Hermine war nervös. Nein, extrem überfordert traf es eher. Snape hatte gesehen, wie sich die Hexe in totaler Lust gewunden hatte. Unter ihm. Es war nur eine Phantasie gewesen, aber dass sie ihm nun ungern in die Augen sehen wollte, lag wohl auf der Hand. Dabei würde es aber nicht bleiben...

Kingsleys Idee war einfach irrsinnig! Wie konnte er nur erwarten, dass eine professionelle Zusammenarbeit in irgendeiner Art möglich sein sollte. Wie konnte er eine solche nur erwarten und anweisen? Und wie sollte sie praktisch ablaufen?

'Guten Tag, Mister Snape und ich spielen die Hauptrolle in einer falschen Erotikerinnerung. Haben Sie sie kreiert?'

Als die ganze Geschichte vor zwei Tagen ins Rollen gekommen war, hatte Kingsley die Hexe noch suspendieren wollen, wegen persönlicher Verwicklung in diese schräge Geschichte. Und jetzt? War sie nicht mehr persönlich betroffen? Na klar, es war erwiesen, dass es sich um eine Fälschung handelte. Aber persönliche Interesse mit der Arbeit zu verknüpfen, war doch nie gut, das hatte der Minister immer wieder gesagt! Und nun diese Wendung. Snape und sie als ein Ermittlerteam. Nein, diese Wendung war nicht abzusehen gewesen und hatte Hermine eiskalt erwischt. Gestern hatte Kingsley ihr die Neuigkeit mitgeteilt, in jedem Moment würde er mit Snape hier eintreffen... Oh Merlin, es konnte nur desaströs werden!

Nein, es ging wohl auch anders. Snape betrat das Büro mit einem Selbstverständnis, als habe es seine 14 monatige Haft, die Verleumdungen und die Sexszene im Tränkeklassenraum nicht gegeben. Erhaben schien er auf die Gesamtsituation hinabzublicken. So erhaben, dass er sogar an Spott und Schmähung sparte. Er fing einfach an zu arbeiten, ganz so, als wäre er schon immer in dem kleinen Raum, in dem nur mit viel gutem Willen zwei Schreibtische Platz fanden, heimisch gewesen.

"Der Zusammenhang zwischen dem angeblichen Brief von Miss Granger und der falschen Erinnerung ist offensichtlich. Am Briefpapier waren keine Spuren zu finden, am Reagenzglas auch nicht. Trotz allem ist die Spurenlage nicht schlecht. Eine gefälschte Erinnerung zu erzeugen, die einen gewissen Realismus ausstrahlt, erfordert einiges an mentalen Fähigkeiten. Eine Handschrift überzeugend zu fälschen, absolut sicher sogar, ein gewisses Maß an Feingefühl. Mein Gefühl sagt mir, dass beide Komponenten aus einer Hand stammen."

Es waren ruhig und sachlich gesprochene Worte, dennoch trieben sie Hermine die Schämesröte auf die Wangen. Sie selbst stand offensichtlich nicht über den Dingen. Sie war ja aber auch komplett nackt gewesen. Beide Männer übergingen ihre offensichtliche Überforderung. Kingsley sprach noch ein paar allgemeine Worte und verabschiedete sich dann. Während Snape an seinen Schreibtisch trat, sich setzte und den Bürostuhl auf seine Statur anpasste, stieß er aus: "Verschwenden wir keine Zeit. Der Minister lobt Sie in den höchsten Tönen, beweisen Sie mir, dass er Recht hat. Was ist Ihnen an der Szene aufgefallen?"

Hermine schluckte. Wie machte der Mann das? Am liebsten wollte sie schreien, dass er und sie darin eine Rolle gespielt hatten. Stattdessen kratzte sie den letzten Rest Würde zusammen, den sie finden konnte und stieß aus: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kingsley Sie über meine Beobachtungen informiert hat!" Sie wollte nicht mit ihm darüber sprechen.

Snape nahm einen tiefen Atemzug und verdrehte die Augen. "Das hat er. Umso überraschter bin ich, dass Sie sich nun so verschämt geben. Sie haben erstaunliche Details erfasst und trotz des nachvollziehbaren Schocks Belege für eine Fälschung geliefert. Finden Sie diese Haltung wieder. Wir sitzen in einem Boot. Bedenken Sie am besten, dass es im Zweifel nicht bei dem einen Versuch bleibt. Wer auch immer verantwortlich ist, wendet sich beim nächsten Mal vielleicht direkt an den Tagespropheten."

Sie schluckte erneut. Das war ein Argument, dass sie unmöglich übergehen konnte. Sie sah den Mann bewusst an, wie er sie mit erhobenen Augenbrauen musterte. Sie saßen in einem Boot. Und die Lage war wahrlich vertrackt. So nahm sie einen tiefen Atemzug und stieß aus, was ihr definitiv die größte Sorge bereitete. "Schwören Sie mir, dass Sie nichts gegen mich verwenden werden! Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, dass ich nicht zur Zielscheibe Ihres Spottes werde, egal was Sie erfahren werden!"

