

"Das mag sein. Aber nicht von Hermine, oder? Ja, grundsätzlich spielt das Kratzen an den Regeln des sexuell Erlaubten sicher damals wie heute eine große Rolle unter den gelangweilten Schülern. Aber dazu gehört sicher nicht sie. Und du als Lehrer hättest doch sicher Gerüchte gehört, oder? Slytherin hätte jede Gelegenheit genutzt, um Hermine Granger mit Dreck zu bewerfen."

Da musste Snape dem Mann allerdings zustimmen. Mit einem letzten Zögern nickte er es ab. Hermine Granger war nicht der Typ für derartige Regelbrüche. Sie war brav und folgsam. Kingsley musterte den schwarzhaarigen Mann dennoch kritisch. Mit einem Seufzen stieß er aus: "Es wäre gut, wenn du eine solche Verdächtigung nicht wieder aussprichst. Vor allem nicht ihr gegenüber. Gelegenheit hättest du genug. Du bist hiermit bei den Auroren zwamgsverpflichtet. Zu den Erinnerungen müssen Ermittlungen durchgeführt werden. Nur vier kennen sie. Weder Harry noch ich sollten mit Hausbesuchen für unnötige Aufmerksamkeit sorgen. Für die Recherche und Befragungen bleiben also nur noch zwei mögliche Mitwisser. Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Arbeitsplatz."