Snape neigte den Kopf. Deutlich war zu erkennen, dass er diese Zusage ungern geben wollte. So viel also zur Professionalität. Verdammt, der Spott würde noch kommen, sicher eher früher als später.

"Miss Granger, wie sollte ich ein solches Versprechen geben können? Sie sind schon immer eine sehr ergiebig Zielscheibe gewesen. Es wäre gelogen, wenn ich Ihnen Derartiges zusagen würde. Ich bin nur ein Mensch. Und das Ehrenwort bedeutet mir tatsächlich etwas."

Unverkennbar amüsierte er sich bereits jetzt über sie. Aber gut, er tat es zumindest nicht in Bezug auf die Szene selbst, sondern nur über ihr jetziges Gebaren. Ja, verflucht ihr war das alles furchtbar unangenehm. Und wenn er sich darüber lustig machen wollte, dann sollte er es eben tun. Aber mehr nicht!

"Dann reißen Sie eben Witze! Aber können Sie mir zumindest zusichern, dass Sie mich nicht gegenüber anderen diskreditieren werden?"

Er zögerte nur kurz. Seine folgenden Worte verrieten ihr deutlich, dass einen Freibrief von ihr erhalten hatte und diesen nutzen würde.

"Das kann ich Ihnen definitiv zusagen. Wenn Sie mir so großzügig Anspielungen und Spitzen unter vier Augen einräumen, verzichte ich bereitwillig auf Demütigungen gegenüber Dritten."

Siegreich sah er aus. Sie ahnte, dass er aus der derzeitigen Situation heraus ohnehin nicht gegenüber anderen gescherzt hätte. Es ging ja dabei auch um ihn. Aber würde das so bleiben? An dieser Geschichte hing so viel, es stand außer Frage, dass schmutzige Wäsche gewaschen werden würde. Es gab ganz einfach zu viel davon, als das es auszuschließen wäre.

Als sie die Abmachung abnickte, stieß er fordernd aus: "Und nun Schluss mit der Prüderie. Ihre weiße Weste lässt sich vielleicht nur retten, wenn Sie sie mal kurz außer Acht lassen. Was ist Ihnen an der Szene aufgefallen."

Seine abgeklärte und völlig schamfreie Art gaben ihr tatsächlich eine gewisse Sicherheit. Harry und Kingsley hatten sie bei ihren Fragen kaum ansehen können. Snape tat so, als behandelten sie etwas völlig Normales. Er tat so, als hätte es nichts mit ihm oder ihr zu tun. Ihre Stimme war wesentlich ruhiger, als sie antwortete.

"Die Szene schadet vielleicht Ihrem Ruf. Aber ein Verbrechen sollte Ihnen wohl nicht zur Last gelegt werden. Insgesamt habe ich das Gefühl, Sie kommen besser weg als ich."

Er schien einen Moment darüber nachzudenken, ehe er sagte: "Erklären Sie das näher. Ich bin der widerliche Lehrer, der seine Machtposition missbraucht und eine Schülerin zum Sex nötigt."

Ihr Blick glitt durch den Raum, als sie aussprach, was Ihre ehrliche Meinung zu der Szene war.

"So genötigt hat mein Abbild jetzt nicht wirklich gewirkt. Aus dem Blickwinkel der Moral unserer Gesellschaft ergibt sich doch Folgendes: Sie sind der Mann der die Gunst der Stunde nutzt. Ein Slytherin, der listig seine Chance ergreift. Würde man Ihnen tatsächlich Nötigung vorwerfen, oder ginge es nicht vielleicht gerade noch als taktische Argumentation durch? Mein Abbild stimmt bereitwillig zu, ohne wenn und aber. Es lässt sich nicht nur darauf ein, es genießt es ganz offensichtlich."

Als ihr Blick vorsichtig prüfend zu Snape glitt, wich er diesem aus. Die Coolness schien dahin. Soviel zum Thema Prüderie. Dabei war sie noch nicht einmal fertig.

"Wirklich auffällig finde ich aber das Verhalten der Snapeversion. Sie ergreift besagte Gunst der Stunde ja nicht einmal egoistisch. Viel mehr gibt sich der Mann echte Mühe. Scheinbar ist ihm tatsächlich wichtig, dass die Frau auf ihre Kosten kommt."

Darauf folgte einige Sekunden anhaltendes Schweigen. Hermine wappnete sich in dieser Zeit für die erwartete Häme. Stattdessen formulierte Snape schließlich völlig ruhig: "In Ordnung. Auf diese dezidierte Analyse folgt doch sicherlich eine Verdächtigung."

Natürlich würde die nun folgen! Sie hatte genug Zeit gehabt, alles zu durchdenken. Wichtig war es nun nur, einen Schritt nach dem anderen zu gehen.